Sturmfrei für immer - Mein Leben als Mitbewohner

Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen…
Sturmfrei für immer - Mein Leben als Mitbewohner

Sturmfrei für immer

Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen Dezembernacht bei minus 12 Grad Celsius in einem durchsichtigen Nachthemd aussperrte oder beim Schlafwandeln eine Packung Erdnüsse aß, auf die ich nun mal mit Atemnot und einem raschen Anschwellen meines gesamten Kopfes reagiere. In letzter Sekunde kam immer der Mensch aus dem Zimmer nebenan, um mir zu Hilfe zu eilen.

Aber auch abgesehen von der Überlebenshilfe bringt das Zusammenwohnen viele Vorteile. Es ist billig, macht Spaß und es ist immer jemand da, dessen Kühlschrankfach gefüllt ist. Wobei das ja fast schon wieder unter Lebensrettung fällt. Außerdem finde ich es spannend, unterschiedliche Menschen und deren Lebensweisen kennenzulernen.

Ich liebe meine aktuelle Mitbewohnerin abgöttisch. Wir haben den gleichen Modegeschmack, können ganze Abende damit zubringen über fette Mädchen in Röhrenjeans zu lästern und machen seit meinem Einzug vor einigen Monaten durchgehend die unterschiedlichsten Diäten, zwischen denen wir uns mit Schokolade und Kartoffelbrei vollstopfen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Wenn ich Abends nicht allein sein kann, macht sie eine Flasche Wein für uns auf, sie zwingt mich auszugehen, wenn ich Liebeskummer habe, und versichert mir am nächsten Morgen, dass der Typ, der mir eine falsche Telefonnummer gab, eine totale Hackfresse hatte. Eigentlich ist das alles ganz schön. Außer manchmal. Wenn ich sie töten möchte.

Weil sie nämlich genau die gleichen Klischeemacken hat, wie jeder andere Mitbewohner, mit dem ich bis jetzt das Vergnügen hatte. Alle haben sie eine Vorliebe für nächtliche Ruhestörung, eine Abneigung gegen das Spülen von Töpfen und Pfannen und obendrein leiden sie an chronischer Unfähigkeit, meine Lebensmittel von ihren eigenen zu unterscheiden.

Seitdem ich in WGs wohne, fühle ich mich bestens gerüstet für eine Zukunft als Mutter. Die wichtigsten Regeln für das Zusammenleben mit Mitbewohnern sind die gleichen, die auch für das Zusammenleben mit Kindern gelten. Erstens: Für Süßigkeiten, Alkohol und Drogen gibt es kein sicheres Versteck. Sie finden alles. Am besten schaffst du das Zeug gar nicht erst ins Haus. Zweitens: Sei um Gottes Willen ruhig beim Sex, wenn du nicht willst, dass sie irgendwann im Türrahmen stehen und schockiert zusehen. Drittens: Wenn sie am nächsten Morgen immer noch nicht da sind, besteht Grund zu Sorge. Immer.

Die auffälligste Gemeinsamkeit von Kindern und meiner Mitbewohnerin: Hinter dem süßen Kulleraugengesicht steckt ein unfassbares Zerstörungspotential. Ob sie nun gewaltsam den halbem Wasserhahn à la “Ich habe nur ganz normal zugedreht, ehrlich!” aus dem Waschbecken reißt, Telefonanschlüsse zerstört oder meinen ganzen Satz teurer Rotweingläser nach und nach beim Abspülen zerbricht.

Sie macht es nie absichtlich, aber dafür sehr konsequent. Aber das sind Dinge, über die man mit ein bisschen Übung hinwegsehen kann. Das regelmäßige „Wir haben übrigens deinen Wodka getrunken…“ ist dagegen nur schwer verzeihlich. Genauso wie die Tatsache, dass ich jeden zweiten Morgen kalt duschen muss, weil sie gerne mal drei Stunden lang das ganze warme Wasser verbraucht.

Wenn sie abends aus der Arbeit kommt, hat sie schlechte Laune. Wenn sie morgens aus dem Bett steigt auch. Und dazwischen sowieso. Ausserdem hat sie diese besondere Gabe, meinem Männerbesuch den Kopf zu verdrehen. Ich hasse es, wenn das passiert. Ständig muss ich die Pornofantasien meiner Freunde abkühlen, in denen wir mädchenhaft kichernd den ganzen Tag nackt durch die Wohnung tollen, und werde um das Privileg beneidet, sie morgens nach dem Duschen sehen zu dürfen.

In all diesen Momenten möchte ich mich an den Computer setzen und ein Wohnungsgesuch aufgeben. Nie wieder WG. Einfach mal Ruhe haben, nicht mehr das Stöhnen aus dem Nebenzimmer mit Hardcore-Musik übertönen müssen. In Hello-Kitty-Unterwäsche durch die Wohnung moshen, Slayer in einer angemessenen Lautstärke hören und nebenbei die Sexy Sport Clips im Nachtprogramm gucken. Endlich nackt und ungeschminkt auf dem Küchenboden sitzen und Nudelsuppe direkt aus dem Topf trinken, ohne dabei erwischt zu werden. Sturmfrei für immer. So stelle ich mir das wahre, das richtige Leben vor.

Naja, zumindest bis sie dann wirklich mal für ein paar Tage zu ihren Eltern fährt. Denn bereits nach 24 Stunden stelle ich fest, dass Misosuppe zum Frühstück allein irgendwie nur halb so gut schmeckt, dass es blöd ist, den sexy Nachbarn unten im Garten allein anzuschmachten und ich allein Angst im Dunkeln habe. Und in diesen Augenblicken wird mir bewusst, dass ich tatsächlich die Einzige bin, die das Privileg hat, zuzusehen, wie sie morgens, nach drei Stunden im Bad, nackt und nass aus der Dusche steigt. Fuck, so kann ich ihr einfach nicht böse sein.

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Illustration von Dmitry Nikulnikov und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Frauen, Jungs, Mädchen, Männer, Studium und Wohngemeinschaften
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