Rassismus im Kopf - Alle Schwarzen haben große Schwänze

Ach Gott, ich kann euch sagen! Ich weiß einfach, wie die Welt sich dreht. Ich bin ein so aufgeschlossener, respektvoller Mensch! Kein Wunder, ich wohne ja nun mittlerweile auch seit…
Rassismus im Kopf - Alle Schwarzen haben große Schwänze

Rassismus im Kopf

Ach Gott, ich kann euch sagen! Ich weiß einfach, wie die Welt sich dreht. Ich bin ein so aufgeschlossener, respektvoller Mensch! Kein Wunder, ich wohne ja nun mittlerweile auch seit fast fünf Jahren in Berlin. Hier ist heute schon trendy, was morgen erst in der Provinz ankommt. Hier ist man offen, man tauscht sich aus. Hier ist Multikulti.

Die ganzen AfD-Nasen, Pegida-Heinis und Dorf-Ossis sollten mal nach Berlin kommen, vielleicht verlieren sie dann mal die Angst vor dem, was sie eigentlich gar nicht kennen, weil es bei ihnen so gut wie nicht existiert. Berlin hat mich so geformt, Leute. Rassismus gibt’s bei mir nicht; der alten Heimat namens Mecklenburg-Vorpommern, in der man gut und gerne mal noch das N-Wort für eine schwarze Person verwendet, bin ich zum Glück rechtzeitig entflohen. Also alles cool!

Gerade bin ich beim Vietnamesen essen, wie häufiger im Monat. Ich bin dort sehr gern. Mir gefällt die vietnamesische Küche. Während ich mein Bun Bo, leichter Salat mit in Zitronengras mariniertem Rindfleisch, frischen Kräutern und eingelegtem Gemüse, angerichtet auf einem Bett aus Reisnudeln, esse, beobachte ich am Bestelltresen, wie eine ostasiatisch aussehende Frau auf die Bedienung, ich vermute jetzt einfach mal sie ist Vietnamesin, zugeht, weil sie etwas von ihr haben möchte.

„Toothpick!“, sagt sie. Ich verstehe es sofort, sie hätte gern einen Zahnstocher. Die Bedienung ist allerdings noch am Rätseln, fragt mit einem charmanten „Hm?“ noch mal nach. „Toothpick!“, sagt die ostasiatische Frau erneut und deutet nun mit ihrem Finger in Richtung Zähne. Man muss kein Tabu-Genie sein, da sie den gesuchten Gegenstand ja schon genannt hat, eher Vorschul-Tabu, um jetzt aber wirklich zu wissen, was gemeint ist. Ja, jetzt hat sie es!

Sie bewegt sich in Richtung Kühlschrank und nimmt eine Flasche Bier heraus. Die Gästin schüttelt mit leichter Verzweiflung den Kopf, will aber noch nicht aufgeben, startet daher einen letzten Versuch. Ausspruch und Geste bleiben gleich, nur alles irgendwie eine Spur energischer. Es zahlt sich aus, die Bedienung reicht ihr einen Zahnstocher. Ich feiere innerlich und bin so erleichtert ob des glücklichen Ausgangs, ich hätte fast meinen mir unbekannten, mürrischen Sitznachbarn umarmt.

Das hätte aber auch schneller gehen können, oder nicht? Warum haben die beiden aneinander vorbei geredet und nicht einfach Chinesisch miteinander gesproch… Oh, Shit. Hast du das gerade wirklich gedacht? Klar, logisch, beides irgendwie Ostasiaten, vielleicht, die müssen sicher Chinesisch sprechen. Idiot!

Die vorpommersche Provinz steckt also noch in mir. Wobei, Bullshit, an der Provinz liegt’s nicht, wohl eher an meinem arschweißen Weiß-sein. Ich bin zu weiß, um nicht rassistisch zu sein. Und es geht hier nicht um den „Holzhammer-Rassismus“, den jeder vernünftige Mensch erkennt. Kein AfD-Rassismus, kein Trump-Rassismus, kein „Öhm, aber…“-Rassismus. Es geht um diesen subtilen, alltäglichen Rassismus, der auch vor mir, der sich ja für ach so aufgeschlossen hält, nicht Halt macht.

Der Türke arbeitet natürlich im Dönerladen, der Chinese im Chinarestaurant, der Grieche ballert mich mit Ouzo zu, ein allein herumstehender, schwarzer Typ möchte mir möglicherweise Drogen verkaufen, und hat einen großen Pimmel, eine hübsche Hawaiianerin ist „exotisch“ und der dunkelhäutige Kerl da mit dem Vollbart, der gerade ins Kino kommt, hat möglicherweise eine Bombe unter seiner Jacke.

Das sind keine Dinge, die man laut herausschreit oder zähneknirschend vor sich hin denkt, sondern Gedanken, die einem meist nur für den Bruchteil einer Sekunde in den Kopf schießen, ehe, leicht verzögert, der gesunde Menschenverstand wie ein alter Diesel-Motor anspringt. Verdammt, und ich dachte meine Weste wäre weiß, so weiß wie meine Haut.

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Fotografie von Dorrell Tibbs
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen AfD, Berlin, Gedanken, Pegida, Rassismus und Vorurteile
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