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Nachtgedanken: Das Ende der Welt

Eigentlich hattest du dich ja schon längst damit abgefunden, dass du seit Monaten weder richtig lachen noch weinen konntest. Zu einem gefühlsleeren Phantom in dieser ewig selben Berliner Welt verkamst, das von Party zu Party, von Mensch zu Mensch geisterte, und dennoch nicht mehr richtig teilnahm. Am Leben. Alles war zu einem immer gleichen alltäglichen Brei verkommen. Egal wie angestrengt du auch suchtest. Und dann sitzt du da und in einem einzigen Augenblick ändert sich alles. Du siehst es ni…
Nachtgedanken: Das Ende der Welt
Nachtgedanken: Das Ende der Welt
Nachtgedanken
Das Ende der Welt
Text: Marcel Winatschek  Fotografie: Jonny Caspari

Eigentlich hattest du dich ja schon längst damit abgefunden, dass du seit Monaten weder richtig lachen noch weinen konntest. Zu einem gefühlsleeren Phantom in dieser ewig selben Berliner Welt verkamst, das von Party zu Party, von Mensch zu Mensch geisterte, und dennoch nicht mehr richtig teilnahm. Am Leben. Alles war zu einem immer gleichen alltäglichen Brei verkommen. Egal wie angestrengt du auch suchtest.

Und dann sitzt du da und in einem einzigen Augenblick ändert sich alles. Du siehst es nicht. Keine Explosion, kein Schrei, kein Ende. Nichts. Nur du und dein Kopf und irgendein Schalter, der sich darin umlegte. Plötzlich. Und der dich dazu zwingt heraus zu stürmen aus der verkommenen Normalität.

Dann taumelst du mit Tränen in den Augen durch die Stadt. Nicht wegen der Liebe. Oder dem Tod. Oder Verlust. Oder verletztem Stolz. Sondern einfach, weil von einer auf die andere Sekunde irgendwas in dir brannte, was du längst unter "Verloren” abgelegt hattest. Und du nicht mehr klarkommst, nicht ver­stehst, du mit aller Gewalt an dem festhalten wolltest, was dich kaputt machte. Und das nun nicht mehr da war.

Betrunken und verwirrt rufst du deine Freunde an, verlangst nach einer Ordnung, einer Devise, irgendeiner Art von Vernunft. Aber die kann dir natürlich niemand geben. Weil keiner das Problem erkennt, weder du noch sie noch irgendwer. Was ist eigentlich dein Problem? Also schreibst du um 5 Uhr morgens irgendwelche pseudodepressiven Texte, die du am nächsten Tag mitsamt dem Rechner, auf dem sie erstellt wurden, in einen nahegelegenen Container werfen und in Ekstase zerfetzen möchtest.

Keine Playlist der Welt kann dich zu dieser vergessenen Zeit beruhigen und so bleibt dir nichts anderes mehr übrig als abzuwarten. Ob du dir das womöglich nicht alles nur einbildest. Auf Drama machst. Zu viel Bier. Oder zu viel Mensch. Oder zu viel Dunkelheit, die dich fragend anblickt und schulterzuckend auf den nächsten Sonnenaufgang verweist. Der wird schließlich schon wissen, was zu tun ist.

Wie ein trauriger Irrer verweilst du nun in deinem Bett, leicht vor und zurück wippend. Mit dieser Farblosigkeit im Blick. Wartend auf die Dinge, die da kommen mögen. Ein Satz, eine Information, die dich in einen wütenden Feuerball verwandelt. Damit du wenigstens noch mitmachen kannst. An der Zerstörung deines kleinen Universums. Denn in einem einzigen Augenblick ändert sich alles.

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