Politische Pubertät - Europa ist mir scheißegal

Ständig finden total wichtige Wahlen irgendwo in Europa statt. In Frankreich. In Großbritannien. In Italien. Relevant sind sie für das Gesamtbild Europas, für das, was in Zukunft mit unserer Währung…
Politische Pubertät - Europa ist mir scheißegal

Politische Pubertät

Europa ist mir scheißegal

Ständig finden total wichtige Wahlen irgendwo in Europa statt. In Frankreich. In Großbritannien. In Italien. Relevant sind sie für das Gesamtbild Europas, für das, was in Zukunft mit unserer Währung passiert, aber auch mit unseren Leben. Nur: Wen interessiert das im Alltag wirklich? Was bockt mich Europa, wenn ich mich teilweise in meinem eigenen Kiez nicht zurecht finde?

Wen interessieren die Anekdoten über ehemals bestehende Grenzen, wenn es sie heute nicht mehr gibt? Was ist Europa, wenn nicht ein von erwachsenen Menschen erdachtes Konstrukt, das uns Schäfchen zusammen halten soll?

Europa ist mir scheißegal, denke ich mir meistens, mir ist aber auch Deutschland scheißegal. Ich lebe in einem System, das es mir erlaubt zu leben – mehr aber auch nicht. Der Grund, den meine Füße berühren, ist mein Grund und Boden. Wir wachsen aus unsichtbaren Molekülen und zerfallen wieder in diese, wenn wir sterben. Da, wo meine Sneaker auf Erde treffen, liegen ein paar Millionen Menschen, die auch einst hier tobten und spielten.

Aber Europa ist mehr geworden für mich. Langsam, stetig, ist Europa nicht nur mehr ein politisches Gewächs, das uns leitet, sondern auch ein Lebensgefühl geworden. Um das zu verstehen, muss man vielleicht auch die Vergangenheit verstehen, aber das hier ist kein Geschichtsexkurs, sondern eine Momentaufnahme. Irgendwo wird irgendwas gewählt, und im seltensten Fall interessiert uns das. Aber denkt darüber nach, für einen Augenblick, was das alles für jeden Einzelnen von uns bedeutet, Deutsch oder Französisch, Griechisch oder Englisch.

Mit EasyJet intensives Club Hopping betreiben, Döner in Rom essen, an einem kroatischen Strand englischen Future Bass hören. Es ist so einfach, sich das alles vorzustellen, weil es unmittelbar passiert. Die Kids, egal wo sie herkommen, sie sind wie wir. Sie gehen zur Schule, auch wenn sie für uns unverständliche Hieroglyphen lesen, und die Jungs stehen auf junge Brüste und die jungen Brüste stehen auf Shopping und wir alle werden von unseren Eltern an den Ohren langgezogen, wenn wir zu spät zum Abendessen kommen.

Und wenn in China ein Sack Reis umfällt, dann kann es schon mal passieren, dass in Europa die Währung zusammenbricht. Und wenn Angela Merkel entscheidet, dass so und so gespart werden muss, dann kann es sein, dass in Athen jemand nicht mehr zur Schule gehen kann.

Wir sind nicht nur menschlich miteinander verbunden, weil wir alle die gleich-ätzende Pubertät durchmachen und mit 21 noch Jungfrau sind. Unsere Schicksale sind unweigerlich verstrickt, weil die Welt aus kleinen elektronischen Impulsen besteht, die Nachrichten schneller transportieren können als sie benötigt werden. Weil wir das Spiegelbild unserer Generation bei Wikipedia einsehen können.

Weil wir uns nicht mehr die Frage stellen, ob ein Belgier oder ein Niederländer einen anderen Stellenwert auf der menschlichen Bewertungsskala einnimmt. Wer nicht viel älter als 20 Jahre ist, der kennt eigentlich nur ein hingenommenes, selbstverständliches Europa. Aber es ist eben nicht so selbstverständlich.

Denn wo wir einst Brüder und Schwestern im Geiste waren, sind wir es jetzt in der Politik, in der Wirtschaft, dank Erasmus sind wir dann Brüder und Schwestern im Inzestverhältnis, aber nie, niemals stellt man sich die Frage: Wer chillt denn da so hart in Europa? Was sind das für Menschen, die so viele Sprachen sprechen, die so viele verschiedene Städte bewohnen?

Ich sag euch, was das für Menschen sind. Es sind Menschen, die arbeiten und abkacken, weil sie nichts davon haben. Ein unsichtbares Finanzmonster hat ihnen das Geld geschluckt. Sie sitzen auf ihrer Akropolis und auf ihrem Kolosseum und auf ihrem Eiffelturm und heulen ein bisschen, aber dann stehen sie auf und machen weiter. Was würden wir tun?

Sie beschmieren ihre Städte mit Farbe und lassen sich von den Cops verprügeln, wenn sie erwischt werden, aber sie lehnen sich auf wenn ihnen ihre Regierung das Leben versaut. Sie gucken nach links und rechts, nach Deutschland auch, und wir gucken genauso. Was machen die eigentlich? Was machen wir hier so?

Erst wenn EM und WM alle zwei Jahre anrollen, erst dann stellen wir sie uns als zu vernichtende Feinde vor, aber das ist okay, so lange dieses Gefühl da bleibt. Danach sind wir alle Homies, im Geiste, im Blut aber auch. Wir sind Mischlinge, die europäische Generation, die sich in Barcelona so gut auskennt wie in Berlin, für die es keine fremde Kulturen mehr gibt, sondern lediglich sonderbare, länderspezifische Eigenschaften. Es ist alles zu einer, wunderschönen Kultur verschwommen, und wir müssen sie wahren und lieben und schätzen.

Und wir müssen den Kids von überall her die Hand reichen, so wie sie uns die Hand reichen. Wir sind Deutschland, wir sind Frankreich, wir sind Europa, wir sind alle irgendwie gestört und wir alle wollen nur, dass diese beschissene Phase vorbei ist, damit wir uns wieder auf Fußball und Auslandssemester freuen können. Und deshalb, vor allem deshalb, sind Wahlen wichtig.

Denn Politiker werden nicht als Politiker geboren. Wir sind die Politik. Egal, was ab sofort in Griechenland oder in Frankreich passiert: Wir sind genauso betroffen. Und das ist verdammt noch mal gut so, denn es geht nicht darum, wer das meiste Geld kassiert. Es geht darum, dass wir hier zukunftsweisend ein Europa, vielleicht irgendwann ein Eurasien und dann eine Welt haben können, dass sich friedlich besucht und nur dann nicht leiden kann, wenn es um Sport geht. Es ist nicht nur Solidarität für „die“, es ist Solidarität für uns alle.

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Die Fotografie stammt von Waldemar Brandt
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