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Mein Balkon: Ort der vergessenen Glückseligkeit

Ich öffne die Tür, einen kleinen Schritt hinaus aus meiner Wohnung, einen kleinen Schritt näher zu mir. Ich bin draussen, doch bin mir selbst plötzlich viel näher, als ich es doch so oft krampfhaft versuche. Überraschend stelle ich fest, dass mein Balkon ein vergessender Ort treuer Emotionen ist. Meiner Emotionen. Ich fühle Freiheit, amte durch und lächle unbeobachtet etwas dumm vor mich hin. Unvernünftig zünde ich mir eine Zigarette an, obwohl ich krank bin und lieber langweilig im Oma -Gerda-S…
Mein Balkon: Ort der vergessenen Glückseligkeit
Mein Balkon: Ort der vergessenen Glückseligkeit
Mein Balkon
Ort der vergessenen Glückseligkeit
Text: Lena Freud  Illustration: Jeffrey Lee

Ich öffne die Tür, einen kleinen Schritt hinaus aus meiner Wohnung, einen kleinen Schritt näher zu mir. Ich bin draussen, doch bin mir selbst plötzlich viel näher, als ich es doch so oft krampfhaft versuche. Überraschend stelle ich fest, dass mein Balkon ein vergessender Ort treuer Emotionen ist. Meiner Emotionen. Ich fühle Freiheit, amte durch und lächle unbeobachtet etwas dumm vor mich hin. Unvernünftig zünde ich mir eine Zigarette an, obwohl ich krank bin und lieber langweilig im Oma -Gerda-Style im fucking IKEA-Bett ohne Gestell genesen sollte. Scheiß drauf. Nur für diesen einen Moment konsumiere ich das verpeilte Vergessende.

Creep Field Day Mix an. Zigarette No. 2. Oh Leben, wie schön du doch manchmal sein kannst. Wenn man nicht damit rechnet, kommst du oft am heftigsten. Das tut weh, das tut gut. Ja wir wissen es doch eigentlich alle. Es sind verdammt noch mal die kleinen Dinge, die unser gieriges Herz auf minimalistisch herzliche Art und Weise ausreichend sättigen. So gut.

Ich fülle mir ein Glas Wein ein, obwohl auch Alkohol meine doch so nötigen “Scheiße-Ich-muss-schnell-gesund-werden-Prozess” genauso wenig unterstützen wird. Und noch mal drauf geschissen. Ein wahrer Feel-Good-Moment muss sich verboten anfühlen. Oder tut es einfach automatisch, wenn er rein und gut ist. Keine Ahnung, dieser Balkon erfüllt mich bedingungslos mit längst aufgestautem, nicht ausgelebtem Glück. Ein Ort voll mit nichts. Ich reflektiere mich in Sekundenschnelle unbewusst und lächle schon wieder dümmer als erlaubt. Guckt sowieso keiner zu. Hier ist es dunkel, die Nachbarn schlafen, der Regen tut es nicht.

Das könnte ich den ganzen Tag lang haben. Der Balkon fällt mir schließlich nicht einfach ab und kommt an scheiß Tagen unverhofft wieder. Nein, er ist immer da. Doch viel zu oft würdigt man ihn nicht, wie einen guten Freund, verlässt man sich stoisch auf ihn, ohne einfach mal ein fettes ehrliches Danke an die heiligen fünf Quadratmeter der konzentrierten Geilheit zu pumpen. Irgendwie traurig.

Doch so ist das ja ständig mit Dingen, die man immer hat, immer benutzen kann, aber viel zu beschäftigt ist oder eher tut, um ihnen die gebührende wohlverdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Balkon, ich liebe dich. Du schreist nicht, du verlangst nichts, du gibst, wenn man es am wenigsten erwartet. Ganz groß und doch so klein im Detail. So und jetzt bekommst du ein unverschämt laut grölendes Wow an dein stumm pochendes Herz geknallt. Big up, du straightes Teil. Bis bald.

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