#NotJustSad - Hallo, ich bin depressiv

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd,…
#NotJustSad - Hallo, ich bin depressiv

#NotJustSad

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glücklich darüber, dass man überhaupt etwas fühlt. So ist das, wenn man depressiv ist. Also zumindest ist das bei mir so.

Ich bin allerdings nicht nur depressiv, sondern auch das Mädchen aus dem Internet. Das depressive Mädchen aus dem Internet. Das, das mit seiner Depression und ein paar wütenden Tweets dazu einen Ruck durch Deutschland und das Thema Depressionen wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Das zumindest schreiben die Zeitungen über mich.

Das stimmt so allerdings nur bedingt. Ich habe ein Thema angeschnitten, das die Welt nicht erst seit dem Absturz der Germanwings-Maschine beschäftigt. Ich war nicht die Erste. Ich war nicht die Wütendste. Und ich war bei weitem nicht die Einzige.

Meine Depression war für mich nie ein Geheimnis. Aber eben auch kein Thema, das ich, wann immer es ging, in die Runde warf. Scrollt man durch meine Tweets der letzten Jahre findet man immer wieder solche, die sich um meine Antidepressiva, Arztbesuche oder Gespräche mit meiner Therapeutin drehen.

Ich führte sogar einen kleinen Blog, der sich am Rande mit dem Thema beschäftigte – aber ich tat das eben nicht so offensiv, wie an diesem einen Tag, wo ich zum ersten Mal in der Halböffentlichkeit des Netzes den Satz aussprach: “Hallo, ich bin depressiv.”

“Hallo, ich bin depressiv” ist ein Satz, mit dem ich mich nirgendwo vorstellen würde. Die Sätze, die ich im Normalfall sage, wenn ich mich jemandem vorstelle, sind eher so “Hallo, ich mag Katzen!” oder “Hallo, du hast da Dreck am Kinn.” Seit einem knappen halben Jahr muss ich allerdings auch niemandem mehr sagen, dass ich depressiv bin. Es weiß sowieso jeder.

Einerseits ist das ganz gut, denn ich bin in neuen Beziehungen nicht mehr dazu gezwungen, irgendwann die Bombe platzen zu lassen – und glaubt mir, depressiv zu sein ist wie permanent eine Bombe mit sich herumzutragen, die sich irgendwann entzündet und alles in dir und deinem Körper lahm legt. Andererseits kämpfe ich seitdem mit einem neuen Problem. Ich bin eben nicht mehr die, die Katzen mag oder andere Leute auf Dreck am Kinn hinweist, sondern die Depressive. Die Depressive mit dem Hashtag. Nicht einfach nur traurig, echt jetzt.

Wenn ich jemanden kennenlerne, sehen meine Gespräche in etwa so aus. „Hi, ich bin Jana.“ „Ach, du bist die mit dem Hashtag.“ „Nein, bin ich nicht. Ich bin die mit der Haiphobie und der schwarzen Katze.“ „Hä?“ Hallo, ich bin Jana und ich bin depressiv. Ich bin nicht einfach nur traurig. Ich habe nie einen Hashtag erfunden, sondern nur ein paar Tweets in die Welt gefeuert, die an meinen Ex-Freund gerichtet waren. Liebe Grüße an der Stelle.

Tweets, die geteilt und aufgegriffen wurden. Tweets, auf die andere Menschen auf Twitter mit ihren eigenen Geschichten reagiert haben. Tweets, aus denen schlussendlich ein Hashtag erstand, das von tausenden Leuten genutzt und groß gemacht wurde. Nicht ich habe das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, sondern alle, die unter dem Hashtag und auch abseits davon mitgetwittert haben. Der Hashtag hat viel Gutes getan. Aber eben nicht nur.

Er katapultierte mich in eine Öffentlichkeit, auf die ich nicht gefasst war. Ich wusste ja, dass die Medien hart sind, aber dass sie so hart und auch hartnäckig sind, hat mir im Vorfeld keiner gesagt. Ich hab beschlossen, mich dem zu stellen und es hat einiges an Mut erfordert, zum ersten Mal in eine Kamera zu sagen, dass ich depressiv bin. Währenddessen ging meine Liebe endgültig den Bach hinunter. Freundschaften zerbrachen. An Streit. An Neid. An Dingen, für die ich bis heute die Gründe suche.

Ich wurde mit Vorwürfen überhäuft, dass ich nicht jedem von meiner Depression erzählt habe, mit dem ich regelmäßig in Kontakt bin – aber naja, ich rede halt lieber über Lippenstifte und schlechte Popmusik, als dass ich mich an den Küchentisch setze und heule, dass mein Leben voll schlimm ist. Ist es nämlich nicht. Naja, außer wenn ich eine depressive Phase hab, und dann rede ich mit niemandem. Ich putze mir noch nicht mal die Zähne, verdammt!

Tag für Tag erreichen mich Mails, in denen ich angegriffen werde. Die harmlosen beschimpfen mich als depressive Schlampe. Die schlimmeren drohen mit Vergewaltigung, denn offensichtlich ist Mann der Meinung, dass Sex ohne Einverständnis meinerseits mich von meiner Depression heilen kann.

Von den ganz schlimmen will ich überhaupt nicht reden. Mittlerweile schützen mich verschiedene Spamfilter vor vielen diesen Mails, aber eben nicht vor allen. Manchmal rutscht dann eben doch eine durch, die besonders geschickt formuliert ist. Das treibt mich jedes Mal erneut an den Rand einer Depression.

Twitter ist für mich unbenutzbar. Was einst für mich ein Freizeitspaß war, auf dem ich mit Vorliebe über Titten schrieb, ist nun bitterer Ernst. Ich darf nicht mehr sagen, was ich sagen will, weil ich jetzt die Depressive bin. Man verbietet mir den Mund, weil es sich für eine “Identifikationsfigur”, zu der ich irgendwie gemacht wurde, nicht schickt, sich einen Schwanz in eben diesen zu schieben. Das ist nicht nur wahnsinnig anstrengend, sondern greift auch einen Teil meiner Identität an. Genauer gesagt: Es nimmt mir einen Teil der Identität einfach weg.

Pimmel. Pfefferminzschnaps. Popmusik. Das alles sind Dinge, über die ich mich nicht definieren will, doch sie sind eben ein Teil von mir. So, wie die Depressionen eben auch ein Teil von mir sind. Die zelebiere ich im Gegensatz zu Pimmeln, Pfefferminzschnaps und Popmusik allerdings nicht gern. Ich beschäftige mich lieber mit Dingen, die mich glücklich machen. Und das machen Depressionen einfach nicht.

Ja, Awareness ist gut und man muss darüber sprechen – aber Selbstschutz ist wichtiger als der Kampf gegen Dinge, die einen auf Dauer nur erdrücken. Und für meinen Selbstschutz ist es wichtig, dass ich speziell von meinem privaten Umfeld im Gesamten wahrgenommen werde und eben nicht als die, die irgendwie krank ist.

Im Großen und Ganzen bin ich schon sehr glücklich darüber, wie die Sache für mich gelaufen ist. Also vorausgesetzt, ich fühle überhaupt mal was. Ich darf etwas bewegen. Ich bin nur ein kleiner Teil davon, doch dass auf mich als Einzelperson Wert gelegt wird, ist eine vollkommen neue Erfahrung. Und das möchte ich nutzen, um auf andere Einzelschicksale aufmerksam zu machen. Weil Depressionen eben nicht nur Einzelschicksale sind, sondern etwas, das uns alle betrifft. Jeder kämpft für sich, Tag und Tag, um sich selbst, doch nur ein Kollektiv ist stark genug, sich gegen die Stigmatisierung zu wehren.

Es gibt da allerdings so eine Sache, mit der ich nicht so glücklich bin. Nämlich einige der Tweets, die ich in meiner Rage ganz unbedacht in den Raum warf. In dieser Zeit, in der ich regelmäßig auf Reisen war und mit den verschiedensten Menschen über Depressionen sprach, habe ich nämlich einiges dazu gelernt.

Zum einen, dass man Nicht-Depressive eben nicht aus der Diskussion ausschließen darf. Arschlöcher hingegen schon. Sie können nur verstehen, wenn sie zuhören und sich austauschen dürfen – und das erreicht man nicht, wenn man sie beschimpft und ihnen ihre eigene Meinung abspricht, so wie ich das in meinen damaligen Tweets getan habe. Zum anderen ist ein Hashtag nicht das Maß der Dinge. Es ist ein Anfang – aber es darf nicht allein bei dem Hashtag bleiben.

Und deshalb stelle ich mich trotz allen Hasses, der auf mich einprasselt, ins Fernsehen und auf Bühnen, um von meinen Nicht-Gefühlen zu erzählen, schreibe Artikel und Bücher und beantworte jeden Tag zahlreiche Emails von anderen Betroffenen, wobei ich immer darauf achte, keine therapeutische Rolle einzunehmen, sondern eher die eines guten Freundes, an dessen Schulter man sich ausweint. Ich repräsentiere eine Geschichte. Meine Geschichte, um genau zu sein. Es ist ein Einzelschicksal, das irgendwie doch kein Einzelschicksal ist, weil viele fühlen, was ich fühle. Die meiste Zeit nämlich nichts. Minusgefühle. Minus Gefühle.

Den Umgang damit muss man jedem selbst überlassen. Du willst darüber sprechen? Gut. Du willst nicht darüber sprechen? Auch gut. Die Tweets, die unter dem Hashtag #NotJustSad ausgetauscht werden, erzählen leider längst keine Geschichte mehr. Sie sind bevormundend geworden. Ein jeder will der bessere Depressive sein. Der bessere Aktivist im Kampf gegen die Stigmatisierung. Das, was eins als Kollektiv aller Betroffener und Angehörigen von Betroffenen begann, wurde zu einer Arena für Einzelkämpfer.

Statt darüber zu reden, was man (nicht) fühlt, wird darüber diskutiert, wem so ein Hashtag überhaupt gehört und wer das Recht hat, ihn zu benutzen. Statt aufeinander zu reagieren und sich gegenseitig zu unterstützen, so wie das zu Beginn der Fall war, wird aufeinander eingedroschen. Jeder schreibt nur noch für sich. Ich bilde keine Ausnahme. Das Kollektiv zerbricht am Einzelnen. An verschiedenen Einzelnen, um genau zu sein. Ein sehr wichtiger Hashtag ist dem Untergang geweiht. Egotrip statt Empörung.

Und jetzt? Muss die Aufklärung weiter gehen. Von einer Blase im Netz, die sich nur noch angreift, statt sich mit (Selbst)Heilung und Stigmatisierung zu beschäftigen, hinaus in die “richtige” Welt. Es geht nicht mehr bloß um Hashtags. Es geht um echte Menschen mit genauso echten Erkrankungen. Um Kämpfe, die in mehr als 140 Zeichen ausgefochten werden.

Wie? Das ist jedem selbst überlassen. Ich weiß nur eins: Dass es für mich mit bloßen Gemotze und Hass auf die Welt, Mitmenschen und die (eigene) Erkrankung irgendwie nicht funktioniert. Hashtagaktivismus in allen Ehren: Mein persönlicher Weg ist es nicht. Und dass ich das inzwischen erkannt habe, macht mich schon irgendwie sehr glücklich. Ich kann nämlich glücklich sein, obwohl ich depressiv bin. Vorausgesetzt, man spricht mir meine eigenen Gedanken nicht immer sofort ab, nur weil ich krank bin.

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Illustration von Piper
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Depressionen, Gesundheit, Internet, Krankheiten, Mädchen und Twitter
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