Mein größter Feind - Das Massaker meines Scheiterns

Zuerst schleicht es sich tückisch an. Es umkreist mich, es engt mich ein, und plötzlich, Zack, presst es mit seinen hunderten von Tonnen seine dicken, schweißigen Manboobs ins Gesicht und…
Mein größter Feind - Das Massaker meines Scheiterns

Mein größter Feind

Zuerst schleicht es sich tückisch an. Es umkreist mich, es engt mich ein, und plötzlich, Zack, presst es mit seinen hunderten von Tonnen seine dicken, schweißigen Manboobs ins Gesicht und fängt an mir den Atem wegzunehmen. In dieser widerlichen Haut zu versinken ist ein Albtraum, aus dem ich jedes Mal mit Kotze im Bett und Kotze im Haar und Kotze im Mund und Kotzgeruch in der ganzen Wohnung und Kotzfäden, die ich nicht von meinem Wund wischen kann, aufwache.

In seinem Kern kann man es nicht anders beschreiben als “das Gefühl, wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt – und zwar schon seit langer, langer Zeit.” Der dicke Mann, der mich in Sumo-Formation vernichten möchte. Jede seiner Fettzellen beinhaltet ein kleines Scheitern aus meinem Leben. Er lebt durch mein Scheitern, er nährt sich davon, er wächst und wächst und wächst. Zunächst war er ein kleiner, dicklicher Junger, irgendwie auch ganz süß, denn man erlaubt sich ja Fehler. Aber jetzt, wo ich die Zeit habe, seine fauligen Nippel-Lappen von ganz nah zu betrachten, erwies sich meine gestrige Ignoranz als mein heutiges Ringen um Luft.

Dabei ist es völlig egal, worum es geht. Auf einmal kommen Dinge ans Tageslicht, die über Monate, ja über Jahre hinweg verdrängt wurden. Und weil das ja nicht schon Problem genug ist (sich jahrelang vormachen, “alles ist okay, alles wird gut, das ist jetzt total richtig, was du machst!”), mischt sich da noch was anderes Mieses dazwischen: Die Meta-Verdrängung.

Sie ist, im Prinzip, die nächste Schicht in meinem Zwiebel-Look des Lebens. Schicht Nummer 1: Problem. Schicht Nummer 2: Verdrängung des Problems. Schicht Nummer 3: Panik, weil Verdrängung des Problems bewusst wird. 4: Tüte Popcorn und vier Wochen Dauermasturbation auf schlechte Pornos, weil sich kein Mensch jetzt mit dieser angestauten Scheisse auseinandersetzen will, vor allem nicht ich.

Dabei wäre der Knoten ganz einfach zu lösen. Endlich mal den Briefkasten aufmachen, als aus Angst vor seinem Inhalt jeden Tag daran vorbei zu gehen. Endlich aufhören zu heulen und die Sache anpacken. Sich mit einem kräftigen Tritt in die Eier vom fett-fettigen Mann befreien und ihn mit einem saftigen Käsekuchen in seinen Käfig locken, wo er dann nur noch Salat bekommt. Aber – oh weh, oh weh – so einfach ist das ja. Meine Bewältigung der Probleme sieht nämlich so aus:

Ich lese keine Zeitung mehr und ich gucke mir keine Dokumentationen mehr an. Ich verkrieche mich stattdessen hinter betäubender Fiktion mit Happy Ending. Liebeskomödien, Horrorfilme, Dystopie-Literatur. Hauptsache, ich muss mich nicht mit dem Alltag auseinandersetzen.

Blogs langweilen mich, mein Feedreader wird jeden Tag ungelesen als gelesen markiert, ich twittere nur noch aus Gewohnheit, wie man aus Gewohnheit raucht oder im Vulkan Wedding 20-Cent-Münzen in den Automaten schmeisst.

Aufgaben werden nicht mehr gemacht, und wenn, dann nur noch sporadisch und schon gar nicht gut. Freunde werden nicht getroffen und mit Ausreden (“Ich bin beschäftigt!”) vertröstet. Es kann passieren, dass die Haare nicht gewaschen, die Beine nicht rasiert, die Unterhosen nicht gewechselt, die Teller nicht gespült und die Pflanzen nicht gegossen werden. Egal.

Außerordentlich viele chemische wie natürliche Betäubungsmittel werden genutzt, um einen erhellenden Zustand der Problemlosigkeit zu erlangen. Zwar bin ich nach einer halben Tüte und zwei Gläsern Spritz schon am Rande des Bewusstseinsabgrund, das heißt aber nicht, dass ich nicht hart tun kann und mir Cola in ein Whiskeyglas fülle und dann vor allen Anwesenden mein Scheitern so dramatisch wie möglich antoaste und dann spielerisch torkelnd den Raum verlasse während ich dem schönsten Mann der Welt zum Abschied noch einen feuchten Kuss auf die Lippen drücke, weil ich ja nichts mehr zu verlieren habe, und schon gar nicht meine Würde, denn die habe ich ja ausdrücklich schon dann verloren, als ich aufhörte, mir meinen Damenbartansatz herauszuzupfen, und aus Verzweiflung allen Verflossenen selbstgemachte Nacktbilder vor dem Spiegel auf dem Boden mit grellem Blitzlicht geschickte habe.

Mir ist das völlig bewusst. Das alles. Dass ich mich gerade klein mache und versuche in Unsichtbarkeit aufzugehen, und dass ich, je mehr Probleme sich anhäufen umso fauler werde, was ihre Bearbeitung angeht. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, right? Wrong! Wrong, Kinder, es ist wrong!

Denn ich werde in vier Monaten aus meiner Tittengefängnisstarre erwachen und feststellen, dass es an der frischen Luft irgendwie doch ein bisschen schöner ist. Aber in der Zwischenzeit ist mein größter Feind noch größer geworden, und sein Griff ist einer Art Leichenstarre um meinen Körper herumgewachsen. Es wird also nur noch schwerer, aus dem Tritt zu kommen und mal im Chaos meines Kopfes aufzuräumen. Wieso, frage ich mich, passiert das mit mir? Wieso scheitere ich vor allem an der Demotivation?

Wieso ist jedes kleinste Problem das Ende der Welt und meiner Leistungsfähigkeit? Ja, irgendwann raffen wir uns mit dem dicksten Kater aller Zeiten auf und fegen die Scherben von der wilden Party weg. Langsam, aber sicher. Und wenn noch eine der Saufnasen, die in der Ecke rumliegen, auf unseren geputzten Boden kotzt, dann ist das wenigstens das letze Problem, das es zu erledigen gilt.

Aber nein, nein, nein. Eine dicke Schmutzkruste muss erst anwachsen, und dann muss man komplett neuen Boden verlegen. Wieso? Ich sag euch wieso. Weil wir alle nur Idioten sind und niemals erwachsen werden. Und vielleicht ist das ja auch voll okay so. Und außerdem hätte ich auch gerne mal wieder einen neuen Boden.

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Illustration von Thierry Fousse und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Ängste, Depressionen, Emotionen, Faulheit, Gefühle und Scheitern
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