Stadthunger - Eine Geschichte in Berlin

Mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu atmen. Ein und aus. Für alle Zeit. Ewig. Bis du mich entdeckst, tief in meiner Seele sitzt und endlich spürst, wie toll…
Stadthunger - Eine Geschichte in Berlin

Stadthunger

Mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu atmen. Ein und aus. Für alle Zeit. Ewig. Bis du mich entdeckst, tief in meiner Seele sitzt und endlich spürst, wie toll ich doch für dich bin, keine anderen mehr in deinem Leben möchtest, die Geier nach Hause schickst. Meine Albträume werden stärker, schwächer, bunter. Von hustenden Bäumen, blonden Mädchen, graziösen Pferden.

Als ich meine Augen wieder öffne, liegt das Pulver achtlos verstreut neben dir. Deine Brüste leuchten blau im Mondlicht, so einen schönen Anblick hatte ich schon lange nicht mehr. Stundenlang beobachte ich die Höhen und Tiefen, das taktvolle Auf und Ab deines Seins.

Keine Spur mehr von der einseitigen Ohnmacht nach dem großen Beben, der Kopf wieder klar und durchtränkt von den trüben Gedanken der letzten Zeit. Wie sehr sich doch alles verändern konnte. Du, ich, wir beide. Neben deinen rotblonden Haaren liegt Hugo, lächelt, sabbert, schläft.

Ein unstillbarer Heißhunger durchdringt mein Innerstes, meine Gedanken kreisen um labbrige Cheeseburger, fettige Pizza, mit Eiern und Käse überbackene Bratnudeln. Ich kotze fast vor Appetit, stehe auf, ohne dich noch einmal auf die Stirn zu küssen, und laufe nackt durch die Wohnung.

Der Kühlschrank ist gefüllt mit Bier, Red Bull und Champagner. Von Essbarem weit und breit keine Spur zu sehen. Der Raum beginnt sich zu drehen, das helle Licht bohrt sich direkt in meinen Magen, meine Lunge, meine Beine. Ich sacke auf dem Boden zusammen, fange an zu weinen, verhungere elendig.

Als Sina mich am nächsten Morgen wie ein Embryo im Mutterleib zusammengekauert vor dem offenen Kühlschrank liegen sieht, fängt sie an mich am ganzen Körper zu küssen, hört nicht auf, bis ich meine Augen öffne, ihren Kopf zwischen beide Hände nehme und ihr tief in die ozeanblauen Augen sehe.

Darin leuchten unzählige Sterne, der Weltuntergang, der Sinn des Lebens ist zum Greifen nah. Meine Eltern stimmen ein fröhliches Lied an, Delfine springen umher. Und bevor ich das Geheimnis unseres gesamten Daseins endgültig lüften kann, klingelt es an der Tür.

Sina lächelt, erhebt sich und öffnet dem Postboten, ohne sich die Mühe zu machen, sich vorher zu bedecken. Der verzieht keine Miene, drückt ihr ein Päckchen in die Hand und verabschiedet sich wie gewohnt höflich und mit einer Scheißegal-Stimmung von uns beiden. Ich schäme mich. „Hast du Hunger?“, fragt sie mich dann. „Ich bestell‘ uns eine Pizza, wenn du möchtest.“

Es dauert fast eine Stunde, bis ich endlich etwas essen kann. Wir sitzen auf der Couch und gucken uns „O.C., California“ auf DVD an. Die Sonne strahlt durch die riesigen Fenster der Altbauwohnung. Am Horizont thront der Fernsehturm.

Als Ryan Marissa sterbend in den Armen hält, renne ich ins Bad und übergebe mich in die Wanne. Die erscheint mir in diesem Augenblick einfach passender für mein spontanes Vorhaben. Sina kommt mir nach und wir schlafen auf dem kalten Fliesenboden miteinander. Als ich fertig bin, fragt sie mich: „Versprichst du mir, dass es ewig so bleiben wird?“ Ich nicke stumm. Sie steigt von mir herunter.

Das Päckchen enthält eine neue Kamera, die ich mir im Internet bestellt hatte. Sie ist teuer, sie ist wunderschön, und das Erste, was ich damit fotografiere, ist Sina, wie sie das Bad putzt. Immer, wenn ich diese Bilder heute sehe, bekomme ich einen Herzkrampf, ein überwältigendes, markerschütterndes Gefühl, wieso ich nicht besser auf sie aufgepasst habe. Warum ich nicht eher da war, als es passierte.

Das erste Mal sah ich dich mitten auf dem Alex sitzen. Zusammen gekauert, ungewaschen, mit fettigen Haaren. Du hast dich hinter einem Pappschild versteckt, auf dem mit krakeliger Schrift eine Botschaft stand, die direkt in mein Herz floss. „Ich hab Heimweh. Bitte gebt mir Geld, damit ich mir eine Rückfahrkarte nach Hause leisten kann.“ Ich setzte mich einige Meter von dir entfernt auf eine Treppe und beobachtete dich.

Du hast geweint, die Leute gingen ungeachtet an dir vorbei, mieden dich, verachteten dich regelrecht, als Dreck der Gesellschaft. Der Frühling war noch nicht wirklich da und es wurde langsam dunkel. Ich konnte diesen traurigen Anblick nicht mehr ertragen, stand auf und ging langsam auf dich zu. „Komm mit, ich lade dich zum Essen ein.“ Erst wolltest du gar nicht hören, sträubtest dich gegen meine Hilfe, gegen mich, doch dann gabst du deine Festung auf. Du bist aufgestanden, hast dir mit den langen Fingern eine Strähne aus dem Gesicht gestrichen und liefst dann mit gebührendem Abstand neben mir her.

„Ich heiße Sina“, hast du gemurmelt, während du gleichzeitig einen großen Bissen vom Cheeseburger in dich hinein gestopft hast. Das fand ich eklig. „Warum siehst du so aus?“ Während ich auf eine Antwort wartete und mich nun immer mehr fragte, wieso ich dich widerliches, kleines Ding überhaupt mit hierher genommen hatte, vollzogen meine Gedanken mit mir eine Reise in das Nachtleben Berlins. Ich hätte mich in diesem Augenblick meinen Gelüsten, Gefühlen und Gedanken hingeben, mir selbst eine Reise ins Nirwana schenken und es dann mit einem billigen Hipster in meiner riesigen Wohnung treiben können.

Meinem Gegenüber schien mein breites Grinsen nicht zu entgehen und so begann sie aus dem Nähkästchen zu plaudern, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. „Paula und ich sind von zu Hause fortgelaufen. Sie ist meine beste Freundin.“ Du hast dich fast verschluckt und nahmst erst mal einen großen Schluck aus deiner Cola. Mir wurde übel. Von deinem Auftreten, dem Geschmatze, diesem abstoßenden Geruch. „Ich war auf dem Klo im Hauptbahnhof. Und als ich wieder zurück kam, war sie weg. Mit meinem Rucksack, meinem Handy und meinem Geld. Die blöde Schlampe.“

Eine Träne floss dein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht hinunter. Da flackerte in mir drin ein Gefühl von Mitleid auf. Jetzt wusste ich wieder, wieso ich mit dir an diesem unsäglichen Ort gelandet war, und bestellte lächelnd gleich noch zwei Menüs. Wir redeten den ganzen Abend. Du erzähltest mir von deiner grässlichen Familie, deinem dummen Exfreund, der Schule, dem Gefühl, nicht zu wissen, wo du hingehörst. Und dass Berlin die letzte Hoffnung war, dein Leben endlich auf die Reihe zu bekommen. Das kannte ich nur zu gut.

Ich hingegen faselte dich mit meinem Beruf als Partyfotograf zu und dass ich mich schon immer wunderte, wie ich mit dieser vollkommen überflüssigen Tätigkeit so viel Geld zusammen bekommen konnte. Allerdings verriet ich dir nichts von den Drogen, den Exzessen und den Prostituierten, die bei mir ein- und ausgingen, aber ich offenbarte dir, dass mein Vater mich nicht ernst nahm, meine allererste Liebe mit meinen zwei besten Freunden Sex hatte und ich mal im Gefängnis war. Warum, blieb vorerst mein Geheimnis.

„Wenn du möchtest, kannst du heute Nacht bei mir bleiben und morgen kaufe ich dir eine Fahrkarte nach Hause.“ Du hast ziemlich verdutzt geguckt. „Wieso solltest du das tun? Wieso sollte ich das tun?“ „Keine Ahnung, ich hab Geld und du brauchst Geld. Ich bin katholisch erzogen worden. Von wegen Teilen und Nächstenliebe und der ganze Scheiß.“ „Meinetwegen, aber wehe du fasst mich an!“ Plötzlich warst du eine Katze, mit Reißzähnen und Krallen und diesem Blick voller Misstrauen, Angst und Selbstschutz.

Mir gefiel deine vor Verletztheit und innerer Größe strotzende Kraft. In deinen glitzernd blauen Augen schien ich mir selbst zu begegnen, bevor ich den Spaß an alledem hier verloren hatte. Die Stimmen vieler Geister überkamen mich, als wir uns im schwachen Licht der Straßenlaterne endlich küssten. Du warst bleich, unwissend und ahnungslos, dein Wesen so voller Schmerz und Stärke. Das war das Schönste an alledem.

Wir schliefen die ganze Nacht miteinander. Im Bett, auf dem Tisch, an der Wand. Und am nächsten Morgen wolltest du gar nicht mehr weg. Ich duldete dich bei mir, wie meine Hauskatze. Mein kleines Äffchen. Und ich führte dich Schritt für Schritt in meine Welt ein, die dir schon nach kurzer Zeit mehr Glücksgefühle zu verliehen schien, als sie es bei mir jemals geschafft hatte.

Im Grunde genommen ging es bei allem, was wir taten, nur um Sex. Nicht um Liebe, nicht ums Tanzen. Als sie sich bei der Eröffnung vom Chan Shin von diesem ekligen Junkie auf dem Klo vögeln ließ, während ich damit beschäftigt war, lustige Fotos vom mich anekelten Partyvolk zu schießen, machte mir das im Grunde nichts aus.

Trotzdem schlug ich Sina auf dem Parkplatz blutig, als sie es mir freudig erzählte. Bei jedem Hieb, bei jedem Schlag, bei jedem Tritt kam mir sein Gesicht in den Sinn, wie er sie wie ein Wilder bestieg, keine Ahnung von ihren Träumen, ihren Sehnsüchten hatte.

Dass sie gern drei Stück Zucker in ihren Kaffee fallen ließ. Dass sie wie ein kleines Schweinchen grunzte, wenn jemand im Fernsehen etwas Witziges sagte. Und dass sie rosa Unterwäsche trug, wenn sie ihre Tage hatte. Von alledem hatte der Wichser doch keine Ahnung, als er sie an die Wand drückte und seinen ekligen Schwanz immer und immer wieder in ihren makellosen Körper drückte. Und es war ihm auch scheißegal.

Als sie mich von dir weg zogen, lagst du keuchend und weinend auf dem dunklen Beton. Das Blut floss glänzend dein mit Sommersprossen dekoriertes Gesicht hinunter. Du standest auf und sahst mich an, wie eine Mutter ihren Sohn, der etwas Dummes, aber unglaublich Süßes angestellt hatte.

„Du liebst mich, nicht wahr?“, fragst du mich, als wir nachts zusammen im Bett liegen, gegenseitig an einem Joint ziehen und ich dir deine Wunden küsse. „Wie kommst du darauf?“, frage ich nur knapp. „Weil du eifersüchtig warst. Weil ich mit Cosby auf dem Klo gefickt hab.“ Du kicherst vergnügt. „Ich hasse dich“, sage ich, drehe mich mit dem Rücken zu dir und schlafe ein.

Wach werde ich am nächsten Morgen erst von deinen Klickgeräuschen am Laptop. Ich blinzle, sehe dich in deinem weißen Nachthemd auf dem Boden sitzen und knie mich hinter dich. Die Wut schäumt in mir hoch, du chattest mit Cosby, am frühen Morgen. Ich schnappe mir das MacBook und werfe es aus dem Fenster. Wie ein Frisbee. Du schaust mich verdutzt an, gibst mir einen Kuss auf die Wange und machst uns ein paar Rühreier mit Speck. „Kauf einen neuen, ich will Musik hören.“

Mein Name ist Sina. Enge Freunde beschreiben mich als kleinen Dickschädel, der sich so plötzlich wie ein aufbrausender Sturm mit voller Leidenschaft in Dinge und Menschen vergucken kann, diese aber ebenso schnell wieder gelangweilt fallen lässt. In meinem kurzen Leben gibt es nur wenige Szenarien, die mir eine markerschütternde Angst bereiten. Darunter auch eine meiner schlimmsten. Dass ich irgendwann wohlhabender als mein Vater werde.

Denn in meinem Kopf gilt es als erwiesen: Die ganze Kohle ist Schuld daran, dass der Idiot ständig mit einem Heer von blonden, magersüchtigen Sekretärinnen, die nicht älter sind als ich selbst, von Weltmetropole zu Weltmetropole jettet und seine liebe Familie dabei ständig den Kürzeren zieht. Dass er es mit mindestens der Hälfte dieser seelenlosen Barbiepuppen treibt, weiß meine Mutter aber nicht. Will sie vielleicht auch gar nicht.

Eine andere unkontrollierbare Furcht habe ich ganz klar auch vor kleinen Kindern. Ich weiß nicht, wie man mit denen umgeht, ich weiß nicht, was man mit denen anstellt, und schon gar nicht komme ich damit klar, wie es sein kann, dass mich so achtjährige Gnome mit dicken Hosen und noch dickeren Eiern entweder als Schlampe beschimpfen oder mir an der Bushaltestelle ständig am Arsch herum grabschen. Und wenn man ihnen dann eine scheuert, ja, dann heulen sie plötzlich rum und rufen nach ihrem Stier von Vater, der einen dann mit einer Mischung aus Abscheu und triefender Geilheit zur Sau macht. Danke für diesen schönen Morgen.

Aber am meisten, also wirklich am allermeisten, graust es mir vor der Vorstellung, dass mir irgendwann bei einem gewagten Sprung ins Schwimmbadbecken oder den Stollensee mein Bikini flöten geht. Das ist nämlich meiner besten Freundin Paula letzten Sommer passiert. Seitdem weiß die ganze Schule, dass sie die wohl größten Brüste und dunkelsten Nippel aller Zeiten hat. Und das finden nicht nur diese frühreifen Zicken aus der Fünften überlustig, nein auch Johnny, selbsternannter Vollmongo und prädestiniert als Preisträger für den BILD-Zeitungsleser des Jahres, reitet da nur zu gern drauf rum.

Obwohl er, jedenfalls in diesem Augenblick, wohl eher damit beschäftigt war, auf mir herumzureiten, eklig grunzende Laute von sich zu geben und beinahe bei dem gescheiterten Versuch, mich beim Rammeln parallel auch noch zu fingern, vom Bett zu fallen. Also ließ er es lieber gleich bleiben.

Was wirklich besser für uns beide war, weil er sowieso nur wie ein behämmerter Irrer auf meinem Bauch herum klatschte. Wenigstens musste ich ihm bei seiner sehr persönlichen Interpretation des Zweiten Weltkrieges nicht in die Augen schauen, so dass ich die Chance nutzte, um an diesem sonnigen Tag aus dem offenen Fenster einen Blick in den Park zu werfen und über die wichtigen Fragen des Lebens nachzudenken.

Ob Paula das Geschichtsreferat auch nicht vergaß, das sie von Herrn Dächler aufgebrummt bekommen hatte. Wie viele Frauen in diesem Augenblick ebenfalls auf allen Vieren vor ihrem Liebsten knieten und dabei hochkonzentriert die Wolken zählten. Und ob ich heute Abend endlich meinen Gutschein bei Douglas einlösen sollte.

Es gab da nämlich so ein neues Parfüm von Calvin Klein, das wie eine Mischung aus Vanille und Himbeere roch und sich wirklich unglaublich gut mit meinem phänomenalen Eigengeruch vertrug. Ich musste es haben. „Dreh dich um, du kleine Hure!“, rief es von hinten und ehe ich mich versah, lag ich auch schon auf dem Rücken und Johnnys Miniaturausgabe von einem Schwanz steuerte zielgerecht auf meine Nase zu.

Den Gedanken, nach Berlin zu gehen, um dort mein Leben von Grund auf umzukrempeln und endlich herauszufinden, was ich denn wirklich mit meinem Dasein anstellen wollte, kam mir einige Minuten nach diesem spritzigen Erlebnis in Johnnys versifftem Badezimmer.

Ich hatte mir gerade mein Gesicht mit warmem Wasser abgespült und griff nach dem Handtuch, als ich mir aus Versehen direkt in meine ozeanblauen Augen starrte, die fast schon abwertend zurück blickten. Langsam begutachtete ich mein Gesicht, während im Wohnzimmer die postromantischen Klänge von Rammstein ertönten. Der Geruch von Marihuana stieg mir in die Nase.

In diesem Moment wurde es mir klar: Ich war mehr als nur ein kleines, rothaariges Mädchen, dessen Gesicht lediglich als Spermafriedhof gut war. Ich hatte Charakter, ich war scheiße kreativ, ich war etwas Besonderes. Und tolle Titten hatte ich auch. Mit dieser Erkenntnis im Schlepptau lief ich ins Wohnzimmer, schnappte mir meine Klamotten, rannte mit einem lautstarken „Adios, du Wichser!“ an Johnny vorbei und stolperte erleichtert aus der Tür in den Innenhof.

Dem taubstummen, alten Ehepaar, das mir gegenüber auf einer blauen Bank an der Hauswand saß, schien mein Striptease im Grünen jedenfalls zu gefallen. Ich ließ mir Zeit beim Anziehen, zog eine Kippe aus der Hosentasche und machte mich auf den Weg zum Busbahnhof. Und wehe, da stand jetzt auch nur ein Gnom herum!

Wir aßen üppig auf ihrer Dachterrasse zu Abend. Sina und Eva hatten gekocht, Lasagne mit Salat, Pudding mit Stückchen drin. So wie ich es am liebsten hatte. Adam redete über das Geschäft. Den Club. Das Chan Shin. Wie schwer es heutzutage doch wäre, so einen Laden am Laufen zu halten. Es gäbe zu viel Konkurrenz in der Stadt. Dass die Kundschaft immer komischer, aber lustiger werden würde.

Er war hoch gewachsen, hatte an beiden Armen monumentale Tätowierungen, von Löwen und Adlern, Sternen und Rosen. Piercings zierten sein vom Wahnsinn zerfressenes Gesicht und seine dunkle Stimme untermalte alles, was er sagte, mit einem unausweichlichen Nachdruck.

Eva hingegen war klein, schmal und schlank. Zusammen mit ihren blonden, schulterlangen Haaren verwandelte sie sich in meiner Fantasie oft in die Gestalt einer hellen Fee. Ihre Stimme war sanft und besonnen. Von Eva würde ich mir gern mal eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen lassen.

Ich nickte unaufhaltsam, aber im Grunde genommen war mir alles, was Adam da groß und breit erklärte, scheiß egal. Ich war eine der schillerndsten Figuren im Business und es ging mir am Arsch vorbei. Sina wusste das. Sie sah mich mit einem verständnisvollen Blick an und nahm einen großen Happen von der Lasagne. Zu dieser Zeit fand ich es süß, wenn sie sich große Stücke Lebensmittel in den Mund steckte.

„Warum macht dich diese Welt so glücklich?“, frage ich sie, als wir nach Hause gehen. „Welche Welt meinst du?“ Sie umarmt mich locker und tanzt dann vergnügt auf dem Kopfsteinpflaster herum. „Die Partys, die Clubs, die überdrehten Menschen. Die Drogen und das alles.“ Sie bleibt ruhig stehen und dreht sich langsam zu mir um. „Weil du in ihr lebst.“

Ungläubig sehe ich sie an. „Aber ich hasse sie. Und das weißt du auch.“ „Und warum?“ „Weil nichts davon echt ist, alles überdreht und künstlich. Die Menschen verdrängen ihre Probleme und Sorgen, spülen sie mit Alkohol hinunter und pushen sich mit Drogen in irgendwelche Kopfwelten, bevor sie am nächsten Morgen umso härter auf dem Boden der Realität aufprallen.“

Mit einem Lächeln kommt sie auf mich zu, nimmt meine Hände und drückt mir einen ebenso zarten wie leidenschaftlichen Kuss auf den Mund. „Ich bin echt“, flüstert sie leise. „Und wir beide leben in dieser Welt.“ Ein greller Lichtstrahl durchbrach meine trüben, vom Dunkeln beherrschten Gedanken. Jaulend und vor Schmerz kreischend explodierten die Dämonen meiner Selbst in tausend Stücke und machten Platz für eine grüne, heilende Knospe, die durch die kalte, verdorrte Erde nach oben stieß.

Ein Grinsen breitet sich auf meinem gerade zuvor noch so nachdenklichen und aus tiefer Überzeugung und Abneigung mürrischen Gesicht aus. „Na siehst du“, sagt sie dann, rennt los und breitet ihre Arme aus. „Komm, lass uns fliegen!“, ruft sie und verschwindet hinter der nächsten Ecke. Warte auf mich!

Sina war wie ein kleines Kind, ein Wirbelwind. Sie erinnerte mich an meine eigenen Vorsätze und Überzeugungen, die ich durch das Leben hier verloren hatte. Ihr Gemüt war stets fröhlich, sorgenfrei und voller positiver Überraschungen. Sie war Ernie, ich war Bert. „Sei doch nicht so Bert!“

Ich genoss jede Minute, die ich mit ihr zusammen war. Jedenfalls hatte ich dieses Gefühl im Nachhinein, in Wahrheit nervte sie mich oft mit ihrer allzu argen, naiven Sicht dem Dasein gegenüber. Vielleicht war ich auch einfach nur neidisch.

Oft sah ich mir ihren hellen Körper an, fotografierte ihn, liebkoste ihn. Ich kannte jede Sommersprosse auf ihr, jede Narbe, jedes kleine Härchen. Ich wusste, wie ich ihr über den Bauch streichen musste, damit sie anfing wie eine Huhn zu kichern, an welchen Stellen sie nicht angefasst werden wollte und wie ich sie zur innerlichen Verzweiflung bis hin zum Orgasmus bringen konnte.

Sina war ein offenes Buch für mich, aber trotzdem schienen so viele Seiten noch ungelesen. Vielleicht unbeschrieben. Und vor denen hatte ich Angst. Eine Zukunft, die auf mich wartete, aber von der ich nichts wissen wollte. Weil sie alles verändern, unsere Welt zerstören, unser Dasein vernichten würde.

Er sackte vor mir auf den Boden, jaulend, keuchend. „Voll in die Eier!“, rief Paula mir jubelnd zu und strahlte übers ganze Gesicht. Es war dunkel, es war kalt, aber durch diese gute Tat glühte ich innerlich förmlich. So befreit fühlte ich mich. Was für ein Sieg, was für ein Triumph. Johnny zog eine schmerzende Fratze, seine intelligenzlosen Freunde sahen mich wie paralysierte Kaninchen an. „Kommt ruhig her, ihr Spackos, ich bin heute richtig gut drauf!“ schrie ich sie an und guckte so grimmig, wie ich nur konnte. Ich hatte nichts mehr zu verlieren und das sollten sie ruhig spüren. Johnny heulte.

„Sina, mach mal hinne, der scheiß Zug fährt gleich ab!“ Ich schnappte mir meinen Rucksack und fing an zu laufen. Ich rannte meinem alten Leben davon, meinem Freund, meiner Familie, nur weg hier. Johnny rief mir nach: „Du Schlampe! Wenn ich dich erwische, mach ich dich kalt! Foootzeee!“ Bei diesem Wort sprangen wir in den Zug. Lautstark schlossen sich die Türen hinter uns und kurz darauf waren wir auf dem Weg in ein neues, besseres Leben. Ich war so erleichtert, dass ich mich hin kniete und erst einmal anfing zu weinen.

Paula war meine beste Freundin. Sie hatte große Brüste und ein noch größeres Herz. Ich liebte sie, ich vergötterte sie, ich hätte mein Leben für sie gegeben. Als ich meine Augen öffnete, lagen wir uns fest in den Armen. Draußen schossen Bäume, Berge und Häuser an uns vorbei. Ich kuschelte mich in ihren lilafarbenen Pulli, der so gut nach Rosen duftete, und atmete tief ein. „Wie lange noch?“ murmelte ich in ihren üppigen Vorbau. „Ein paar Stunden.“ war die knappe Antwort von oben. „Ach, menno…“

Als wir am Berliner Hauptbahnhof angekommen waren, stapften wir erst einmal freudig und erschöpft zugleich zum nächsten Burger King, bestellten uns das fetteste Menü plus Speck und großer Pommes und freuten uns über unsere neugewonnene Freiheit. Ich war glücklich, wirklich glücklich.

„Wenn du willst, kannst du kurz aufs Klo gehen, ich warte hier auf dich.“ Paula hatte ihr strahlendstes Lächeln aufgesetzt. Ich nickte freudig, trank noch mal kurz von meiner Cola und rannte los. Als ich wieder zurück kam, war sie weg. Erst hielt ich es für einen Scherz, hörte nicht auf zu lächeln und tat ganz unberührt, um ihr keinen Sieg zu gönnen, sobald sie aus der nächsten Ecke hervor hüpfte. Doch sie war hinter keiner Ecke. Sie war nirgends.

Langsam kroch die Panik in mir hoch, ich lief den Bahnhof entlang, jeden Bahnsteig, jedes Geschäft, jeden Winkel. Sie hatte mein Handy. Mit meinem letzten Kleingeld rief ich zu Hause an, erklärte heulend meine Situation. Aber meine Mutter lachte nur grausam, meinte dass ich selbst schuld sei, dass ich selbst sehen solle, wie ich da wieder raus kommen könnte, und irgendwas von eingebrockter Suppe. Alles drehte sich. Ich fand mich auf allen Vieren wieder und rief nur noch Paulas Namen. Doch sie hörte mich nicht.

Sina feierte ihren 18. Geburtstag in der Bar 25. Wir tanzten eng umschlungen zu den dumpfen Bässen, waren zugedröhnt. Auf dem Klo wollten sich zwei Mädchen unbedingt von mir fotografieren lassen und zogen sich gegenseitig aus. Ich hatte Kopfweh und musste dem andauernden Drang, mich einfach lautstark zu übergeben, widerstehen. Die Größere blies mir einen, während ich die weißen, glänzenden Kacheln an der Wand zählte. Als sie fertig war, ging ich zurück zu meinem Geburtstagskind, um den unterbrochenen Tanz fortzusetzen. „Können wir nach Hause gehen?“, fragte es leise. „Ich bin müde.“

In dieser Nacht hörten Sinas Tränen nicht auf zu fließen. „Wieso tu ich mir die ganze Scheiße überhaupt an?“, rief sie hysterisch durch den Raum und warf mir einen Korb voller Äpfel an den Kopf. „Ich liebe dich, du Arsch, aber du bist ein Feigling, ein Schnorrer, ein Heuchler. Du hasst diese Welt, aber nutzt sie aus. Du hasst diese Menschen, aber vögelst mit ihnen. Du hasst diese Drogen, aber ziehst dir ständig eine Line nach der anderen rein.“

Sie warf das Päckchen gegen die Wand. Wie Schnee segelten die kleinen weißen Punkte langsam zu Boden. Ich saß auf dem Bett und sah bei ihrem Kreuzzug tatenlos zu. „Diese Welt bedeutet dir nichts, ich bedeute dir nichts, die Liebe bedeutet dir nichts. Wie kann ich mich nur jemandem offen hingeben, dem die Liebe nichts bedeutet? Erklär‘ mir das mal!“ „Auf diese Fangfrage gehe ich nicht ein.“ Sie wurde noch wütender.

Sie stapfte in die Küche, kam mit einem großen Messer zurück und fing an auf die Kissen und das Bett einzustechen. Ich lehnte mich an die Wand, rauchte eine Zigarette und sah dem Treiben gelassen zu. Die Federn flogen im Zimmer herum. Sina sah aus wie ein nackter, explodierender Engel. „Ich muss hier raus!“, schrie sie dann plötzlich und ließ das Mordwerkzeug fallen. Sie zog sich an, begann ihren Hello-Kitty-Rucksack mit einigen Klamotten zu füllen und rannte aus der Wohnung, bevor ich überhaupt im Entferntesten mitbekommen hatte, was da vor sich ging.

Als ich endlich aus meiner Starre erwachte und in den Flur rannte, schleuderte sie auch schon die Tür ins Schloss. Ich lief zum Balkon und schaute die dunkle Straße hinab. Als ich ihren rotblonden Schopf entdeckte, schrie ich hinab: „Sina, wo willst du hin?“ Keine Antwort, keine Erklärung, sie verschwand im nächsten U-Bahnhof. Ich nahm mir einen O-Saft aus dem Kühlschrank, trank davon und schleuderte die Packung dann voller Wut gegen die Wand. Ein großer, gelber Fleck ziert bis heute die weiße Fläche. Auf dem Bett lag ihr Handy. Ich schnappte mir einen ihrer Slips, kuschelte mich damit in die zerfetzten Kissen und verdrängte die dunkle Zeit.

In jener Nacht hatte ich einen beängstigenden Traum, dessen abruptes Ende mir noch Stunden nach dem schweißgebadeten Aufwachen ganz tief im Mark saß. Ich torkelte in die Küche, schüttete Milch und Cornflakes in eine Schüssel und sah weiterhin ihr leichenweißes Gesicht, das ich ganz fest an mich drückte und dabei die halbe Stadt zusammen schrie, direkt vor mir.

Dieser eigenwillige Geruch lag weiterhin in meiner Nase und ich schaute an mir herab, damit sich das Blut, das ich gerade noch aus den Augenwinkeln erkennen konnte und welches meinen halben Körper zu bedecken schien, als ein zynisches Spiel aus Licht und Schatten offenbarte. Als ich den Löffel hinein tauchte und eine Ladung Cornflakes zu meinem Mund führte, erkannte ich die Gesichter der Nacht wieder, die mit mir vor dem Club ihren Namen schrieen, ganz laut. Immer und immer wieder. In der einen Hand hielt ich mein Handy, in der anderen die Tequila-Flasche.

Die Menschen um mich herum erzählten einander, sie solle total betrunken mit einem mehr als zwielichtigem Typen aus dem Chan Shin verschwunden sein, nicht mehr Herr über ihren Kopf. Ich schrie um mein Leben. Ihren Namen. Umso lauter ich schreien würde, umso mehr würde sich alles zum Guten wenden – da war ich mir sicher.

Jetzt das Fenster zu öffnen, war eine gute Idee, fand ich. Die kalte, frische Luft umspülte meine pochenden wunden Gedanken und ich versuchte die Erinnerungen zu verscheuchen, wie mir der Weg zu ihr gezeigt wurde, ich rannte, ich heulte.

Und als ich um die Ecke bog und sie dort in einem versifften Hinterhof so wehrlos liegen sah, war alles vorbei. Alle Gefühle dieser Welt konzentrierten sich in diesen unwirklichen Moment hinein, wie ein Schuss, ein Knall, ein Schlag. Ich rannte zu ihr, schrie Worte, die es gar nicht zu geben schien, aber so laut, dass ich hoffte, sie würden noch zu ihr durchdringen.

Die Gesichter um mich herum verschmolzen zu einer riesigen Pampe aus Mitleid, als ich sie so fest an mich drückte, bis alles um mich herum platzte. Ich verschluckte mich an Blut und Tränen und das Letzte, was sich in meine Gedanken brannte, war das Bild ihres unglücklichen, friedlosen Gesichtes, dessen glanzlose Augen mich als denjenigen zu ermahnen schienen, der nicht bei ihr war, als es geschah. Es klingelte.

Ich feierte meinen 18. Geburtstag in der Bar 25. Der Fotograf und ich tanzten eng umschlungen zu den dumpfen Bässen. Als ich meine Augen öffnete, wankte er zum Klo, zwei braungebrannte Schlampen folgten ihm. Meine Welt war voller Farben, Stimmen und Tragödien, also lief ich ihnen mit schnellen Schritten nach. Als ich die Tür einen Spalt aufschob, konnte ich sein gequältes Gesicht und die offene Hose sehen, an der die beiden Mädchen herum fummelten. Als er wieder zurück zu mir auf die Tanzfläche kam, sah ich ihn durchdringend an und fragte: „Können wir nach Hause gehen? Ich bin müde.“

Als wir dort ankamen, konnte ich nicht aufhören zu weinen. „Wieso tu ich mir die ganze Scheiße überhaupt an?“, schrie ich in seine Richtung und griff wahllos ein paar Gegenstände, die ich ihm an den Kopf warf. „Ich liebe dich, du Arsch, aber du bist ein Feigling, ein Schnorrer, ein Heuchler. Du hasst diese Welt, aber nutzt sie aus. Du hasst diese Menschen, aber vögelst mit ihnen. Du hasst diese Drogen, aber ziehst dir ständig eine Line nach der anderen rein.“

Ich merkte zu spät, dass ich gerade unser neues Päckchen in der Hand hielt und es im nächsten Augenblick gegen die Wand donnerte. Plötzlich war der ganze Raum voller weißer Punkte. Der Fotograf saß auf dem Bett und starrte mich stillschweigend an. „Diese Welt bedeutet dir nichts, ich bedeute dir nichts, die Liebe bedeutet dir nichts. Wie kann ich mich nur jemandem offen hingeben, dem die Liebe nichts bedeutet? Erklär‘ mir das mal!“ „Auf diese Fangfrage gehe ich nicht ein.“ In mir kochte die Wut.

Ich rannte in die Küche und schnappte mir das größte Messer, das ich auf die Schnelle finden konnte. Als ich zurück im Schlafzimmer war, begann ich laut schreiend auf die Kissen und das Bett einzustechen. Mein Gegenüber lehnte mit einer Zigarette an der Wand und lächelte ab und zu, während er an ihr zog. Federn flogen im Zimmer herum und bedeckten mich in einer Explosion aus heller Farbe. „Ich muss hier raus!“, rief ich dann und ließ das Messer fallen. Ich packte einige Klamotten in meinen Rucksack, sah den Fotografen ein letztes Mal an und floh dann aus der Wohnung.

Wütend, schreiend, heulend stolperte ich das Treppenhaus hinunter und schoss durch die Eingangstür. Draußen angekommen rannte ich zielgerecht zum nächsten U-Bahnhof, während von oben eine Stimme meinen Namen rief. Ich schaute nicht zurück, wollte nichts mehr von dem Arschloch wissen und fand mich unter der Erde wieder. Die Ruhe hier unten befreite meinen Geist, ich konnte ein kleines Herz pochen hören.

Wenn wir Streit hatten, wollte der Fotograf diesen immer auf meinem Körper zu Ende führen. Ich schloss meine Augen, hinter meinen Lidern schien sich eine bunte Welt des Chaos aufzutun. Die glasklaren Tränen liefen ununterbrochen. Wie war ich nur an diesen Ort gelangt? Die Liebe, das Leid, sie trugen für mich dunkle Roben aus Samt, beerdigten meinen geschundenen Körper in den zerbrochenen Träumen meiner Selbst. Er war mit den süßen Worten einer klaren Nacht und den Organen eines Rebellen in meine Seele eingedrungen und missbrauchte nun aus Spaß, Unvernunft und Angst alles, woran ich jemals geglaubt hatte.

Nichts traf meine Jugend so hart, wie die Erkenntnis darüber, dass ich sein Leid, in einer Welt zu leben, dessen Existenz und Tragik er herauf beschworen hatte, nicht lindern konnte. Weder durch meine Liebe, noch durch meine Brüste. Kleine, graue Ängste fraßen mich innerlich auf und ließen meine fröhlichen Momente trüb und einsam erscheinen.

Ich redete mir mein ganzes Leben lang permanent Mut zu. Dass ich etwas Besonderes sei. Dass mich das gerechte Gleichgewicht eines Tages einholen wird. Und dass das Leben für das kleine Mädchen mit den funkelnden Augen im Spiegelbild ein faszinierendes Ende parat hielt. Meine Tränen schmeckten bitter, aber ich lächelte zuversichtlich. Und als ich den Windhauch des Zuges auf meiner Haut spüren konnte, öffnete ich meine Augen und ließ mich auf die Gleise fallen.

„Bist du mit deinem Leben zufrieden?“, fragte mich das kleine, blonde Mädchen offen, als wir Hand in Hand durch die verlassenen Straßen des längst vergessenen Berlins schlenderten. Kein Windhauch zu spüren, kein Geräusch zu hören, keine Menschenseele zu sehen. Der einstige Krieg ließ das Treiben verstummen und die Häuser in einem Feuerodem zerbersten.

Ich blickte nur nach oben. Weder im Stande eine Antwort zu geben noch eine Frage zu stellen. Die weißen Wolken auf blauem Grund schwebten triumphierend über den Ruinen der einst so prachtvollen Stadt entlang. Wie lebendig diese Gassen doch einst waren und wie keiner die Tage der ewigen Nacht überlebte. Auch mein geschundener Körper lag irgendwo unter diesen Trümmern begraben. Für ewig.

Meine Begleitung und ich bogen in einen nahegelegenen Park ein und spazierten den mit toten Bäumen gepflasterten Weg entlang. Ihr helles Kleid glänzte in der Mittagssonne und das ehrliche Lächeln auf ihrem Gesicht ließ mich für einen Moment den ewigen Schmerz vergessen, den ich seit geraumer Zeit tief in meinem Herzen trug. Wir kicherten, wir tollten herum, doch plötzlich blieb sie stehen und zeigte mit weit ausgestrecktem Arm nach vorn.

Mein Blick wurde starr, als ich das rotblonde, nackte Mädchen am anderen Ende des Weges stehen sah. Ich rannte ihr entgegen, doch als ich ihren leeren Blick, das bleiche Gesicht und die blutigen Wunden am ganzen Körper erblickte, wurde ich langsamer und blieb vor ihr stehen. Der Himmel färbte sich schwarz, die Wolken verwandelten sich in glühende Funken, die auf die tote Erde niederprasselten, und der Grund tat sich weit vor unseren Füßen auf.

Als ich wieder zu mir komme, hält Paula mich fest im Arm und drückt mir ein Glas kaltes Wasser vors Gesicht. „Wieder einer deiner Albträume?“, fragt sie mich sanft. Ihre großen Brüste wippen bei jeder Bewegung und die pure Anwesenheit ihres Charakters, die Küsse, der Geruch von billigem Parfum und ungepflegter Intimhygiene stärkten meine Aversion ihr gegenüber mit jedem unserer beider Atemzüge. Paula mag orangene Krawatten.

Allein, dass sie Sina als meine Nachtbegleitung ersetzt hatte, lässt mich keinen Augenblick daran zweifeln, dass etwas unglaublich Falsches im Universum vor sich geht, und es an mir liegt, das Gleichgewicht unserer Zivilisation wieder herzustellen. „Ich muss sie finden“, erwidere ich nur knapp und nehme einen großen Schluck von dem erfrischenden Nass. „Vor mehr als drei Monaten ist sie wutentbrannt und vor Hass heulend fort gerannt und seitdem verfolgen mich diese Visionen. Sie machen mich krank.“

Das Zimmer ist in dunkelblauen Schwarztönen getränkt und neben dem Bett wurden einige leere Spritzen achtlos auf den Boden geworfen. Mein Körper ist mit klebrigem Schweiß bedeckt und während ich mich vom Balkon übergebe, male ich mir die zu tausenden auftauchenden Fantasien aus. Wie sie stirbt. Wie sie leidet. Wie ich nichts dagegen tun kann. Ein Sturm zieht auf.

„Sie ist deine beste Freundin, du scheiß Schlampe!“, schreie ich Paula plötzlich an und verfluchte den Tag, an dem ich ihr Tor und Tür geöffnet habe. Die nächtelangen Gespräche, das Geheule, die immer wieder kehrenden Entschuldigungen und der bereuende Sex. Wo kommt sie überhaupt her? Und seit wann ist sie da? Ich vermische Realität mit Wahnsinn, kann nicht mehr klar unterscheiden, was wirklich gerade passiert und welcher Teil meiner Lebensgeschichte sich nur in meinem Kopf abspielt. Die Drogen, die Musik, die Frauen. Und dabei will ich doch nur eins. Sina zurück haben. Das ist es, was momentan zählt.

Es war einer dieser unglaublich heißen Sommertage, deren heller Schein sich in unsere Haut und Seele einbrannten und die Nacht wie von Magie durchtränkt von uns fern hielt. Eva schaute verträumt dem südländischen Kellner hinterher, während ich versuchte, die Eiswürfel in meinem Cocktail mit dem Strohhalm zu zerdrücken. Eine Horde von Touristen schob sich grölend und lachend die Straße entlang. Ich sah ihnen hinterher und war ein wenig neidisch.

„Wie geht’s Adam?“, fragte ich krächzend in Richtung meines Gegenübers. Mehr um der peinlichen Stille ein Ende zu bereiten als dass es mich wirklich interessierte. Solange hatten wir uns jetzt schon nicht mehr gesehen und trotzdem war mir ihr Leben und das ihres Lebensabschnittsgefährten relativ egal. „Gut“, war dann auch die knappe, nichts sagende Antwort, die sie zu einer Gegenfrage verleitete: „Und wie geht es Sina?“ Ein Gedankenstoß donnerte durch meinen Körper. Aus Versehen warf ich den Cocktail zu Boden. Wie er so auf dem harten Beton zerbrach – die Mischung aus Glas, Früchten und Flüssigkeit. Das gefiel mir. Ich lächelte ein bisschen dämlich.

Zwei Jahre sind ins Land gezogen, seit Sina Hals über Kopf und unter Tränen aus meiner Wohnung und meinem Leben geflohen ist. Und wir hatten seitdem kein Wort mehr miteinander gewechselt. Wie ich so mitbekam, hatte sie sich prächtig mit ihrer neugewonnen Freiheit in dieser Stadt arrangiert, knüpfte wichtige Kontakte und war auf jeder guten Party der oberen Gesellschaft anzutreffen. Seit Neuestem moderierte sie ein paar Sendungen auf einem Musikkanal, modelte ab und an für das ein oder andere lokale Modelabel und ließ sich so manche Affäre mit Musikern, Managern und Fernsehsternchen nachsagen.

Ab und zu traf ich zu diversen Festlichkeiten auf ihr neues Ich und fotografierte sie sogar hin und wieder gemeinsam mit überzüchteten Promis und abgemagerten Models im Arm. Sie lächelte wie ein Profi in die Kamera, doch wenn das Blitzlichtgewitter vorbei war, drehte sie sich um und ging weiter. Meistens direkt zur Bar. Als würde sie mich nicht mehr kennen. Danach war der Abend in den meisten Fällen für mich gelaufen.

Ein überaus marternder Gott schien unsere beider Schicksale auf eine Waagschale gelegt zu haben, die sich momentan in einem für mich schmerzenden Ungleichgewicht befand. Denn während sich Sinas Leben im Zeitraffer zu Glück, Wohlstand und Anerkennung gewendet hatte, versank das meine in einem schwarzen Brei aus Selbstzweifeln, Unzufriedenheit und undankbarem Hass gegenüber alles und jedem. War meine Suche nach ihr vor langer Zeit zu meinem neuen Lebensinhalt geworden, verwandelten sich meine Hoffnungen, Träume und Sicherheiten nun in eine endlose Reise aus Rückschlägen, Enttäuschungen und mit Füßen getretenen Gefühlen. Ich war zu einem Schatten meiner Selbst geworden.

Ganz Berlin hatte ich nach einer würdigen Kopie von ihr abgegrast. Suchte ihre verspielten Sommersprossen, rotgoldenen Haare und leuchtend blauen Augen in jeder katholischen Schülerin, verkoksten Designerin und seelenlosen Prostituierten der Stadt und musste jedes Mal mit weniger Entsetzen und mehr Endgültigkeit feststellen, dass sie alle nur leere Hüllen waren, unwichtige Nebencharaktere, die nicht an das heranreichen würden, was Sina tief in mir drin ausgelöst hatte, und sie den falschen Erwartungen, mit denen ich sie überlud, niemals auch nur im Entferntesten gerecht werden konnten.

So lag ich nachts unter Einfluss von überteuerten Aufputschmitteln und Red Bull wach, holte mir an den Fotos in ihrem Facebook-Profil einen nach dem anderen runter und war eifersüchtig auf alles und jeden, der vor Schleim nur so strotzend eine Nachricht auf ihrer Seite hinterließ, Fan wurde und sich in ihr Leben verlinkte. Ich war zum Stalker verkommen, zu einem einsamen Niemand ohne wahre Freunde, der in dieser Welt aus Glitzer, Drogen und falscher Vernunft letztendlich ertrunken war. Wie Sina es mir prophezeit hatte.

Es muss ein paar Tage nach dem wortkargen Treffen mit Eva gewesen sein, als ich gebeten wurde, doch Fotos auf der Aftershowparty zu Schweighöfers neuem Kinofilm in einem Hotel zu machen, zu der ich bereits volltrunken und viel zu spät aufkreuzte. Hier gab es jede Menge Kerzen, siebzehn verschiedene Martinis und eine ständig zugedröhnte Chefin, die Deutsch mit New Yorker Akzent sprach und es damit ziemlich übertrieb. Mich kotzte ihr New Yorker Akzent an. Von den Bildern, die ich an diesem Abend schoss, war nur ein Bruchteil zu gebrauchen. Aber mir war das egal – wie sowieso alles. Ich war schließlich Künstler, und es gab keinen Grund mich nicht zu bewundern.

Als Problemmensch hatte man es in dieser Welt eben nicht leicht. Noch nie war ich mir den Grenzen des Daseins bewusst, trieb es immer weiter, immer weiter, noch weiter. Bis alles um mich herum Risse bekam und wie ein Glaswürfel in tausend Stücke zerfiel. Mein Leben war ein Experiment und alle Leute darin wurden zu Versuchsobjekten, an denen ich herum probieren konnte, bis ich sie mit zu viel Druck von ihren Fantasien erlöste oder sie mir zuvor kamen und das Weite suchten. Es ist Zeit für mich zu verschwinden.

Die starren Gesichter, das aufgesetzte Lachen und die traurigen Augen der geladenen Gäste widerten mich an und drängten mich regelrecht von ihnen weg. Ich ging auf den Balkon, um mir dort eine Zigarette anzuzünden und merkte erst nach einiger Zeit, dass neben mir ein Mädchen stand und gebannt dabei zusah, wie ich versuchte, Ringe in Richtung des Fernsehturms zu pusten, um ihn damit zum Einsturz zu zwingen. Als ich ihren Kopf sah, musste ich husten. Sina lächelte mich an.

Sina und ich starrten uns mehrere Ewigkeiten lang gebannt in die Augen. Mein Kopf schien in menschenunwürdigen Farben zu explodieren, der Atem setzte aus. Adrenalin pumpte sich impulsiv wie ein wild gewordener Stier durch meinen Körper – ein Schlaganfall war das einzig denkbare Fazit. Wo kam sie her, wieso war sie da und – um Gottes Willen – warum sprach sie mich an, nachdem sie mich die letzten zwei Jahre ignoriert, verachtet und in ein seelisches Minenfeld der Verzweiflung, Schlaflosigkeit und Selbstmordgedanken gelockt und dort zurück gelassen hatte? „Hallo“, keuchte ich mit verschleimter Stimme heraus, räusperte mich kurz und auffällig und wiederholte meine fast schon fragend wirkende Begrüßung.

Mein Gegenüber lächelte unbeeindruckt und beständig weiter, nahm einen Schluck aus dem Weinglas und warf dieses dann gekonnt und stilvoll über die Brüstung. „Lange nicht mehr gesehen“, lallte sie zu mir herüber. Sina war betrunken. Und eindeutig drauf. Meine Enttäuschung darüber, ein nüchternes und ehrliches Gespräch mit ihr zu führen, stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn sie wankte zu mir herüber, legte die Arme und mich und grinste dann mit geweiteten Pupillen durch mich hindurch. „Ist mit dir alles in Ordnung?“

Ihre Wohnung lag nicht weit von meiner entfernt. Hohe Wände, große Fenster, faszinierender Altbau. Jeder Raum war bedacht und modern eingerichtet worden. Die Wände mit hellen Pastellfarben bedeckt, die Möbel teils neu, teils alt, aber alles in sich passend. Überall roch es nach Vanille-Mango und die Lampen und Kerzen erfüllten Sinas Welt in einem romantisch bedeckten Licht. Am Kühlschrank hafteten Fotos von ihr und ihren neuen Freunden und Liebhabern. Sie lächelte auf allen von ihnen. Ich fühlte mich schlecht. Vor Augen die Szenen, in denen sie weinte, vor Schmerz jaulte und am Rande der Existenz balancierte. „Möchtest du ein Gläschen Wein?“, bot mir die schönste Stimme des mir bekannten Universums aus einem anderen Raum an. Ich nickte, fasste mir kurz an die Stirn und bejahte dann die Frage.

„Warum hast du mich damals so einfach gehen lassen?“ Wir lagen auf ihrem Bett, starrten an die Decke und waren mit verschüttetem Wein bedeckt. Ich versuchte gekonnt und eloquent darauf zu antworten, aber das Marihuana und der Alkohol blockierten meine Vernunft und ließen abenteuerliche Geschichten aus meinem Mund die Luft um uns herum verdrängen. Von Rittern und Blumen, Kleidern und Bären, Nutten und Dramatik. Sie lachte laut und lange, bei allem, was ich ihr in ihren rotblonden Kopf setzte. Ihr Haar duftete genau wie damals, nach Eiscreme, Red Bull und einer Mischung aus Fast Food und Blumenwiese. Dann setzte Sina sich auf, nahm meine Hände und sagte: „An dem einen Abend, der uns voneinander trennte, da habe ich versucht, mich umzubringen.“

Nach dieser Nacht trafen wir uns wieder öfter. Zum Kaffee, im Kino oder bei der ein oder anderen Party. Wie ein Puzzle offenbarten wir dem Anderen unser Leben der letzten Zeit, Stück für Stück. Über manches lächelte ich ehrlich, über das ein oder andere eher gequält, weil es meine Gedanken zerriss. Über ihren Versuch, sich aus dem Leben zu katapultieren, verlor sie kein weiteres Wort mehr, dafür umso mehr über Sex, Liebe und die harten und weichen Trennungen. Nach der Frage, wie es mir in diesen Belangen so erging, log ich ihr das Blaue vom Himmel, Paula ließ ich bewusst unerwähnt.

Doch Lügen hatten bei uns keine Wirkung. Das wussten wir beide. Seit dem Moment auf dem Balkon konnten wir im Anderen plötzlich wieder wie ein offenes Buch lesen. Als wäre die Zeit dazwischen niemals geschehen, als hätte ich erst vor einigen Minuten voller Tränen und Spucke heraus ihren Namen von oben herab geschrien, als sie leer und am Ende die Straße entlang lief und im nächsten U-Bahnhof verschwand. Die Albträume, der Wodka, die Medikamente. Alles verrottete vor meinen Augen zu dem letzten Überbleibsel der dunkelsten Zeit meines Lebens. Als sie es merkt, umarmt sie mich fester denn je und Tränen laufen meinen Hals hinunter. „Es war schrecklich“, kann Sina gerade noch in Worte fassen. Dann schlafen wir miteinander, und alles ist für eine Weile gut.

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Fotografie von Christian Lue
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Beziehungen, Drogen, Geschichten, Mädchen und Stadthunger
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