Partyficks und Hausaufgaben - Mein Leben als junge Lehrerin

Vornehmlich jammern alle über das Referendariat. Noch mehr Prüfungen, noch mehr Druck. Nach sechs Jahren Studium, stellen sie sich die Frage: Ist das nötig? Die elitäre Gemeinschaft von Lehrern besteht…
Partyficks und Hausaufgaben - Mein Leben als junge Lehrerin

Partyficks und Hausaufgaben

Vornehmlich jammern alle über das Referendariat. Noch mehr Prüfungen, noch mehr Druck. Nach sechs Jahren Studium, stellen sie sich die Frage: Ist das nötig? Die elitäre Gemeinschaft von Lehrern besteht zu behaupteten 80 Prozent aus sozialen Losern. Eine Frage nach den Wochenendplänen bestätigt dies immer wieder. Ein Spaziergang am Strand mit dem Freund, der bald der Ehemann werden soll, zählt zu den Highlights der Antworten.

So unkreativ ist dann auch der Unterricht, wenigstens zwei Jahre, bevor sie alle verbeamtet sind und nie wieder Arbeitsdruck verspüren, sollten alle des hingegen überprüft werden, ob sie willig sind, neuen Generationen nicht die Kreativität durch starre Unterrichtspraktiken zu entreißen, sondern Gedanken lebendig zu machen. Das klingt so illusionistisch wie es ist, doch eine Referendariatsnote sagt ebenfalls nichts über eine gute Lehrerin aus, nur über ihren Unterricht. Ich bin 26 Jahre alt, meine Note ist „Sehr gut“ – und doch ließt sich mein Tagebucheintrag wie folgt.

Lehrerin sein, das heißt mit dem Fick vom Samstag im Gedächtnis Montagmorgen vor 14-jährige Schüler zu treten und ihnen den Mund zu verbieten, wenn sie sich gegenseitig mal wieder als Hurenkinder bezeichnen. Bei der Kleinen, die sich irgendwann während der Doppelstunde die Leggings mit einem explodierten Stift einsaut und vorne an das Waschbecken tritt, muss ich unweigerlich an die allseits bekannte Nicht-Unisex-Clubtoilette denken. Sie steht vor der ganzen Klasse und zieht den Rock noch ein Stückchen höher, anderenorts wird das Teil dann einfach auf dem Klo vergessen.

Die nächste Stunde läuft gut, Schuhdesign kommt an, aber in der Einzelbetreuung dann die nächste Erinnerung an meine eigentliche Einstellung: “#ACAB” prangt auf dem Exemplar von Lukas, höre mich sagen: „Gut, mach doch noch eine Kollektion mit T-Shirt und Hose draus!“ Auf dem Weg zurück nach vorne: Macht nix! – denke ich, hat ja, außer die Kinder, keiner gehört.

Ich rücke lieber meinen Schal zurecht, sodass auch niemand meinen Knutschfleck sieht. „If the kids are united…“ surrt es durch meinen Schädel. Ich versuche mir für später zu merken, dass ich nicht paranoid werden darf, wenn sich meine Wochenenden weiter so gestalten und denke an die Demo am heutigen Montagabend. Zu den restlichen Tagen der Woche habe ich keine Erinnerung.

Das nächste Wochenende in der Studentenstadt, alte Freunde, morgens um neun ist meine Stimme weg. Glücklich. Abends auf der Dildoparty, die Hälfte der Mädels kenn’ ich nicht, aber völlig entspannt, gehen alle aufs Klo und schmieren sich diese anregende Creme auf die Klitoris. Zwischendurch die Frage: „Und du, bist jetzt an der Schule!? Haste schon gute Geschichten zu erzählen?“

„Nö“, sag ich, „Schlafen wäre mal wieder nett.“ Als Reaktion kann es nur die beste Zusammenfassung für diesen Berufsabschnitt geben: „Ach, das Referendariat ist doch bei jedem scheiße!“ „Mhh, hab aber schon viel gelernt“, murmle ich noch, doch der Auflegevibrator bringt nicht nur meine Gesprächspartnerin in Versuchung, ich spüre die Schwingungen über das Sofakissen und denke gerade jetzt an meine noch nicht geplante Unterrichtsstunde zum Faust am Montag.

Montag läuft. Dienstag läuft. Nach zwei Tagen Schule der Besuch beim Seminar Medienkompetenz, verpflichtend für alle Referendare im Bundesland. Ganz gespannt lerne ich von Mitte fünfzigjährigen Dozenten mit Sprachfehlern Lernplattformen zu bedienen, deren Benutzeroberfläche einfacher als Solitär ist.

Wir formulieren Visionen von Schule auf einem Flipchart, meine Nachbarin flüstert halblaut: „Und was nützt uns das jetzt auf dem Plakat?“ Wir würden unsere Ideen lieber im virtuellen Lehrerzimmer hochladen oder dem netten Bildungsminister auf die Pinnwand posten. Was hängen bleibt, ist das Zitat von dem gut aussehenden, aber leider sehr spießig angezogenem Typen der vordersten Reihe: „Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.“ Gefangen im Medienseminar.

Keiner arbeitet mit, alle starren auf Tablets und planen ihren Unterricht für den nächsten Tag. Morgen wird es nicht einmal einen Beamer geben, denn diesen einen muss man vormerken und dafür war es heute leider schon zu spät. Mir fällt der Typ vom Wochenende vorher wieder ein, nicht der mit dem ich los bin, sondern der Interessante. Von der Feststellung „Ach, du auch Lehramtsstudent?“ bis zum längeren Auswertungsgespräch über die letzten Exzesse war es nicht weit. Nur zusammen nahmen wir nichts. Nun hätte ich gerne seine Nummer, vielleicht hat er was, nur damit ich die Nacht überstehe.

Doch das würde ich nie tun. Nur daran denken. Morgen ist auch endlich Freitag. Höre die Anderen in 24 Stunden schon die Feststellung treffen: „Is’ schon um eins, wollen wir nicht endlich was ziehen?“ Mein Blick auf die Uhr: halb zwei. Wecker stellen: halb fünf. Freitag, völlig kirre im Kopf, weil alles im Hirn bleibt, woran ich mich durch den Rausch nicht erinnern würde. Mein Mentor ist heute nicht zufrieden, anscheinend stelle ich zu viele W-Fragen.

Die nächste Party, der nächste Zweifel, der neuste Seelsorgeartikel über das Referendariat: Ich will als Lehrerin arbeiten, aber muss ich dafür Lehrerin sein? Es ist nicht so, dass mir irgendwer mein Verhalten vorhält, aber es könnte jederzeit passieren und ich habe keine Erklärung, nur meine Lehrprobe mit 1,3 bestanden.

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Illustration von Bermuda und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Kinder, Lehrer, Referendariat, Schule und Studium
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