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Das Popkultur Magazin

Megalomaniac: Ich bin der Durchschnitt

Ich stehe auf einer Bühne. Meine Augen sind weit offen, doch ich fühle mich geblendet von der mich umgebenden Schwärze. Kein einziger Schimmer dringt durch die blinde Dunkelheit in meinen Kopf, und doch zweifle ich meine Sinne nicht an, denn hinter dem schweren Vorhang aus Samt, den ich mir nur denk...
Megalomaniac: Ich bin der Durchschnitt

Megalomaniac

Ich bin der
Durchschnitt

Sara Navid

Ich stehe auf einer Bühne. Meine Augen sind weit offen, doch ich fühle mich geblendet von der mich umgebenden Schwärze. Kein einziger Schimmer dringt durch die blinde Dunkelheit in meinen Kopf, und doch zweifle ich meine Sinne nicht an, denn hinter dem schweren Vorhang aus Samt, den ich mir nur denken kann, höre ich das Tosen des Publikums. Sie rufen und schreien, sie stampfen mit ihren Füßen wild auf dem Holzboden des riesigen Saales.

Wir befinden uns im Audimax der Welt – Fernsehkameras aller Nationen, die besten Fotografen, alle wichtigen Menschen und auch die unwichtigen, Männer, Frauen, Kinder – junge, kranke, alte, starke Menschen – Politiker, Ökonomen, Philosophen, Künstler, Kulturschaffende, Wissenschaftler, der Papst – alle sind gekommen. Alle warten darauf, dass der Vorhang fällt, für die größte Inszenierung aller Zeiten… für mein Leben.

Leider ist das Leben kein dramatisches Schauspiel, das von Superhelden und Geheimagenten bespickt ist, und so ist alles, was fällt, meistens ich selbst, und zwar auf den Boden, der Nase nach. Und oft breche ich mir dabei auch noch einen Zahn ab. Dabei ist dieser Traum vom Rampenlicht, so unrealistisch er sein mag, und ich meine nicht nur, weil ich kein so besonderer Mensch bin, sondern weil ich auch keine besonders rampenlichtige Persönlichkeit habe, etwas, dass mich schon seit Anbeginn meiner wirren Gedankenchronik begleitet.

Und egal, in welcher Form, es läuft immer darauf hinaus, dass die Menschen zu mir aufblicken. Ob ich als verschrobene, unentdeckte Sängerin einer avant-gardistischen Rockband meine kleinen Songs trällere, oder ob ich als höchstkriminelle, neumodische, aber gutmeinende, weibliche Robin Hood die Welt auf den Kopf stelle, Kriege beende und für das Recht auf Gerechtigkeit kämpfe. Jeder kennt meinen Namen. Und ich bin irgendwer. Ich bin irgendwer, der wichtig ist.

Auch, wenn diese sehr selbst-zentrierte Form der Tagträumerei maßlos und überheblich wirkt, glaube ich kaum, damit auf weitem Flur alleine zu stehen. Ich kenne viele Menschen, die würden nicht zugeben, dass sie nach Anerkennung, nach Macht streben. Aber ey, lügt euch nicht an. Wir streben nach Aufmerksamkeit, und wir sterben, in der Hoffnung, auch nach unserem Tod mit Aufmerksamkeit übergossen zu werden.

Größenwahn? Vielleicht. Aber es muss auch nicht der Thron der Welt sein, den ich gedanklich besteige. Es würde schon reichen, wenn ein einziger Mensch – ein existierender, klar denkender Mensch – eines Tages in Ehrfurcht vor meinem Werk, vor meinem Leben steht und sagt: Krass. Das hätte niemand anderes so machen können. Das hat niemand vor ihr so gemacht. Das ist einzigartig. Diese Sara Navid war eine Vorreiterin auf ihrem Feld.

Diese Ehrfurcht – kein Neid, wohlgemerkt, sondern nur positiver Respekt und ein daraus resultierender “Aufblick”-Mechanismus – ist auch das, was mir jeden Tag begegnet. Vor allem in der Uni. Da liest man pro Woche zwei bis siebenhundert Seiten von geistigen Orgasmen, die in einem perfekten Tiramisu der Geschmacksexplosionen verarbeitet wurden.

Da sind Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler, Sozial- und Kulturwissenschaftler, Philosophen, Theoretiker im weitesten Sinne die mit ihren Standpunkten, ihren Systemkritiken und ihren “neuen” Gedankenverknüpfungen die Tore zu neuen Welten öffneten. Die unsere Welt heute weitaus mehr prägen als es jeder Barack Obama es könnte. Wir lesen heute noch Aufsätze von großartigen Menschen, die vor hundert Jahren verfasst wurden. Und mit jedem fertig gelesenen Text, der auf den Stapel “erledigt” gelegt wird, vergrößert sich auch der Abstand zwischen mir und allen großen Persönlichkeiten, die tatsächlich einen Wert für unsere Gesellschaft beigetragen haben.

Hier bin also ich. Inmitten von sieben Milliarden Menschen. Ich lese Weber und Marx und Cassirer und Habermas und denke mir, wer bin ich eigentlich? Ich werde niemals so etwas schreiben können. Und selbst wenn ich es schreiben könnte: meine Intelligenz reicht nicht aus, um das zu erreichen, was die Ikonen des Erfolgs und der Weltgeschichte vor mir erreicht haben. Selbst, wenn ich das Maß an mich selber nicht so hoch stecken würde, bliebe das Ergebnis identisch. Jedes Mal, wenn ich meine Lieblingswochenzeitung aufschlage, lese ich mindestens einen Text, dessen Inhalt weitaus alles übersteigt, was ich jemals auch nur im Ansatz für überhaupt möglich hielt.

Und nicht mal so weit muss man gehen. Es reicht schon, an dem Gedanken einer Hausarbeit zu versagen, weil man genau weiß, dass da nicht genug Wissen ist, um zu triumphieren. Es reicht schon, andere Blogs zu lesen, es reicht, die Gedankengänge jüngerer Kollegen oder Kommilitonen zu verfolgen, um festzustellen, shit, da komme ich nicht ran, in keinster Weise.

Und dann stellt man sich unweigerlich die Frage: Wozu mache ich das überhaupt? Wer möchte ich sein? Ein Teil der intellektuellen Elite? Jemand, der vor seiner Zeit lebt, und unter einem normativen Erfolgsdruck leidet? Oder jemand, der sich dem Kompromiss der Gegenwart anschließt, und sagt, naja, dann ist es eben so, wie es ist – und mehr als versuchen kann ich es auch nicht.

Das zwickt ganz schön. Das Gefühl, zum Durchschnitt zu gehören, und in keiner Leistung vortreffliche Arbeit zu machen, keinen Bestandteil des Charakters zu besitzen, der einen hervorhebt. Viel schlimmer: Man bewirkt nichts. Man ist ein Teil der wabernden Masse mit eigenem kleinen Mikrokosmos. Dann dauert es nur ein paar Generationen, bis man vergessen wird. Bis jemand anderes diesen Platz einnimmt.

An vielen Tagen stört mich das alles nicht. Mein kleiner Mikrokosmos reicht mir vollkommen, um Zufriedenheit an den Tag zu legen. Doch gibt es diese Momente, wo das Gefühl, die Sterne seien unerreichbar, mir die Luft zum Atmen abschneidet. Wo ich alles stehen und liegen lassen möchte und glaube, dass diese Gesellschaft mich aussaugt, und dass ich nie eine Chance hatte, und und und… Der Knick im Ego kann gerne auch zu einer Runde Mitleidsdusche führen.

Und dann macht man weiter. Mit den gleichen Träumen. Dass man eines Tages vor einem schwarzen, schweren Vorhang aus Samt steht. Dass die Menschen einem applaudieren, weil man es geschafft hat, die Probleme unserer Welt zu bändigen. Oder weil man ein Lied singt, welches, wenn auch nur wenige, Menschen glücklich macht. Oder weil man einen Text schreibt, der so durchdacht und klug ist, dass die Menge ihre Anerkennung beipflichten möchte. Und vielleicht braucht es ja manchmal einen unrealistischen Traum, um eine realistische Einschätzung seiner selbst zu erzielen.

Die Illustration stammt von Icons8
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Rafaela Camilo: Das glitzernde Mädchen

Man hört nicht unbedingt die besten Geschichten über Brasilien. überall gibt es Drogen, die selbst ich nicht im überschuss nehmen möchte, wer sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält, ist schnell mal sein Geld, sein Handy oder die Jungfräulichkeit los, und wer am Strand nicht vor lauter Scham...
Rafaela Camilo: Das glitzernde Mädchen

Rafaela Camilo

Das glitzernde
Mädchen

Daniela Dietz

Man hört nicht unbedingt die besten Geschichten über Brasilien. überall gibt es Drogen, die selbst ich nicht im überschuss nehmen möchte, wer sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält, ist schnell mal sein Geld, sein Handy oder die Jungfräulichkeit los, und wer am Strand nicht vor lauter Scham um seinen eigenen Körper im Boden versinken möchte, der sollte seinen Bikini gleich zu Hause lassen.

Andererseits bietet Rio de Janeiro so viel geballte Kreativität, wenn man nur in den richtigen Ecken danach Ausschau hält. In allen Bereichen. Kunst zum Beispiel. Oder Musik. Oder Essen. Ja, Essen kann auch kreativ sein. Also einfach mal für ein paar Nächte eine Airbnb-Wohnung mieten und sich in den nächsten Club schleichen, der nicht von Touristen bevölkert, sondern von einheimischen Kids geliebt wird.

Vielleicht trefft ihr dann ja sogar auf DJane Rafaela Camilo, die in dieser Fotoserie von Camila Cornelsen für Sticks & Stones splitterfasernackt verewigt worden ist. Und Rafaela hat nicht nur einen Hammerbody, sie hat auch einiges in Sachen Musik drauf. Hört’s euch hier einfach mal an! Vielleicht bucht ihr ja dann mal gleich den nächsten Flug nach Brasilien, wer weiß…

Die Fotografie stammt von Camila Cornelsen
Als Model ist Rafaela Camilo zu sehen
Der Text erschien in der Kategorie Kunst mit den Themen
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Musik für Idioten: Im Radio läuft nur Scheiße

Radio hören ist ja bekanntermaßen eine der größten Foltermethoden, die unsere Gesellschaft derzeit kennt. Es ist wie ein gemein-gesellschaftlich akzeptiertes Quälinstrument, das besonders in Wartezimmern und auf Autofahrten mit kaputter Anlage zum Konsens gehört. Die furchtbaren Werbejingles, die...
Musik für Idioten: Im Radio läuft nur Scheiße

Musik für Idioten

Im Radio läuft
nur Scheiße

Sara Navid

Radio hören ist ja bekanntermaßen eine der größten Foltermethoden, die unsere Gesellschaft derzeit kennt. Es ist wie ein gemein-gesellschaftlich akzeptiertes Quälinstrument, das besonders in Wartezimmern und auf Autofahrten mit kaputter Anlage zum Konsens gehört.

Die furchtbaren Werbejingles, die sinnlosen Moderatorenansagen und natürlich die zwölf Minuten geschmacklose “Das gefällt doch jedem”-Musik der 80er, 90er und dem “Besten” von heute, das sich auf vier neue Tracks im Jahr beschränkt und einen in den Wahnsinn treiben kann.

VIVA gibt’s schon lange nicht mehr, MTV spielt nur schlecht synchronisierte Reality-Soaps und YouTube favorisiert nur den Dreck irgendwelcher Kellerrapper. Dass unsere musikalische Kultur verwahrlost und unsere Kinder mit Geschmackskrebs aufwachsen werden, ist leider eine Dystopie, die sich in Realität verwandelt.

Wir können versuchen, die Augen davor zu verschließen. Aber die Wahrheit wird uns einholen, sobald Spotify partout nicht laden will und wir ohne Schutz vor dem gehirnwaschenden Lärm im Fitnessstudio stehen und uns selbst den Freitod wünschen.

Diese Entwicklung an der Oberfläche ist durchaus verwunderlich, immerhin ist der Untergrund gesegnet von großartiger musikalischer Vielfalt. Von Rap Fusion über Neoclassical bis zum Future Bass haben sich in den letzten Jahren einige wunderbare Stränge neuer Genremixe entwickelt – Internet sei Dank.

Und die Avantgardisten und Trendsetter, die den Mainstream nicht umgehen, aber auch nicht direkt anvisieren, ziehen sich den Pop auf eine seelenstreichelnde Ebene, mit der auch meine Oma was anfangen könnte. Könnte, wenn es sie erreichen würde.

Und so bleibt es wieder den einsamen Einzelkämpfern überlassen, die gute Musik auch an Orte zu tragen, wo sie noch frisch und unbekannt ist. Ihr Würmer wusstet letztes Jahr noch nicht einmal, wie man Future Bass buchstabiert – und plötzlich hört ihr es überall, nur leider auf die schlechteste Art und Weise, die man sich vorstellen kann.

Keine Angst, ich werde nicht Flume dissen – ich disse nur die Leute, die an dieser Stelle aufhören weiter zu graben. Nur Vorwürfe kann man den armen, musikalisch hungernden Völkern nicht machen. Die großen Medienmonopole lassen ja keine gezielte Beschallung zu, vermutlich, weil sie intelligente Revolutionen fürchten, die zu mehr Nischen und zu weniger Umsatz führen.

Ihr und ich, wir wissen, dass es fantastische Musik gab in den letzten Jahren. Verdammt fette Tracks, wie ein guter SoundCloud-Mix nach dem anderen beweisen. Wir können uns jetzt gemeinsam High Five geben und uns gegenseitig die Pimmel dafür streicheln, dass wir geil sind und über den DJ-Ötzi-Shit im Radio stehen.

Viel wichtiger ist jedoch: Werdet zu Botschaftern. Bewegt euch nicht nur in den lamen Hipsterkreisen, die “so over it” sind, wenn James Blake furzt, sondern nutzt eure Überkonnektivität für humanitäre Missionen und schickt die eleganten Beats euren kleinen Brüdern und Schwestern, bevor sie zu Katy-Perry-Zombies werden und Future Bass nur als Krachmutant-Element in verstümmelten Popsongs kennen.

Rettet die Kinder! Macht den Untergrund zum Mainstream und befreit euch von dieser gespielten Coolness und der Antipathie gegenüber den ignoranten Losern, die keine gute Musik kennen. Verliert eure Hipsterness. Vergesst eure elitäre Scheiss-Attitüde. Spread the fucking word!

Geht um den Block und schreit den Leuten ins Gesicht, dass sie verarscht werden! Nicht nur für gesündere Autofahrten, sondern für kulturelle Vielfalt, für mehr Neuentdeckungen, für mehr geheime Talente, die sich in den Vorörtern Deutschlands verstecken. Macht mal ein #MeToo draus, ihr Pisser, und lasst gute Musik endlich regieren!

Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Musik mit den Themen
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Sie kommt von Herzen: Hassliebe ist das ehrlichste Gefühl

Wenn man von Liebe spricht, schwingt der Hass immer ein bisschen mit. Es ist ja so: Ohne Hass könnte die Liebe gar nicht existieren. Ich meine, woher sollst du denn wissen, was Liebe ist, wenn du noch nie richtig gehasst hast? Und woher weißt du, wie sich Hass anfühlt, wenn du noch nie richtig gelie...
Sie kommt von Herzen: Hassliebe ist das ehrlichste Gefühl

Sie kommt von Herzen

Hassliebe ist das
ehrlichste Gefühl

Jana Seelig

Wenn man von Liebe spricht, schwingt der Hass immer ein bisschen mit. Es ist ja so: Ohne Hass könnte die Liebe gar nicht existieren. Ich meine, woher sollst du denn wissen, was Liebe ist, wenn du noch nie richtig gehasst hast? Und woher weißt du, wie sich Hass anfühlt, wenn du noch nie richtig geliebt hast?

Ehrlich jetzt, Liebe und Hass, die gehen Hand in Hand und Curse hat in den Zweitausendern sogar mal einen Song dazu gemacht, “Kann man sich gleichzeitig lieben und hassen?” fragte er da. Ich kann ihm heute sagen, dass das geht. Vielleicht ist das diese Hassliebe, von der man immer hört. Die immer herhalten muss, wenn man es nicht mehr erklären kann.

Es ist irgendwie krass, wenn Liebe und Hass sich so nah sind: Das ist einfach das stärkste Gefühl, also für mich zumindest. Dieser Moment, wenn Hass das Gefühl von Liebe nicht ersetzt oder mindert, sondern sogar noch verstärkt. Wenn du nicht liebst und hasst, dann spürst du Gleichgültigkeit und das ist wirklich das schlimmste Gefühl. Weil es nicht einmal so ein richtiges Gefühl ist irgendwie, also für mich zumindest.

Ich hab schon viel geliebt, naja, nicht so richtig, nicht so wie man Menschen liebt oder lieben sollte. Eher so, wie man Pommes liebt. Oder Schokolade. Aber ich habe schon geliebt, denke ich. Das Ding ist nur: irgendwann war ich immer satt. Also nicht jetzt von den Pommes und der Schokolade. Satt von der Liebe. Sie war mir irgendwann egal, also, sie ist irgendwann irgendwie unspektakulär geworden, wie das halt so ist, wenn du jeden Tag nur Pommes isst oder Schokolade.

Das ist schon alles geil, aber irgendwann hast du halt auch einfach genug und dann willst du eben andere Sachen. Ich meine damit jetzt noch nicht mal unbedingt ein Steak vom Kobe-Rind, sondern eher die kulinarischen Kleinigkeiten: Dass die Pommes mal zu salzig sind und die Schokolade mal zu bitter. Oder andersherum. Mit dieser Hassliebe ist es hingegen so, dass sie mich voll vereinnahmt. Ich esse und esse und ich werde einfach nicht satt. Und das, obwohl mir schon ganz schlecht davon ist. Obwohl es mir eigentlich auch schon gar nicht mehr schmeckt.

Mit Liebe und Hass ist es ja so: Sie müssen sich nicht immer auf Menschen beziehen. Über die Jahre, die wir nun schon zusammen sind, haben Berlin und ich zum Beispiel so ein Ritual entwickelt: Immer, wenn ich die Stadt verlassen muss, weil sie es mir mal wieder schwer gemacht hat, einfach nur glücklich mit ihr sein zu können, schenkt sie mir so einen Moment, der mir zeigt, dass es falsch wäre, ihr für immer den Rücken zu kehren.

Das klingt jetzt etwas umständlich. Einfach gesagt: Ich glaube, die Stadt will trotz aller Niederlagen und Rückschritte, dass ich wiederkomme. Wieder nach Hause. Ich glaube, das ist diese Hassliebe, von der man immer hört. Man will sie auf keinen Fall loslassen, weil man glaubt, der Hass garantiere einem die Liebe. Zwei zum Preis von einem. Purer Zeitgeist. Und trotzdem würde man lieber nur einen ganzen Sack von dem einen kaufen. In dem Fall natürlich einen Sack voll Liebe.

Wo die Liebe hinfällt, kann man ja nie sagen. Sie passiert einfach so für sich, ohne dass man es will und steuern kann. Hass hingegen, der ist schon sehr konkret. Zumindest erlebe ich das so. Fest. Hart. Konkret. So empfinde ich Hass. Okay, das ist vielleicht ein sehr starkes Wort, also Hass an sich, genau wie Liebe auch, aber Hass macht es mir nicht schwer, Worte für ihn zu finden.

Ich hasse ja relativ viel. Nazis zum Beispiel. Oder Haie. Wirklich, ich hasse Haie. Und ich weiß nicht einmal genau wieso. Und trotzdem üben sie auf mich eine solche Faszination aus, dass ich geradezu besessen von ihnen bin. Wenn irgendwo ein Haifilm läuft, muss ich ihn sehen. Wenn irgendwo ein Buch über Haie erscheint, muss ich es lesen.

Jedes Poster, jedes Shirt, auf dem ein Hai zu sehen ist: Ich muss es haben. Verdammt, ich habe sogar einen scheiß Hai tätowiert. weil ich diese Tiere hasse – und ich liebe das Tattoo. Genau wie ich Haie auch irgendwie liebe. So versucht man vielleicht immer instinktiv die Liebe gegen den Hass gewinnen zu lassen.

Vielleicht erfährt man Hassliebe sehr oft. Man weiß es nur eben nicht, bis man mal länger drüber nachdenkt. Bis es einen Anlass dazu gibt. Diesen Moment, wenn Hass das Gefühl von Liebe nicht mindert, sondern sogar noch verstärkt, habe ich erst einmal bei einem Menschen erlebt, und das war irgendwie krass, also dass Liebe und Hass sich so nah waren.

Ich habe den Typen, den ich so hassliebe, vom ersten Moment an gehasst. Da bin ich mir heute zumindest ganz sicher. Seine Arroganz. Die Art, wie er spricht und sich bewegt. Ja, sogar seinen verdammten Bart, der nicht so richtig zu seinem vor Überheblichkeit nur so strotzendem Grinsen passt – doch irgendwie war da etwas an ihm, das mich sofort in seinen Bann zog.

Vielleicht die Arroganz. Oder die Art, wie er sprach und sich bewegte. Ja, vielleicht sogar sein verdammter Bart, der nicht so richtig zu seinem vor Überheblichkeit nur so strotzendem Grinsen passte. Ich habe den Typen, den ich so hassliebe, vom ersten Moment an geliebt. Da bin ich mir heute ganz sicher.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, und ich glaube, er hat mich auch ziemlich gehasst. Meine viel zu große Nase. Meine Aufsässigkeit. Und dass ich ihm immer ins Wort gefallen bin – doch irgendwie war da was an mir, das ihn sofort in meinen Bann gezogen hat. Vielleicht die viel zu große Nase. Oder meine Aufsässigkeit. Ja, vielleicht sogar die Tatsache, dass ich ihm immer ins Wort gefallen bin. Er hat mich vom ersten Moment an geliebt.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, und während dieses halben Jahres, waren wir ziemlich oft getrennt. Weil wir uns gehasst haben. Unzählige Streitgespräche haben wir geführt, uns immer wieder geschworen, nie wieder ein Wort miteinander zu sprechen – doch das Ding ist eben, zum Küssen braucht man keine Worte.

Und so viel Hass in unseren Worten steckte, so viel Liebe steckte auch in unseren Küssen. Und wenn wir dann da lagen und rauchten, die Wangen rot vom Sex und den Ohrfeigen, die wir uns gaben, weil wir uns hassten, während wir uns liebten, schlugen unsere Herzen mindestens genauso wild, wie es unsere Fäuste die meiste Zeit über wollten. Immer dann waren wir zusammen.

Wir waren nicht lange zusammen, ein halbes Jahr vielleicht, doch diese Hassliebe, die ist immer noch da, auch wenn wir längst nicht mehr zusammen sind. Irgendwann haben wir Schluss gemacht, weil sie uns so vereinnahmt hat und sind zurück gegangen zu der viel zu süßen Schokolade und den ungesalzenen Pommes, denn die haben uns auf Dauer niemals unglücklich gemacht – weil wir immer wussten, was wir an ihnen haben. Und außerdem gibt es auch noch das Steak vom Kobe-Rind.

Die Fotografie stammt von Igor Miske
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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MissesVlog im Gespräch: Kelly Svirakova, kann man von YouTube leben?

Würden außerirdische Wesen sich heute Videos auf YouTube angucken, dann könnten sie meinen, die Spezies des Menschen bestehe lediglich aus zweierlei Arten. Die einen, die pompöse Computerspiele vorstellen und lautstark an ihnen verzweifeln, und die anderen, die sich teure Kosmetikartikel ins Gesicht...
MissesVlog im Gespräch: Kelly Svirakova, kann man von YouTube leben?

MissesVlog im Gespräch

Kelly Svirakova, kann
man von YouTube leben?

Marcel Winatschek

Würden außerirdische Wesen sich heute Videos auf YouTube angucken, dann könnten sie meinen, die Spezies des Menschen bestehe lediglich aus zweierlei Arten. Die einen, die pompöse Computerspiele vorstellen und lautstark an ihnen verzweifeln, und die anderen, die sich teure Kosmetikartikel ins Gesicht drücken und dabei sanft vor sich hin sinnieren. Dazwischen gibt es, außer gähnender Langeweile und übertriebener Albernheit, wenig. Aber wer sucht, der wird bekanntlich fündig.

Millionen Voyeure haben Kelly aka MissesVlog dabei zugesehen, wie sie auf einer Treppe herum rannte, sich dabei an die Brüste fasste und lächelnd die zehn größten Geheimnisse ihrer Artgenossinnen ausplauderte. Dass High Heels schmerzen, zum Beispiel. Dass Schlafen besser als Duschen ist. Oder dass Rasieren jede Menge Zeit kostet. Das alles hätte man sich womöglich bereits vorher denken können, aber die sympathische Bewegtbildkünstlerin erklärt es uns lieber noch einmal – und wir hören ihr gebannt zu.

Und kurz bevor die bayerische Grinsekatze die Videoplattform ihrer Wahl vollends erobert, in einer grausamen Welt, in der Seitenaufrufe mehr zählen als alle Schulnoten, Praktika und Fortbildungen zusammen, haben wir sie uns gekonnt zur Seite genommen und mit ihr gemeinsam den Antrieb von Trollen und Stalkern ergründet, eine wilde Reise nach Los Angeles Revue passieren lassen und geklärt, ob sie sich für den Playboy ausziehen würde. Und wenn ja, für wie viel.

Ich bin gerade vollkommen verrückt nach grünem Tee und könnte täglich zwölf Liter davon trinken. Von was bist du abhängig?

Kaffee und Energy Drinks. Das wird jeder meiner YouTube-Kollegen oder Menschen, die etwas mit Cutten zu tun haben, genau so sehen. Wir sind quasi Wesen der Nacht, da braucht man etwas, was einen wach hält.

Welches Video auf YouTube hast du dir zuletzt angesehen – und warum?

Ich habe mir ein Video von zwei YouTubern angesehen, einer amerikanisch, der andere britisch, die zusammen kollaboriert haben und alltägliche Begriffe wie „Schneebesen“ in die Suchleiste einer Pornoseite eingegeben haben, um sich dann die Ergebnisse anzusehen und ich war sehr angetan von dieser Idee… Ja, so sieht mein Leben momentan also aus. Aber ich fand’s sehr amüsant.

Dein erstes Video auf YouTube war eine, nennen wir es mal, mutige Tanzeinlage für die Aussenseiter. Hättest du damals gedacht, dass du einige Jahre später zu den bekanntesten deutschen Gesichtern auf der Plattform gehörst?

Gedacht – nein. Gehofft und gezielt darauf hingearbeitet – ja. Damals habe ich mir das Ziel 100.000 Abonnenten gesetzt und wollte das auch unbedingt erreichen. Als es soweit war, dachte ich eigentlich, es geht von da an nicht weiter – und ich habe mich zum Glück geirrt. Was momentan auf meinem Kanal passiert, begreife ich selbst nicht ganz.

Das Einzige, was ich mir damals dachte, war: „Das sieht nach viel Spaß aus, was diese Hampelmänner da auf YouTube produzieren. Warum gibt es noch keine Hampelfrau? Das muss ich ändern!“ Was für Möglichkeiten sich dadurch für mich entwickelt haben, konnte damals keiner von uns YouTube-Hampeln vorausahnen.

Du warst, kurz nach deinem Aufstieg, für ein YouTube-Projekt ein paar Wochen mit einigen Kollegen in den USA, was ging da so?

Richtig. Ich war sechs Wochen lang mit Gronkh, Sarazar, David Hain, Fabian Siegismund, Rob Bubble und Pandorya in Los Angeles. Zumindest war das die erste Truppe, die Besatzung des Projekts hat sich im Laufe von insgesamt drei Monaten immer mal wieder geändert. Wir haben unsere Zeit zusammen in einem riesigen Haus in West Hollywood verbracht, das wir, aufgrund des etwas protzigen Aussehens, “The Mansion” nannten, welcher auch der Name des YouTube-Kanals, der die Reise dokumentierte, wurde.

Das war eine der besten Reisen meines Lebens. Tolle Menschen, faszinierende Orte und super Videos produziert. Es gab keinen Moment, in dem sich YouTuber oder Crew gestritten haben. Alle haben sich näher kennengelernt, nachdem man sich nur zwei bis drei Mal im Jahr auf irgendwelchen Events begegnet ist und super verstanden, was die Reise natürlich super angenehm gemacht hat.

Wir waren in Las Vegas und haben eine Hochzeit gefeiert, auf Roadtrips durch kilometerweit Wüste, inclusive Stopps bei geilen Fast-Food-Ketten, haben Freizeitparks, Studios und andere Sehenswürdigkeiten besucht und alles mit der Kamera fest gehalten. Das hört sich alles zu schön an, um wahr zu sein, aber in den Videos sieht man uns allen an, dass wir eine richtig gute Zeit zusammen hatten und viel an neuer Lebenserfahrung dazu gewonnen haben.

Auch wenn mir mit meinen damals 20 Jahren das Nachtleben sehr erschwert worden ist, vor allem in Las Vegas, was mir etwas auf den Senkel gegangen ist, weil man sich plötzlich wieder wie 15 fühlt. Da hilft nur das Bestechen von Türstehern und Kellnerinnen, die alle eigentlich Schauspieler oder Tänzer waren, da in einer Welt wie Hollywood tatsächlich alles käuflich und mehr Schein als Sein ist. So wie auch unser Haus, das von außen aussieht wie eine Megavilla, aber von innen erhebliche Baumängel aufwies. Aber was soll’s.

An meinem 21. Geburtstag hatte ich J.W., den Namen zensieren wir mal lieber, haha, einen jungen, aufstrebenden Modedesigner, den wir zuvor in einem Club kennen gelernt und zu uns ins Haus eingeladen haben, koksend und nackt im Whirlpool sitzen. Auch wieder eine Erfahrung, die etwas schockierend, aber lustig zugleich war. Und er war eigentlich ein echt netter Typ.

Sind die Leute, mit denen du ab und zu in Videos abhängst, wirklich deine Freunde?

Nach drei Jahren lernt man so einige YouTuber kennen und es gibt keinen einzigen, mit dem ich auf Kriegsfuß oder ähnlichem stehe. Man versteht sich eben super, weil jeder, der das macht, einen kleinen Knacks in der Birne hat. Und uns alle verbindet etwas: Die Produktion von Videos auf eigene Faust. Da entwickeln sich sehr schnell Freundschaften, vor allem, wenn man erst einmal zusammen ein Video gedreht hat. Dafür reicht es für mich erstmal, wenn man die Videos vom anderen cool findet.

Da jeder auf YouTube sehr stark seine Persönlichkeit vor der Kamera präsentiert, kennt man die Leute quasi schon ein bisschen und kann einschätzen, ob man sich mit ihnen versteht oder nicht. Klar habe ich auch Freunde, die gar nichts mit YouTube am Hut haben und jedes Mal verblüfft den Kopf schütteln, wenn jemand beim Bummeln durch die Stadt nach einem Foto mit mir fragt, aber genau so, wie es gut tut mit Menschen zu sprechen, die sich in einer ähnlich verrückten Situation befinden wie man selbst, so ist es auch super, sich über die normalen Dinge im Leben auszutauschen.

Hast du das Gefühl, dass du dich wirklich angestrengt hast, um deine heutige Abonnentenzahl zu generieren – oder geschah das eher so nebenher?

Ich würde sagen beides. Es geschah aber eher so nebenher, weil ich kein Mensch bin, der jeden Tag den Anstieg seiner Views und Abonnenten checkt, und ich mir irgendwann dachte: „Oh, upps. Schon eine Million… Craaaazy!“ Ich bin etwas verpeilt, das ist mein Problem. Da gibt es auch andere Sorten YouTuber, was aber eigentlich nötig ist, wenn man davon leben möchte. Entgegengesetzt der allgemeinen Meinung darüber, ist Videos auf YouTube machen sehr anstrengend.

Vor allem bei zwei bis drei Videos die Woche. Man muss sich das mal überlegen: Zwei bis drei Mal die Woche eine neue, kreative Idee, die den Nerv der Zeit trifft und so viele Menschen wie möglich ansprechen sollte. Plus haareraufend und deprimiert durch die Wohnung stapfen, weil die zündende Idee eben nicht mal so einfach vom Himmel fällt.

Man ist sein eigener Chef. Jeden Tag motiviert zu sein, sich an den Computer zu setzen, die Idee auszuarbeiten und ein freies Skript zu schreiben. Vor die Kamera setzen: Sieht der Hintergrund gut aus? Stimmt das Licht? Stimmen die Kameraeinstellungen? Ist der Ton so gut? Sich Gedanken machen, wie man was sagt, damit es richtig rüber kommt.

Gut drauf sein und unterhalten, auch wenn man mal keinen so guten Tag hat. Dann wieder an den Computer setzen und stundenlang schneiden, nur damit einem Premiere Pro abschmiert und man keinen Zwischenstand gespeichert hat. Video hochladen: Guter Titel? Gutes Thumbnail? Was muss in die Beschreibung rein? Video auf allen sozialen Netzwerken teilen und dann eine Minute nach Veröffentlichung des Videos „Du bist scheiße. Das Video ist schlecht!“ in den Kommentaren zu lesen. Ich will mich nicht beschweren, ich habe den besten Job der Welt. Aber es ist tatsächlich ein Job und harte Arbeit. Dass das von vielen noch nicht realisiert wird, macht einen ein bisschen traurig, aber das wird sich noch ändern. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Tatsächlich bin ich, wie viele andere auch, durch deine “10 Dinge, die Mädchen tun (aber niemandem erzählen)“-Liste auf dich aufmerksam geworden. Ist das dein persönliches Lieblingsvideo?

Auch wenn das mein erfolgreichstes Video ist, ist es nicht mein Lieblingsvideo. Wenn ich mir eines von meinen eigenen aussuchen müsste, würde ich einen Vlog von Reisen nehmen, die ich gemacht habe. Das ist eine schöne Erinnerung, die ich mit ganz vielen anderen Menschen teilen kann, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben an solche Orte zu gelangen oder bestimmte Menschen zu treffen. Den Gedanken finde ich schön.

Ich befand mich auf AMY&PINK irgendwann im Zwiespalt, ob ich lieber Content produziere, der mir selbst Spaß macht, oder von dem ich wusste, dass er den Lesern gefällt und viele Likes und Klicks generiert. Ist das auch für dich ein Problem?

Klar mache ich mir Gedanken darüber, welches Thema besonders gut funktioniert, aber ich würde nie ein Video machen, das mich selber nicht interessiert. Das würde man mir sofort ansehen und so ein Video anzugucken macht dem Zuschauer keinen Spaß, weshalb das Video vielleicht auch gar nicht so erfolgreich wäre.

Ich versuche immer Themen zu finden, die ich lustig finde und die mit hoher Wahrscheinlichkeit funktionieren werden. Da hat sich bis jetzt immer etwas gefunden. Außerdem ist mein Kanal eher um mich als Person herum als um Themen aufgebaut, weshalb sich dieses Problem quasi von selber löst.

Bist du persönlich sehr traurig, wenn mal ein Video nicht so oft geklickt wird, wie du es dir vielleicht erhofft hast?

Manchmal gibt es Videos, die einem sehr am Herzen liegen oder von denen man denkt „Das wird jetzt der absolute Knaller!“, die dann echt wenig geschaut werden. Das macht mich schon ein bisschen traurig, aber das ist gleichzeitig genau das Spannende an YouTube. Man kann einfach nicht genau sagen, was funktionieren wird. Ich habe schon von vielen YouTubern gehört, dass sie sich bei Videos dachten „Na, das war jetzt nicht so dolle“ und genau diese Videos am Ende eines der erfolgreichsten auf dem Kanal geworden sind.

Erzähl mal ein wenig aus dem Nähkästchen, welcher YouTube-Star ist in Wirklichkeit ein hochnäsiges Arschloch, wer wird ziemlich unterschätzt, obwohl er toll ist, wer müffelt ein bisschen?

Klar mag man den einen YouTuber mehr als den anderen, so wie man eben den einen Menschen mehr als den anderen mag, aber im Grunde verstehen sich alle, weswegen ich hier niemanden in die Pfanne hauen möchte. Ich persönlich hatte noch nie ernsthafte Probleme mit meinen Kollegen, deswegen kann ich dazu ehrlich nichts sagen, was nicht unfair wäre.

Unterschätzt werden so viele, dass man das gar nicht hier aufzählen könnte. So viel Talent, das in der Masse leider untergeht. Vor allem, wenn man nicht Peniswitze-Comedy, Beauty oder Let’s Plays macht. Das wird sich aber alles noch entwickeln. Und niemand müffelt, nur weil wir Nerds sind, die komische Videos im Internet machen. Alle YouTuber riechen wie Einhörner!

Wie sehr hat diese Videoplattform dein Leben verändert?

Durch YouTube hat sich mein Leben beängstigend stark verändert. Das fängt schon bei Themen wie Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit an. Sich zu denken: „Leute, das bin ich, akzeptiert mich so wie ich bin.“ Ich wurde oft ins kalte Wasser geschmissen, indem ich zu Events und Treffen gefahren bin, um mit Menschen abzuhängen, die ich eigentlich nur aus Videos und vom Chatten her kannte. Ich war als Kind und den Großteil meiner Jugend sehr unsicher und schüchtern.

Durch YouTube habe ich gelernt, über meinen Schatten zu springen und mich zu überwinden auf andere Menschen zuzugehen, eine wichtige Lektion meiner Jugend, für die ich sehr dankbar bin. Ich habe gelernt, mit Kritik klarzukommen, egal wie unkonstruktiv sie auch sein mag. Der Traum, auch mal größere Projekte, vielleicht sogar Filme zu produzieren, hat sich durch das Videos machen in mir aufgetan.

Ich habe Menschen kennen gelernt, denen ich ohne YouTube wahrscheinlich nie im Leben über den Weg gelaufen wäre und die ich heute nicht missen möchte. Reisen, Lebenserfahrung, gute und schlechte Seiten von einem gewissen Grad an Bekanntheit kennen gelernt. Ich könnte noch ewig weiter aufzählen. Wie gesagt: Beängstigend.

Denkst du manchmal darüber nach, was du mit deiner Zeit anstellen würdest, wenn es YouTube nicht geben würde?

Ich wäre wahrscheinlich, wie die meisten in meinem Alter, immer noch auf der Suche nach etwas, was mich erfüllt. Nur würde ich mich nicht trauen zu suchen. Ich wäre den einfachsten Weg gegangen und hätte nach dem Abi erstmal ein Jahr zu Hause gesessen, von meiner großen Schwester gezwungen ein bisschen rumzureisen, was ich aber nicht machen würde, weil ich viel zu viel Angst hätte.

Dann hätte ich irgendeinen x-beliebigen Studiengang ausgewählt, vielleicht sogar bei meiner Schwester in London und würde verschüchtert durch dunkle, nasse Gassen laufen. So schlimm wäre es wahrscheinlich nicht gewesen, aber ich stell’ mir das Leben ohne YouTube irgendwie viel trüber vor… Ich denk’ lieber gar nicht drüber nach.

Wenn du auf Veranstaltungen wie der Gamescom oder den VideoDays abhängst und dich ständig fremde Menschen anquatschen, fühlst du dich da gut – oder nervt das eher?

Ich find’s super! Die letzten Jahre habe ich es immer total genossen, die Menschen, die meine verrückten Videos gucken, ein bisschen kennen zu lernen, um herauszufinden, was sie auf diesen Pfad gelenkt hat. Es ist schön, so viele Leute zu treffen und mal live zu spüren, was die Videos, auch wenn sie von den meisten Menschen als absoluter Quatsch abgetan werden, den Zuschauern bedeuten. Aber es ist anstrengender als man denkt, so viele Menschen auf einmal zu treffen, die alle was von einem wollen. Nach so einem Tag reicht es noch für einen Drink und dann fällt man erschöpft ins Bettchen.

Hast du das subjektive Gefühl, dass YouTube unsere Jugend klüger oder eher doch dümmer macht?

Meiner Meinung nach weder noch. YouTube ist eine Plattform, die hauptsächlich unterhält. Wieso sollte man von Unterhaltung dümmer werden? Außerdem werde ich tausendmal lieber von authentischen, sympathischen Menschen, die ich mir selber aussuchen kann, auf YouTube unterhalten, als von Schauspieler XY, der außerordentlich realistische Emotionen bei „Mitten im Leben“ zu tausendmal durchgekauten und einfallslosen Szenarios performt.

Wie gehst du mit Trollen um?

Ich hab mich an die Trolle gewöhnt. Klar geht das nicht komplett an einem vorbei. Ich habe auch mal einen schlechten Tag, an dem mich der ein oder andere Kommentar verletzt, aber ich habe gelernt, darüber zu stehen. Mein guter Freund MrTrashpack hat mal etwas sehr Weises zu mir gesagt: Die Menschen haben einen schlechten Tag, kommen nach Hause und müssen irgendwo ihren Frust loswerden. Solange das ganz harmlos unter meinem Video passiert, stehe ich gerne dafür zur Verfügung. So ungefähr. Das fand ich super.

Wenn du deinen Zuschauern eine Sache ganz direkt sagen könntest, ohne auf witzig machen zu müssen, und die würden das dann auch geschlossen einhalten – was wäre es?

Nehmt euch selber und eure Umwelt nicht allzu ernst und geht immer freundlich auf eure Mitmenschen zu. Man weiß nie, wer grade eine harte Zeit durchmacht. Das sind die zwei Dinge, die mir spontan einfallen, um für sich selbst, abgesehen von äußeren Einflüssen, ein glückliches Leben zu führen.

Wurdest du schon mal so richtig gestalkt?

Nicht so richtig. Natürlich wurden mir schon Google-Earth-Bilder mit rotem Pfeil zu meinem Zimmerfester per E-Mail geschickt, Präsentkörbe vor die Tür gelegt und Briefe an meine private Adresse geschickt, aber als richtiges Stalking kann man das ja nicht bezeichnen. Wenn ich ein bestimmtes Verhalten nicht gut heiße, dann ignoriere ich es. Normalerweise hört das nach einer bestimmten Zeit von alleine auf. Ich wohne aber auch noch sehr versteckt und behütet in einer kleinen Stadt in Bayern. Von YouTubern, die in Köln oder Berlin leben, hört man andere Geschichten.

Ist es nicht nervig für weibliche YouTuberinnen, wenn die gefühlte Mehrheit einfach nur ihre Brüste sehen will?

Am Anfang haben mich solche Kommentare schon sehr belastet. Ich habe in Videos nur weite, hochgeschlossene T-Shirts getragen, weil es mir sehr wichtig war, dass die Zuschauer meine Videos wegen meiner Person und nicht wegen meiner Brüste anklicken oder weil ich halt ein Mädchen bin, wooow. Mittlerweile sind das Old News und nichts besonderes mehr.

Ein dummer Witz, den der 600.000ste 11-Jährige unter meinem Video macht. Wenn ich auf sowas eingegangen bin, dann nur, um mich darüber lustig zu machen, wie lustig sich die Verfasser fühlen, während sie diesen Kommentar verfassen. Das ist mittlerweile aber auch schon langweilig.

Als Vorteil genutzt habe ich das bis jetzt nur ein einziges Mal: In “10 Dinge, die Mädchen tun (aber niemandem erzählen)“, aber auch nur weil es einfach die Wahrheit ist und gut zum Thema gepasst hat. Es ist was anderes, seine Brüste ins Spiel zu bringen, weil es zum Thema passt oder ein Video zu machen, um seine Brüste zu zeigen, denke ich.

Wie stehen die Chancen, dass du in den YouTube-Kommentaren deinen Traummann findest?

Oh, eher schlecht. So ein YouTube-Kommentar gibt einem nicht wirklich viel preis, nicht einmal, wenn es unter allen anderen heraussticht. Außerdem ziele ich es nicht darauf ab, meinen Traummann auf YouTube zu begegnen. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn jemand bewusst Videos macht, um unter den Zuschauern einen Partner zu finden… Interessantes Konzept. Sollte mal jemand versuchen. So richtig mit das Date dann vloggen und so. Nichts für mich, aber würde bestimmt funktionieren.

Was waren die kreativsten Anmachsprüche, die du jemals in den Kommentaren bekommen hast – und welche die miesesten?

Die kreativsten kann ich jetzt gar nicht benennen. Ist mir trauriger Weise nicht im Gedächtnis geblieben. Dafür habe ich ein ganzes Video über die miesesten „Anmachsprüche“ gemacht! „Is’ bestimmt Ü18 – Kelly liest perverse Kommentare #24“.

Schon mal Penisfotos in der Inbox gehabt?

Zum Glück nicht, glaube ich. Könnte aber auch sein, dass ich einfach nur die falschen Nachrichten öffne, hehe.

Kommunizierst du deinen Zuschauern ganz offen, wenn du in einer Beziehung bist – oder verheimlichst du das lieber so total boybandmäßig?

Ich würde kein öffentliches Statement abliefern, dass ich jetzt vergeben bin und an wen oder so. Ich würde es aber auch nicht verheimlichen. Die Dinge würden einfach ihren Lauf nehmen und die Zuschauer, die sich dafür interessieren, sollen sich ihren eigenen Teil dazu denken. Eine Beziehung zu verheimlichen ist anstrengend, es schränkt vieles ein und das ist keine schöne Atmosphäre für Liebe, finde ich. Man muss das Ganze aber auch nicht an die große Glocke hängen, das stresst auch. Es gibt aber sicherlich Pärchen, die gerne mit sowas umgehen und dann können sie das auch so machen. Jedem das Seine.

Würdest du dich selbst als Feministin bezeichnen?

Ich denke, in jeder Frau schlummert ein Feminist. Welcher Mensch will denn aus freiem Willen nicht sozial, politisch und wirtschaftlich gleichgestellt zu seinen Mitmenschen sein? Ich denke, viele haben Angst vor dem Wort Feministin, weil es irgendwie negativ belastet ist. Dabei bedeutet es erstmal nichts anderes als die Forderung zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Das sollte niemand schlecht finden.

Ich weiß, diese Frage hörst du wahrscheinlich von jedem, aber ich weiß es immer noch nicht: Kann man von YouTube leben?

Wenn man genügend Klicks macht, kann man durch Werbung, die vor den Videos läuft, Product Placements oder externen Auftritten bei Events genug Geld verdienen, dass man davon Leben kann, ja.

Viele YouTuber produzieren ja CDs, Bücher und anderes Merchandise – und geben sogar Konzerte. Wo bleiben die Kelly-T-Shirts – und wann gehst du endlich auf Tour?

Wenn ich sowas mache, dann will ich es auch richtig cool und gut machen. Ich lasse mir für solche Dinge viel Zeit, deswegen kann ich dir das leider nicht sagen. Aber du bekommst die CD, das Buch und ein T-Shirt natürlich sofort zugeschickt!

Genau das wollte ich hören. Mit welchem internationalen YouTuber würdest du gern mal ein Video drehen?

Ich würde unglaublich gerne eine Folge „My Drunk Kitchen“ mit Hannah Hart drehen, Daily Videos und Challenges mit Grace Helbig machen und mit Mamrie Harts Hund spielen. Diese drei Frauen sind meine absoluten YouTube-Vorbilder, weil sie ohne Special Effects, aufwändige Kamerafahrten oder gescriptete Sketche einfachen und super lustigen Content liefern.

Welche Tipps gibst du jungen, und vielleicht auch älteren, Menschen, die auf YouTube Erfolg haben wollen?

Probiert alles aus, lernt von Video zu Video dazu und habt ganz viel Spaß. Das Wichtigste an einem Video, finde ich, ist, dass man die Leidenschaft hinter dem, was man produziert, sieht. Und lasst euch vor allem nicht von den Videos großer YouTuber abschrecken. Man hat eben nicht von Anfang an gleich das Megateam, das einen unterstützt. Einfach sein eigenes Ding machen, die Zeit bringt einem alles bei, was man wissen muss.

So, genug von YouTube. Was machst du eigentlich sonst noch so?

Das ist schwierig. Alles, was ich mache und was mir Spaß macht, dokumentiere ich ja auf YouTube. Das nimmt also eigentlich mein ganzes Leben ein. Das einzige Mal, dass keine Kamera dabei ist, ist, wenn ich meine Nicht-YouTube-Freunde treffe oder meine tschechische Familie besuche. Da mein Hobby gleichzeitig mein Beruf ist, mache ich nichts nebenher. Selbst wenn ich reise, was sich zu einer großen Leidenschaft entwickelt, im Moment, mache ich Videos drüber. Wenn ich über mein Leben rede, ist YouTube nunmal nicht mehr auszuschließen und fließt überall mit ein.

Ich versuche jetzt jede Woche mindestens ein Buch zu lesen, aber das Internet lenkt mich immer wieder ab, schon nach den ersten drei Seiten. Hast du ‘nen Tipp für mich?

Dann wird es nicht das richtige Buch für dich sein. Ich lese selber nur Bücher, die mich sofort fesseln, da denke ich gar nicht mehr ans Internet. Allgemein muss man sich einfach bewusst darüber werden, was für eine Entspannung es ist, mal nicht 24 Stunden auf Facebook online und rund um die Uhr erreichbar zu sein. Vor allem, wenn das Internet quasi dein Job ist. Handy in eine Ecke werfen, Laptop zuklappen und sich selber runterfahren.

Was sind deine Lieblingsseiten im Netz?

Meine Lieblingsseite ist eindeutig Tumblr. Der Humor auf dieser Plattform ist einfach unschlagbar. Es ist quasi die Quelle des Internethumors. Alles, was auf 9Gag, Facebook etc. viral geht, gab es Wochen zuvor schon auf Tumblr. Außerdem bekommt man einen Einblick in die verrücktesten Fandoms, in denen Nutzer Folgen einer Serie Frame für Frame auseinander nehmen und analysieren, diskutieren. Macht total Spaß, die verschiedenen Meinungen zum Weltgeschehen unter eindrucksvollen Bildern zu lesen. Tumblr ist einfach cool!

Ich kann sowohl Kanye West als auch Kim Kardashian nicht ab. Welchem Promi würdest am liebsten eine mitgeben, wenn du ihn auf offener Straße sehen würdest?

Keinem. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich selber oft sehr oberflächlich bewertet werde, oder ob’s mich einfach nicht genug kümmert, was Promis machen, um mich darüber aufzuregen, aber ich fühle mich von Personen der Öffentlichkeit echt nicht genug gereizt.

Interessierst du dich für Politik?

Mein Problem war, dass ich in der Schule Sozialkunde verabscheut habe, wo man politische Themen anspricht und darüber diskutiert, weshalb ich mich außerhalb der Schule auch lieber mit YouTube beschäftig habe als mich fürs Weltgeschehen zu begeistern. Mittlerweile ändert sich das langsam.

Allerdings interessiert mich im Moment Politik der Vergangenheit, ich hole meine Geschichtskenntnisse nach. Ebenfalls ein Fach, auf das ich in der Schule nicht viel Wert gelegt habe. Ich denke, ich werde mich vorarbeiten. Ich merke, dass das politische Interesse tatsächlich mit dem Erwachsenwerden wächst.

Sagen wir mal, der Playboy würde dir 100.000 Euro bieten, damit du blank ziehst. Würdest du’s machen?

Nein, das hebe ich mir für den Moment auf, an dem ich so verzweifelt Ruhm suche, dass ich mich sogar dafür ausziehe. Also nicht alle Frauen machen ein Playboy-Shooting nur aus diesem Grund, aber ich hebe mir das auf. Das ist schlau. Okay?

Würdest du ins Promi-Big-Brother-Haus einziehen?

Nö, ich will nicht 24 Stunden am Tag beobachtet werden. Das wäre mir einfach zu unangenehm. So offen bin ich dann doch nicht.

Wie sieht deine Zukunft aus?

Ich weiß nicht so genau. Ich mag es eigentlich gar nicht zu weit voraus zu planen und lasse das meiste einfach auf mich zukommen. Das Einzige, was ich für meinen Kanal plane, ist vielleicht etwas öfter ernstere Themen anzusprechen. Am liebsten in Kurzfilmform. Persönlich: viel Reisen, sich mit anderen Kulturen konfrontieren und Menschen kennen lernen, die ein ganz anderes Leben führen und sich mit ihnen austauschen.

Wahrscheinlich habe ich heute öfter das Wort YouTube benutzt als je zuvor. Lust auf ‘ne Tasse grünen Tee?

Sehr gerne! Aber ich würde liebe Pfefferminztee trinken, wenn der auch zur Auswahl steht. Der schmeckt mir einfach besser. Nichts gegen grünen Tee. Grüner Tee ist auch super.

Die Illustration stammt von Kelly Svirakova
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen
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Halt's Maul, Berlin!Ich bin dann mal im Off-Modus

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft m...
Halt's Maul, Berlin!Ich bin dann mal im Off-Modus

Halt's Maul, Berlin!

Ich bin dann mal
im Off-Modus

Wenke Walter

Es ist kurz vor drei Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft muss immer rein. Ich will echten Sauersttoff atmen. Keinen Smog, keinen Rauch. Keine Sinnesillusionen mehr. Mit der Reinheit der Luft klärt sich auch mein Gedankennebel peu à peu. So langsam verstehe ich mal wieder. Solche Breaks braucht es ab und zu.

Natürlich ist es nachts. Nachts kann ich klarer denken. Die unruhigen Geister der Großstadt schlafen zum Glück. Endlich habe ich den nötigen Raum, um meine Gedanken auf den Spielplatz der Möglichkeiten zu entführen. Jetzt und hier können sie sich austoben. Ungeniert weit und lange im Unbekannten weilen. Wann, wenn nicht jetzt und hier? Keine Uhr, die tickt. Kein Wecker, der klingeln muss. Die kleine Freiheit. Die, die man sich täglich nehmen sollte aber nur viel zu selten nehmen will. Aus Angst vor dem Nichts, aber manchmal ist das genau das Richtige.

Berlin, du hast mich hart gemacht. Ich wollte dich so laut hören, wie ich nur konnte. Das habe ich. Angeschrien hast du mich. Du hast mir die verschiedensten Sekrete der Glückseligkeit aus allen möglichen Löchern gepustet. Mich im Anlitz des Vorzeige-Sonntags-Sonnenuntergangs tröpfchenweise weinen lassen. In großen Momenten warst du mein Pinky und ich dein Brain. Ich suhlte mich in deiner Coolness und übergoss mich unaufhörlich mit deinem individualistischen Charme des puren Purismus. But now, shut the fuck up. Please.

Berlin, ich will Stille. Bitte halt jetzt einfach deinen Mund und lass mich hier mit meiner Ruhe in Ruhe. Mach den Schmutz, die Autos und die widerliche Ignoranz jedes Einzelnen aus. Fahr auf Kur, leg dir ein Haustier zu oder kaufe dir einfach nur eine Pflanze. Mach Urlaub von dir selbst.

Jetzt mal ehrlich: Wie lange kann sich eine Hauptstadt eigentlich selbst ertragen, ohne kulturell zu implodieren? Menschen rasten grundlos aus, weil die Fassade bröckelt. Schöne, talentierte Individualisten transformieren zu geistlosen Seelenhyänen. Wäre es nicht tragisch? Der Aufstand der Hipster gegen das Hipstertum. Ach kommt, das wird nie passieren. Das ist Gedankenromantik.

Schürt diese Stadt also eine Art Selbsthass? Nein. Sie zwingt dich nur zur maßlosen Selbstreflexion. Eigentlich ist sie nichts anderes, als die ursprüngliche Idee der Seifenblase. Von weitem wirkt sie groß, stark, so voller Träume. Eine verschwommene Mischung aus der bunten Neugier nach unzählig vielen Dingen und der kindlichen Sehnsucht nach einem eigenen Platz in der Welt. Wer zu nah an die Blase kommt, läuft Gefahr sie zu zerstören.

Wenn sie dann wirklich mal durch Eigenverschulden zerplatzt, wird man ruhig und geht für eine Weile sicherheitshalber in den plötzlichen Off-Modus. Es ist noch nicht einmal vier Uhr. Die Wand, an der ich lehne, ist inzwischen auf Körpertemperatur gepimpt. Ich atme schon so lange diese Stille, dass ich sie nähre. Nur ein alter, zufriedener Buddha ist jetzt gechillter als ich. Berlin, ich liebe dich am meisten, wenn du ab und zu mal deinen Mund hältst und zuhörst.

Die Fotografie stammt von Stefan Widua
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Generation One-Night-Stand: Tinder hat uns die große Liebe geklaut

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber neben meine Mitbewohnerin aufs Sofa setze, das mit der Pizza ist halb so schlimm – als Student leb...
Generation One-Night-Stand: Tinder hat uns die große Liebe geklaut

Generation One-Night-Stand

Tinder hat uns die
große Liebe geklaut

Anne Müller

Es ist einer dieser typischen Donnerstagabende, als ich mich nach der überaus anstrengenden Arbeit mit meiner an der einen Seite etwas zu braunen Tiefkühlpizza aus dem billigen Supermarkt von gegenüber neben meine Mitbewohnerin aufs Sofa setze, das mit der Pizza ist halb so schlimm – als Student lebt man schließlich nur von Luft und Liebe.

Da Letzteres in dieser Wohnung aktuell wohl nur in Form vom Schnurren der Katze vorhanden ist, sitzt meine Mitbewohnerin seit einer Stunde vor dem Fernseher, das Kissen umschlungen wie einen potentiellen Partner, und sieht sich auf dem wohl liebsten Privatsender der Deutschen „Doctor’s Diary“ an – Gretchen Haase in ihrem erbittertem Kampf um die große Liebe.

Wobei hier jedem halbwegs intelligenten und aufmerksamen Menschen nach maximal fünf Minuten klar ist, mit wem die moderne Version einer hoffnungslosen, blonden Romantikerin am Ende zusammen sein wird, ohne an dieser Stelle nun eure absolute Lieblingsserie spoilern zu wollen, Jugendschwarm und die große Liebe ihrer Träume: Marc Meier. Genau. Der.

Das einzig Realistische an der Serie ist wohl nur, dass sich die weiblich wohlgeformte Hauptdarstellerin zu jedem erdenklichen Zeitpunkt mit Schokolade tröstet. Pünktlich zum nächsten Werbeblock meldet sich das Smartphone mit lauten Tönen zu Wort, eine kurze, maximal drei Seiten lange, SMS, ja es gibt noch Leute die SMS schreiben, einer Freundin darüber, wie grausam ihr wohl hundertstes Date mit einer Onlinebekanntschaft war. Nie wieder würde sie so etwas machen. Das ist eine glatte Lüge.

Dank unzähligen Apps wie Tinder, Lovoo und Co. geht das Stalken, Liken und Treffen heute so schnell wie noch nie. Dabei denken wir nur noch selten an die überaus schwierigen Zeiten zurück, in denen man eine Facebook-Freundschaftsanfrage an eine Person, die man nicht direkt kannte oder zu den eigenen Freunden zählte, sogar noch mehr als recht begründen musste bzw. sich erst einmal in ein bis zwei Nachrichten vorstellte, um nicht als der totale Creep verschrien zu werden.

Inzwischen reichen also ein bis fünf mehr oder weniger freizügige Bilder, ein kurzer, müder Blick und eine schicksalshafte Wischbewegung aus, um zu entscheiden, wer ein potentieller Partner, für nur eine Nacht oder womöglich etwas länger, wäre. „Willkommen im Kaufhaus – Welches unserer vielfältigen Modelle hat ihnen denn am meisten zugesagt?“

Unsere überaus verwöhnte und undankbare Generation hat wohl das ambivalenteste Verhältnis zur Liebe, das man sich vorstellen kann. Einerseits träumen wir alle, ohne Ausnahme, von diesem einen, ganz besonderen Menschen und wollen die große Liebe, diese eine, die für immer oder zumindest bis zum selbstverursachten Lungenkrebs anhält.

Andererseits konsumieren wir einander, suchen immer nach der besten Option, wenn nicht alle Punkte auf der inneren Checkliste stimmen, sodass unser Leben wie geplant weiterläuft. Kein Kurzstopp in Love-City, um den Plan neu zu schreiben, ziehen wir weiter, wischen wieder nach links, bis uns der nächste potentielle Traumpartner auf dem kleinen Display anlächelt. Wer auch nur ansatzweise schwierig erscheint, wird gelöscht. So etwas können wir gerade wirklich nicht gebrauchen.

Um die Enttäuschung nach dem nächsten gescheiterten Date zu überwinden, trifft man sich dann freitags zum Kino, ein Muss in einer solchen Situation, natürlich der neueste Film von Schweiger oder Schweighöfer, Kerle die selbst keine Rollenvorbilder sind, was die ewige und große Liebe betrifft, erzählen einem in der gefühlt hundertsten Version der selben Story, wie groß und mächtig dieses Gefühl doch sei und dass man auch jeden Mist bauen darf, denn die große Liebe verzeiht einem das schon.

In der kalten und überaus unfairen Realität, auch bekannt als die echte Welt, gilt selbst heutzutage eben nicht das gütige Motto „Das Zimmermädchen und der Millionär“, sondern eine frostige Wahrheit namens „Der Adel heiratet immer in den gleichen Kreisen“, auch wenn wir allesamt seit William und Waity Katie vom märchenhaften Happy End träumen dürfen.

So laufen wir weiter durch die Gegend, auf der Suche nach etwas, dass man nicht wie ein paar billige Schuhe im Schlussverkauf finden kann, nicht auf Knopfdruck mit dem Prince Charming vom grell leuchtenden Werbeplakat auf der anderen Seite der Straße bestellen kann. Nicht, dass wir kein Happy End wollten, wir haben nur teilweise verlernt, wie man eines bekommt.

So verlangen wir vollstes und zweifelsfreies Vertrauen, lassen uns aber gleichzeitig unser eigenes in den Anderen nehmen, von Statusanzeigen – wer, wann, wo zuletzt online war, unsere Nachricht gelesen, aber (noch) nicht beantwortet hat. Wir wollen den Kontrollverlust, das Ungewisse, vermeiden, bei einem Gefühl, das jedoch genau diese Dinge mit sich bringt.

Und wenn wir mal ehrlich sind, ist es doch das, was wir wollen, jemanden treffen und das Gefühl zu haben, nicht mehr Herr oder Herrin unserer selbst zu sein, den ganzen Tag grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Stadt laufen, von pfeifenden Vögeln und herunter fallenden Rosen umgeben, alles rosa und süß und frei und hoffnungsvoll. Wie schön!

Vielleicht ist es also mal wieder an der Zeit, die an Dramatik übersteigerte Komödie im Kino oder Zuhause in der DVD-Packung, das Smartphone und die App voll mit hübschen Männern und Frauen, und allem, was womöglich dazwischen liegt, in der vorgewärmten Hosentasche zu lassen, bis man es dann braucht, um sich die Nummer vom netten Kerl aus der Getränkeabteilung des Supermarktes oder der Bar, den man vorher natürlich nicht googlen konnte, zu speichern.

Denn seien wir doch alle an dieser Stelle mal ehrlich: Es ist doch auch viel schöner, auf die Frage „Und wo habt ihr euch kennen gelernt..?“ mit einer wahren Geschichte zu antworten. Und nicht mit einer, die man sich erträumt hat. Dann muss man auch nicht mehr die Donnerstagabende mit seiner soapguckenden Mitbewohnerin und der schnurrenden Katze verbringen.

Die Fotografie stammt von Igor Starkov
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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#NotJustSad: Hallo, ich bin depressiv

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glück...
#NotJustSad: Hallo, ich bin depressiv

#NotJustSad

Hallo, ich bin
depressiv

Jana Seelig

Ich bin nicht einfach nur traurig, ich bin depressiv. Das ist etwas anderes als traurig zu sein. Meistens bin ich ziemlich glücklich, wenn ich traurig bin. Das klingt irgendwie absurd, aber so ist das eben, wenn man die meiste Zeit nichts fühlt. Man ist glücklich, weil man traurig ist. Man ist glücklich darüber, dass man überhaupt etwas fühlt. So ist das, wenn man depressiv ist. Also zumindest ist das bei mir so.

Ich bin allerdings nicht nur depressiv, sondern auch das Mädchen aus dem Internet. Das depressive Mädchen aus dem Internet. Das, das mit seiner Depression und ein paar wütenden Tweets dazu einen Ruck durch Deutschland und das Thema Depressionen wieder in die Öffentlichkeit gebracht hat. Das zumindest schreiben die Zeitungen über mich.

Das stimmt so allerdings nur bedingt. Ich habe ein Thema angeschnitten, das die Welt nicht erst seit dem Absturz der Germanwings-Maschine beschäftigt. Ich war nicht die Erste. Ich war nicht die Wütendste. Und ich war bei weitem nicht die Einzige.

Meine Depression war für mich nie ein Geheimnis. Aber eben auch kein Thema, das ich, wann immer es ging, in die Runde warf. Scrollt man durch meine Tweets der letzten Jahre findet man immer wieder solche, die sich um meine Antidepressiva, Arztbesuche oder Gespräche mit meiner Therapeutin drehen.

Ich führte sogar einen kleinen Blog, der sich am Rande mit dem Thema beschäftigte – aber ich tat das eben nicht so offensiv, wie an diesem einen Tag, wo ich zum ersten Mal in der Halböffentlichkeit des Netzes den Satz aussprach: “Hallo, ich bin depressiv.”

“Hallo, ich bin depressiv” ist ein Satz, mit dem ich mich nirgendwo vorstellen würde. Die Sätze, die ich im Normalfall sage, wenn ich mich jemandem vorstelle, sind eher so “Hallo, ich mag Katzen!” oder “Hallo, du hast da Dreck am Kinn.” Seit einem knappen halben Jahr muss ich allerdings auch niemandem mehr sagen, dass ich depressiv bin. Es weiß sowieso jeder.

Einerseits ist das ganz gut, denn ich bin in neuen Beziehungen nicht mehr dazu gezwungen, irgendwann die Bombe platzen zu lassen – und glaubt mir, depressiv zu sein ist wie permanent eine Bombe mit sich herumzutragen, die sich irgendwann entzündet und alles in dir und deinem Körper lahm legt. Andererseits kämpfe ich seitdem mit einem neuen Problem. Ich bin eben nicht mehr die, die Katzen mag oder andere Leute auf Dreck am Kinn hinweist, sondern die Depressive. Die Depressive mit dem Hashtag. Nicht einfach nur traurig, echt jetzt.

Wenn ich jemanden kennenlerne, sehen meine Gespräche in etwa so aus. „Hi, ich bin Jana.“ „Ach, du bist die mit dem Hashtag.“ „Nein, bin ich nicht. Ich bin die mit der Haiphobie und der schwarzen Katze.“ „Hä?“ Hallo, ich bin Jana und ich bin depressiv. Ich bin nicht einfach nur traurig. Ich habe nie einen Hashtag erfunden, sondern nur ein paar Tweets in die Welt gefeuert, die an meinen Ex-Freund gerichtet waren. Liebe Grüße an der Stelle.

Tweets, die geteilt und aufgegriffen wurden. Tweets, auf die andere Menschen auf Twitter mit ihren eigenen Geschichten reagiert haben. Tweets, aus denen schlussendlich ein Hashtag erstand, das von tausenden Leuten genutzt und groß gemacht wurde. Nicht ich habe das Thema wieder in die Öffentlichkeit gebracht, sondern alle, die unter dem Hashtag und auch abseits davon mitgetwittert haben. Der Hashtag hat viel Gutes getan. Aber eben nicht nur.

Er katapultierte mich in eine Öffentlichkeit, auf die ich nicht gefasst war. Ich wusste ja, dass die Medien hart sind, aber dass sie so hart und auch hartnäckig sind, hat mir im Vorfeld keiner gesagt. Ich hab beschlossen, mich dem zu stellen und es hat einiges an Mut erfordert, zum ersten Mal in eine Kamera zu sagen, dass ich depressiv bin. Währenddessen ging meine Liebe endgültig den Bach hinunter. Freundschaften zerbrachen. An Streit. An Neid. An Dingen, für die ich bis heute die Gründe suche.

Ich wurde mit Vorwürfen überhäuft, dass ich nicht jedem von meiner Depression erzählt habe, mit dem ich regelmäßig in Kontakt bin – aber naja, ich rede halt lieber über Lippenstifte und schlechte Popmusik, als dass ich mich an den Küchentisch setze und heule, dass mein Leben voll schlimm ist. Ist es nämlich nicht. Naja, außer wenn ich eine depressive Phase hab, und dann rede ich mit niemandem. Ich putze mir noch nicht mal die Zähne, verdammt!

Tag für Tag erreichen mich Mails, in denen ich angegriffen werde. Die harmlosen beschimpfen mich als depressive Schlampe. Die schlimmeren drohen mit Vergewaltigung, denn offensichtlich ist Mann der Meinung, dass Sex ohne Einverständnis meinerseits mich von meiner Depression heilen kann.

Von den ganz schlimmen will ich überhaupt nicht reden. Mittlerweile schützen mich verschiedene Spamfilter vor vielen diesen Mails, aber eben nicht vor allen. Manchmal rutscht dann eben doch eine durch, die besonders geschickt formuliert ist. Das treibt mich jedes Mal erneut an den Rand einer Depression.

Twitter ist für mich unbenutzbar. Was einst für mich ein Freizeitspaß war, auf dem ich mit Vorliebe über Titten schrieb, ist nun bitterer Ernst. Ich darf nicht mehr sagen, was ich sagen will, weil ich jetzt die Depressive bin. Man verbietet mir den Mund, weil es sich für eine “Identifikationsfigur”, zu der ich irgendwie gemacht wurde, nicht schickt, sich einen Schwanz in eben diesen zu schieben. Das ist nicht nur wahnsinnig anstrengend, sondern greift auch einen Teil meiner Identität an. Genauer gesagt: Es nimmt mir einen Teil der Identität einfach weg.

Pimmel. Pfefferminzschnaps. Popmusik. Das alles sind Dinge, über die ich mich nicht definieren will, doch sie sind eben ein Teil von mir. So, wie die Depressionen eben auch ein Teil von mir sind. Die zelebiere ich im Gegensatz zu Pimmeln, Pfefferminzschnaps und Popmusik allerdings nicht gern. Ich beschäftige mich lieber mit Dingen, die mich glücklich machen. Und das machen Depressionen einfach nicht.

Ja, Awareness ist gut und man muss darüber sprechen – aber Selbstschutz ist wichtiger als der Kampf gegen Dinge, die einen auf Dauer nur erdrücken. Und für meinen Selbstschutz ist es wichtig, dass ich speziell von meinem privaten Umfeld im Gesamten wahrgenommen werde und eben nicht als die, die irgendwie krank ist.

Im Großen und Ganzen bin ich schon sehr glücklich darüber, wie die Sache für mich gelaufen ist. Also vorausgesetzt, ich fühle überhaupt mal was. Ich darf etwas bewegen. Ich bin nur ein kleiner Teil davon, doch dass auf mich als Einzelperson Wert gelegt wird, ist eine vollkommen neue Erfahrung.

Und das möchte ich nutzen, um auf andere Einzelschicksale aufmerksam zu machen. Weil Depressionen eben nicht nur Einzelschicksale sind, sondern etwas, das uns alle betrifft. Jeder kämpft für sich, Tag und Tag, um sich selbst, doch nur ein Kollektiv ist stark genug, sich gegen die Stigmatisierung zu wehren.

Es gibt da allerdings so eine Sache, mit der ich nicht so glücklich bin. Nämlich einige der Tweets, die ich in meiner Rage ganz unbedacht in den Raum warf. In dieser Zeit, in der ich regelmäßig auf Reisen war und mit den verschiedensten Menschen über Depressionen sprach, habe ich nämlich einiges dazu gelernt.

Zum einen, dass man Nicht-Depressive eben nicht aus der Diskussion ausschließen darf. Arschlöcher hingegen schon. Sie können nur verstehen, wenn sie zuhören und sich austauschen dürfen – und das erreicht man nicht, wenn man sie beschimpft und ihnen ihre eigene Meinung abspricht, so wie ich das in meinen damaligen Tweets getan habe. Zum anderen ist ein Hashtag nicht das Maß der Dinge. Es ist ein Anfang – aber es darf nicht allein bei dem Hashtag bleiben.

Und deshalb stelle ich mich trotz allen Hasses, der auf mich einprasselt, ins Fernsehen und auf Bühnen, um von meinen Nicht-Gefühlen zu erzählen, schreibe Artikel und Bücher und beantworte jeden Tag zahlreiche Emails von anderen Betroffenen, wobei ich immer darauf achte, keine therapeutische Rolle einzunehmen, sondern eher die eines guten Freundes, an dessen Schulter man sich ausweint.

Ich repräsentiere eine Geschichte. Meine Geschichte, um genau zu sein. Es ist ein Einzelschicksal, das irgendwie doch kein Einzelschicksal ist, weil viele fühlen, was ich fühle. Die meiste Zeit nämlich nichts. Minusgefühle. Minus Gefühle.

Den Umgang damit muss man jedem selbst überlassen. Du willst darüber sprechen? Gut. Du willst nicht darüber sprechen? Auch gut. Die Tweets, die unter dem Hashtag #NotJustSad ausgetauscht werden, erzählen leider längst keine Geschichte mehr. Sie sind bevormundend geworden.

Ein jeder will der bessere Depressive sein. Der bessere Aktivist im Kampf gegen die Stigmatisierung. Das, was eins als Kollektiv aller Betroffener und Angehörigen von Betroffenen begann, wurde zu einer Arena für Einzelkämpfer.

Statt darüber zu reden, was man (nicht) fühlt, wird darüber diskutiert, wem so ein Hashtag überhaupt gehört und wer das Recht hat, ihn zu benutzen. Statt aufeinander zu reagieren und sich gegenseitig zu unterstützen, so wie das zu Beginn der Fall war, wird aufeinander eingedroschen.

Jeder schreibt nur noch für sich. Ich bilde keine Ausnahme. Das Kollektiv zerbricht am Einzelnen. An verschiedenen Einzelnen, um genau zu sein. Ein sehr wichtiger Hashtag ist dem Untergang geweiht. Egotrip statt Empörung.

Und jetzt? Muss die Aufklärung weiter gehen. Von einer Blase im Netz, die sich nur noch angreift, statt sich mit (Selbst)Heilung und Stigmatisierung zu beschäftigen, hinaus in die “richtige” Welt. Es geht nicht mehr bloß um Hashtags. Es geht um echte Menschen mit genauso echten Erkrankungen. Um Kämpfe, die in mehr als 140 Zeichen ausgefochten werden.

Wie? Das ist jedem selbst überlassen. Ich weiß nur eins: Dass es für mich mit bloßen Gemotze und Hass auf die Welt, Mitmenschen und die (eigene) Erkrankung irgendwie nicht funktioniert. Hashtagaktivismus in allen Ehren: Mein persönlicher Weg ist es nicht. Und dass ich das inzwischen erkannt habe, macht mich schon irgendwie sehr glücklich. Ich kann nämlich glücklich sein, obwohl ich depressiv bin. Vorausgesetzt, man spricht mir meine eigenen Gedanken nicht immer sofort ab, nur weil ich krank bin.

Die Illustration stammt von Piper
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Alle unter einem Dach: Die perfekte Wohngemeinschaft

Eine Wohnung in Berlin zu finden, das ist ungefähr so einfach, wie in einem dieser Touriclubs einen guten Drink zu bekommen. Vom Letzteren lasse ich eh die Finger und greife lieber zum stillen Wasser, die Sache mit dem Dach über dem Kopf lässt sich aber nicht so einfach klären. Mit etwas Geschick kl...
Alle unter einem Dach: Die perfekte Wohngemeinschaft

Alle unter einem Dach

Die perfekte
Wohngemeinschaft

Leni Garibov

Eine Wohnung in Berlin zu finden, das ist ungefähr so einfach, wie in einem dieser Touriclubs einen guten Drink zu bekommen. Vom Letzteren lasse ich eh die Finger und greife lieber zum stillen Wasser, die Sache mit dem Dach über dem Kopf lässt sich aber nicht so einfach klären. Mit etwas Geschick klappt das aber früher oder später – aber wem erzähle ich das, ihr seid bestimmt Experten darin, euch beim Vermieter im frisch gebügelten Konfirmationsanzug einzuschleimen, Bürgschaften zu fälschen und eure Verdienstnachweise zu frisieren.

Was angesichts der tränen- und alkoholgetränkten Erzählungen etlicher Partybekanntschaften, WG-Traumata scheinen als Smalltalk-Thema der Shit zu sein, eher weniger zu funktionieren scheint, ist die Sache mit dem Zusammenwohnen. Sandkastenfreundschaften sind daran zerbrochen, kleine Kriege wurden zu großen Dramen und das alles nur, weil die Pragmatik des Zusammenwohnens den ein oder anderen an der Realität voller Geschirrberge und leerer Kühlschränke zerbrechen ließ. Doch es ist nicht unmöglich, die perfekte Wohngemeinschaft zu führen.

Der Dramaturgie halber wollte ich den Punkt Vertrauen eigentlich ganz am Ende aufführen und euch etwas Philosophisches mit auf den Weg geben, aber so verzweifelt, wie manch ein Wohnungs- und Mitbewohnersuchender ist, wird die Vertrauensfrage gern außer Acht gelassen – was oft sehr unschön und im großen Rumgeheule endet.

Schließlich wundert es niemanden, dass man auch mit einem vorbestraften Ex-Junkie Vorlieb nehmen würde, solange er die Kaution bezahlen kann. Schaltet euer Köpfchen ein, konsultiert das eigene Bauchgefühl und verlasst euch notfalls auf die Menschenkenntnis eurer Freunde, die ihr als Casting-Jury anheuern und sie mitentscheiden lassen könnt, wer ins WG-Recall kommt.

Machen wir doch gleich mit den unangenehmen Themen weiter, dann haben wir es hinter uns gebracht. Geld ist etwas, worüber man gerade unter Freunden nur ungern redet – aber sobald der Vermieter eine kleine Entschädigung dafür haben möchte, dass er euch ein Dach über den Köpfchen garantiert, wird es Zeit für Moneytalk.

Setzt euch am besten noch vor dem Einzug zusammen, rechnet alle monatlichen Ausgaben durch und teilt sie so auf, dass bei der Berechnung keiner das Gefühl hat, dem anderen dafür eine runterhauen zu müssen. Die so ermittelte Summe überweist einer dem anderen am besten per Dauerauftrag und schon könnt ihr euch wichtigeren Themen des Lebens widmen. Easy, oder?

Die Küche ist das Zentrum einer Wohngemeinschaft, und zwar nicht, weil sie manchmal knallpinke Wände hat, sondern weil hier Essen gehortet wird. Anfangs kann man sich zwar noch allein mit Tiefkühlpizza ernähren, aber irgendwann will man dann vielleicht doch erwachsen werden und sich etwas gesünder ernähren. Manche kaufen sich dann einen Dampfgarer und nennen ihn Ulf. Aber ich schweife ab.

Worauf ich hinauswollte: Wenn ihr gern zusammen kocht, richtet euch am besten eine WG-Kasse ein und kauft davon für alle ein. Ansonsten gilt: wenn du den verdammten Joghurt nicht gekauft hast, dann iss ihn nicht. Wenn du ihn denn doch unbedingt verfuttern musstest, kauf einen neuen und versuche, diesen nicht auch noch aufzuessen. Ausnahmen: Schokolade. Wenn du eine Ritter Sport Dunkle Nuss siehst, iss sie! Ohne Rücksicht auf Verluste.

Dass jeder sein Zimmer jeder so einrichten darf, wie er möchte, ist ja quasi im Grundgesetz verankert. Schwieriger wird es, wenn mehrere komplett verschiedene Welten aufeinanderprallen. Während so mancher, meist weibliche, Modefreak alle Ecken einer Wohnung als Schuhlager annektiert, sucht der andere womöglich verzweifelt nach einem geeigneten Platz für seinen noch nicht vorhandenen Riesensessel. Bei einem muss alles möglichst farblich passen, dem anderen ist wichtig, dass etwas seinen Zweck erfüllt.

Oft bringt man gefühlt hundert Möbelstücke aus seiner alten Wohnung mit, während der andere sich mit einem kleinen Schrank in seinem Zimmer zufrieden gibt. Wenn es bei euch aber weniger entspannt läuft und jeder unbedingt sein Lieblingsposter im Flur aufhängen möchte, hilft nur noch Verhandeln. Oder Würfeln. Ausgeklügelte Tauschgeschäfte schaffen Abhilfe: „Wenn du dieses hässliche Bild auf der Stelle verbrennst, lasse ich die Lavalampe nur noch sonntags an!“ So wurden schon Menschenleben gerettet.

Uuuuuh, ein ganz heikles Thema ist das Putzen. Spätestens dann, wenn einer zufrieden ist, solange er sich durch den Müllberg zur Tür graben kann und der andere einen Hygiene-Fimmel mitbringt. Oft wirft man sich dann gegenseitig Beleidigungen an den Kopf. Über unsere Mütter. Und andere fiese Sachen.

Dann hilt nur eins: Sich beruhigen, Tee gemacht und beschließen, die Aufgaben zu verteilen: Der eine wäscht dann womöglich ab und bringt den Müll raus, der andere schnappt sich regelmäßig den Staubsauger und putzt das Klo. Ihr könnt aber natürlich Putzpläne schreiben, euch Aufräumhilfe holen oder das alles anders klären – aber klärt es! Und zwar möglichst, bevor ihr wegen Geruchsbelästigung aus der Wohnung geworfen werdet.

So gern man seinen Mitbewohner auch mag, manchmal muss es einfach ein ruhiger Abend sein, an dem man Mädchenfilme guckt und sich die Nägel lackieren kann. Auf der anderen Seite ist der Mitbewohner bestimmt auch ganz froh, sich nicht von morgens bis abends das eigene Gelaber über die neuen Sneaker anhören zu müssen – zumindest solange es nicht um richtig tolle geht.

Und da wir jetzt alle erwachsen und mitten im Leben sind, wäre es gar nicht mal so übel, ein gewisses Takt- und Feingefühl dafür zu entwickeln, wann man einander das Herz ausschütteln kann und wann man den anderen lieber in Ruhe lassen sollte. Gilt übrigens auch für mitgebrachte Freunde, Spontanpartys in der Klausurphase und Sexytime, gepaart mit dünnen Wänden. Der andere wird es euch mit ewiger Liebe und Freundschaft danken und damit wären wir schon beim letzten Punkt angekommen.

Eigentlich überflüssig zu erwähnen, aber der Vollständigkeit halber muss es ja doch sein: fangt niemals, nie, nie und unter keinen Umständen etwas mit euren WG-Mitbewohnern an! Egal, wie heiß euch die neu eingezogene Schnitte an einem lahmen Sonntagabend erscheinen mag und wie sexy ihr eigentlich Bärte bei Männern findet: das alles könnt ihr euch auch bei Menschen holen, die nicht in euren Mietvertrag stehen.

Eigentlich ist es Wahnsinn, dass darin noch keine beidseitige Friendzone-Klausel verpflichtend eingeführt wurde, aber nachdem ich Horrorgeschichten von mitternächtlichen Liebeserklärungen zwischen Küche und Klo gehört habe – und von darauffolgenden überstürzten Auszügen – kann ich euch nur raten, von WG-Amore die Finger zu lassen. Ihr wisst ja: Wohnungen sind heutzutage wirklich schwer zu kriegen…

Die Fotografie stammt von Jason Briscoe
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Mädchen in Toronto: Zuhause mit Sarah Nicole Harvey

Sagt doch einfach mal Hallo zu Sarah Nicole Harvey, der hübschen Muse, die gleichzeitig auch noch Model, Künstlerin und Fotografin ist und in Toronto ihr kreatives Unwesen treibt. Und, nein, sie ist kein Charakter aus der Serie Pretty Little Liars. Zumindest glauben wir das. Man weiß heutzutage ja s...
Mädchen in Toronto: Zuhause mit Sarah Nicole Harvey

Mädchen in Toronto

Zuhause mit Sarah
Nicole Harvey

Daniela Dietz

Sagt doch einfach mal Hallo zu Sarah Nicole Harvey, der hübschen Muse, die gleichzeitig auch noch Model, Künstlerin und Fotografin ist und in Toronto ihr kreatives Unwesen treibt. Und, nein, sie ist kein Charakter aus der Serie Pretty Little Liars. Zumindest glauben wir das. Man weiß heutzutage ja schließlich nie so genau, nicht wahr? Eben.

Sarah ist jetzt seit einigen Jahren in der „Industrie“, wie sie es nennt, dabei. Sie modelte für Brautmoden und Beautyprodukte, sie stand für teure Mode und ganz ohne Klamotten vor der Kamera und sie nimmt den Fotoapparat auch gerne mal selbst in die Hand und verewigt sich damit am liebsten selbst – solange eben niemand anderes da ist, den sie ablichten kцnnte.

Ihre neueste Selbstportraitserie entstand für Sticks & Stones und heißt „Bored Stiff“. Natürlich war Sarah auch schon in anderen Magazinen zu sehen. Zum Beispiel der italienischen Vogue, dem Nakid Magazine und dem Boathouse Stores, aber manchmal, da liebt sie es einfach in einem kleinen Rahmen zu agieren. „Ich mache mir einen heißen Kaffee, zünde mir eine Zigarette an und ziehe mich aus,“ erzählt uns Sarah Nicole Harvey. Schließlich sei sie immer gelangweilt, immer unruhig, immer unbefriedigt. Ich verstehe dich, Sarah. Ich verstehe dich total…

Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey Sarah Harvey
Die Fotografie stammt von Sarah Nicole Harvey
Als Model ist Sarah Nicole Harvey zu sehen
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Linke Gewalt: Widerstand und Prügel

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der S...
Linke Gewalt: Widerstand und Prügel

Linke Gewalt

Widerstand
und Prügel

Lena Freud

Sagen wir es direkt mal so, wie es ist: Die linke Szene hat ein Gewaltproblem. Nein, ich rede nicht vom Anzünden von Autos oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, was, seien wir mal ehrlich, einer der lächerlichsten Straftatbestände ist, die das Strafgesetzbuch zu bieten hat. Abgesehen von der Strafbarkeit für den Besitz von Marihuana vielleicht.

Nein, wovon ich spreche ist die linke Szene und ihr Problem mit Gewalt gegenüber Frauen. Und wenn ich „Frauen“ sage, dann schließt das Transfrauen, genderqueere oder intersexuelle Personen und solche, die von der Gesellschaft als weiblich gelesen werden, mit ein. Auch wenn nicht öffentlich darüber geredet wird, die hinter vorgehaltener Hand weitergegebenen Warnungen („Halte dich besser von XY fern, der hat sich mehr als nur einer Frau gegenüber übergriffig verhalten!“) kennen wir alle.

Man würde wohl nicht vermuten, dass solche Stille-Post-Spiele über gewalttätige Männer in der linken Szene Gang und Gäbe sind, schließlich gilt sie nach außen hin als besonders feministisch und setzt sich gegen lautstark gegen Diskriminierung ein und damit unter anderem auch gegen Sexismus. Die übergriffigen, das sind immer die anderen. Wenn jemand aus dem eher mittleren bis rechten Spektrum mit Gewalt auffällt, wundert das eigentlich niemanden mehr so richtig.

Wenn es sich jedoch um einen Mann aus der linken Szene handelt, dem öffentlich sexuelle, emotionale, homophobe oder rassistische Gewalt vorgeworfen wird, will das erst einmal niemand so richtig glauben. Schließlich ist ja bekannt, dass dieser Mensch ein Feminist ist und bei Demos für Frauenrechte immer in der ersten Reihe mit marschiert. Dem traut man Gewalt einfach nicht zu – außer vielleicht ein paar Steinwürfe in Richtung Polizisten. Und auch nur dann, wenn die Polizei sich als Erstes gewalttätig verhalten hat. Aus purer Notwehr, sozusagen.

Fakt ist jedoch: In der linken Szene gibt es Gewalt. Und sie richtet sich nicht etwa ausschließlich gegen „das System“, sondern in erster Linie gegen marginalisierte Menschen innerhalb der eigenen Strukturen. Die Sache ist jedoch, dass die Gewalt der Linken gegen die Menschen, für die sie vorgeben, zu kämpfen, sehr viel subtiler von statten geht als das, was wir in den Medien zu sehen kriegen, wenn über „linke Gewalt“ berichtet wird.

Es fliegen keine Molotow-Cocktails durch die eigenen Reihen, und es zündet auch niemand Autos an, die jemandem aus der eigenen Gruppierung gehören oder schlägt seine Frau auf offener Straße windelweich. Und dennoch ist sie da, die Gewalt. Die Öffentlichkeit bekommt sie nur nicht mit, weil sie verschwiegen, abgestritten und so gut es geht vertuscht wird. Und zwar von den Menschen, die vorgeben, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Es ist ihr linker Status, der die Täter davor schützt, bestraft zu werden und die Glaubwürdigkeit der Opfer untergräbt.

Die linke Szene besteht nach wie vor überwiegend aus Männern. Aus weißen, heterosexuellen Männer wohlgemerkt, die Diskriminierung so gut wie nie am eigenen Leib erfahren hat, denn die meisten von ihnen stammen aus guten Elternhäusern, in denen Geld nie eine Rolle spielte und haben sich bewusst dafür entschieden, „links“ zu sein – und nicht etwa, weil sie es sein mussten, in etwa, weil das eigene diskriminiert werden sie dazu zwang. Strukturelle Diskriminierung, wie Homosexuelle, Transsexuelle, Frauen, People of Color oder Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen sie erleben, kennen diese Männer nur aus Erzählungen von anderen.

Sie sind genauso privilegiert aufgewachsen wie die weißen, heterosexuellen Männer, die sich später nicht explizit linken Gruppierungen anschließen und wurden dementsprechend schon immer von patriarchalen Strukturen geschützt, die sie als vollkommen normal erachten. Vielleicht, weil sie es nicht anders kennen. Vielleicht aber auch, weil sie gewisse Privilegien, die ihnen aufgrund dessen zuteilwerden, einfach nicht ablegen wollen.

Es sind besonders diese linken „Feministen“, die immer wieder betonen, dass es bei Feminismus ja um Gleichberechtigung ginge und es deshalb auch nicht okay sei, Männer von vornherein irgendwo auszuschließen – seien es nun Konzerte, auf denen nur Frauen als Gäste zugelassen werden oder Sportarten wie Rollerderby, bei denen Männer nun einmal nicht teilnehmen dürfen.

In solchen Fällen vergessen sie nur allzu gerne, dass es dabei keineswegs darum geht, Männer zu „diskriminieren“, sondern ausschließlich darum, einen sicheren Ort für Frauen zu schaffen, in dem diese vor übergriffigen Männer geschützt werden und ausnahmsweise einmal eine sorglose Zeit verbringen können, da sie nicht damit rechnen müssen, jederzeit belästigt zu werden. Sei es nun körperlich oder auch „nur“ verbal.

Es ist also kein Wunder, dass Warnungen über übergriffige Männer aus dem linken Spektrum fast ausschließlich durch das Stille-Post-Spiel von Frau zu Frau getragen werden, statt sie offen innerhalb der Gruppe zu diskutieren. Die betroffenen Frauen, die sich trauen, ihre Erlebnisse zu teilen, werden größtenteils als „zu sensibel“ abgestempelt. Man traut dem beschuldigten Mann auch einfach keine Gewalt zu. Schließlich ist ja bekannt, dass er „Feminist“ ist und sich für die Rechte von Frauen stark macht. „Er“ würde so etwas einfach nicht tun.

Viel wahrscheinlicher, als dass ein Mann, der sich als links bezeichnet, sich auf irgendeine Art und Weise gewalttätig verhält, ist doch, dass es „nur ein Missverständnis“ war. „Ein kleiner Spaß, der viel zu ernst genommen wurde.“ „Feministinnen müssen das abkönnen!“, heißt es dann gerne mal. Oder „Ich hab den Witz von meinem schwarzen Freund und der fand ihn extrem lustig, er kann also nicht so rassistisch sein!“

Linke Gewalt ist, abgesehen von besagten Steinwürfen auf Polizisten und auf rechte Läden geworfene Molotow-Cocktails, jedoch vor allem eins: subtil. Sie beginnt und endet immer mit emotionaler Einschüchterung und Manipulation. Dazwischen ist alles möglich. Von „harmlosen“ Witzen mit sexistischen und rassistischen Inhalten bis hin zu Vergewaltigungen. Ein „Nein!“ wird auch hier noch nicht als „Nein!“ gelesen, sondern maximal als „Überzeug’ mich!“

Die linkspolitische Einstellung schützt. Die meisten Männer wissen das und nutzen es aus. Sie wissen, dass den Opfern sowieso niemand Glauben schenken würde, weil die vorgeworfene Gewalttätigkeit nicht mit dem Bild, das sie anderen von sich präsentieren, konform geht. Und so fahren sie fröhlich fort damit. Eine Ächtung haben sie nicht zu befürchten – und wenn doch, haben sie tausende von Ausreden parat, die ihre Taten auf irgendeine Art und Wiese doch rechtfertigen und können sich im Zweifelsfall auf all das stützen, was sie schon für marginalisierte Personen getan haben. Ein „Ausrutscher“ kann jedem Mal passieren. „Alle Menschen machen Fehler!“

Deswegen bleibt am Ende nur das Stille-Post-Spiel statt die öffentliche Diskussion um Gewalt innerhalb der linken Bewegung untereinander. Die Warnungen, die mir über einzelne Personen zugetragen wurden, entpuppten sich bisher allesamt als berechtigt. Und die großen, einflussreichen, mächtigen der linken Szene? Schweigt. Obwohl das Tuscheln über die internen Gewaltstrukturen längst nicht mehr zu überhören sind.

Die Fotografie stammt von Jean Toir
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen
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Mind Game: Gott ist tot

Ein Taugenichts verliebt sich in ein Mädchen mit großen Brüsten und wird bei einem Überfall in den Arsch geschossen. So normal beginnt Mind Game, der, sagen wir mal, bewusstseinserweiternde Anime von Robin Nishi und Masaaki Yuasa. Nach dem unrühmlichen Ableben trifft der junge Mann dann auf einen kö...
Mind Game: Gott ist tot

Mind Game

Gott ist tot

Marcel Winatschek

Ein Taugenichts verliebt sich in ein Mädchen mit großen Brüsten und wird bei einem Überfall in den Arsch geschossen. So normal beginnt Mind Game, der, sagen wir mal, bewusstseinserweiternde Anime von Robin Nishi und Masaaki Yuasa. Nach dem unrühmlichen Ableben trifft der junge Mann dann auf einen körperlich ziemlich instabilen Gott, der ihm mit magischen Riesenbildschirmen und Spiegeln eine zweite Chance ins Leben verpasst.

Die nutzt er, flieht mit einer gescheiterten Schwimmerin und ihrer burschikosen Schwester vor Gangstern, Comic-Figuren und hässlichen Franzosen und erzählt währenddessen die Geschichte einer gestrandeten Weltraum-Crew, die sich von dem Dung eines extrem tollpatschigen Aliens ernähren muss und irgendwann merkt, dass ihre einzige Chance aus dem Dilemma der vaginale Ausgang einer auf der Toilette sitzenden Japanerin ist. Die ganze Bande landet irgendwann im Bauch eines Wals, trifft auf einen schrulligen alten Mann und entdeckt bald ihren eigenen Sinn des Lebens.

Weil ich zu dumm zum Kiffen war und mein bewusstseinserweiternder Kakao auch nicht so richtig zünden wollte, musste ich gestern Nacht die Grenzen meiner Gedankenwelt auf andere Art und Weise versetzen und zog mir Mind Game vom japanischen Studio 4°C hinein, die sich auch für Batman Gotham Knight und Animatrix verantwortlich zeigen.

Schnellwechselnde Szenen, harte Schnitte und eine bescheuerte Story, gepaart mit grellen Farben und unterschiedlichsten Zeichenstilen, brachten meinen Kopf zum Platzen und schafften es mich mit einem Feuerwerk aus Kreativität und Inspiration so zu verwirren, dass ich anschließend in einer embryonalen Stellung auf dem harten Boden lag und mir wünschte, Gott wäre mein neuer bester Freund.

Wer mutig ist und sich nicht immer nur bei Disneys Alice im Wunderland und der Rocky Horror Picture Show die Birne wegballern möchte, der darf sich ruhig einmal an diesem japanischen Animationswerk versuchen und dadurch auf eine bildgewaltige Odyssee von Robin Nishi und Masaaki Yuasa durch eure Fantasie gehen. Für Komplettnüchterne ist der Streifen zwar nicht geeignet, alle anderen werden aber ihre pure Freude an Mind Game haben. Nishi, Gott und dicke Titten forever.

Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot Mind Game: Gott ist tot
Die Illustration stammt von Studio 4°C und Rapid Eye Movies
Der Text erschien in der Kategorie Filme mit den Themen
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Miri Matsufuji: Japanische Jugend

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht in Deutschland, sondern in Japan aufgewachsen wäre. Nach Jahrzehnten des einseitigen Konsums diverser Anime, Manga und Videospielen ist dies eine nicht allzu abwegige Frage. Wäre ich Japan immer noch so feiern, wenn ich eben...
Miri Matsufuji: Japanische Jugend

Miri Matsufuji

Japanische
Jugend

Marcel Winatschek

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich nicht in Deutschland, sondern in Japan aufgewachsen wäre. Nach Jahrzehnten des einseitigen Konsums diverser Anime, Manga und Videospielen ist dies eine nicht allzu abwegige Frage. Wäre ich Japan immer noch so feiern, wenn ich eben nicht hier, sondern am anderen Ende der Welt geboren wäre? Würde ich dann statt japanischer Popkultur womöglich sogar die deutsche feiern? Mir heimlich Helene Fischer anhören, weil ihre Musik so toll ist?

Miri Matsufuji ist eine aufstrebende Fotografin aus Tokio, die ich sogar selbst einmal getroffen habe. Zufällig. Im dritten Stock des Tower Records in Shibuya. Sie war dort mit einem amerikanischen Freund unterwegs, um ihr neuestes, selbst zusammen gebasteltes Bildheftchen an einem extra für japanische Fotografen eingerichteten Stand auszulegen. Coole japanische Mädchen lassen sich nämlich gern mit westlich aussehenden Menschen in der Öffentlichkeit blicken.

Miri lebt die Realität, die ich mir immer vorgestellt habe. Ob sie nun so toll ist, wie in meiner Fantasie, ist mehr als fraglich. Aber auf ihren Fotos sieht die japanische Jugend zumindest nach Spaß aus. Egal ob in Tokio, Kyoto oder Osaka – wo Miri auch hinkommt, sie weiß, die Umwelt und die Leute darin kunterbunt und realistisch in Szene zu setzen. Ihre Arbeiten scheinen die Wirklichkeit abzubilden, ohne ihre Ernsthaftigkeit beizubehalten. Und genau das mag ich an ihren Bildern.

Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend Miri Matsufuji: Japanische Jugend
Die Fotografie stammt von Miri Matsufuji
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Befreiung im Kopf: Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation. Und weil sehr oft sehr viele Dinge unwe...
Befreiung im Kopf: Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Befreiung im Kopf

Wenn es dir schlecht
geht, brauchst du
einen Neuanfang

Sara Navid

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation.

Und weil sehr oft sehr viele Dinge unweigerlich miteinander zusammenhängen, gehen wir eben radikal mit dieser Situationsänderung um. Wieso grundlegend renovieren, wenn wir auch ausziehen können? Der Thrill des Neuen kann uns durchaus erst einmal von der Trägheit und der Last des Alten ablenken.

Vielleicht finden wir in der neuen Wohnung die vielen Ecken der Ruhe und der Leichtigkgeit, die wir in der alten, mit dem Schmutz der Vergangenheit belegten Bude unter dem ganzen Dreck nicht mehr fanden.

So einen Neuanfang wünschen wir uns, wenn wir merken, dass wir die Zeit nicht zur letzten persönlichen Revolution zurück drehen können. Damals, als ich den Job schmiss und mein neues Leben in Mut und Fröhlichkeit begann. Damals, als ich von meiner Reise zurückkam und Berlin für mich neu entdecken konnte, unbelastet und frei von jeglicher Verpflichtung.

Und dann? Nach nicht ganz einem Jahr kam wieder ein Neuanfang auf mich zugedonnert. Nur dass ich ihn mir dieses Mal nicht ausgesucht habe. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Ich war glücklich und ich war zufrieden, so lange, bis der Winter kam und mit voller Gewalt mein Traumschloss in Eis hüllte und es in seiner natürlichen Gewalt zerspringen ließ.

Es lief ungefähr so ab: Wenn wir in aller Eile ein Traumschloss errichten, dann vergessen wir hier und da die Feinarbeit. Sobald die wesentlichen Pfeiler stehen, das Dach hält und die Möbel drin stehen, können wir bereits einziehen. Die kleinen Details – wie etwa das Wasser im Keller und die Ratten auf dem Dachboden – um die können wir uns ja im Laufe der Zeit kümmern. Bestimmt machen das auch viele so. Ich hingegen schmiss nur noch große Partys und heizte ziemlich stark auf.

Der Kostenvoranschlag für die Reperaturen zeigte dann jedoch: Asbest, Loch in der Decke, Schimmel in den Wänden, morscher Unterbau, und wetterbedingt gefährdet. Wahrscheinlich ist es günstiger, ein neues, kleines Haus zu kaufen mit dem Wert, den du noch deinen Besitz nennst, als hier überhaupt noch irgendetwas anzufassen. Tritt es ein, mach es kaputt, lass es uns demolieren. Stemple es ab als Teil deiner Vergangenheit und suche dir eine bescheidene Bleibe, die aber wenigstens stabil ist.

Das wollte ich so alles nicht. Meine Sachen sind bereits im Koffer. Zumindest die drei Habseligkeiten, die dieses Renovierungsintermezzo überlebt haben. Ich denke an die schönste Zeit meines Lebens zurück. Zu neunzig Prozent unbeschwert, mit Geld auf dem Konto und einem starken Netz an Zuversicht neben mir.

Die Welt in Schönheit getaucht, weil ich es so wollte. Sonnenschein auf meinem Gesicht, obwohl die Sonne schon längst untergegangen war. Dieser erzwungene Neuanfang bricht über mich herein, obwohl der Nachgeschmack des letzten Males mir noch im Mund hängt.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich nicht auf die Zukunft freue, sondern mich in den verbitterten Erinnerungen der Vergangenheit suhlen möchte. Ich weiß, dass Selbstmitleid nicht die Antwort ist. Ich weiß, dass ich verantwortlich für meine Fehler bin. Ich weiß, dass ich das alles hätte vermeiden können. Bei meinem nächsten Haus werde ich nicht das günstigste, sondern das qualitativ hochwertigste Angebot nehmen. Das verspreche ich mir selbst.

Die dunklen Zeiten der Suche zurück zur Leichtigkeit sind angebrochen. Zurück in die Zukunft, zu einem Ich, dass sich mit den Tatsachen und den Konsequenzen aller Dinge, die passiert sind, arrangieren kann. Zu einem Ich, dass Kraft aus den Erfahrungen schöpft und den Mut wieder aufgenommen hat. Ich wünschte nur, dass das alles ohne Bewusstsein und ohne kognitive Anwesenheit passieren könnte. Denn bis dahin wird es richtig hart.

Die Illustration stammt von Thierry Fousse und Icons8
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Auf dem Balkon: Wenn die Welt uns zu Füßen liegt

Ich schnappe mir das Zigarettenpäckchen, das einer meiner Freunde auf der WG-Party vergessen hat, und schleiche mich damit raus auf dem Balkon. Ich nehme mir eine Zigarette heraus, stecke sie mir in den Mund und zünde sie mit einem Streichholz an. Draußen ist es kalt und dunkel und die Flamme des kl...
Auf dem Balkon: Wenn die Welt uns zu Füßen liegt

Auf dem Balkon

Wenn die Welt uns
zu Füßen liegt

Hannah Maria Paffen

Ich schnappe mir das Zigarettenpäckchen, das einer meiner Freunde auf der WG-Party vergessen hat, und schleiche mich damit raus auf dem Balkon. Ich nehme mir eine Zigarette heraus, stecke sie mir in den Mund und zünde sie mit einem Streichholz an. Draußen ist es kalt und dunkel und die Flamme des kleinen Streichholzes verzaubert mich ein wenig. Einfach so. Streichhölzer mag ich lieber als Feuerzeuge.

Ich ziehe an der Zigarette und blicke in die Ferne. Von unserem kleinen Balkon aus hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt. Tausende Lichter funkeln in der Ferne und zwischendrin entdecke ich einen hell erleuchteten Tannenbaum.

Die ganze Welt liegt mir zu Füßen. Mein Leben liegt vor mir. So fühlt es sich also noch mal an. Es ist kalt, dunkel, schmeckt nach roten Gauloises und riecht nach Streichhölzern. Es ist vom Schnee bedeckt und funkelt im Licht der Nachbarswohnungen. Es liegt in meiner Hand, wie es verläuft, ob es überhaupt läuft und ich könnte es jetzt beenden, wenn ich wollte, indem ich mich zu weit über das Balkongelände beugen würde.

Ich ganz allein habe es in der Hand, ob ich etwas Großartiges daraus mache oder nicht, mit offenen Augen durchs Leben laufe oder nicht. Und ich habe Angst, dass ich irgendwann merke, dass ich die falschen Entscheidungen getroffen habe.

Können wir überhaupt falsche Entscheidungen treffen? Wird nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen? Happy End sozusagen? Kennt nicht jeder diese Momente, die einen fast erdrücken und einen dazu zwingen, unvernünftige Dinge zu tun, weil man Angst darum hat, dass es irgendwann zu spät ist?

Dass es so viele immer in die große weite Ferne zieht, verstehe ich nicht. Es ist doch vollkommen egal, ob ich in New York, Tokio oder hier auf meinem kleinen Balkon sitze. Ähnelt sich das nicht alles und kommt es nicht darauf an mit wem man solche Momente verbringt und wo die Leute leben, die man ins Herz geschlossen hat? Um die Weihnachtstage wird es ruhig in den großen Städten unserer Erde und jeden zieht es einfach nur nach Hause.

Die Zigarette schmeckt beschissen und ist rausgeworfenes Geld, da ich ja noch nicht mal auf Lunge rauchen kann. Aber die sieben Minuten draußen auf dem Balkon gefallen mir gut. Ich sollte mir etwas anderes ausdenken und beschließen, dass Schokolade nur noch auf dem Balkon gegessen werden darf. Denn es ist schön hier draußen in meinem Leben, mit dem beleuchteten Tannenbaum und der ganzen Weihnachtsdeko in den Fenstern. Weihnachten kann also kommen und die besinnliche Zeit ist längst da.

Die Fotografie stammt von Philipp Bachhuber
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Ey, Lockenkopf!Eine kleine Begegnung in Berlin

Schönen juten Tach, wie man in Berlin sagt. Mein Name ist Benno, und ich heiße euch herzlich willkommen zur Streetart-Foto-Rallye durch Friedrichshain und Kreuzberg.“ Unsere kleine Gruppe von neun Teilnehmern hat sich um den Rallye-Leiter versammelt, der mit seinen kreisrunden Brillengläsern genau...
Ey, Lockenkopf!Eine kleine Begegnung in Berlin

Ey, Lockenkopf!

Eine kleine Begegnung
in Berlin

Sophie Krause

„Schönen juten Tach, wie man in Berlin sagt. Mein Name ist Benno, und ich heiße euch herzlich willkommen zur Streetart-Foto-Rallye durch Friedrichshain und Kreuzberg.“ Unsere kleine Gruppe von neun Teilnehmern hat sich um den Rallye-Leiter versammelt, der mit seinen kreisrunden Brillengläsern genau so aussieht, wie man sich einen Künstler oder einen etwas sonderbaren Fotografen vorstellt. Ich schaue mir die anderen Teilnehmer an.

Ein händchenhaltendes Paar, das Tom und ich hätten sein können, ein Mann mittleren Alters, der bis zum Haaransatz mit Foto-Equipment beladen ist, zwei aufgebrezelte Spanierinnen, zwei Teenagermädels in bedruckten Banksy-Shirts und – ein großer, breiter, kahlrasierter Typ. Er mustert mich aus stahlblauen Augen. Sein Grinsen erinnert mich an das eines Trophäensammlers auf Wildtiersafari.

Schnell wende ich mich wieder Benno zu, der uns gerade erzählt, wie lange er diese Touren schon veranstaltet und was wir vom heutigen Tag erwarten können. So richtig bei der Sache bin ich allerdings nicht, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass mich der kahlrasierte Typ immer noch beobachtet.

Ich warte ein paar Sekunden, bis ich vorsichtig zum Jäger und Sammler rüberschiele. Seine Arme sind fast vollständig schwarz, mit Tattoos zugehackt vom Handgelenk bis wer weiß wohin. Ein weißes, enganliegendes Shirt spannt nicht nur über seinen muskulösen Oberarmen. Auch die Brust ist gut trainiert und zeichnet sich unter dem dünnen Stoff ab. Der Typ könnte Kickboxer sein.

Auf jeden Fall sieht er nicht wie jemand aus, der scharf darauf ist, seinen freien Samstag mit einer handvoll Touris auf einer Foto-Rallye zu verbringen. Oder Hipstern. So wie ich in seinen Augen wahrscheinlich einer bin. Nagelneue, blauweiße Nikes, dazu eine dunkelblaue, enge Jeans und ein weißes Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln. On-top gibt’s einen Jutebeutel und eine Kette aus teurem H&M-Gold.

„Wir sind hier auf dem RAW-Gelände“, erzählt Benno. „Weiß jemand, wofür die drei Buchstaben stehen?“ Alle schütteln den Kopf. Zumindest die, die ich sehen kann. Zu dem Kickboxer traue ich mich nicht schon wieder zu gucken. „Früher befand sich auf dem Gelände das Reichsbahnausbesserungswerk, hier wurden also Züge repariert.“

Wir laufen ein Stück weiter und bleiben neben dem Eingang eines flachen, länglichen, mit Graffitis übersäten Gebäudes stehen. Dort bilden wir einen Kreis um Benno und lauschen seinen Ausführungen. Der Kickboxer hat sich genau mir gegenüber positioniert. Wie er da steht: Beine leicht gespreizt, Arme vor der Brust verschränkt, durchgestreckter Rücken. Poserstyle. Türsteherattitüde. Der Typ ist wie ein Unfall. Man weiß, dass es schlimm ist, kann aber trotzdem nicht weggucken.

Er hat meinen Blick bemerkt und schenkt mir wieder ein gefährliches Grinsen. Schnell blicke ich weg, denn was ich noch mehr hasse als Typen, die wissen, dass sie geil sind, sind Typen, die wissen, dass sie geil sind und das von meinen Blicken dann auch noch bestätigt bekommen. „In der Halle hier links war also die Werkstatt, gleich daneben, in dem kleineren Gebäude das Planungsbüro für alle Einsätze und Transporte. Wie ihr seht, befindet sich in einem der Gebäude heute eine Skatehalle, in dem anderen ein Café.“

Nachdem wir nun bestens über den historischen Hintergrund des Geländes informiert sind, kommen wir endlich zum eigentlichen Thema: der Streetart. Benno erzählt uns, welche Künstler sich hier in den letzten Jahren verewigt haben. Wobei verewigen natürlich nicht das richtige Wort ist. Schließlich ist Streetart vor allem eins: unbeständig. Er zeigt uns Wände, die so oft übermalt wurden, dass der Putz zentimeterdick von ihnen abbröckelt. „In Friedrichshain besonders stark vertreten sind Stencils. Habt ihr schon mal gehört, oder?“

Eins der Teenagermädels meldet sich. „Das mit den Schablonen?“ Unser Rallye-Führer nickt zufrieden. „Richtig, bei Stencils entstehen die Motive, indem Farben durch Schablonen auf Papier gesprayt werden. Jede Farbe bekommt einen eigenen Schablonenschnitt, das Bild besteht also später aus mehreren Schichten und wird dann als eine Art übergroßer Papiersticker irgendwo ins Stadtbild geklebt. Natürlich könnten die Künstler die Farbe durch die Schablonen auch direkt an die Wand bringen, bräuchten dafür aber Zeit und Ruhe. Da Streetart in unserer Gesellschaft aber leider noch nicht als akzeptierte Kunstform angekommen, sondern offiziell verboten ist, müssen sie sich oft beeilen.“

Benno holt seine Kamera aus dem Rucksack und erklärt uns unsere erste Aufgabe. „Wir starten mit etwas Leichtem: Begebt euch auf Stencil-Suche und fotografiert, was ihr findet. Die Auswertung dazu erfolgt dann in der Gruppe.“ Gesagt, getan. Wir strömen in unterschiedliche Richtungen aus. Das Gelände entpuppt sich als unglaublich weitläufig. Hinter jeder Ecke offenbaren sich weitere unerforschte Gänge, Gebäude, besprühte Wände. Ich bin zwar nicht zum ersten Mal auf dem RAW-Gelände, war aber vorher nie abseits des Hauptwegs unterwegs, der zwischen den Clubs, Bars und Sporteinrichtungen hindurch führt.

Das Gebiet hier ist leider auch für seine Drogendealer, Junkies und Obdachlosen bekannt. Ich weiß also nicht, wessen „Zuhause“ oder Revier ich hinter der nächsten Ecke betrete. Oder wer mich kreischend von hinten anspringt, mir ins Ohr beißt oder mir mit einem fuchtelnden Messer die Kamera klauen will. Aber gut, an einem sonnigen Tag wie heute wird mir hier sicher nichts passieren.

Ich biege ab, einmal rechts, dann wieder links, und habe Glück. An der Rückseite der Skatehalle entdecke ich ein fast unbeschädigtes Stencil von Alias. Jackpot, Baby! Ich gehe noch einen Schritt näher, schaue es mir ganz genau an. „Das bekommste garantiert nicht runter. Brauchste gar nicht drüber nachdenken, Lockenkopf.“

Erschrocken drehe ich mich um. Na toll, der Kickboxer hat mich gefunden. „Als ob ich an dem Ding hier rum pulen würde.“ Nun kommt auch er näher und tastet den Rand des Stencils ab. „Na, man weiß ja nie, ne? Gibt ja genug Kaputte, die versuchen, die Bilder abzulösen, um sie sich zu Hause wieder aufzuhängen.“

„Mir reicht es, ein Foto davon zu machen“, sage ich etwas schnodderiger als gewollt. Der Kickboxer hebt beschwichtigend die Hände. „Okay, okay.“ Dann deutet er auf die Kamera um meinen Hals. „Schönes Teil hast du da. Das ist ’ne Nikon D5300, oder?“ Ich nicke. Damn right, und die ist hart erarbeitet und lange zusammengespart worden.

„Naja, jedenfalls gut, dass ich dich gefunden habe. Dachte, du brauchst vielleicht Begleitschutz.“ Ha, als ob! Ich will gerade etwas sagen, da zieht er seine Kamera nach vorne. „Dein Ernst?“ Er grinst und drückt den On-Button auf seiner Cam. „Gefällt dir mein Baby?“ „Du hast eine RED Scarlet mitgebracht? Nimmt man die nicht eher als Videokamera?“

„Uhh, Lockenkopf kennt sich aus, sehr schön. Aber hast recht, das Teil ist eigentlich zu wertvoll für den Einsatz hier. Kostet in der Zusammenstellung knapp dreißig Scheine.“ „Dreißig Hunderter?“, frage ich und ernte höhnendes Gelächter. „Häng mal noch ’ne Null dran.“

30.000?! Was für ein Proll! „Jetzt hast du mich aber wirklich schwer beeindruckt“, sage ich betont tonlos und lasse ihn stehen. Was will der überhaupt? Warum geht er nicht zu den aufgepimpten Spanierinnen? Die würden sich über eine knackige Berlinbekanntschaft, die sie heute Abend ins Berghain begleitet, sicher freuen.

„Hast du schon was Gutes geknipst?“, fragt er, während er aufholt. „Ich knipse nicht, ich fotografiere.“ Er schüttelt grinsend den Kopf. „Ach, so eine bist du, alles klar.“ Wie, so eine? „Ich heiße übrigens Mark.“ Er hält mir die Hand hin und schaut mir dabei so tief in die Augen, dass sich in mir eine einzelne Fledermaus durch die Gitterstäbe quetscht.

Ich blicke auf seine Hand hinunter, schüttle sie, verrate ihm aber nicht meinen Namen. „Und, wie bist du zu der Tour gekommen?“ Er lässt den Blick über die besprayten Wände schweifen. „Eigentlich bin ich nur hier, weil es mein bester Freund gestern in der Muckibude leicht übertrieben hat. Übler Hexenschuss, kann sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Also habe ich angeboten, heute ein paar Fotos für ihn zu machen. Bring sie ihm später auf ’nem USB-Stick vorbei, dann hat er wenigstens digital an der Tour teilgenommen.“

Jetzt muss ich wirklich lachen. Was für ein Typ! „Was ist so lustig?“ „Du!“, platzt es aus mir heraus. Daraufhin schaut er mich so verunsichert an, dass es mir fast schon wieder leid tut. „Entschuldige, aber einem wie dir, hätte ich so viel Nächstenliebe gar nicht zugetraut„, schiebe ich deswegen schnell hinterher. “Allein die Vorstellung, wie du später an dem Krankenbett deines Kumpels sitzt und ihm deine Aufnahmen zeigst. Irgendwie romantisch.“ „Einem wie mir, ja? Dann lass dir mal gesagt sein, dass ich ein Meister der Tarnung bin, Lockenkopf“, sagt er, hält die Kamera in meine Richtung und drückt ab.

Die Fotografie stammt von Sean Robertson
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frühwarnsystem" von Sophie Krause, das ihr auf Instagram auch in interaktiver Form bewundern könnt.
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Mädchen in Stuttgart: Ein Nachmittag mit Ekka

Es ist kein besonders großes Geheimnis, dass in Stuttgart die schönsten Mädchen der Bundesrepublik herum laufen. Egal, mit wem du dich in der Stadt triffst, der- oder diejenige kennt irgendeine Modebloggerin, bei deren Anblick du vor lauter Schönheit in den kalten Asphalt hinein schmilzt. überall i...
Mädchen in Stuttgart: Ein Nachmittag mit Ekka

Mädchen in Stuttgart

Ein Nachmittag
mit Ekka

Daniela Dietz

Es ist kein besonders großes Geheimnis, dass in Stuttgart die schönsten Mädchen der Bundesrepublik herum laufen. Egal, mit wem du dich in der Stadt triffst, der- oder diejenige kennt irgendeine Modebloggerin, bei deren Anblick du vor lauter Schönheit in den kalten Asphalt hinein schmilzt. überall in der baden-württembergischen Hauptstadt wandeln sie herum, diese gut aussehenden Menschen, als wäre dort irgendwo ein Nest, ein Schönheitslabor, als wäre Stuttgart das Stockholm von Deutschland. Kein Wunder also, dass der Fotograf Alwin Maigler genau dort Ekka gefunden hat.

Für das Apple Pie Magazine hat Alwin sie abgelichtet, obwohl die Bilder „wenn man es genau nimmt, nur das Beiwerk, des Shootings geworden sind“, wie er uns erzählt. „Das Shooting selbst ist bei mir in meinem Atelier entstanden. Ich arbeite derzeit an einer großen Serie in meinem Atelier, wo ich 13 verschiedene Menschen ablichte. Was ich trotzdem immer gerne mache, ist, nachdem man mit dem eigentlichen Teil fertig ist, die Musik aufdrehen, den Blitz auf die Kamera schnallen und einfach wild drauf los fotografieren.“

„Bei ‚Trash‘ geht es immer viel mehr um das Gefühl und die Spontanität“, erzählt Alwin weiter. „Das kann man schlecht planen oder lenken. Funktioniert auch nicht mit jedem. Mit Ekka hat es aber super geklappt, weil wir den ganzen Mittag davor bereits fotografiert haben und in dem Sinne schon ‚warm-geshootet‘ waren.“ Die hübsche Schülerin aus dem bezaubernden Stuttgart ist eben ein Naturtalent. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, warum gerade dort, im Süden des Landes, die schönsten Menschen Deutschlands herum rennen…

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Die Fotografie stammt von Alwin Maigler
Als Model ist Ekka Schoch zu sehen
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Gurren Lagann: Titten, Monster, Riesenroboter

Es gibt zwei verschiedene Arten von krank sein. Einmal die fluffig Lustige, bei der man frühmorgens zum Arzt schlendert, ihm einmal kurz ins Gesicht hustet und für die nächsten ein, wenn man Glück hat gleich zwei Wochen faul und mit Lieferando bewaffnet zu Hause herumliegt und endlich mal Zeit hat d...
Gurren Lagann: Titten, Monster, Riesenroboter

Gurren Lagann

Titten, Monster,
Riesenroboter

Marcel Winatschek

Es gibt zwei verschiedene Arten von krank sein. Einmal die fluffig Lustige, bei der man frühmorgens zum Arzt schlendert, ihm einmal kurz ins Gesicht hustet und für die nächsten ein, wenn man Glück hat gleich zwei Wochen faul und mit Lieferando bewaffnet zu Hause herumliegt und endlich mal Zeit hat die Wohnung aufzuräumen. Oder eine Gute-Besserungs-Party zu schmeißen.

Und dann gibt es die Schattenwelt, die Dimension des unendlichen Schmerzes, in der man verschwitzt und fiebrig mit Halluzinationen im Bett feststeckt, das Sonnenlicht wohl nie wieder sehen wird. Der einzige Freund in diesem trüben Universum aus Schleim und Husten und Niesen: Der Laptop. Der einem Ablenkung verschafft, wenn man nicht schlafen kann. Und die Kopfschmerzen einem Twitter und Facebook versauen.

In meinem Grippe-Fieberwahn brauchte ich irgendetwas, das mich so richtig ablenkt. Einen Anime. Der mich zum Weinen und Lachen und Nachdenken bringt, ohne mich mit realistischem Unsinn zu langweilen. Ein Typ namens Veed hat im Netz diese Liste veröffentlicht. Die 50 besten Anime. Seiner Meinung nach. Ja, One Piece. Ja, Neon Genesis Evangelion. Ja, Wolf’s Rain. Kenne ich alles, liebe ich alles.

Auf Platz 1 befindet sich Gurren Lagann. Und er schrieb dazu, dass die ersten Folgen scheiße sind, der Rest aber das Beste seien, was er jemals irgendwo gesehen hat. Was lustig ist. Denn als ich die Serie ausprobierte, cancelte ich das Teil nach Folge 4. Weil es öde war. Und immer dasselbe passierte. Wüste, Monster, Roboter. Tada. Aber was hatte ich schon zu verlieren?

Also gab ich der Show noch einmal eine Chance und guckte die insgesamt 27 Episoden am Stück durch. Nur zwangsweise unterbrochen durch Schlafen, Essen und Onanieren. Und ich weinte am Schluss. Wie ein kleines Kind. In meine vollgerotzten Taschentücher. Weil es so großartig war. Und ich einfach nicht wollte, dass es vorbei ist. Gurren Lagann.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein kleiner Trottel namens Simon lebt zusammen mit seinem besten Kumpel Kamina in einem Dorf unter der Erde und verdient seine Brötchen mit dem Graben von Tunneln. Eines Tages fällt ein riesiges Ungeheuer, gemeinsam mit der großbrüstigen Yoko, durch die Steindecke, ein Roboter erscheint, Simon hat Superkräfte. Kampf, noch mehr Brüste.

Ab jetzt geht es darum, einen riesigen Bösewicht am Ende der Welt aufzusuchen, der seit Jahrhunderten die Menschheit der Zukunft unterdrückt. Simon und Kamina schließen sich einer Truppe Rebellen an, hauen mit ihren Mechas alles kurz und klein, kämpfen gegen Mutantenkröten, Badehäuser und humane Haie. Das klingt noch alles relativ normal. Wie japanische Zeichentrickfilme eben so sind.

Richtig geht es aber erst ab, wenn Kamina abkratzt. Was ziemlich früh passiert. Und richtig traurig ist. Und aus Gurren Lagann plötzlich ein Epos macht. Ab diesem Zeitpunkt wird so viel Story und Liebe und Wahnsinn in den Rest der Folgen gesteckt, das schaffen andere Serien nicht einmal in 16 Staffeln. Riesige Weltraumschlachten. Und die Frage nach dem Sinn. Und Verrat. Und noch mehr Brüste. Also lag ich da wie eine behinderte Banane im Bett und fand das alles ganz großartig, was da vor meinen Augen passierte.

Wahrscheinlich hat Gainax hier den Inbegriff des japanischen Animationsgenres geschaffen. Wer nach Kinderkacke wie Yu-Gi-Oh! und Beyblade das Vertrauen in die riesigen Kulleraugen verloren hat, der muss sich Gurren Lagann angucken. Daran führt gar kein Weg vorbei.

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Die Illustration stammt von Gainax und Anime Limited
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Digitale Romantik: Ich fand meine große Liebe bei Tinder

Okay, ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich das hier wirklich schreiben soll - oder es besser für mich behalte. Denn eigentlich stehe ich nicht so auf oft willkürlich in die Öffentlichkeit getragene Coming-Outs, aber irgendwer muss ja schließlich einmal den Anfang machen. Also tue ich es: Jaw...
Digitale Romantik: Ich fand meine große Liebe bei Tinder

Digitale Romantik

Ich fand meine große
Liebe bei Tinder

Nina Ponath

Okay, ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich das hier wirklich schreiben soll – oder es besser für mich behalte. Denn eigentlich stehe ich nicht so auf oft willkürlich in die Öffentlichkeit getragene Coming-Outs, aber irgendwer muss ja schließlich einmal den Anfang machen. Also tue ich es: Jawohl, ich habe meinen Freund bei Tinder kennengelernt.

Mit diesen Zeilen hier möchte ich eine Lanze brechen. Für die Dunkelziffer an Tinder-Pärchen da draußen. Ich bin mir nämlich sicher, dass das gar nicht so wenige sind. Denn eigentlich gibt es nicht ein einziges iPhone in meinem Freundeskreis, auf dem beim Durchscrollen nicht zufällig die rote Flamme an der einen oder anderen Stelle aufblitzt.

Selbstverständlich nur, weil man die App „so lustig“ findet und „nur mal eben gucken“ wollte. Ja klar. Habe ich ja auch immer gesagt, aber mal ganz ehrlich, wenn wir Tinder wirklich nur mal testen wollten, warum schleppen wir uns dann doch immer mal wieder zu einem Date hin? Nur weil wir gerade Hunger haben, oder was?

Ich dachte ja zugegeben eigentlich auch immer, dass es Menschen gibt, die sich im normalen Leben kennen lernen. Und dann halt diese Freaks, die im wahren Leben keiner haben will und die deshalb das Internet und irgendwelche komischen Flirt-Apps brauchen. Diejenigen, die früher immer in Talkshows herum saßen und sich dafür schämten.

Solche Freaks sind bei Tinder wirklich en masse zu finden, klar. Von Perversen, die dir anbieten über WhatsApp Selbstbefriedigungsbilder auszutauschen, Typen, die – um besonders tiefgründig zu wirken – ein sorgfältig vorbereitetes Fragen-Quiz per Copy und Paste an ihre Matches verschicken und die ganz Verzweifelten, die gleich in der ersten Nachricht ankündigen: „Wir können ja ein bisschen hin und her schreiben. Vielleicht passt es ja.“ Nichts, was es bei Tinder nicht gäbe. Und genau deshalb ist es gar nicht so anders, als das normale Leben.

Denn um ehrlich zu sein, so viel weniger freakig sind die Männer und Frauen, die man sonst so kennenlernt, auch wieder nicht. Ich erinnere mich an das Date neulich mit dem Immobilienmakler, der mich für irgend einen russischen Gold Digger gehalten haben muss. Zeigte mir in einem knapp zweistündigen Treffen seine gesamten Wertanlagen von der Ray Ban über den Porsche bis hin zur Eigentumswohnung in Eppendorf.

Oder der Typ davor, mit dem ich im Kino war, der meinen Hund nicht in seine Wohnung lassen wollte, aus Angst, er könnte etwas kaputt machen. Sorry, aber so viel kann in einer 1-Zimmer-Wohnung, mit Billy und Klöfta als einziges Inventar nun auch wieder nicht kaputt gehen.

So viel schlimmer sind die Leute bei Tinder also auch nicht – zumal ja eigentlich eh jeder Freak aus dem echten Leben dort auch mit einem durch Instagram bearbeiteten Bild vertreten ist. Wie kommt es dann, dass ich trotzdem jedes Mal, wenn ich gefragt, werde wie mein Freund und ich uns kennengelernt haben, irgendwas von Club oder Bar rede und einfach nur nix wie weg will, bevor ich mich mit irgendwelchen Details verplappere?

Ich schätze es liegt an all den Leuten, bei denen im Profil steht: „Später können wir ja einfach sagen, wir wären uns im Supermarkt begegnet.“ Soll total lustig und originell rüberkommen, ich weiß. Wirkt aber einfach nur bekloppt. Dazu schädigt dieser dumme Spruch – der nebenbei bemerkt unter jedem dritten Profilfoto steht – das Image sämtlicher Tinder-Beziehungen, bevor sie überhaupt losgehen.

So ist es nämlich ganz eindeutig: Tinder-Beziehungen sind peinlich, wir sind eigentlich alle viel zu gut dafür und deshalb haben wir uns offiziell auch auf jeden Fall ganz, ganz anders kennengelernt. Klar, ist ja auch nicht wirklich romantisch zuzugeben, dass man einfach mal wieder dringend Sex brauchte, zu faul war vom Sofa aufzustehen und sich deshalb diese famose App heruntergeladen hat.

Und dann, völlig im Tinder-Wahn bei jedem, der auch nur ansatzweise größer als 1,75 Meter aussah, begeistert nach rechts gewischt hat. Der herkömmliche Weg hört sich da natürlich gleich viel besser an: „Wir hatten da so ’ne Weihnachtsfeier… und jeder zwei Promille.“ Oder: „Bin nach ’ner Party bei ihm wach geworden und dann wollten wir mal weiter schauen.“ Oder: „Ich habe ihm zuerst eine falsche Nummer gegeben, aber dann hat er sich so viel Mühe gegeben…“ Not. Aber so erzählt das ja auch keiner.

In Liebesangelegenheiten werden nämlich grundsätzlich nur verklärte, beschönigte Halbwahrheiten erzählt, so weit das Auge reicht. Weil Liebe, das haben wir ja von Carrie und Mr. Big gelernt, etwas ganz Unfassbares, Unglaubliches und Magisches ist. Komisch nur, dass eure letzten drei Beziehungen mit Jogginghose und Chipstüte vor dem laufenden Fernseher endeten und dabei weniger magisch als doch ziemlich reell waren.

Hat man dann mal wieder eine Beziehung, darf die auf gar keinen Fall irgendwie gewöhnlich sein. Und was gäbe es Gewöhnlicheres, als zwei Menschen, die schon am Tag des Kennenlernens optisch nach Beziehungsende aussehen, weil sie mit Jogginghose und Chipstüte bei laufendem Fernseher chatten?

Da faselt man dann halt lieber was von Partys und zu viel Alkohol, das kennt ja jeder und ist schon so ein bisschen enttabuisiert. Eigentlich völlig bescheuert. Nur weil man sich bei Tinder kennengelernt hat, ist es ja noch lange nicht weniger krass, sich mit jemandem so zu verstehen, dass man ihn auch dauerhaft um sich haben will.

Klar, es ist natürlich etwas banal, jemanden mit einer Wischbewegung über das Handy kennenzulernen. Aber ich glaube eigentlich auch nicht, dass sich irgendwer schon mal allein durch das Matchen verknallt hat. Dazu gehören dann doch eher Stimme, Aussehen, Ausstrahlung, Geruch – halt alles, was man dann beim ersten richtigen Treffen sieht und wahrnimmt. Was immer ein großer Zufall ist, wenn es harmoniert, egal ob man sich schon mal betrunken im Club oder nur auf dem Handydisplay gesehen hat. Da ist Tinder genauso wenig planbar, wie das richtige Leben.

Manchmal sind ja sogar TinderDates ziemlich ziemlich ungeplant. Das erste Date von meinem Freund und mir zum Beispiel. Klang krass nach Fuck-Date, ein Come-as-you-are-Treffen, nachts um 1, ungeschminkt (ich) und in Jogginghose (wir beide). Wenn man sich dann trotzdem noch mal treffen will, das über Monate hinweg und plötzlich nur noch zusammen rumhängt, dann ist das wohl kein Tinder mehr, sondern Verliebtheit. Und darum geht’s doch eigentlich, wenn man nach dem Kennenlernen gefragt wird, oder nicht?

Die Fotografie stammt von Claudia van Zyl
Der Text erschien in der Kategorie Liebe mit den Themen
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Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normal...
Kurze Haare, kleine Brüste: Ich liebe Tomboys

Kurze Haare, kleine Brüste

Ich liebe
Tomboys

Marcel Winatschek

Als ich mit zwölf Jahren meine allererste, sogenannte, Freundin in unserem selbstgebauten Geheimversteck irgendwo unter Pappkartons, Rattengift und Industriepaletten den nackten, haarigen Arsch kraulte, wusste ich, was mich mein restliches Leben lang erwarten würde. Denn sie war keines dieser normalen Mädchen, die irgendwann anfingen, sich wie wild Make-up aufs Gesicht zu knallen, zur Pediküre zu gehen und sich die Beine zu rasieren, sondern mein bester Kumpel. Seit etlichen Jahren schon.

Wir sprangen als Power Rangers über Erdsäcke, schlugen uns im Wald gegenseitig windelweich und schauten spät abends zusammen mit ihren kleinen Brüdern die ersten Pornos auf TM3, nur um ihr eigen Fleisch und Blut dann auszulachen und johlend die Treppe hinunter zu stoßen. Ich bewunderte Maria mit jeder Faser meines Körpers. Sie war mein erster Tomboy.

Drei Jahre später hatten wir dann das erste Mal Sex. Sie kam gerade vom Kellnern im Lokal ihrer Mutter hoch in ihr Zimmer, wir redeten die ganze Nacht. Über wahnsinnige Träume und die Zukunft und Xavier Naidoo. Ich streifte ihr mit einer Handbewegung den hellgelben Slip vom Körper und wühlte mich durch ihren behaarten Unterleib.

Ein guter Freund schlummerte grinsend daneben, der Vollmond schien ins Zimmer – wie romantisch das doch war. Dass sie mir ein Jahr später beichtete, sie sei ja eigentlich lesbisch und hätte sich schon im Kindergarten am liebsten von Liesl und Beate beim Mittagsschlaf umarmen lassen, hielt mich nicht davon ab, diese Liebe zu weiblichen Kumpeltypen fortzusetzen.

Tatsächlich stand ich noch nie auf nervige Tussis. Mit ihren Stöckelschuhen und Handtäschchen und glitzernden Lippen. Obwohl ich mit einigen von ihnen zusammen war. Zum Testen. Was ich wollte, waren Mädels mit Verstand. Und Direktheit. Und Sinn für’s Grobe. Ich mochte diejenigen, die statt Tangas Boxershorts trugen. Die sich auf Skateboards blutige Knie einheimsten, anstatt im Solarium zu verbrennen.

Die sich durchsetzen konnten und frech waren und eine eigene Meinung hatten und verdammt noch mal eher das Leben fickten, als sich davon penetrieren zu lassen. Die man als gute Freunde kennen lernte und die plötzlich mit prallen Titten und fertiger Muschi schmunzelnd vor einem standen, aber sich dennoch nicht verändert hatten. Und dann ausprobierten, was neu war. Wie mit Maria. Oder Anastasia. Oder Wenke.

Eine gute Freundin meinte einmal zu mir, dass ich auf diese Art von Mädchen stehe, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin. Und dadurch versuche, mit allen Mitteln verlorene Autorität zurück zu holen. Mag sein, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich nichts mit Mädchen anfangen kann, die zu allem Ja und Amen sagen. Die unbedingt dem geltenden Schönheitsideal entsprechen müssen. Und die kichern und klimpern und niemals furzen oder grunzen oder schlagen. Wie öde. Dann kann ich auch mit einer Puppe zusammen sein.

Die schönsten und womöglich auch lehrreichsten Zeiten meines Lebens habe ich deswegen auch immer mit weiblichen Wesen erlebt, die eben mehr Kumpel als Freundin waren. Mit denen ich nachts um die Wette trinken und koksen und kotzen und grölen konnte, nur um sie anschließend auf dem Balkon durchnehmen zu dürfen, während Muse auf voller Lautstärke lief – weil es gerade Sommer war und die Stadt unter der Hitze zu zerschmelzen drohte. Die kleine, feste Brüste mit diesen wahnsinnig tollen, puffigen Nippeln hatten, weil Gott bis zur letzten Sekunde unentschieden war, welches Geschlecht er ihnen um seines Willen erteilen sollte. Und ich war ihm unendlich dankbar dafür.

Und die während des Sex erst einmal lautstark nebenan kacken gingen, nur um ein paar Minuten später grinsend zurück zu kehren, ihre abstrusen und verrückten Abenteuer auf dem Klo zu schildern und dann mit fettigem Salami-Sandwich und einer frisch geöffneten Flasche Bier im Mund weiter zu vögeln. Um anschließend selbst Fotos mit der miesen Digitalkamera vom Discounter von sich zu machen und am nächsten Tag an einen weiteren unserer Kumpel zu schicken. Das ist wahre Liebe, fernab von allen beschissenen Disney-Filmen und Bravo-Foto-Love-Storys und Bilderbuch-Ratgebern. Was für ein Dreck.

Also lebe ich mein Leben ganz normal weiter, schlafe ab und zu mit langweiligem Menschen, deren Geschichten schon tausend Mal erzählt worden sind, und hoffe insgeheim, dass ich mich irgendwann einmal richtig in einen vorlauten, durchgeknallten, anstandslosen, rülpsenden, furzenden, biertrinkenden, dreckig lachenden, ungeschminkten, kleinbrüstigen, selbstbewussten Kumpeltyp mit Sommersprossen und hübscher Scheide und verschmitzten Lächeln und abstrusen Erlebnissen verknalle, und umgekehrt, der keine Angst vor’m Leben hat und über jeden noch so hohlen Blondenwitz genau so widerlich lacht wie ich.

Der eine Vergangenheit zum Eintauchen hat. Mit Höhen und Tiefen und zum Niederknien tolle Lieblingsfilme und Lieder und sowieso. Der mehr Zeit mit anderen Jungs auf dem Fußballplatz als im Barbie-Traumhaus verbracht hat. Und der nun mal eine Sie ist, bei der man im ersten Augenblick weiß: Alter, mit der ist das ganze restliche Leben eine große Mischung aus Sex und Beer Pong und Großmäuler verprügeln und auf Reisen gehen und Autos anzünden und den Sonnenuntergang anhimmeln und Slipknot hören und Geld rauswerfen und Party machen und nackt im See planschen und sich gegenseitig Flaschen reinschieben und sich mit diesem ganz bestimmten Grinsen zulächeln, das man eben nur kennt, wenn man gerade seinen besten Freund fickt. Das ist das Beste. Am ganzen Leben. Versprochen.

Die Fotografie stammt von Daniel Apodaca
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Generation Babylos: Mein Leben ist wichtiger als ein Kind

Als meine Mutter so alt war wie ich, war sie mit mir schwanger. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie, und der Rest meiner Familie, mich so mit der Frage nervt, wann ich denn endlich mal Kinder bekommen möchte. Dass ich weder eine abgeschlossene Ausbildung, geschweige denn einen Beruf, von dem i...
Generation Babylos: Mein Leben ist wichtiger als ein Kind

Generation Babylos

Mein Leben ist
wichtiger als ein Kind

Nadine Kroll

Als meine Mutter so alt war wie ich, war sie mit mir schwanger. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie, und der Rest meiner Familie, mich so mit der Frage nervt, wann ich denn endlich mal Kinder bekommen möchte. Dass ich weder eine abgeschlossene Ausbildung, geschweige denn einen Beruf, von dem ich ein Kind ernähren könnte, noch einen festen Partner habe, lässt sie dabei völlig außer Acht.

Ich bin eine Frau. Es ist natürlich, dass ich Kinder will. Wenn nicht jetzt, dann wenigstens irgendwann. Sagt meine Mutter. Ich behaupte dennoch das Gegenteil. Ich bin eine Frau und will keine Kinder. Echt nicht. Wirklich nicht. Ich kann schon irgendwie verstehen, warum manche, viele, Menschen das Bedürfnis verspüren, eine Familie zu gründen, wie man so schön sagt. Nur, dass ich das irgendwie nicht habe, dieses Bedürfnis. Ich bin mit mir alleine glücklich. Und an vielen Tagen überfordert.

Ich finde Kinder nicht per se doof. Ja, es gibt viele beschissene Bälger da draußen, die mir mit ihrer bloßen Anwesenheit auf die Nerven gehen. Einfach, weil sie Kinder sind und sich nun mal nicht so verhalten können, wie Erwachsene das tun. Es gibt aber auch Kinder, die ich mag. Kinder, mit denen ich sogar gerne Zeit verbringe – solang ich weiß, dass ich sie nach ein paar Stunden wieder abgeben und mir ihre widerliche Kinderkotze aus der Kleidung waschen kann.

Klar, ich gebe zu, dass ich es sogar ganz süß finde, wenn mir ein Kind mit seinem schokoladenverschmierten Mund einen feuchten Kuss auf die Wange drückt. Aber eben nur, wenn ich weiß, dass ich das nicht regelmäßig mitmachen muss. Diese seltsame Zuneigung, die manche Kinder mir gegenüber an den Tag legen, überfordert mich. Wie schlimm muss das erst sein, wenn es kein fremdes, sondern das eigene Kind ist?

Ich glaube, ich hätte permanent Angst, es versehentlich zu töten. Oder ihm zumindest weh zu tun. Weil ich einfach furchtbar ungeschickt bin. Und auch egoistisch. Ich will meinen Egoismus nicht hinten anstellen. Für keinen Menschen dieser Welt. Nicht mal für ein Kind. Zumindest nicht für mehr als ein paar Stunden.

Wenn also meine Familie fragt, wann ich denn nun vorhabe, endlich ein Kind aus mir zu pressen, antworte ich genau das. Also alle der oben angeführten Dinge. Doch irgendwie haben alle beschlossen, mich zu überhören. Sie kontern dann mit Dingen wie „Das kommt noch, du bist schließlich eine Frau“, oder „Du solltest mit der Planung aber nicht mehr allzu lange warten, im Alter wird das Kinderkriegen schwer!“

Auf Letzteres antworte ich gerne mit „Und wenn ich dann zu alt bin, adoptiere ich eben eins“, nur um mir dann anhören zu dürfen, dass das lange nicht so schön ist, wie ein eigenes Kind zu zeugen. Damit meinen sie natürlich nicht, dass der Sex vorher ziemlich geil ist, sondern, dass man adoptierte Kinder nicht so gern hat wie sein eigenes. Abgesehen davon, dass ich diese Ansicht für schwachsinnig und schlichtweg falsch halte, will ich auch nach dieser Diskussion immer noch kein Kind. Weder ein eigenes, noch ein Adoptivkind.

Was das Erste betrifft, also „Das kommt noch, du bist ja schließlich eine Frau!“, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll zu diskutieren. Ach, was heißt schon diskutieren. Einfach schreien möchte ich. All die Menschen anbrüllen, die noch immer denken, dass ein Kinderwunsch mit dem eigenen Geschlecht zu tun hätte.

Ich hatte mal einen Freund, der wollte unbedingt ein Kind. Ich war damals Anfang 20, er war Ende 20 und er wünschte sich ein Kind. Nicht irgendwann, sondern sofort. Nach nur drei Monaten habe ich bereits Schluss gemacht. Nicht, weil ich ihn nicht liebte, denn das tat ich, sondern weil ich wusste, dass wir keine Zukunft teilen würden. Er wollte ein Kind. Am liebsten sogar eine ganze Horde Kinder. Ich wollte das nicht. Und ich werde es nie wollen.

Ich war schon mit Männern zusammen, die Kinder aus vorangegangenen Beziehungen hatten. Das war für mich kein Problem. Sind ja nicht meine eigenen und ich machte den Kerlen von vornherein klar, dass ich zwar durchaus bereit bin, Zeit mit den Bälgern zu verbringen und auch auf sie aufzupassen, wenn die Herren arbeiten mussten, dass ich aber nie, nie, nie die Rolle der Ersatzmutter einnehmen würde, denn die liegt mir einfach nicht. Das habe sie auch alle akzeptiert.

Die Beziehungen sind nicht an den Kindern zerbrochen, sondern daran, dass die Väter solche… Daddys waren, und das nicht nur beim Sex. Da musste ich dann feststellen, dass Väter mir genauso wenig liegen wie Kinder. Mit Müttern hab ich’s noch nicht probiert, doch ich vermute, da sieht’s ähnlich aus. Wenn es nach mir ginge, hätte ich mir schon längst die Gebärmutter entfernen lassen. Ich brauche sie nämlich einfach nicht und werde sie auch niemals brauchen. Zumindest nicht, um Kinder zu kriegen.

Als ich das letzte Mal beim Frauenarzt war, sprach ich ihn auf eine Sterilisation an. Die Antwort hätte von meiner Mutter sein können. „Sie sind noch sehr jung, Sie werden irgendwann noch Kinder wollen.“ Nein, verdammt, das will ich nicht. Auf die Frage, ob man das zu Männern in meinem Alter auch sagen würde, die sich eine Sterilisation wünschen, weil sie wissen, dass sie keine Kinder möchten, bekam ich zu hören, dass das ja etwas anderes sei.

In dem Moment wäre ich fast explodiert, denn für mich ist das absolut nichts anderes. Noch einmal: ein Kinderwunsch hat nichts mit dem eigenen Geschlecht zu tun. Doch bevor es so weit kommen konnte, fand ich glücklicherweise mein Höschen wieder und den Weg hinaus aus der Praxis. Dass ich als Frau wirklich keine Kinder will, nicht jetzt und auch nicht irgendwann, scheint für unsere Gesellschaft nicht tragbar zu sein und manchmal, ja, manchmal komme ich mir damit ziemlich verarscht und auch alleine gelassen vor.

Immer dann zum Beispiel, wenn ich wieder auf eine Schwangere treffe, die das „alles gar nicht so geplant hatte“ und jetzt doch „überglücklich ist, dass es so gekommen ist“. In diesem Moment kann ich schlecht sagen, dass ich, sollte ich einmal versehentlich schwanger werden, sofort abtreiben würde, und zwar auch ohne nur eine Sekunde zu zögern, und so behalte ich meine Meinung für mich. Allein. Die Gesellschaft würde sie ja eh nicht akzeptieren.

Die Fotografie stammt von Jonathan Borba
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Penisfotos und Tittenbilder: Es interessiert keinen, wie du nackt aussiehst

Hose runter, Beine breit, Handy raus... oh warte! Herzlichen Glückwunsch, du bist gerade dabei, den Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Evolution zu erbringen, das lebende Beispiel dafür zu werden, dass Menschen tatsächlich nur einen Bruchteil ihrer Gehirnkapazität nutzen und dich zum Vollhorst zu m...
Penisfotos und Tittenbilder: Es interessiert keinen, wie du nackt aussiehst

Penisfotos und Tittenbilder

Es interessiert keinen,
wie du nackt aussiehst

Leni Garibov

Hose runter, Beine breit, Handy raus… oh warte! Herzlichen Glückwunsch, du bist gerade dabei, den Beweis für die Fehlerhaftigkeit der Evolution zu erbringen, das lebende Beispiel dafür zu werden, dass Menschen tatsächlich nur einen Bruchteil ihrer Gehirnkapazität nutzen und dich zum Vollhorst zu machen, aber das nur ganz nebenbei.

Geschlechtsteile mit den Handy fotografieren. Wow. Das haut einen ja glatt um. Wie innovativ, hast du das studiert? Ob du nun ein wunderschönes Elfenmädchen aus BerlinMitte oder ein etwas, und das wirklich alle Körperstellen betreffend, zu klein geratener Biobauer bist, eine Frage geht mir einfach nicht aus dem Kopf: Wozu? Wen interessiert es, wie deine glatt gewachste Bikinizone, dein kleiner Freund oder deine prallen Brüste so ganz unverhüllt aussehen?

Okay, eigentlich liegt die Antwort auf der Hand: Alle, die dich entweder geil finden oder dir schaden wollen. Und die Letzteren, ja, sie sind der Grund, warum in Eigenregie entstandene Amateurnacktshootings völliger Bullshit sind.

Wir reden jetzt auch gar nicht von den schön inszenierten, erotischen Bildern, die man ab und zu für den Partner oder nicht ganz so privat auch für den Playboy macht. Photoshop, Assistenten und Unmengen von Körper-Make-Up machen es möglich, dass beim Anblick dieser Bilder das Herzchen schneller schlägt und sich die Pupillen weiten. Aber so ein Genitalschnappschuss?

Sieht so etwas denn jemals gut aus? Den Beweis haben in den vergangenen Jahren immer mal wieder Promis gebracht, deren Handys gehackt wurden und die dann für alle Welt sichtbar nackt im Bett lagen: Es war eher zum Fremdschämen! Selbst bei den hübschesten HollywoodSchauspielerinnen. Nennt mich ruhig verklemmtes Arschloch. Sagt man so etwas zu Mädchen? Aber intime Momente sollten meiner Meinung nach auch wirklich intim bleiben.

Es geht doch um den Moment, um das Erlebnis. Wenn man sich auszieht, sich anfasst, sich gegenseitig wunderschön findet. Egal, ob man nun mit Modelmaßen oder dem ein oder anderen Speckröllchen gesegnet wurde. Das alles auf Fotos festzuhalten, nimmt dem Ganzen die Magie weg, versucht das zu konservieren, was nun mal nicht gespeichert werden kann, und wenn doch, dann nur in Form eines plumpen 2D-Bildchens.

Und ich fange gar nicht erst damit an, dass genau dieses nicht immer dort bleibt, wo es hingehört. Wenn man von drei Menschen ausgeht, die im Besitz des eigenen, im Suff gemachten Schnappschusses vom Allerwertesten sind, dann kann man diese Zahl gleich mit der Menge aller schaulustigen Freunde des Empfängers multiplizieren.

Klar, wir alle sehen nackt mehr oder weniger gleich aus und es ist überhaupt nichts dabei, sich im nächsten Narzissmusanfall räkelnd im Bett abzulichten. Aber ich persönlich hätte irgendwie keine Lust darauf, dass das Ergebnis dieser kleinen Fotosession in die falschen Hände gerät. Also Hose runter, Beine breit – und das Handy aus!

Die Illustration stammt von Clip und Icons8
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Liebe Frauen...: Alle Männer wollen mit euch schlafen

Ich könnte euch jetzt eine ellenlange Geschichte darüber schreiben, dass Freundschaft ein dehnbarer Begriff ist. Dass es jede Menge Arten von Freundschaften gibt. Gleichwertige Freundschaften zum Beispiel, von denen alle Teilhabenden zehren. Und unehrliche Freundschaften, von denen einer mehr hat al...
Liebe Frauen...: Alle Männer wollen mit euch schlafen

Liebe Frauen...

Alle Männer wollen
mit euch schlafen

Marcel Winatschek

Ich könnte euch jetzt eine ellenlange Geschichte darüber schreiben, dass Freundschaft ein dehnbarer Begriff ist. Dass es jede Menge Arten von Freundschaften gibt. Gleichwertige Freundschaften zum Beispiel, von denen alle Teilhabenden zehren. Und unehrliche Freundschaften, von denen einer mehr hat als der andere. Aber ich versuche es euch anders zu erklären.

Liebe Frauen, die männlichen Freunde, die ihr zu haben glaubt, teilen sich selbst in drei Gruppierungen ein. Erstens: Die Schwulen. Zweitens: Diejenigen, die heimlich in euch verliebt sind und nur auf den richtigen Moment warten, dass sie euch die Klamotten vom Leib reißen und wild auf euch herum hüpfen dürfen. Davon träumen sie schließlich jede Nacht, und das oft seit Jahren.

Und drittens: Diejenigen, die zwar nicht wirklich etwas von euch wollen, aber sich die Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen würden, wenn ihr unten ohne auf dem Boden kniet und es jetzt einfach mal wieder braucht. Was auch immer das genau sein mag. Penis nehmen, in die Vagina oder sonst wo hinschieben, so schwer kann das ja nicht sein.

Wenn ihr nicht gerade Pilze am Kinn, Eiterblasen auf der Stirn oder Mundgeruch bis nach Jerusalem habt, dann haben sich alle, ja, alle eure männlichen “Freunde” schon einmal vorgestellt, wie ihr wohl nackt ausseht und wie ihr im Bett seid. Ob ihr laut Namen stöhnt oder ganz leise kommt, ob ihr kratzt oder beißt oder auf Dinge steht, auf die selbst das Internet keine Antwort weiß.

Sind eure Brüste groß oder klein, straff oder hängend, stehen eure Nippel oder verstecken sie sich, seid ihr rasiert oder buschig, habt ihr schmale Schamlippen oder wuchernde Fetzen. Auf diese Fragen adäquate Antworten zu finden, darauf sind wir schließlich programmiert, vollkommen egal, wie sehr uns die Gesellschaft in Verhaltensmuster drängt, die uns in höfliche, soziale und bedachte Mitglieder der Gemeinschaft verwandeln. Dabei ist es irrelevant, ob wir das wollen oder nicht.

Natürlich ist eine Freundschaft zwischen Frauen und Männern theoretisch möglich. Aber nur solange, bis irgendeiner von beiden psychisch austickt und plötzlich Gelüste entwickelt, deren Wurzeln älter sind als alles, woran wir uns erinnern mögen. Nur ständige Zurückhaltung und Abwägen hält die meisten davon ab, sich wie wild aufeinander zu stürzen, als würde es kein Morgen mehr geben.

Und warum auch nicht? Freundschaften, die sich in Beziehungen verwandeln, sind doch der perfekte Weg. Man weiß genau, auf was man sich beim anderen einlässt, kennt seine Stärken und Schwächen, ist sich darüber bewusst, was er mag und was nicht, hat womöglich bereits einen gemeinsamen Freundeskreis. Praktischer geht’s doch gar nicht!

Das gilt nicht nur für Frauen und Männer. Sondern auch für Männer und Männer. Und Frauen und Frauen. Und Transsexuelle und Intersexuelle und Transgender. Und vielleicht auch für Tiere. Manch einer schafft es ja sogar, Freundschaft und Sex gekonnt miteinander zu vermischen, ohne damit die zwischenmenschliche Beziehung vollkommen zu zerstören.

Wenn ihr also das nächste Mal eure sogenannten männlichen Freunde darauf testen wollt, ob sie womöglich mehr wollen, als nur mit euch abzuhängen, Filme zu gucken und einen durchzuziehen, dann ladet sie doch einfach mal zu euch nach Hause ein, und schlagt ihnen ernsthaft vor, es jetzt und hier zu tun. Ohne Konsequenzen. Wer würde dazu schon nein sagen?

Die Fotografie stammt von Toa Heftiba
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Verwöhnt, weltfremd, undankbar: Wir sind die Generation der Heulsusen

Baby Boomer, Golf, Generation X – seit Beginn der Neunziger Jahre wurde jede Generation von Menschen in einzigartigen Kategorien mit mehr oder minder amüsanten Namen zusammengefasst. Alles ab dem Jahrgang 1989 ist jetzt die sogenannte Generation Y. Generation Y – das sind wir. Und wir, wir sind imme...
Verwöhnt, weltfremd, undankbar: Wir sind die Generation der Heulsusen

Verwöhnt, weltfremd, undankbar

Wir sind die Generation
der Heulsusen

Alexandra Brechlin

Baby Boomer, Golf, Generation X – seit Beginn der Neunziger Jahre wurde jede Generation von Menschen in einzigartigen Kategorien mit mehr oder minder amüsanten Namen zusammengefasst. Alles ab dem Jahrgang 1989 ist jetzt die sogenannte Generation Y. Generation Y – das sind wir. Und wir, wir sind immer noch nicht ganz erwachsen.

Darüber wird viel in den Medien diskutiert. Und genau darüber regen wir uns gerne auf. Denn so selbstbewusst und ehrgeizig, wie wir kategorisiert werden, genauso auch verweichlicht und verwöhnt sind wir letzten Endes. Vor allem: verwöhnt. Mein Opa erzählt oft von seiner Kindheit, da geht es um den Krieg, zerstörte Wohnungen, Ratten essen, die Rebellion der zu kurzen Miniröcke und Revolte gegen die Obrigkeit.

Unsere Generation dagegen zieht mit MacBook, iPhone und vor allem jeder Menge Geld, natürlich von Mama und Papa in den Arsch geschoben, durch die weite Welt und verlangt vor allem eines lautstark: Spaß. Spaß am laufenden Band. Und vielleicht nebenbei noch ein kleines bisschen die Welt retten, für das gute Gefühl. Und so.

Kurz gesagt: Uns stehen alle möglichen Türen offen. Wirklich. Von Anfang an. Wir sind jung, wir sind schön, wir sind intelligent – wir kennen uns aus. Hauptschule, Realschule, Abitur. Ausbildung, Weltreise, Studium. Wir können alles, wenn wir nur wollen. Nur eine Frage hält uns zurück: Wer soll sich da noch entscheiden können?

Heute Kunstgeschichte, morgen BWL. Anders als die Generationen vor uns haben wir nur eine Qual: die Qual der Wahl – zwischen 3.000 Ausbildungsberufen und über 17.000 Studiengängen. Wir, mit einer Kindheit im Reihenhaus mit Garten, mit Haustier und Mamas die uns in ihrem Auto von der Schule abholen und uns zum Klavier und Tennisunterricht fahren, und wir, die Englisch bereits im Kindergarten lernen.

Von unseren Eltern aus der Generation X wurden wir gefördert, verhätschelt und gefeiert. Schon als kleiner Hosenmatz war uns immer die volle Aufmerksamkeit gewiss. Wir durften mitentscheiden wohin die Familie in den Urlaub fährt und welche Farbe das neue Familienauto haben soll. Wir wurden immer ernst und an die Hand genommen, die Welt wurde uns erklärt.

Wir wissen, was es heißt, sich frei zu entfalten und verwirklichen zu dürfen. Da ist es doch nur logisch, dass wir das auch im Erwachsenenleben beibehalten wollen. Papas Lieblingstöchter studieren ein Jahr lang Modedesign, dann doch lieber Kunst, nur um im Anschluss eine Frisörausbildung zu machen. Wir folgen schließlich lediglich unseren Gefühlen.

Dazwischen werden Wohnung, Essen, Unterhaltung, Fitness, Reisen, Sozialleben, Krankenkasse und das tausendste Paar Schuhe bezahlt. Die Freiheit von heute und das erkämpfte Geld der Generation vor uns, müssen schließlich auch irgendwie ihre Wertschätzung finden. Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Scherzhaft werden wir von einigen auch „Generation Pippi“ genannt. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, eine autonome Göre, die mit ihren Streichen und ihrer rotzigen Lebensart zur Heldin einer ganzen Bevölkerungsschicht wurde. Wir lassen uns nichts gefallen, wir wissen, was wir wollen, wann wir es wollen.

Generation Y. Das Y wird wie im Englischen ausgesprochen. Why. Warum. Wir sind die Generation der Fragen. Fragen wie: Passt mein Studiengang wirklich zu meinen Ambitionen? Zu meinem Charakter? Bin ich nicht noch viel zu jung, um in festen Strukturen zu arbeiten? Werde ich auch in 20 Jahren noch Freude an meinem Beruf haben? Warum mache ich nichts Kreativeres? Bin ich nicht unterbezahlt?

Freizeit statt Karriere, Sonderurlaub statt Stress: Wir geben für den Beruf nicht mehr alles. Wir erwarten. Immerhin sind wir auch herausragend gut ausgebildet. Macht Platz – jetzt kommen wir! Job, Gehalt, Selbstverwirklichung, Aufmerksamkeit, Fürsorge, Mitsprache. Chefs, die auf unsere Bedürfnisse eingehen. Arbeit, die uns gänzlich erfüllt.

Und wenn wir nicht bekommen, was wir uns wünschen, von wem auch immer, dann werden wir trotzig, stampfen mit den Füßen auf, schmollen, ziehen uns zurück und machen lieber gar nichts – oder studieren einfach weiter. Auf ein Neues. Alles ist besser als das hier. Für uns, die die Wahl haben, ist das schon fast eine Pflicht.

Unsere Generation ist entgegen mancher Ansicht weder faul noch dumm noch undankbar. Eigentlich sind wir sogar sehr fleißig. Wenn wir uns denn Aufgaben und Herausforderungen stellen dürfen, die wir für würdig erachten. Wir haben ganz verschrobene Ansichten von der Arbeit und dem Leben – und das sorgt für Konflikte.

Im Gegensatz zu den Generationen vor uns, sehen wir uns gerne als Weltverbesserer. Und das ist nichts Schlechtes. Aber müssen wir wirklich anfangen zu heulen, weil Papa uns nach dem vierten Studienabbruch doch mal den Geldhahn abdreht oder wir uns erst einmal in einem Praktikum nach oben arbeiten müssen und plötzlich sogar unsere Miete selbst zahlen sollen?

Das haben die vielen Generationen vor uns auch getan. Und wisst ihr was? Die haben ihre Zähne zusammengebissen, durchgehalten – und leben auch noch. Überraschung! Vielleicht ist aus ihnen am Ende nicht Anna Wintour, Gisele Bündchen oder Steve Jobs geworden, aber das Leben ist eben kein Süßigkeitenladen.

Nicht wenigen davon geht es trotzdem, oder sogar, prima. Die haben einen Job, mit einem echten Gehalt, mit Versicherungen, mit Rücklagen. Also liebe Kinder, bitte wacht endlich auf und lasst euch gesagt sein: Reißt euch zusammen! Denn so einfach ist das Leben nicht. Willkommen in der Realität. Generation Y – das sind wir. Und wir, wir sind immer noch nicht ganz erwachsen.

Die Illustration stammt von Icons8
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Zerstör mich!Liebe muss die Hölle sein

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Type...
Zerstör mich!Liebe muss die Hölle sein

Zerstör mich!

Liebe muss
die Hölle sein

Mia Jung

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Ich war 14, als ich meinen ersten richtigen Freund traf. Er war 17 und psychisch gestört. Das wusste ich anfangs aber nicht. Mir war nur wichtig, dass er schlank, ja, fast schon schmächtig war, lange, dunkle Haare hatte und mich verstand. Er spielte in einer Band, schrieb Kurzgeschichten über die Liebe, die er aber niemals veröffentlichte, und küsste so zart und doch stark, dass ich allein bei dem Gedanken daran heute noch feucht werde.

Zu Beginn unserer Beziehung taten wir ganz normale Paardinge. Eis essen gehen. Im Kino knutschen. Wein trinken und dabei Musik hören. Am Ende unserer Beziehung zog ihn meine Mutter heulend und kreischend an seinen langen Haaren aus meinem Zimmer, während sein aufgeschnittener Arm unseren Flurteppich voll blutete und er aus voller Kehle „My Heart Will Go On“ brüllte. Zwischen Anfang und Ende lagen dreieinhalb Jahre. Das war zugleich die schönste als auch die schlimmste Zeit in meinem Leben.

Wenn andere Frauen erzählen, dass sie von ihrem Freund psychisch missbraucht wurden, dann möchte ich nur laut lachen und sie zurück in ihr ödes, mittelmäßiges Leben schicken, das sie für so krass und schlimm und deprimierend halten. Die emotionale Hölle ist nämlich nicht traurig und auch nicht hart, sie ist wunderschön. Fast schon magisch. Besonders zu zweit. Wer etwas anderes denkt, der ist nie bis ans Ende gegangen.

Als ich merkte, dass unsere Beziehung irgendwie anders war als die meiner Klassenkameraden, war ich gerade dabei, der Katze meiner Nachbarin den Schwanz mit einem Küchenmesser abzuschneiden. Die Wetten, die mein Freund und ich uns ausdachten, waren anfangs noch harmlos und ziemlich lustig, wurden aber immer abstruser, ekliger und auch gefährlicher. Meine Freunde, die ich seit dem Kindergarten kannte, hatten irgendwann Angst vor mir.

Aus der Clique von ungefähr zehn Leuten waren nach und nach nur noch wir beide übrig, weil wir uns von den anderen abkapselten. Die begriffen uns nicht, die waren zu normal. Wir verstanden die Welt, aber die Welt verstand uns nicht. Wir redeten jede Nacht stundenlang über Dinge, die sich andere nicht auszusprechen trauten. Tod, Schmerzen, die Sterne. Wir waren eins, alle anderen waren einsam. Solche Verlierer.

Ich begann, alle anderen Menschen zu hassen, weil sie so normal waren. Von dem netten Mädchen, das ich vor dieser Beziehung war, war danach nicht mehr viel übrig. Mein Freund lehrte mich, dass das Leben eine einzige Farce ist, die man nur dadurch austricksen konnte, indem man immer etwas Unerwartetes tat. Und das taten wir. Und es war großartig. Gott wusste nicht, mit wem er sich da anlegte.

Wir waren auf jeder Ebene ebenbürtig. Er versuchte nicht, mich zu manipulieren, sondern ich verband sein krankes Gehirn mit meinem. Und so wurden aus zwei ver- und zerstörten Seelen eine. Wir dachten irgendwann wie eine Person. Für uns war das ganz normal. Und wenn Liebe jemals einen wahre Definition haben sollte, dann diese. Natürlich klingt das nach jugendlicher Emoscheiße, aber es war, als wären wir die einzigen Wesen in einem viel zu großen Universum, die wirklich zusammen gehörten.

Er tat alles, was ich sagte. Und ich tat alles, was er sagte. Er trat seinem Chef auf einem Betriebsausflug zwischen die Beine, weil ich es sagte. Und ich ließ mich von einem übergewichtigen Türken mittleren Alters auf der McDonald’s-Toilette bumsen, weil er es sagte. Es war keineswegs, als hätte ich meinen Kopf abgeschaltet, sondern als würden wir jede noch so kleine Entscheidung gemeinsam treffen.

Natürlich war selbst diese wunderschöne Hölle nicht für die Ewigkeit bestimmt. Irgendwann driftete er in eine von MDMA geflutete Welt ab, in der ich keinen Halt fand. Er war von Tag zu Tag fröhlicher und glücklicher, während meine Gedanken immer düsterer wurden. Unsere perfekte Harmonie schien uns zu entgleiten. Ich tat alles, was er sagte, aber er irgendwann nicht mehr, was ich sagte. Und das machte mich wütend.

Ich saß nachts allein in meinem Zimmer und malte mir aus, welche schlimmen Dinge ich ihm und seiner Familie antun würde, sollte er mich verlassen. Er hatte mich in diese dunkle Parallelwelt gebracht und nun dort allein zurück gelassen. Ich wollte nicht, dass er glücklich ist. Ich wollte, dass er mit mir gemeinsam zerstört ist.

Um ihn eifersüchtig zu machen, begann ich etwas mit einem blonden Schönling aus meiner Klasse. Doch das interessierte ihn gar nicht. Dafür gefiel mein Ersatzfreund meiner Mutter so gut, dass sie vor Glück fast weinte. „Gott sei Dank“, sagte sie damals. „Ich dachte schon, du würdest für immer mit diesem Idioten zusammen sein.“ Ich lächelte nur. Was wusste sie schon.

Das ging ein paar Monate so und ich begann fast zu glauben, dass ich wieder ein normaler Mensch werden könnte, mit normalen Kinoabenden und normalen Partys und normalen Abendessen bei den Eltern des jeweils anderen. Bis eines Abends mein Freund vor der Tür stand. Es regnete. Seine langen, dunklen Haare waren ganz nass. Ich wollte mich am liebsten sofort in ihnen vergraben.

Ich weiß nicht, ob er betrunken oder high oder einfach nur verstört war, aber er sagte, er hätte ein Mädchen kennengelernt, eines mit Locken und einem süßen Lächeln und sie wäre in einer 80s-Tanzgruppe und Klassensprecherin. Sie wäre ganz großartig, aber irgendwie würde sie ihm emotional nicht so viel bedeuten wie ich. Er würde mich vermissen. Ob ich ihm nochmal eine Chance geben würde.

Man könnte jetzt denken, dass ich aus Spaß „Wetten, du traust dich nicht, dir die Pulsadern aufzuschneiden!“ sagte, aber ich meinte es vollkommen ernst. Wenn er wirklich mit mir zusammen sein will, dann macht er es auch, dachte ich mir. Natürlich wollte ich nicht, dass er starb. Ich wollte nur, dass er tat, was ich ihm sagte. Dass er mir seine Treue bewies. Seine unendliche Loyalität.

Der Schnitt war nicht lebensgefährlich, aber er blutete wie ein Schwein. Meine Mutter rastete aus, der Krankenwagen und die Polizei kamen, Nachbarn hatten sie gerufen. Ich schlief noch einige Nächte auf dem länglichen Fleck, bis er plötzlich weg war. Meinen Freund sah ich danach nur noch einige Male, aber wir sprachen nicht mehr viel miteinander. Ich galt als Psycho, er begann Verschwörungstheorien zu entwickeln. Satelliten würden ihn beobachten. Sein Handy warf er in einen nahegelegenen See.

Ich habe versucht, danach wieder eine normale Beziehung mit einem normalen Menschen zu führen. Aber es klappt nicht. Wenn deine erste Beziehung dir so viele innerliche Türen geöffnet hat, von denen du vorher nicht einmal wusstest, dass sie existieren, dann kannst du nicht mehr so tun, als würdest du sie nicht kennen. Du wirst inkompatibel für Leute, die noch nie gewisse Schalter in ihrem Gehirn umgelegt haben.

Mein nächster Freund war Steuerfachangestellter oder irgend so ein Scheiß. Seine Eltern waren Anwälte. Ich hätte ihnen vor lauter Gewohnheit an die Wand kotzen können. Der Typ versagte schon bei der ersten Wette, die ich ihm auferlegte, dabei war sie noch harmlos. Er sollte ein fremdes Mädchen auf einer Party küssen, auf der wir waren, ohne vorher mit ihr zu sprechen. Natürlich traute er sich das nicht. Aus lauter Enttäuschung machte ich noch auf der Stelle mit ihm Schluss und habe dem Türsteher einen geblasen.

Seitdem befinde ich mich in einem Limbo der Langeweile. Ich fühle mich, als hätte ich alle meine Emotionen bereits gelebt, als wäre ich ausgefühlt, als wäre der Rest meines Lebens lediglich ein Warten auf den Tod. Ich würde alles geben, um nur noch eine Nacht wie die zu erleben, in der die Welt noch in Ordnung war. In der ich mich zu Hause fühlte, in der Gewissheit, dass wir eins waren und alle anderen nicht.

Meine beste Freundin, die womöglich nur eine gute Bekannte ist, schaut mich immer wieder verstört an, wenn ich ihr erzähle, dass ich schlichtweg mit keinem Mann zusammen sein kann, der mich nicht an meine mentalen Grenzen und darüber hinaus treibt. „Such dir doch einfach mal einen ganz normalen Typen!“ rät sie mir dann. Doch egal, wie sehr ich mir das auch wünschen würde, ich kann es nicht.

Die Fotografie stammt von Hoang Loc
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Terror in Deutschland: Ich habe Angst

Ich bin kein Experte, was Terror und Politik angeht. Ich bin Bürger. Ich bin jung. Noch. Ich würde mich als grundlegend informiert bezeichnen, was die Lage in Deutschland angeht. Ich kann lesen. Und denken. Und ich habe Angst. Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, dass immer wieder Anschläge in...
Terror in Deutschland: Ich habe Angst

Terror in Deutschland

Ich habe
Angst

Lena Freud

Ich bin kein Experte, was Terror und Politik angeht. Ich bin Bürger. Ich bin jung. Noch. Ich würde mich als grundlegend informiert bezeichnen, was die Lage in Deutschland angeht. Ich kann lesen. Und denken. Und ich habe Angst.

Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, dass immer wieder Anschläge in Deutschland verübt werden. Am Berliner Breitscheidplatz. In Ansbach. In Würzburg. Ich habe Angst, seitdem man mir sagte, ich sollte die Augen offen halten. Ich habe große Angst, seitdem man mir sagte, ich solle bitte nicht in Panik verfallen.

Ich habe Angst, wenn die Menschen, die ich liebe, Flugzeuge besteigen. Ich habe Angst, wenn ich mit der U-Bahn in die Arbeit fahre. In der Innenstadt. Rush Hour. Weihnachtsmarkt. Ich habe plötzlich sogar ein bisschen Angst vor Männern mit Turban. Meine Angst ist völlig irrational.

Ich weiß, dass meine Angst die Macht derer schürt, welche sie auslösen. Vor kurzem habe ich gehört, dass die Angst vor einem selten eintretenden Ereignis unverhältnismäßig hoch ist, wenn die persönlichen Konsequenzen so verheerend sind, wie im Falle von Krieg und Terror.

Und ja, ich habe unverhältnismäßig große Angst, um meine Familie, meine Wohnung, die Menschen, die ich liebe, alles, was ich mir mühsam aufbauen musste. Ich habe Angst um mein Leben. Ich weiß, dass ich statistisch gesehen mehrmals im Leben im Lotto gewinnen werde, bevor ich einem Anschlag zum Opfer falle. Ich kenne die Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen, an denen ich meine Lieben verabschiede.

Ich weiß, dass wir in einigen Jahren vielleicht schon gar nicht mehr über das Thema Terror nachdenken werden. Ich bin nicht dumm. Ich bin nicht begriffsstutzig oder geistig behindert. Und trotzdem habe ich Angst. Ich habe eine scheiß Angst.

Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich lebe in einem sicheren Land. Meine Mitbürger fühlen sich ebenfalls sicher. Es geht uns gut hier. Meine Generation wächst behütet auf. Wir kennen keinen Krieg, keinen Terror.

Wir wissen wohl, was Krieg bedeutet, wenn wir Nachrichtensprechern und Großeltern zuhören. Aber wir haben ihn nie am eigenen Leib erfahren. Wir können uns nicht einmal annähernd vorstellen, was wäre, wenn man uns den Boden unter den Füßen wegreißt. Und es scheint auch nicht relevant für uns.

Ich schätze, wir haben eine ganze Menge verdammtes Glück gehabt. Aber wie sieht das alles in der aktuellen Situation aus? Was passiert, wenn man uns sagt, Menschen seien auf dem Weg in unser sicheres Land, um Bomben in U-Bahnen, Flugzeugen und Innenstädten zu zünden? Wir stehen nackt und hilflos vor dem Problem. Allein mit unserer Angst. Wie verhalten wir uns jetzt? Und wie verhalten wir uns nach einem Anschlag, der laut Regierung nur eine Frage der Zeit ist? Was würde ich persönlich tun?

Wir wissen es nicht. Woher auch? Aus „Terrorismus für Idioten“? Meine Regierung hier in Deutschland sagt mir, ich solle mir Sorgen machen, aber nicht in Panik verfallen. Die Sicherheitsbestimmungen werden noch weiter in die Höhe geschraubt.

Ich solle „den Behörden von seltsam aussehenden Menschen berichten“, meinte Ehrhart Körting von der SPD, und ruhig ein Auge haben, auf die vielen schlecht integrierten Bürger, die mir Deutschland jetzt zum Terroristenzivilkämpferfraß vorwirft. Ich soll der Speicherung meiner Daten und der verschärften Überwachung zustimmen. Schließlich sind die unter uns. Du könntest auch einer sein.

Die Forderungen vieler Politiker werden immer radikaler. Mich würde das nicht weiter beunruhigen. Ich interessiere mich nicht sonderlich für Politik. Ich befasse mich hin und wieder damit, um beim Smalltalk mit sexy Anzugträgern nicht völlig bescheuert auszusehen. Ich bin nur nicht dumm genug, meine Panik von meiner eigenen Regierung ausnutzen zu lassen.

Wir stehen vor einem Problem. Das ist wahr. Aber wir stehen, scheiß noch mal, nicht vor einer Apokalypse. Ich möchte nicht, dass meine Grundrechte hier und da ein wenig zurechtgeknautscht werden, weil dieses Land angeblich keine anderen Möglichkeiten kennt, meine Sicherheit zu gewährleisten.

Der ehemalige innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, wirft mir nun also vor, ich hätte die Lage nicht verstanden, wenn ich mich jetzt noch gegen die Vorratsdatenspeicherung zur Wehr setzte. Ich werfe Herrn Uhl vor, mein Grundgesetz nicht ganz verstanden zu haben.

Ich bin dagegen, dass man meine Angst vor Terror und Krieg schürt und ausnutzt, um meine Grundrechte aus den Angeln zu heben und sie zu verändern, um das Bürgertum besser überwachen zu können. Ich bin nicht paranoid. Das Foto meines Hauses bei Street View ist nicht verpixelt und, offen gestanden, ist es mir scheißegal, ob irgendwer herausfinden könnte, dass ich unverhältnismäßig oft bei Google nach japanischen Lesbenpornos suche.

Es geht mir darum, dass mein Grundgesetz nicht scheibenweise beschnitten werden kann. Ein wenig mehr Überwachung heute, ein paar mehr Einschränkungen morgen? Und was ist übermorgen? Das macht mir Angst. Mehr als jede Terrormeldung es je könnte.

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man die Panik schürt, vor der man gerade noch gewarnt hat, nur um die eigenen Interessen durchzubringen. Ich möchte nicht von Menschen regiert werden, die in mir Vorurteile gegen Minderheiten aufflammen lassen.

Ich will meiner Regierung ihre nackte Panik nicht an ihren unüberlegten Handlungen ansehen. Ist das zu viel verlangt? Wie gesagt, ich bin weder Terror-, noch Politikexperte, ich kann von daher nur für mich selbst sprechen und meinem unguten Gefühl Ausdruck verleihen, aber, hey, Deutschland, hörst du dir eigentlich noch manchmal selbst beim Reden zu?

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500 Days of Summer: Ein Liebesfilm, der gar keiner ist

In Menschen, die das Leben luftig leicht nehmen, sich an nichts binden möchten und denen die geistige und körperliche Freiheit das höchste Gut ist, verliebt man sich am schnellsten und hofft, während der sanften Berührungen, des ersten Kusses und des umwerfenden Sex, dass man diese eine Person im Le...
500 Days of Summer: Ein Liebesfilm, der gar keiner ist

500 Days of Summer

Ein Liebesfilm,
der gar keiner ist

Marcel Winatschek

In Menschen, die das Leben luftig leicht nehmen, sich an nichts binden möchten und denen die geistige und körperliche Freiheit das höchste Gut ist, verliebt man sich am schnellsten und hofft, während der sanften Berührungen, des ersten Kusses und des umwerfenden Sex, dass man diese eine Person im Leben ist, für die man alle Vorsätze über Bord wirft, sich zu Liebesschwüren hinreißen lässt und mit dem man den Rest seines jämmerlichen Daseins verbringen möchte. Doch das geht meistens schief. Denn was haben wir bereits sehr früh gelernt? Einer ist Ernie, der andere immer Bert.

500 Days of Summer mit der bezaubernden Zooey Deschanel und dem dauerverträumten Joseph Gordon-Levitt ist ein luftig leichter Film über genau diese Art von absolut aussichtsloser Liebe zwischen einem Schmetterling und dessen Fänger, der im steten Wandel das Auf und Ab, die Höhen und Tiefen und die ständig sterbende und wieder auferweckte Hoffnung aufzeigt, mit der man in diesem Zusammenspiel der Schicksalsschläge zu kämpfen hat.

Unterlegt mit dem tollsten Soundtrack seit gefühlten Ewigkeiten, dem richtigen Gleichgewicht zwischen Komödie und Drama und sympathischen Charakteren, in die man sich sofort hinein versetzt fühlt, haben meine Schaubekanntschaft und ich Tränen gelacht, stumm in uns hinein geweint und jeden zweiten Dialog laut mit “Schlampe” kommentiert. Der perfekte Film also für jedes erste Date, über einen Liebesfilm, der gar kein Liebesfilm ist.

Die Fotografie stammt von Fox Searchlight Pictures
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Sommersprossen: Du hast da Sterne im Gesicht

173 Sommersprossen hatte Jule im Gesicht. Exakt nachgezählt. Ich konnte meine Augen, meine Gedanken und die Fingerkuppen nicht von ihr lassen, stocherte fast schon penetrant an ihrem runden Kopf herum. “Du hast da Sterne im Gesicht”, flüsterte ich ihr entgegen. Sie lächelte gütig, drückte meine...
Sommersprossen: Du hast da Sterne im Gesicht

Sommersprossen

Du hast da
Sterne im Gesicht

Marcel Winatschek

173 Sommersprossen hatte Jule im Gesicht. Exakt nachgezählt. Ich konnte meine Augen, meine Gedanken und die Fingerkuppen nicht von ihr lassen, stocherte fast schon penetrant an ihrem runden Kopf herum. “Du hast da Sterne im Gesicht”, flüsterte ich ihr entgegen.

Sie lächelte gütig, drückte meine Hand mit einem Kuss bewusst zur Seite und spazierte dann nur mit einem Haarreif bekleidet in die Küche, um sich einen Toast mit Marmelade zu machen. Womöglich war ich in diesem Moment wirklich glücklich.

Denn was ich noch für viel aufregender als das langweilige Idealbild von der groß gewachsenen Blondine oder der mit Schönheitsflecken überhäuften Brünetten inklusive aufgetunter, fast schon eckiger Hupen empfinde, sind diese kleinen Schätze im Antlitz sonnig strahlender Weiblichkeiten, die mich immer wie einen kleinen Hosenscheißer vor mich hin kichern lassen. Ich liebe sie. Wie kleine Märchen mit eigenen, unerforschten Geschichten sind die.

Und wehe dem, der Sommerflecken als kosmetisch störende Pigmentablagerungen beschimpft, Mädchen dieser Welt einredet sich wegen ihrer zu schämen oder Frauen gar dazu bringt sie sich medizinisch entfernen zu lassen!

Lasst uns also anstoßen auf die vielen kleine Lichtpunkte, die die Körper der schönsten Menschen überhaupt zahlreich bewohnen und freuen wir uns, dass Geschöpfe wie Jule ihre sogar stolz auf der linken Pobacke tragen – auch wenn das leider nicht jeder zu Gesicht bekommt.

Die Fotografie stammt von Raj Rana
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Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen

Japan ist nicht nur ein ultramodernes Land, das ständig im Konflikt mit seinen Wurzeln lebt, eines seiner größten Probleme macht bereits seit Jahren Schlagzeilen, überall auf der Welt, weil die jungen Menschen der Nation alles lieben, außer Sex. Die Einheimischen nennen es Zölibatsyndrom, die massiv...
Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen

Hisatomi Tadahiko

Japanische
Mädchen

Marcel Winatschek

Japan ist nicht nur ein ultramodernes Land, das ständig im Konflikt mit seinen Wurzeln lebt, eines seiner größten Probleme macht bereits seit Jahren Schlagzeilen, überall auf der Welt, weil die jungen Menschen der Nation alles lieben, außer Sex. Die Einheimischen nennen es Zölibatsyndrom, die massive Ablehnung des Geschlechtsverkehrs.

Hisatomi Tadahiko ist eine junge Fotografin aus Tokio, die zumindest eine Seite dieser neuen Generation begleitet. Mit ihren Fotos, die meist den Titel A Japanese Image tragen, gibt sie uns intime Einblicke in das Leben japanischer Mädchen, die einsam in der Stadt stehen, liegen, existieren, umgeben von trostlosen Gebäuden.

Ein Drittel der jungen, japanischen Bürger, unter 30, war noch nie in einer Beziehung, knapp die Hälfte der jugendlichen, weiblichen Bevölkerung hat kein Interesse an Sex. Das Land hat sich im Rekordtempo an die Spitze des technologischen und humanen Fortschritts katapultiert und sieht sich heute mit Herausforderungen konfrontiert, die dessen Zukunft stark gefährden könnte. Ob die japanischen Mädchen eine drohende Dystopie verhindern können?

Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen Hisatomi Tadahiko: Japanische Mädchen
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Big Dick Problems: Der Club der großen Schwänze

Ich leide bereits seit meiner frühesten Kindheit an einer ziemlich ausgeprägten Version des Penisneids. Als ich an einem italienischen FKK-Strand, an den mich meine Eltern mit sechs oder sieben mitgeschleift haben, meinen ersten, richtigen, fremden Schwanz sah, überkam mich eine noch heute währende...
Big Dick Problems: Der Club der großen Schwänze

Big Dick Problems

Der Club der
großen Schwänze

Daniela Dietz

Ich leide bereits seit meiner frühesten Kindheit an einer ziemlich ausgeprägten Version des Penisneids. Als ich an einem italienischen FKK-Strand, an den mich meine Eltern mit sechs oder sieben mitgeschleift haben, meinen ersten, richtigen, fremden Schwanz sah, überkam mich eine noch heute währende Trauer, wenn ich daran zurück denke. Immer noch stelle ich mir vor, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich ein riesiges, männliches Geschlechtsteil besitzen würde, mit dem ich allerlei Jungs und Mädchen kreuz und quer durch die Prärie jagen könnte.

Dass ein großer Penis nicht nur Freude bereitet, beweisen die Mitglieder eines sehr besonderen Forums, das ganz fantasiefrei Big Dick Problems heißt. Hier treffen sich schwer behangene Jungs, mit denen es Gott besonders gut meinte, und sprechen ganz offen über die manchmal gar nicht so lustigen Herausforderungen im Leben von Typen, deren riesige Schwänze ihnen oft genug den Alltag erschweren. Sie tauschen Fotos von ihren Fleischpeitschen, geben sich gegenseitig Tipps beim Kauf von Kondomen und reden darüber, wie man Mädchen an zu dicke Geräte gewöhnt.

„Ich habe mit meinem Penis fast meine Freundin ermordet“, schreibt der User Turd Pussy. „Als ich einem Mädchen ein Dickpic schickte, glaubte sie mir nicht, dass das ich sei“, heult ein Junge namens Funkizeit69 herum. Und A Life of Lemons wurde an der Flughafenkontrolle aufgehalten, weil er ein ungewöhnlich großes Objekt in seiner Hose versteckt haben sollte. Vielleicht ist ein Leben als Typ mit großem Penis doch nicht so schön und aufregend, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Da bleibe ich doch lieber bei meiner unauffällig zurückhaltenden, kleinen Vagina…

Big Dick Problems: Der Club der großen Schwänze
Die Illustration stammt von Marginalia und Icons 8
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Rassismus im Kopf: Alle Schwarzen haben große Schwänze

Ach Gott, ich kann euch sagen! Ich weiß einfach, wie die Welt sich dreht. Ich bin ein so aufgeschlossener, respektvoller Mensch! Kein Wunder, ich wohne ja nun mittlerweile auch seit fast fünf Jahren in Berlin. Hier ist heute schon trendy, was morgen erst in der Provinz ankommt. Hier ist man offen, m...
Rassismus im Kopf: Alle Schwarzen haben große Schwänze

Rassismus im Kopf

Alle Schwarzen haben
große Schwänze

Vanessa Freitag

Ach Gott, ich kann euch sagen! Ich weiß einfach, wie die Welt sich dreht. Ich bin ein so aufgeschlossener, respektvoller Mensch! Kein Wunder, ich wohne ja nun mittlerweile auch seit fast fünf Jahren in Berlin. Hier ist heute schon trendy, was morgen erst in der Provinz ankommt. Hier ist man offen, man tauscht sich aus. Hier ist Multikulti.

Die ganzen AfD-Nasen, Pegida-Heinis und Dorf-Ossis sollten mal nach Berlin kommen, vielleicht verlieren sie dann mal die Angst vor dem, was sie eigentlich gar nicht kennen, weil es bei ihnen so gut wie nicht existiert. Berlin hat mich so geformt, Leute. Rassismus gibt’s bei mir nicht; der alten Heimat namens Mecklenburg-Vorpommern, in der man gut und gerne mal noch das N-Wort für eine schwarze Person verwendet, bin ich zum Glück rechtzeitig entflohen. Also alles cool!

Gerade bin ich beim Vietnamesen essen, wie häufiger im Monat. Ich bin dort sehr gern. Mir gefällt die vietnamesische Küche. Während ich mein Bun Bo, leichter Salat mit in Zitronengras mariniertem Rindfleisch, frischen Kräutern und eingelegtem Gemüse, angerichtet auf einem Bett aus Reisnudeln, esse, beobachte ich am Bestelltresen, wie eine ostasiatisch aussehende Frau auf die Bedienung, ich vermute jetzt einfach mal sie ist Vietnamesin, zugeht, weil sie etwas von ihr haben möchte.

„Toothpick!“, sagt sie. Ich verstehe es sofort, sie hätte gern einen Zahnstocher. Die Bedienung ist allerdings noch am Rätseln, fragt mit einem charmanten „Hm?“ noch mal nach. „Toothpick!“, sagt die ostasiatische Frau erneut und deutet nun mit ihrem Finger in Richtung Zähne. Man muss kein Tabu-Genie sein, da sie den gesuchten Gegenstand ja schon genannt hat, eher Vorschul-Tabu, um jetzt aber wirklich zu wissen, was gemeint ist. Ja, jetzt hat sie es!

Sie bewegt sich in Richtung Kühlschrank und nimmt eine Flasche Bier heraus. Die Gästin schüttelt mit leichter Verzweiflung den Kopf, will aber noch nicht aufgeben, startet daher einen letzten Versuch. Ausspruch und Geste bleiben gleich, nur alles irgendwie eine Spur energischer. Es zahlt sich aus, die Bedienung reicht ihr einen Zahnstocher. Ich feiere innerlich und bin so erleichtert ob des glücklichen Ausgangs, ich hätte fast meinen mir unbekannten, mürrischen Sitznachbarn umarmt.

Das hätte aber auch schneller gehen können, oder nicht? Warum haben die beiden aneinander vorbei geredet und nicht einfach Chinesisch miteinander gesproch… Oh, Shit. Hast du das gerade wirklich gedacht? Klar, logisch, beides irgendwie Ostasiaten, vielleicht, die müssen sicher Chinesisch sprechen. Idiot!

Die vorpommersche Provinz steckt also noch in mir. Wobei, Bullshit, an der Provinz liegt’s nicht, wohl eher an meinem arschweißen Weiß-sein. Ich bin zu weiß, um nicht rassistisch zu sein. Und es geht hier nicht um den „Holzhammer-Rassismus“, den jeder vernünftige Mensch erkennt. Kein AfDRassismus, kein TrumpRassismus, kein „Öhm, aber…“-Rassismus. Es geht um diesen subtilen, alltäglichen Rassismus, der auch vor mir, der sich ja für ach so aufgeschlossen hält, nicht Halt macht.

Der Türke arbeitet natürlich im Dönerladen, der Chinese im Chinarestaurant, der Grieche ballert mich mit Ouzo zu, ein allein herumstehender, schwarzer Typ möchte mir möglicherweise Drogen verkaufen, und hat einen großen Pimmel, eine hübsche Hawaiianerin ist „exotisch“ und der dunkelhäutige Kerl da mit dem Vollbart, der gerade ins Kino kommt, hat möglicherweise eine Bombe unter seiner Jacke.

Das sind keine Dinge, die man laut herausschreit oder zähneknirschend vor sich hin denkt, sondern Gedanken, die einem meist nur für den Bruchteil einer Sekunde in den Kopf schießen, ehe, leicht verzögert, der gesunde Menschenverstand wie ein alter Diesel-Motor anspringt. Verdammt, und ich dachte meine Weste wäre weiß, so weiß wie meine Haut.

Die Fotografie stammt von Dorrell Tibbs
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Panty Party: Krieg der Höschen

Es gibt ja mehrere Kategorien von Videospielen. Da hätten wir die fetten AAA-Titel wie Assassin's Creed, Call of Cuty oder Grand Theft Auto, die Millionen von Dollar Entwicklungskosten verschlingen und die auch gefälligst wieder reinholen sollten. Dann hätten wir die putzigen Indie-Titel wie Don'...
Panty Party: Krieg der Höschen

Panty Party

Krieg der
Höschen

Marcel Winatschek

Es gibt ja mehrere Kategorien von Videospielen. Da hätten wir die fetten AAA-Titel wie Assassin’s Creed, Call of Cuty oder Grand Theft Auto, die Millionen von Dollar Entwicklungskosten verschlingen und die auch gefälligst wieder reinholen sollten.

Dann hätten wir die putzigen Indie-Titel wie Don’t Starve, Celeste oder Super Meat Boy, die uns trotz kleinerer Budgets in ihre kunterbunten Wunderwelten ziehen. Und dann gibt es da noch die Games, die jenseits von Gut und Böse sind, die entweder nur für Hardcore-Fans oder gleich für die Tonne sind, deren Existenz von irgendwem da draußen längst aufgehalten werden sollte.

Panty Party könnte man fast schon in die dritte und damit aussätzige Kategorie packen, aber dafür ist das Spiel einfach zu genial. Schließlich geht es in dem Anime-Titel darum, mit süßer Mädchenunterwäsche in alter Tekken-Manier zu kämpfen.

Ja, ihr habt richtig gehört, hier prügeln sich nicht irgendwelche krassen Kämpfer, die ihren Vater rächen wollen, sondern Höschen, Tangas und Slips. In Panty Party, das auf Steam und in Japan sogar auf der Nintendo Switch erhältlich ist, geht darum, den wahren Liebhaber der Mädchenunterwäsche zu finden und dadurch die Menschheit vor dem Bösen zu bewahren. Oder so.

In dem Spiel selbst haut ihr in einer etwas ernüchternden 3D-Welt mit Schlüppern andere Schlüpper und werdet dabei von süßen Anime-Mädchen angefeuert. Die Musik ist elektronisch und trabend, die Farben kunterbunt und die Geschichte so über allem, dass ihr manchmal an unserer eigenen Spezies zweifelt.

Bis zu vier Spieler können in Panty Party gegenseitig aufeinander einprügeln und je länger ihr zockt, desto mehr werdet ihr allein bei dem Gedanken an rosa Mädchenunterwäsche mit roten Schleifchen emotional. Vielleicht ist Panty Party das beste Videospiel, da jemals von irgendwem programmiert wurde – vielleicht aber auch nicht. Fans von heißen Höschen greifen zu – alle anderen spielen Probe.

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Die Illustration stammt von Animu Games
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Tenga Air Tech: Selbstbefriedigung aus der Zukunft

Spaß mit sich selbst zu haben, kann ein wichtiger Teil eures Lebens sein - solange ihr es richtig machen. Und wenn es nicht mehr ausreicht, nur die Hand und ein Taschentuch zu benutzen, um diese Arbeit zu erledigen, gibt es viele coole Möglichkeiten, die Dinge ein bisschen anzuheizen. So wie die neu...
Tenga Air Tech: Selbstbefriedigung aus der Zukunft

Tenga Air Tech

Selbstbefriedigung
aus der Zukunft

Marcel Winatschek

Spaß mit sich selbst zu haben, kann ein wichtiger Teil eures Lebens sein – solange ihr es richtig machen. Und wenn es nicht mehr ausreicht, nur die Hand und ein Taschentuch zu benutzen, um diese Arbeit zu erledigen, gibt es viele coole Möglichkeiten, die Dinge ein bisschen anzuheizen. So wie die neuen Lustspielzeuge von Tenga aus Japan, die es in verschiedenen Formen und Farben gibt.

Ich hatte die Gelegenheit, zwei Neuauflagen der Produkte von Tenga auszuprobieren, den Air-Tech-Vakuumbecher, das neueste wiederverwendbare Gerät mit einer spiralförmigen „Air-Flow-Struktur“, und einige Versionen der Egg-Serie, eine Art dehnbare Gummimanschette mit verschiedenen Innenstrukturen. Beide wurden geschaffen, um euer Dasein auf diesem Planeten ein wenig angenehmer zu gestalten.

Der Air-Tech-Vakuumbecher zum Beispiel ist wie Sex mit einem sehr geilen Roboter. Mit seiner so genannten „Air-Flow Structure“ lässt das Gerät Luft im Inneren umher strömen, für eine einfache Anwendung und ein starkes Ansaugen, indem das Luftloch oben während des Gebrauchs abgedeckt wird. Danach werdet ihr mit niemandem mehr schlafen wollen, der nicht so technologisch modern gebaut ist. Es fühlt sich an wie eine unchristliche Kombination aus Sex und einem Blowjob – gleichzeitig.

Die Egg-Serie hingegen ist eher ein kleines, einfaches Gerät für Menschen, die eine unkomplizierte Zeit mit sich selbst haben wollen. Wählt einfach zwischen den bunten Editionen namens Spider, Twister oder Silky, knackt sie auf, füllt sie mit Gleitmittel – und schon kann es losgehen. Geschlechtsverkehr mit einem Ei? Ja, warum nicht: Masturbation war noch nie einfacher!

Wenn ihr also noch keinen besonderen Menschen gefunden haben, mit dem ihr die nächsten Tage, Wochen oder Monate verbringen wollt, oder wenn ihr auf euren aufgeschlossenen Partner zählen könnt, dann zündet euch ein paar Kerzen in eurem Schlafzimmer an, startet eure Kuschelrock-Playlist auf Spotify und macht euch bereit für eine unvergessliche Nacht mit euren neuen Tenga-Geräten!

Tenga Air Tech: Selbstbefriedigung aus der Zukunft
Mit freundlicher Unterstützung von Tenga
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Sex mit Fremden: One-Night-Stands machen das Leben erst lebenswert

One-Night-Stands. Man liebt sie oder man lehnt sie grundsätzlich ab. Ich für meinen Teil schlafe ganz gerne mal mit Menschen, die ich nicht kenne, von denen ich aber auch weiß, dass ich sie nie wiedersehen werde. über die Jahre haben sich da bei mir so einige lustige, absurde oder auch einfach nur e...
Sex mit Fremden: One-Night-Stands machen das Leben erst lebenswert

Sex mit Fremden

One-Night-Stands
machen das Leben
erst lebenswert

Nadine Kroll

One-Night-Stands. Man liebt sie oder man lehnt sie grundsätzlich ab. Ich für meinen Teil schlafe ganz gerne mal mit Menschen, die ich nicht kenne, von denen ich aber auch weiß, dass ich sie nie wiedersehen werde. über die Jahre haben sich da bei mir so einige lustige, absurde oder auch einfach nur eklige Geschichten angesammelt. Ein paar davon möchte ich euch heute erzählen.

Da war zum Beispiel der Typ, der mitten in der Nacht in meiner Küche Chili kochte. Ich hatte ihn auf einer lauten Party nur durch Blickkontakt aufgerissen, noch auf der Tanzfläche wild mit ihm rumgemacht und dann mit nach Hause genommen. Wir hatten extrem guten Sex, er hat meinen ganzen Körper für sich eingenommen, doch dass er danach mit „Ich hab Hunger!“ in die Küche verschwand, die Regale und den WG-Kühlschrank durchwühlte, war irgendwie zu viel des Guten. Ich war aber auch zu besoffen, um etwas dagegen tun zu können.

Er muss nachts dann noch verschwunden sein, aber das Chili, das er gekocht hatte, war genauso gut wie unser Fick und hat meine komplette WG für mehrere Tage satt gekriegt. Trotzdem: In der Wohnung des One-Night-Stands das Kochen zu beginnen, steht ganz weit oben auf der Liste der No-Gos.

Dann hatte ich einen, der unbedingt wollte, dass ich ihn ankotze. Auf den Schwanz, in den Mund, egal wohin, Hauptsache Kotze. Als ich ihn fragte, ob er auch auf scatting – also sich ankacken lassen – steht, hat er das bejaht. Ich hab beides nicht gemacht. Beim Kotzen hab ich immer das Gefühl, innerhalb der nächsten drei Sekunden sterben zu müssen und auf Kommando kacken ist, glaube ich, auch nicht so mein Ding. Abgesehen davon, dass ich vermutlich diejenige gewesen wäre, die die Scheiße später hätte abwaschen müssen. Nein, danke.

Meinen vollsten Respekt hat der Typ trotzdem. So mutig muss man erst mal sein, gleich beim ersten Fick solch extremen Fetische rauszuhauen. Vielleicht hat er’s aber auch nur gemacht, weil er wusste, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Alles in allem war der Sex mit ihm eher enttäuschend. Also nicht nur für ihn, der seine Wünsche nicht erfüllt bekam, sondern auch für mich. Eine großartige Geschichte gibt er trotzdem ab, der Kacke-Boy. So ’nen Fetisch hat man dann halt doch nicht alle Tage im Bett.

Ein anderes Mal hab ich einen Typen in einem Club aufgerissen, mit dem ich einfach aufgrund seiner Optik unbedingt ficken wollte. Er hatte ein bisschen was von einem sehr jungen Kurt Cobain. Nach ein paar Drinks und Fummeleien auf der Tanzfläche landeten wir schließlich bei ihm, wo wir auf seine wirklich scharfe Mitbewohnerin trafen. Ich landete schließlich mit ihr im Bett, den Typen sah ich nie wieder. In meiner Vorstellung hat er aber zu den Geräuschen, die sie und ich beim Sex von uns gegeben haben, gewichst.

Mit einem Typen hatte ich einen Fick in ’nem Treppenhaus bei einer WGParty. Eigentlich wollten wir Bier holen gehen, was wir auch getan haben. Nur haben wir zusätzlich noch gevögelt. Das war schon ziemlich gut, rotzbesoffen leise sein in ’nem Altbautreppenhaus ist allerdings schwer. Wir haben in ’nem Zwischenstockwerk, also nicht bei den Haustüren, Doggy Style gevögelt, einen Joint geraucht und sind dann mit dem gekauften Bier zurück auf die Party, wo wir später noch geknutscht haben.

Für die anderen war es wohl eher überraschend, dass wir am Ende der Feier nicht zusammen nach Hause sind. Wusste ja keiner, dass wir das mit dem Sex schon abgehakt hatten. Was ich an der Geschichte mag ist, dass es kein Ding war, bei dem man vorher den halben Abend so mega viel geflirtet hat. Es war halt wirklich nur Sex, auf den beide Bock hatten und der dafür erstaunlich gut war. Ein zweites Mal wollten wir es allerdings auch nicht treiben. Manchmal muss man eben aufhören, wenn es am Schönsten ist.

Mein allerschönster One-Night-Stand war mit einem Typen, den ich im Netz auf einer dieser zigtausend nervigen Datingseiten aufgegriffen hatte. Wir verstanden uns gut, zumindest wenn es um sexuelle Dinge, also lud ich ihn spontan zu mir ein. Wir trieben es die ganze Nacht miteinander, gingen am nächsten Morgen gemeinsam frühstücken, ohne dass es irgendwie awkward war und erzählten uns sehr viele private Dinge, die mit dem Thema Sex so überhaupt nichts zu tun hatten.

Es ging um unsere Familien, das Studium, Menschen, die uns das Herz gebrochen hatten, Lügen, die wir erzählt hatten, um uns in gewissen Situationen Vorteile zu erschaffen und Berufswünsche; um Vergangenheit, Gegenwart und die geplante Zukunft.

Innerhalb einer Stunde hatten wir uns wohl gegenseitig unsere komplette Lebensgeschichte erzählt. Danach waren wir für zwei Jahre zusammen, von jetzt auf gleich. So ein richtiger One-Night-Stand war es damit also nicht. Aber es war zumindest als einer geplant gewesen, und somit darf die Geschichte hier natürlich nicht fehlen. Sex ohne Erwartungen und beim ersten Date kann also trotz gegenläufiger Meinungen zu etwas richtig Gutem führen.

Aber die „drei Dates bevor man das erste Mal miteinander schläft“-Regel fand ich persönlich sowieso schon immer doof und irgendwie unnötig. Wenn man sich geil findet, findet man sich eben geil – und wenn der Sex auch noch so gut ist wie bei ihm und mir, ist ein wichtiger Grundstein für die Beziehung auch schon mal gelegt. Wenn jemand ernsthaftes Interesse an einer anderen Person hat, verliert er es auch nicht, nur weil er das Gegenüber bereits nackt gesehen hat.

Dazu kommen noch so einige One-Night-Stands mit Mädchen, die ich in diversen Clubs aufgerissen hatte und die vor mir behaupteten, sie „hätten sowas ja noch nie gemacht“ – also Sex mit einer Frau gehabt – und wären eigentlich auch in einer festen Beziehung mit einem Mann. Die waren aber durch die Bank weg weder absurd noch sonderlich witzig, sondern einfach schön.

Ob diese Girls danach noch häufiger Muschis geleckt haben, weiß ich natürlich nicht. Es ist aber auch irgendwie nicht relevant. Jeder Mensch sollte mit den Menschen ficken, mit denen er gerade ficken will. Und ob das nun nur einmal oder fünfhundert Mal ist, ist eigentlich auch egal.

Die Fotografie stammt von Dainis Graveris
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Gute Laune? Nein danke!Ich bin gerne schlecht drauf

Ich bin kein besonders freundlicher Mensch und bin es, soweit ich denken kann, auch nie wirklich gewesen. 
Schon in der Schule wurde ich teilweise wegen meines fiesen Blicks gemieden, was nicht heißt, dass ich keine Freunde hatte, nur Leute, die ich nicht kannte, konnten sich Sympathie meinerseits n...
Gute Laune? Nein danke!Ich bin gerne schlecht drauf

Gute Laune? Nein danke!

Ich bin gerne
schlecht drauf

Anna-Charleen Klahölter

Ich bin kein besonders freundlicher Mensch und bin es, soweit ich denken kann, auch nie wirklich gewesen. 
Schon in der Schule wurde ich teilweise wegen meines fiesen Blicks gemieden, was nicht heißt, dass ich keine Freunde hatte, nur Leute, die ich nicht kannte, konnten sich Sympathie meinerseits nun mal abschminken.

Eine Ärztin hat mal mit kritischem Blick auf mich herabschauend, in einem Tonfall, der meine Anwesenheit offensichtlich komplett ignorierte, zu meiner Mutter gesagt: „Ihre Tochter ist ein zu sehr ernstes Kind!” Schon damals war mir geheuchelte Freundlichkeit zu wider.

Heute gehöre ich zu der Sorte Menschen, die dem Kontrolleur in der Bahn wortlos und mit einem vernichtenden Blick der Gleichgültigkeit ihr Ticket reichen und weder ein “Bitte” oder “Danke” in Erwägung ziehen. Oft kommt es vor, dass Leute mich mit diesem Lari-Fari-Spruch an die Schulter tätschelnd anzufeuern versuchen: „Hey, lach doch mal!“ Gequältes Lächeln. „Na, das sieht doch gleich viel schöner aus.“ Ja und jetzt verschwinde endlich, es fängt schon an weh zu tun!

Es ist nicht so, dass ich permanent schlecht gelaunt bin, ganz im Gegenteil sogar. Unter meinen Freunden bin ich bekannt dafür, stets für einen Lacher zu sorgen, und finde das klappt auch ganz gut. Ich bin der Meister der Situationskomik, wenn man, ohne narzisstisch zu wirken, überhaupt so glänzend über sich sprechen darf.

Ausgeglichen bin ich nur leider ganz und gar nicht. Tränen gibt es so ziemlich immer, vor Lachen, vor Wut oder aus Trauer. Ich springe von einem Extrem ins andere und Leute nennen mich anstrengend. Bücher wie “Gesetz der Anziehung”, “Bestellungen beim Universum” oder “Wie finde ich des Lebens Sinn” geben eine Anleitung darüber, wie man durch bewusst positives Denken zu einem erfüllteren, glücklicheren Menschen wird.

Die Autoren dozieren darin beispielsweise von notwendig umgewandelter Grammatik, wie die Idee anstatt „Morgen werde ich die Präsentation nicht verhauen“ zu sagen: „Morgen, bei der Präsentation, wird alles gut laufen!“ Es geht darum, dass unser Unterbewusstsein die Verneinung nicht verarbeiten kann und zwangsläufig auf das gegenteilige Ziel hinarbeitet.

Das klassische Beispiel zur Veranschaulichung ist das Pendant zu autonomen Training: “Denken sie nun nicht an einen Eisbären”. Wie der Protagonist in Steven Kings “Kinder des Zorns” habe ich mit aller Kraft versucht, meinen Geist zu versperren. Vergeblich. Ich dachte zwangsläufig an den grimmigen, durchs ewige Eis stampfenden Arktisbewohner. An dieser Theorie ist somit vorerst tatsächlich etwas dran.

Weil mir aber ein allmorgendliches rituelles Selbstgespräch, dessen Inhalt aus „Ich schaffe das!“ und dessen mehrmalige Wiederholung, unterstützt durch den latent aufdringlichen Geruch eines Lavendelräucherstäbchens, noch nicht wirklich meinen Glauben an selbsterfüllende Prophezeiung festigen konnte, habe ich weiterhin heiter Leute, die mich versehentlich in der Bahn anrempeln, angezischt und meine schlechte Laune leidenschaftlich, fast schon feierlich, ausgelebt.

Bis mir ein Freund, ein pauschal freundlich und den Leuten unaufhörlich „Guten Tag!“ wünschender Mensch, ein Buch empfahl, das sich auf wissenschaftlicher und physikalischer Ebene mit diesem Thema auseinandersetzt. Frei von jeglicher Spiritualität wird nachvollziehbar erklärt, dass und wie wir in der Lage sind, durch unseren Willen buchstäblich Berge zu versetzen.

Ich werde keinen Vortrag darüber halten und Interessierten selbstverständlich die Spannung nicht nehmen, aber ich denke, das Ende kann ich verraten: Der Mensch ist autonom! Als kleine Anekdote dazu muss ich erwähnen, dass genau diesen Satz mir letztes Wochenende ein Typ, den ich im Suff auf einer Party kennengelernt hatte, voll penetrant ins Ohr gebrüllt hat: „Du bist autonom!”

Auch wenn ich nicht sagen würde, dass ich mich nach unzähliger Literatur und endlosen WG-Küchengesprächen zu einem vollständig bewusst positiv denkendem Menschen entwickelt habe, muss ich sagen, dass ich wenigstens einen Willen dazu entwickele – und das ist doch schon mal eine Menge wert.

Das aber beinahe einschneidendste Erlebnis, das sich auf mein Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen ausgeübt hat, war der letzte nasskalte Sonntag in meinem sympathisch grauen Dortmund. Als ich die künstlerisch verzierten Nachkriegsgebäude auf der öffentlichen Mülltonne, bekannt als Nordstädter Bürgersteig, verkatert entlang flanierte, kreuzte ich den Weg einer betagten, vom Alter geschrumpften Dame.

Mit ihrem pastellpinken, typischen Omaanorak, marschierte sie, den Verkehr vollkommen missachtend, quer über die Straße. Im ersten Augenblick dachte ich mir, auch wenn man das über Senioren nicht sagen soll: „Ganz niedlich, die Kleine!” Doch ich sollte gleich darauf eines Besseren belehrt werden.

Denn schon als sie den Bordstein erreichte und mit ihren fancy Gummischlappen am Bürgersteig hängen blieb, fluchte sie plötzlich in einem Tonfall, der selbst dem schlimmsten Kneipenschläger nicht gestanden hätte. Entsetzt schaute ich sie an. Die Alte setzte noch einen drauf und rotzte mit angewidertem, wütendem Blick direkt vor mir auf den Boden.

Dass ich eines Tages nicht so ein verbittertes, einsames Fräulein mit einer grabestiefen Zornesfalte werden möchte, hat mir diese Show auf jeden Fall bewusst werden lassen. Ein gepflegter Zynismus an der einen oder anderen Stelle muss schon noch sein und ist und bleibt einfach meistens sehr witzig.

Andererseits bin ich jetzt gerne bereit, der Kassiererin morgens beim Bäcker oder der anscheinend chronisch genervten Empfangsdame beim Arzt ein Lächeln zu schenken und einen schönen Tag zu wünschen. Es wird mich aller Meinung nach länger jung aussehen lassen und mir meinen weiteren Werdegang leichter gestalten.

Falls mir das alles eines Tages den Spaß am aktiv schlecht gelaunt sein dann doch nicht ersetzen kann, werde ich einfach allem einen so ironischen Beigeschmack hinzugeben, dass mein Gegenüber vielleicht verwirrt, mein Lächeln aber auf jeden Fall von Herzen kommen wird.

Die Illustration stammt von Flamenco und Icons8
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Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist

Als Satsuki und ihre Schwester Mei mit ihrem Vater in ein neues Zuhause auf dem Land ziehen, finden sie schnell heraus, dass das Landleben nicht so einfach ist, wie es scheint. Bald entdecken sie, dass das Haus und der nahe gelegene Wald voller seltsamer und entzückender Kreaturen sind, darunter ein...
Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist

Mein Nachbar Totoro

Abenteuer mit dem
pelzigen Waldgeist

Annika Lorenz

Als Satsuki und ihre Schwester Mei mit ihrem Vater in ein neues Zuhause auf dem Land ziehen, finden sie schnell heraus, dass das Landleben nicht so einfach ist, wie es scheint. Bald entdecken sie, dass das Haus und der nahe gelegene Wald voller seltsamer und entzückender Kreaturen sind, darunter ein gigantischer, aber sanfter Waldgeist namens Totoro, der nur von Kindern gesehen werden kann.

Totoro und seine Freunde erleben gemeinsam mit den sympathischen und bezaubernden Mädchen eine Reihe von kleinen wie großen Abenteuern. Darunter eine aufregende Fahrt mit einem außergewöhnlichen Katzenbus, der sich schnell zu einem bekannten Gefährt in der modernen fernöstlichen wie westlichen Popkultur gemausert hat und auch heute noch gern in Filmen, Serien und Videospielen zitiert wird.

Aus dem legendären Studio Ghibli, den kreativen Schöpfern von filmischen Meisterwerken wie Chihiros Reise ins Zauberland, Das Schloss im Himmel und Ponyo sowie dem mit einem Oscar ausgezeichneten Regisseur Hayao Miyazaki, kommt eine klassische und dennoch überraschende Geschichte über Magie und Abenteuer für die ganze Familie. Hier hat wirklich jeder seinen Spaß.

Mein Nachbar Totoro steht anderen animierten und bekannten Figuren wie Micky Maus, SpongeBob Schwammkopf oder Donald Duck sicherlich in nichts nach – ganz im Gegenteil. Hüpft an Bord des Katzenbusses und kommt mit auf eine Reise, von der ihr schon immer geträumt habt! Ihr werdet mit Totoro lachen! Ihr werdet mit Totoro weinen! Und das Beste ist: Ihr werdet mit Totoro fliegen!

Hayao Miyazaki, einer der bekanntesten japanischen Schriftsteller, Filmregisseure und Drehbuchautoren, hat zahlreiche preisgekrönte Animationsfilme geschaffen, die die Welt zum Besseren verändert haben – aber Mein Nachbar Totoro wird immer sein bekanntestes Werk bleiben. Es ist die herzerwärmende Geschichte zweier junger Mädchen, die sich mit den pelzigen Kreaturen rund um Totoro anfreunden.

Die liebenswerten magischen Tiere können nicht wie Menschen sprechen und auch nicht von Erwachsenen gesehen werden, aber für die reinen und unschuldigen Herzen von Kindern erwachen sie in der Natur zum Leben. Und wenn ihr dringend einen Freund braucht, dann könnt ihr euch ganz sicher an euren Nachbarn Totoro wenden. Er ist nämlich irgendwo da draußen und wacht über euch. Ganz sicher.

Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist Mein Nachbar Totoro: Abenteuer mit dem pelzigen Waldgeist
Die Illustration stammt von Studio Ghibli und Leonine
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Der Rapper im Gespräch: Haftbefehl, bist du ein Gentleman?

Chabos wissen, wer der Babo in Berlin ist. Und in Frankfurt. Und ab und zu auch in Mannheim. Haftbefehl mutierte zum Barack Obama der Straße. Ghettokids feiern ihn, Bitches feiern ihn, Hipster feiern ihn – und auch die deutsche Musikszene kann einfach nicht genug von unserem lustigen, aber irgendwie...
Der Rapper im Gespräch: Haftbefehl, bist du ein Gentleman?

Der Rapper im Gespräch

Haftbefehl, bist du
ein Gentleman?

Ines Aniol

Chabos wissen, wer der Babo in Berlin ist. Und in Frankfurt. Und ab und zu auch in Mannheim. Haftbefehl mutierte zum Barack Obama der Straße. Ghettokids feiern ihn, Bitches feiern ihn, Hipster feiern ihn – und auch die deutsche Musikszene kann einfach nicht genug von unserem lustigen, aber irgendwie auch gefährlichen, Hafti bekommen.

Auf jeden Fall Grund genug für uns, um den Babo in der quadratischen Universitätsstadt mit ein paar wichtigen Fragen zu nerven. Wie stellt man sich so ein Haftbefehl-Konzert vor? Achtung: Auf der Bühne steht genau das, was man erwartet… Der grinsende Rapper und vier Back-Ups mit ihren Bauchtaschen von Nike.

In den ersten Reihen hängen die Ghetto-Kids ab, und relativ schnell kommen dann die Hipster. Was ich erschreckender Weise auch erblickt habe: Diese verfuckten Paare, bei denen der Typ hinter seiner Freundin steht und ihre Hüfte umschlingt. Diese Kotzbrocken nerven schon bei Robbie-Williams-Konzerten, aber hier sollten sie dafür auf’s Maul bekommen!

Übrigens: Falls ihr pissen seid, wenn der Chabo-Song kommt: Keine Panik bekommen! Der Track wird noch ungefähr sieben weitere Male performt. Immer. Genau. Gleich. Kauft alle Haftbefehls Album! Er will bestimmt nächstes Jahr wieder nach Ibiza! Haftbefehl kommt nach dem Auftritt zum Interview. Sein Manager reicht ihm ein Magazin mit Autofelgen. Er soll sich welche aussuchen. Geil, voll Hip Hop. Hafti stellt sich als Heiko vor. Das Interview mit Heiko Haftbefehl beginnt.

Wie war dein gestriger Abend?

Wir sind nach unserem Konzert zu Jimi Blue Ochsenknecht gegangen und da ging die Party ab.

Jetzt, wo du cool mit Jimi Blue bist, könntest du dir vorstellen mit ihm Mucke zu machen?

Warum nicht? Ist doch lustig! Ich darf das. Die anderen Rapper dürfen das nicht.

Ist jetzt vielleicht ein bisschen komisch für dich, aber es soll noch Menschen geben, die dich nicht kennen. Könntest du dich für die in drei Sätzen vorstellen?

Ist doch nicht schlimm. Ich kenn’ doch auch nicht jeden Menschen. Also, ich esse gerne Steak. Gucke gerne SpongeBob und hab immer eine geladene Pistole zu Hause. Scherz! Ich kann gut rappen, bin ein cooler Typ und der netteste Mensch auf der Welt.

Du erwähnst oft, dass du nicht sehr gesund lebst. Ich finde du hast dafür aber einen sehr ebenmäßigen und strahlenden Teint. Was ist dein Beauty-Geheimnis?

Was ist ein Teint? Achso, ja, es gibt eine Creme, die nennt sich Chanel Hydra Beauty Creme für Männer. Die kostet 100 Euro für 50 Milliliter. Die muss ich mir jeden Monat kaufen, weil mein kleiner Bruder die sich auch auf den Arsch schmiert. Kann ich auf jeden Fall allen Rappern empfehlen. Von Nivea- und Bebe-Creme sollen alle die Finger lassen. Dann lieber gar keine Creme, bevor die so einen Scheiß benutzen.

Also glänzt der Arsch von deinem Bruder so schön wie dein Gesicht?

Richtig, der Wichser! (lacht)

Kann man eigentlich mit irgendwelchen Überraschungen auf deinen Konzerten rechnen? Vielleicht boxt du dich mit einem Fan oder du holst ein Mädchen auf die Bühne wie ‘N Sync und mit der machst du bisschen rum?

Neeee, neeee, so was mach ich nicht. Ich bin doch kein Pornodarsteller. Wieso soll ich ein Mädchen auf die Bühne holen und mit der rumknutschen?! Mein Special ist, dass wir „Chabos wissen wer der Babo ist“ neun mal gespielt haben und ich bin in die Masse reingegangen. Ich glaub‘, das macht auch kein deutscher Rapper. So Sachen mach‘ ich halt, ganz verrückt.

Was wäre denn, wenn dich dann da unten ein Mädchen küssen würde?

Ja dann kann ich nichts machen. Was soll man da schon machen? Blöd gelaufen dann.

Mir ist aufgefallen, dass du ein ganz schöner Hipstermagnet bist.

Ja, ist doch cool. Das ist doch die Zukunft. Es gibt immer mehr von denen. Wenn ich durch Kreuzberg laufe, kommen mir keine Gangster mehr entgegen, sondern Hipster. Für mich ist jeder Mensch ein Mensch, egal wie er sich anzieht. Hauptsache man kann sich mit ihm unterhalten und er ist cool. Vielleicht bekommen die auch was geschenkt, wenn die übercool sind.

In Berlin kommt das gut mit Geschenken und Goodie-Bag.

Was ist Goodie-Bag? Ich freu mich auf jeden Fall immer auf Berlin. Die Konzerte sind immer ausverkauft. Da kommen also sehr viele Hipster.

Weißt du, was ich an dir so sympathisch finde? Du hinterfragst alles, was du nicht kennst. Viele würden einfach so tun, auch wenn sie keinen Plan hätten. Das hat so einen sympathischen Sesamstraßen-Flair.

Fragen sind doch gut. Ich hab in der Schule nicht so viele Fragen gestellt, deswegen hake ich heute mehr nach. In meinem Umfeld reden die Leute auch über andere Sachen als Goodie-Bags und Teint.

Mir hat ein Vöglein gezwitschert, dass du ein krasser Gentleman sein sollst – zumindest bei Frauen. Ich denke, dann solltest du mir folgende Frage beantworten können: Sollte man eine Frau bei einem Date warten lassen?

Nee, eigentlich nicht. Wenn die Frau einen länger als zehn Minuten warten lässt, sollte man sich direkt auf den Weg zum nächsten Saunaclub machen. Wenn die Frau denkt, dass sie was Besseres ist, dann sollte man ihr in den Arsch treten.

Und was ist, wenn der armen Frau der Absatz abgebrochen ist?

Dann soll sie anrufen und Bescheid sagen. Und dann sagst du als Mann, dass sie mit dem kaputten Schuh kommen soll, damit er sich das angucken kann. Keine Frau, die Stil hat, bricht ihren Absatz ab, weil Schuhe teuer sind. Also nur von Frauen mit Stil. Sie könnte natürlich auch schnell zu H&M rein und sich neue kaufen.

Oder sie pfeift sich ein Mentos rein und bricht den anderen Absatz auch noch ab.

Ahhh, natürlich, die Werbung. Das kann man natürlich auch machen. Dann sehen die Guccis wie Air Max aus. In der Werbung hat es doch auch geklappt und seitdem läuft es bei Mentos.

Wenn wir schon in den Neunzigern rumschwelgen, hast du früher viel Fernsehen geguckt?

Auf jeden Fall! Alle unter einem Dach, Eine schrecklich nette Familie mit Al Bundy, dem Typen, und die Bill Cosby Show hab ich geschaut. Heute guck’ ich kein TV mehr.

Kennst du eigentlich die Leute, die immer mit dir auf Tour sind? Sind das deine Freunde oder wollen die nur deinen Fame?

Ich weiß nicht. Es gibt bestimmt auch Leute, die nur meinen Fame haben wollen. Aber man kann nicht immer die Schlange in der Gruppe riechen. Ich habe natürlich auch meine Brudis und Geschäftspartner dabei, aber es gibt immer Menschen, die dazu kommen, die man nicht wirklich kennt.

Du unterstützt deine Familie mit deinem Einkommen, richtig?

Auf jeden Fall. Bei mir zu Hause muss keiner mehr arbeiten. Mein kleiner Bruder nimmt jetzt auch ein Album auf, welches ich komplett finanziere. Da reden wir nicht von 20.000 Euro, sondern viel mehr. Meiner Mama hab ich vor kurzem ein Auto gekauft, das ich jetzt leider selber zu Schrott gefahren hab. Aber immerhin hab ich es ihr gekauft und sie konnte ein paar Mal damit einkaufen fahren.

Wo lässt du dir eigentlich deine Augenbrauen zupfen?

Ich lasse meine Augenbrauen nicht zupfen. Die machen das mit einem Gillette-Messer! Alle drei Tage lass ich mir mit dem Messer die Haare an der Seite weg machen und dann machen die gleich die Augenbrauen mit. Ist eine türkische Art, so stef, stef, stef, stef,…

Ich dachte, die machen das immer mit einem Faden.

Nee, das ist mir zu schwul.

In Amerika sind viele berühmte Rapper mit angesagten Topmodels liiert. Hast du nicht auch Lust auf so eine Model-Freundin?

Ich habe schon eine Freundin, mit der ich sehr sehr glücklich bin. Der bleibe ich auch treu. Davor habe ich alles Mögliche gemacht, aber darin habe ich einfach keinen Sinn gesehen. Es ist nicht meine Art, die ganzen Seelen von Groupies aufzusammeln. Ich finde es einfach nur ekelhaft. Wenn ich allerdings irgendwann wieder Single sein sollte, kann es sein, dass ich ein krasses Dreckschwein werde.

Das werden wir spätestens dann raus finden, wenn du bei deinen Konzerten mit fremden Fans rumknutschst. Aber wahrscheinlich machst du es genau aus diesem Grund noch nicht, wegen deiner Freundin.

Ich bin meiner Freundin auf jeden Fall treu und finde das gehört auch dazu. Jeder Mann sollte seiner Frau treu bleiben und sie nicht verarschen, nur weil sie gerade nicht bei einem sein kann. Es gibt viele Rapper, die einfach irgendwelche Mädels mit ins Hotelzimmer nehmen. Die sollten sich lieber auf´s Wesentliche konzentrieren und nicht so viel Schwachsinn machen.

High-Five dafür! Stell’ dir mal vor, du chillst vergnügt in deinem Bett und auf einmal steht Gott vor dir und stellt dir folgendes Ultimatum: „Hafti, entweder du hast nie wieder Sex, aber dafür kannst du das geilste Essen, ohne Sodbrennen, bis an dein Lebensende genießen oder du hast weiterhin Sex, aber du bekommst jeden Tag nur Reis zum Überleben.“ Sex oder Essen, wie entscheidest du?

Ich glaub, ich würde mich für’s Essen entscheiden. Ich schwör. Oder? Ey, das ist voll die komische Frage. Man braucht doch beides zum Überleben. Kann ich auch so Curry-Reis nehmen?

Nein.

Wie die Chinesen also. Aber die leben doch voll lange. Keine Ahnung, Mann, das ist die mega strange Frage. Wenn ich jetzt schon daran denke, dass ich nicht mehr ballern kann… das geht beides nicht.

Wer ist für dich der stilvollste Promi? Wo du dir so denkst… boar, çok güzel, aber jedes Mal!

Es gibt ein paar Killers, die wissen, wie man sich anzieht. Al Pacino, Robert De Niro und John Travolta. Der hat letztens übrigens einen Film am Strand gedreht, wo die Leute extra das Sand oder der Sand… wie heißt das?

Ist doch egal…

Naja, wo die Leute auf jeden Fall das Sand mit einem Föhn aufwärmen mussten, damit seine Füße nicht frieren. Der Mann hat ganz krasse Probleme, aber er zieht sich super an. Und Denzel Washington. Also für einen Schwarzen hat er es richtig krass drauf.

Viele Rapper haben das Ziel, irgendwann mal auf dem GTA-Soundtrack zu landen, hättest du da auch Bock drauf?

Übertrieben krass. Celo und Abdi machen jetzt einen FIFA-Soundtrack. Fussball ist nicht so meine Welt. Ich steh’ mehr so auf Schießen und Laden und all the niggas in the hood. Ich würde das übergerne machen. Aber ich glaube nicht, dass das möglich sein wird.

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Geschwisterliebe: Inzest ist die neue Homosexualität

Sag mal, würdest du eigentlich mit deiner Schwester ficken? Die Frage rutscht mir so raus, als ich mit meinem Kumpel Max vor dem Fernseher sitze und wir eine Folge irgendeiner dämlichen Serie schauen, die das Thema Inzest behandelt. Bäh, nee, das ist absolut eklig!, entgegnet er sofort und schen...
Geschwisterliebe: Inzest ist die neue Homosexualität

Geschwisterliebe

Inzest ist die neue
Homosexualität

Nadine Kroll

„Sag mal, würdest du eigentlich mit deiner Schwester ficken?“ Die Frage rutscht mir so raus, als ich mit meinem Kumpel Max vor dem Fernseher sitze und wir eine Folge irgendeiner dämlichen Serie schauen, die das Thema Inzest behandelt. „Bäh, nee, das ist absolut eklig!“, entgegnet er sofort und schenkt sich noch mal Wein nach. „Aber wieso denn nicht?“, hake ich nach. „Deine Schwester ist ein super attraktives Mädchen!“ „Mag sein“, antwortet Max, „aber sie ist eben auch meine Schwester.“

„Gut“, sage ich. „Aber jetzt stell‘ dir doch mal vor, sie wäre eine Fremde. Ein Mädchen, das du nicht kennst und dem du zufällig auf der Straße begegnest.“ „Nicht, solange sie meine Schwester ist.“ „Aber du weißt ja in dem Moment nicht, dass sie deine Schwester ist. Wie in Star Wars! Und stell dir mal einen ganz kurzen Moment vor, sie wäre nicht deine Schwester. Würdest du dann?“ „Vermutlich schon“, antwortet Max. „Also wenn sie wirklich nicht meine Schwester wäre, sondern eine wildfremde Frau, mit der ich nicht über irgendwelche Ecken und Kanten verwandt bin.“ „Aha“, sage ich, lehne mich zurück und lasse mich weiter von der Serie im Fernsehen berieseln.

Das Thema Inzest beschäftigt mich, seit ich zum ersten Mal darauf gestoßen bin, als ich im Kleiderschrank meines Vaters ein vergilbtes Pornoheftchen fand, in dem es zwei Brüder mit ihrer angeblichen Schwester trieben. Ich war zugleich angeekelt, schockiert und interessiert. Natürlich habe ich mich in dem Moment gefragt, ob mein Vater es gerne auch mal mit mir treiben würde.

In diesem Moment war für mich völlig logisch, dass mein Vater irgendein abartiger Perverser war, der sich irgendwann an mir vergreifen würde. Hat er selbstverständlich nicht. Und heute, viele, viele Jahre später, ist mir klar, dass diese Vorverurteilung, die ich gegenüber ihm getroffen habe, etwas ist, das mir anerzogen wurde. Kein Inzestporno dieser Welt macht einen stinknormalen Familienvater zu einem Pädophilen. Noch nicht einmal zu einem Pädosexuellen. Sondern lediglich zu einem Menschen, den ein gesellschaftliches Tabu in seinen Fantasien reizt.

Meine Reaktion war in diesem Moment dennoch ganz natürlich. Zumindest, wenn man nach Sigmund Freud geht. Während es für kleine Kinder ganz normal ist, mit ihren Eltern zu schmusen und sie zu küssen, lösen sie sich in einer bestimmten Phase davon. Im Normalfall durch das Zutun der Eltern, die zum Beispiel Dinge sagen wie: „Du kannst deinen Papa nicht heiraten, der gehört schon zu mir!“

Dadurch wird irgendwann klar: Familie ist tabu. Du musst sie anders lieben als du deine zukünftigen Partner liebst. Für gewöhnlich ist familiär einiges schief gelaufen, wenn zwei Geschwister, die miteinander aufgewachsen sind, sich sexuell zueinander hingezogen fühlen. Sagen zumindest Psychologen. Ein anderer Fall liegt vor, wenn die Geschwister sich nicht von klein auf kennen und dann eine sexuelle Beziehung miteinander beginnen. Das ist zwar gesetzlich immer noch verboten, wird allerdings psychologisch noch mal ganz anders behandelt. Ich verweise an dieser Stelle gerne noch einmal auf das wohl bekannteste Inzestpärchen Luke und Leia.

Inzestpornografie macht, insbesondere in Deutschland, einen sehr großen Teil des Marktes aus. Und ich glaube, das liegt nicht daran, dass jeder dritte Mensch sich vorstellt, es mit Schwester, Bruder, Mutter oder Vater zu treiben, sondern weil es sich um ein gesellschaftliches Tabu handelt. Und die sind für gewöhnlich geil. Zumindest in der Fantasie. Und wenn man sich nicht zwangsläufig ein eigenes Familienmitglied dabei vorstellt, sondern beispielsweise das hübsche Zwillingspärchen von nebenan.

Es gibt sie allerdings, die Menschen, die sich in einen nahen Verwandten verlieben und eine sexuelle Beziehung anstreben. Und wenn wir mal kurz das außen vor lassen, was Sigmund Freud dazu gesagt hat: Was ist daran bitte verwerflich, sofern diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruht und beide Personen volljährig sind? Es ist eine Barriere, die in unseren Köpfen ist und die Psychologie, die dahintersteckt, ist in meinen Augen längst überholt.

Man bedenke nur mal, dass vor nicht allzu vielen Jahren Homosexualität noch bestraft und mit irgendwelchen psychischen Störungen begründet wurde und auch wenn es mittlerweile glücklicherweise gesetzlich erlaubt ist, gleichgeschlechtliche Partnerschaften einzugehen, so ist dieses Denken dennoch nicht aus den Köpfen vieler nicht-homosexueller Menschen geblieben. Vielleicht sind die Geschwister, die zusammen sein möchten, gar nicht psychisch krank, sondern werden nur von der Gesellschaft dazu deklariert, und leiden so extrem darunter, weil ein Gesetz es ihnen verbietet, ganz normal zusammen zu sein.

Ich persönlich halte das Inzestverbot für überflüssig, zumal es stark gegen die sexuelle Selbstbestimmung spricht. Erwachsene Menschen sollten tun und lassen dürfen, was sie wollen. Ganz egal, ob sie in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen oder nicht. Das Argument, dass potentieller Nachwuchs „erbkrank“ sein könne, zählt für mich auch nicht. Ich empfinde es sogar als überaus diskriminierend, weil es Menschen mit Behinderung, die aus nicht-inzestuösen sexuellen Verhältnissen stammen, abwertet oder schlimmer noch: für unsere Gesellschaft irgendwie untragbar macht.

Zumal es genau dieses Gesetz ist, das Menschen zwingt, ihre Identität zu wechseln oder im verborgenen ihren Sehnsüchten nachzugehen. Kein Verbot dieser Welt ist so stark wie die Liebe zwischen zwei Menschen und dabei ist es völlig egal, ob es sich um ein Geschwisterpärchen handelt oder um zwei Personen, die aufgrund ihrer Religion oder was auch immer nicht legal zusammen sein dürfen. Jedes Gesetz, das den Menschen nicht mehr Freiheit schenkt, sondern ihnen ihre Freiheiten raubt, ist beschissen. Und ihr wisst es.

Man muss ja nicht alles gut finden, was andere Menschen so machen. Aber man kann zumindest akzeptieren, dass es das gibt, und zwar häufiger als man denkt, und das Ganze auch mal entkriminalisieren. Wir reden hier ja nicht von Menschen, die Massenschlachtungen an anderen Menschen vornehmen, sondern von solchen, die sich lieben und den Risiken, die diese Liebe vielleicht mit sich bringt, vollkommen bewusst sind.

Niemand gehört für Liebe bestraft. Im Gegenteil: Die Menschen, die aufrichtig lieben, sich über Grenzen hinwegsetzen und sich ihre Freiheiten nehmen, weil sie es verdient haben, frei zu sein, zu lieben und zu ficken, wen sie lieben und ficken wollen, gehören ausdrücklich belohnt. Mit Freiheit vor der Gesellschaft und vor dem Gesetz. Im Gegensatz denen, die Freiheiten beschränken. Und das ist in den meisten Fällen der Staat und keine Einzelperson, die sich aus mehr oder wenigen guten Gründen über die ihm auferlegten Verbote hinwegsetzt.

Die Fotografie stammt von Vidar Nordli-Mathisen
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Mädchenliebe: Anna schmeckte nach Himbeeren

Wenn wir mit einigen Mädchen zusammen auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer oder bei jemandem zu Hause herum saßen und ich Anna von der Seite betrachtete, dann fiel mir immer nur ein Wort ein: Schönheit. Ihre blonden Haare. Die güldene Haut. Die blauen Augen. Die kleinen Sommersprossen. Ihr sportliche...
Mädchenliebe: Anna schmeckte nach Himbeeren

Mädchenliebe

Anna schmeckte
nach Himbeeren

Mia Jung

Wenn wir mit einigen Mädchen zusammen auf dem Pausenhof, im Klassenzimmer oder bei jemandem zu Hause herum saßen und ich Anna von der Seite betrachtete, dann fiel mir immer nur ein Wort ein: Schönheit. Ihre blonden Haare. Die güldene Haut. Die blauen Augen. Die kleinen Sommersprossen. Ihr sportlicher Körper. Die langen Beine. Die für ihr junges Alter bereits viel zu großen Brüste. Dass ihre Unterlippe dicker als ihre Oberlippe war. Die perfekt angeordneten, strahlend weißen Zähne, wenn sie lachte.

Ich war nicht eifersüchtig auf sie. Dafür kannte ich ihre Schattenseiten zu gut. Und ich war auch nicht verliebt in sie. Dafür wollte ich zu sehr meinen ersten Penis berühren. Anna war meine beste Freundin. Wir kannten uns bereits seit dem Kindergarten. Ihr Vater war Arzt und ihre Mutter Lehrerin. Oder umgekehrt. Sie besaßen ein großes Haus in einer hübschen, mit hohen Bäumen bewachsenen Gegend.

Dass sie nicht zu den ärmsten Menschen in der Stadt gehörte, merkte ich, als ich zum ersten Mal bei ihr zu Besuch war und uns ihre Haushälterin Kekse mit warmer Milch anbot. Ihr Name war Helga. Sie war Polin und sehr nett. Annas Kinderzimmer war weiträumig und hell. Am großen Fenster thronte ein weißer Schreibtisch, auf dem ein paar bunte Bilder herum lagen. In der Ecke standen ein Barbie-Traumhaus und das dazugehörige Wohnmobil.

Anna war als Kind sehr freundlich, überaus zuvorkommend und fast schon nervend süß. Zu jedem. Alten Frauen und langsamen Tieren half sie über die Straße. Sie sprach mit Katzenbabys. Und jedes ihrer Kleidungsstücke musste entweder weiß, rosa oder mit mindestens einem funkelnden Herz bestickt sein. Ihre strohblonden Haare waren zu kleinen, niedlichen Zöpfen geflochten. Sie sagte zu jedem Menschen, der ihr begegnete, Hallo und Tschüs.

Ihr Benehmen änderte sich schlagartig, als sie in der sechsten Klasse in die Pubertät kam. Über Nacht wurde sie zu einem ruhelosen, herrschsüchtigen und unhöflichen Balg, das nicht mehr gab, sondern forderte. Ihr linker Busen wuchs innerhalb von ein paar Monaten enorm, während der rechte ganz frech auf sich warten ließ. Das machte Anna so wütend, dass sie sich die langen Haare mit einer stumpfen Bastelschere absäbelte und ab da an als Rebellin galt.

Da mir noch nichts Neues wuchs, konnte ich ihr Verhalten nur schwer nachvollziehen. Meine beste Freundin schien gestorben zu sein. Was da in meinem Zimmer herum lachte und dabei gern künstlich grunzte, war eine Art mutierte Auferstehung, deren einzige Absicht es war, Chaos zu stiften. Oder zumindest ihre Eltern zu enttäuschen. Anna machte mir irgendwie Angst, faszinierte mich aber auch.

Sie lehnte sich aus dem Fenster und spuckte unschuldigen Passanten auf den Kopf. Ihren Vater nannte sie nur noch Adolf. Und ihren Barbies hatte sie den Kopf abgerissen und mit denen von Plastikpferden ersetzt. Mit den Puppen könne man super masturbieren, meinte sie dann. Ich kicherte, hatte aber keine Ahnung, ob sie das ernst meinte. Sie schob sich doch keine Barbie-Puppen mit Pferdeköpfen da unten rein, oder? Und wenn doch, welche Seite zuerst?

Eine Freundin erzählte mir, dass Anna sich auf der Geburtstagsparty einer gemeinsamen Bekannten, auf die ich wegen meiner Eltern nicht gehen durfte, von Zehntklässlern an der linken Brust herum drücken ließ. Seitdem galt sie bei den Mädchen in unserer Klasse als Schlampe und bei den Jungs als potentielle Startrampe ins echte Leben. Anna genoss die Aufmerksamkeit. Sowohl die positive als auch die negative. Sie avancierte zur Königin der sechsten Klasse und hatte Spaß daran, andere herumzukommandieren. Und auch zu quälen. Wenn ihr besonders langweilig war.

Ich kam nie unter Annas Räder. Vielleicht respektierte sie mich zu sehr dafür. Oder wir kannten uns einfach schon zu lange. Womöglich hatte sie auch Angst davor, dass ich ausplaudern würde, wie zerbrechlich und labil sie innerlich wirklich ist, wenn sie es sich mit mir verscherzen würde. Anna achtete darauf, bei mir einen ebenbürtigen Ton anzuschlagen. Während sie die anderen wie Untergebene behandelte.

Ein Jahr später war auch Annas rechter Busen ausgewachsen. Sie hatte bereits ihr erstes Mal gehabt. Mit einem 21-Jährigen, den sie über ihren Cousin beim örtlichen Sportclub kennengelernt hatte. Als ich in der siebten Klasse meinen 13. Geburtstag mit einer Regenbogentorte, alkoholfreiem Sekt und meiner neuen Christina-Aguilera-CD in Dauerschleife feierte, setzte auch bei mir langsam die Pubertät ein. Annas Blick auf mich veränderte sich. Sie schien mich zu mustern, wurde neugierig, was sich bei mir tat.

Anna und ich saßen zusammen in der hintersten Reihe. Ganz links. Direkt in der Schulbank neben dem Fenster. Sie auf der rechten, ich auf der linken Seite. Während unser Lehrer Herr Wachinger einige Primzahlen an die Tafel kritzelte und dabei, ironischerweise, eher schläfrig wirkte, beobachtete ich auf der Wiese neben unserem Pausenhof eine schwarze Katze, die sich rücklings an einen scheinbar ahnungslosen Vogel heranschlich. Bis ich plötzlich eine Hand auf meinem rechten Knie spürte.

Ich betrachtete weiterhin das natürliche, unter gemeinen Umständen tödlich endende Spiel zwischen dem seinen tiefsten Instinkten folgenden Raubtier und dem mutmaßlichen Opfer, das noch fröhlich vor sich hin hopste. Die mit einem hellrosa Nagellack verzierten und mir nur allzu bekannten, schlanken Finger fuhren allmählich nach oben und öffneten zunächst, überraschend geschickt, den Knopf und anschließend, vollkommen lautlos, den Reißverschluss meiner Jeans.

Als Anna ihre Hand unter meine dunkelblaue, mit einer für Kinder eventuell etwas zu lasziv zwinkernden Minnie Maus bedruckten Unterhose schob und selbst durch etwas mehr Entschlossenheit nicht weiter nach unten zu kommen schien, überlegte ich zunächst einen Augenblick, ob ich das jetzt gut fand oder eher nicht so, und spreizte anschließend meine Beine ein wenig. Aus Neugier. Und Höflichkeit.

Anna tastete sich Zentimeter für Zentimeter an meinen kaum vorhandenen, aber schon jetzt ziemlich dunklen Schamhaaren vorbei in Richtung Eingang. Sie begann damit, am sich nun regelrecht nach der forschen Berührung der weichen Kuppen sehnenden Ziel angekommen, ihren Zeigefinger behutsam von unten nach oben zu streichen. Immer und immer wieder. Jedes Mal drängte sie sich dabei ein kleines Stückchen tiefer in meinen Schlitz.

Der Vogel war längst unbeschadet fortgeflogen und die Katze bereits im kaum erkennbaren Dickicht der diesen Teil des Schulgebäudes einrahmenden Hecke verschwunden. Aber ich blickte weiterhin wie gebannt auf die nun eigentlich vollkommen uninteressante Stelle im Gras, während ich klatschnass war und angespannt jede noch so kleine Bewegung zwischen meinen Beinen registrierte. Diese hatte ich unbewusst noch ein wenig weiter auseinander gedrückt. Um auch ja nicht dem, was da noch kommen möge, im Weg zu sein.

Anna kreiste nun einige Male mit ihrem stetig zittriger werdenden Mittelfinger um meine Öffnung. Sie verschloss diese mit seiner Spitze und versuchte kurz darauf, in mich einzudringen, entschied sich dann allerdings, im letzten Augenblick, doch dagegen. Vielleicht, weil sie genau wusste, dass ich immer noch Jungfrau war. Und sie mir dieses Erlebnis nicht rauben wollte. Oder weil sie einfach keine Lust hatte, danach mit einer blutverschmierten Hand durchs ganze Klassenzimmer laufen zu müssen.

Als die Schulglocke pünktlich und vehement zum Beginn der nächsten Stunde läutete und meine Gedanken damit in alle Richtungen zerstreute, glitt Anna mit einer flinken Bewegung aus meiner Hose, stand auf und ging aus dem Raum. Ich zog den Reißverschluss wieder zu, drückte den Knopf in die dazugehörige Schlaufe und bedeckte alles ganz ordentlich mit dem unteren Teil meines T-Shirts. Mein klammer Schlüpfer drückte im Schritt. Anna und ich sprachen kein einziges Wort über das Geschehene. Nicht, weil es uns peinlich war, sondern weil es womöglich nichts darüber zu sagen gab.

Das Ganze wiederholte sich in den nächsten Wochen ein paar Mal. In unterschiedlicher Art, Herangehensweise und Intensität. Ohne dass es jemandem auffiel. Bis ich irgendwann schon fast darauf wartete, dass es wieder geschah. Doch Anna schien dem Gefummle letzten Endes überdrüssig zu werden. Zumindest hörte sie eines Tages damit auf und fing auch nicht mehr damit an. Ich fand das irgendwie schade, sprach sie aber nicht darauf an. Das wäre mir dann doch irgendwie zu peinlich gewesen.

Unsere Schule hatte einen Anbau spendiert bekommen, den im nächsten Jahr neue Stufen nutzen sollten, der bis dahin aber überwiegend leer stand und nur ab und zu für ausgelagerte Klassen und Gruppen gebraucht wurde. Donnerstag Nachmittag hatten wir dort Religionsunterricht mit Frau Damköhler. Sie philosophierte gerade über die Beziehung zwischen dem Christentum und dem Islam, als Anna mir einen Zettel zuschob. „Komm in fünf Minuten aufs Klo!“ Die i-Tüpfelchen waren kleine Herzen. Anna hob ihre Hand, fragte, ob sie pinkeln gehen dürfe, und verschwand aus der Tür. Ich wartete aufgeregt.

Die Toiletten waren genauso steril und verlassen wie der Rest des Neubaus. Noch buhlten hier keine zwielichtigen Kritzeleien um die Aufmerksamkeit der Notdurft verrichtenden Besucher. In der hintersten Kabine wartete Anna schon ungeduldig auf mich. Sie zog mich hinein, schloss die Tür hinter mir und drückte mich sanft, aber bestimmt an die Wand. „Ich will mal was ausprobieren“, sagte sie kurz und knapp, ohne mir dabei in die Augen zu schauen, und ging vor mir in die Hocke, meinen Unterleib im Visier.

Anna öffnete ohne große Anstrengung meine Hose, fast so, als hätte sie Übung darin, fremde Beinkleider zu entfernen, und zog sowohl sie, als auch meinen Slip, mit einem Rutsch bis zu den weißen NikeSneakern nach unten. Um sich provisorisch abzustützen und nicht umzukippen, hatte sie beide Hände unterhalb meines Pos gelegt, sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite, und hob ihn dadurch ein wenig an. Anna musterte meinen immer feuchter werdenden Schoß mit einem fast schon kritisch wirkenden Blick.

Mit ihrem durch etwas zu viel Lipgloss glänzenden und bis zu mir hinauf nach Himbeeren riechenden Mund fuhr Anna bedächtig über den schamhaften Flaum hinab, so dass ich ihren Atem auf meiner Haut spüren konnte, nur um anschließend ihre kleine, feste Zunge entschlossen in meinen Spalt zu drücken. Ich war mucksmäuschenstill, spreizte aber meine Oberschenkel ein wenig. Aus Neugier. Und Höflichkeit.

Es waren gerade zwei, drei Minuten vergangen, in denen Anna mit ihrer spitzen, rauen Zunge abwechselnd meinen Kitzler massierte und in mich eindrang, als ich unkontrolliert anfing zu zucken, womöglich etwas zu laut ausatmete und ihr Gemurmel zwischen meinen Beinen hörte. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich Annas Kopf mit beiden Händen so fest gegen mein Becken drückte, dass ich dort anschließend tagelang blaue Flecken hatte. Hätte ich ein wenig länger gebraucht, wäre sie vermutlich erstickt.

Anna erhob sich ruckartig aus ihrer fast schon devot wirkenden Position, gab mir einen halbherzigen Kuss auf den Mund und ging anschließend, ohne die Situation auch nur eines weiteren Kommentars zu würdigen, schnurstracks auf den Gang. Verdutzt, außer Atem und mit herunter gelassener Hose lehnte ich an der Klowand. Anna schmeckte nach Himbeeren und Muschi. Ich tupfte mich mit etwas Toilettenpapier trocken, zog mich wieder an und begab mich ebenfalls zurück in den Unterricht von Frau Damköhler, um mehr über die komplizierten Verhältnisse diverser Glaubensrichtungen aus aller Welt zu erfahren.

Das war das letzte Mal, dass Anna und ich uns auf diese ganz besondere Art näher kamen. Zumindest war sie für mich besonders. Auch darüber haben wir nie ein Wort verloren. Eine Woche danach hatte sie ihren ersten richtigen Freund. Und ich berührte ein halbes Jahr später meinen ersten Penis. Er hieß Nick, war eine Stufe über uns und kam so doll in meiner Hand, dass ich Angst hatte, davon schwanger zu werden.

Nach der Schule verloren Anna und ich uns aus den Augen. Sie studierte in einer anderen Stadt, lernte neue Leute kennen. Wie das eben so ist, bei Menschen, mit denen man offenbar nur aus Gewohnheit befreundet ist – oder weil sie zufällig in der Nähe wohnen. Heutzutage treffen wir uns alle paar Jahre, um gemeinsam einen Kaffee trinken zu gehen, wenn wir unerwartet in der selben Gegend sind. Dann lästern wir über alte Bekannte oder regen uns darüber auf, dass die Welt generell immer ein wenig dümmer wird.

Anna ist jetzt mit dem Manager eines französischen Automobilkonzerns verheiratet und erwartet gerade ihr erstes Kind. Einen Jungen, den sie Max nennen möchte. Oder Jan. Oder Fin. Hauptsache etwas Kurzes. Sie ist immer noch schön. Mit ihren blonden Haaren. Der güldenen Haut. Den blauen Augen. Den kleinen Sommersprossen. Ihrem sportlichen Körper. Den langen Beinen. Den großen Brüsten. Ihrer dicken, sinnlichen Unterlippe. Und den perfekt angeordneten, strahlend weißen Zähnen, wenn sie lacht.

Eifersüchtig bin ich auch künftig nicht auf Anna. Ihre Dämonen wird sie nämlich niemals alle los werden. Da bin ich mir sicher. Manchmal frage ich mich allerdings, ob sie auch heute noch so gern an die zwei, drei Minuten auf dem Mädchenklo zurück denkt, wie ich das manchmal tue, wenn ich mich allein und einsam fühle. Aber darauf ansprechen werde ich Anna nicht. Das wäre mir dann doch irgendwie zu peinlich.

Die Fotografie stammt von Roman Khripkov
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Gewaltige Gedanken: Ich möchte Menschen abschlachten

Ich habe des Öfteren das Verlangen danach, Menschen so richtig eine in die Fresse zu hauen. Ihnen die Visage zu vermöbeln. Baseballschläger in den Rücken rammen, Augen mit Silberlöffeln ausheben, die Leiche mit Blutspritzern des herausgerissenen Herzen dekorieren, ankokeln, draufpinkeln, hämisch lac...
Gewaltige Gedanken: Ich möchte Menschen abschlachten

Gewaltige Gedanken

Ich möchte Menschen
abschlachten

Sara Navid

Ich habe des Öfteren das Verlangen danach, Menschen so richtig eine in die Fresse zu hauen. Ihnen die Visage zu vermöbeln. Baseballschläger in den Rücken rammen, Augen mit Silberlöffeln ausheben, die Leiche mit Blutspritzern des herausgerissenen Herzen dekorieren, ankokeln, draufpinkeln, hämisch lachen, noch mal reintreten.

Ihre toten Körper verstümmeln, mich mit meinen Zähnen an ihren Organen vergnügen, einzelne Gliedmaßen ihrer leblosen, stinkenden Kadaver abnagen und immer schön fest mit einem Ziegelstein draufhauen. Sie zermatschen. Sie sterben sehen und hören. Eine abartige Lust daran, Schmerz zu verteilen. In ihre Augen zu gucken und durch sie durch zu sehen. Aus Neugierde. Wer will nicht wissen, wie sich das anfühlt?

Manchmal frage ich meine Freunde, ob sie das kennen. Mit sanfteren Beispielen. Ob sie bei 200 Kilometer pro Stunde das Lenkrad herumreißen möchten, um gegen ein Auto auf der Nebenspur zu knallen. Ob sie ab und zu ein süßes Baby halten und dann den inneren Drang verspüren, es einfach loszulassen. Auf den Beton aufklatschen lassen. Gehirnbrei zu löffeln. Ob in Eile vorbeifahrende Fahrradfahrer, die aus dem Nichts von ihren Mühlen heruntergetreten werden, nicht eine unterhaltsame Vorstellung wäre?

Meine Freunde gucken mich dann immer entsetzt an. Nein, sie kennen das Gefühl nicht. Ich lache und tue es als Spaß ab. Aber die Realität ist, dass mir diese Gedanken im Gehirn herumschwirren, als hätte ich ein fundamental psychisches Problem. Als wäre ich eine tickende Zeitbombe, die bald explodiert. Ich bin Christian Bale, das ist mein German Psycho.

Es ist kein Hass auf Individuen, so viel ist klar. Es hat auch nichts mit Wut zu tun. Ich habe schon einige Menschen verachtet und auch gehasst. War irrational wütend und bin ausgerastet. Aber niemals habe ich jemandem handgreiflich weh getan. Und wenn wir schon dabei sind: Meine Aggressionen in der Realität sind tendenziell eher passiv, selbst verbale Drücker spare ich meist aus. Der seelische Stress, der Diskussionsterror mit unterbelichteten Vollidioten, und Erzfreinde – das alles brauche ich nicht in meinem Leben.

Woher kommt dann also dieses Verlangen danach, auf brutalste Art und Weise destruktiv zu sein, Schmerz zu verbreiten, mich selbst in der Folter anderer auszupowern? Was ist das für eine Ader, die unter meiner Haut pocht? Ist es eine Fantasie, die niemals die Oberfläche erreicht? Bin ich alleine auf der Welt mit meinem Gore-Kopfkino? Habe ich ein Problem, das von einem Professionellen mal durchgesichtet werden müsste? Bin ich soziopathisch, eine Massenmörderin in der Mache, sind das erste Anzeichen?

Wir reden über Massenmörder und Serienkiller, aber auch über Amokläufer. Ungeplante Durchhänger bei den Outlaws unserer Generation, Menschen, die wahrscheinlich schon ähnliche, reflexartige Momente in ihren Emotionen verspürten und irgendwann einfach den rationalen, menschlichen Teil dicht machten, um diesem Instinkt nachzugehen. Aber das sind Menschen, die von vornerein labil waren, gedisst wurden, sich mit dem System kritisch auseinandersetzten oder schlicht und einfach schon krank geboren wurden.

Ich hingegen lebe ein stabiles Leben. Eines mit Strukturen. Ich will nicht gezielt jemandem aus Rache das Leben nehmen. Ich will niemandem das Leben nehmen. Es ist die reine Gewalt, das Gefühl, die Augen zuzumachen und draufschlagen zu wollen. Ich stelle mir nichts lieber vor, als in einem Boxring zu stehen und Schellen zu verteilen. Vielleicht, weil das niemals stattfinden wird. Vielleicht, weil das auch Stärke verkörpert, eine herablassende Art zu sagen: Fickt euch, ich kann euch weh tun.

Vielleicht ist das ja auch die allgemeinbekannte und hochgradig geschätzte „Dunkle Seite“, der man sich bedient, wenn man ein cooler Mensch ist und verschroben, distanziert und unnahbar wirken möchte. Vielleicht ist das dieses kleine, wohlbehütete Geheimnis, das jeder in sich wahrt. Die einen stehen darauf, angepinkelt zu werden, die anderen stellen sich im Alltag vor, irgendwelchen fremden Menschen mit meiner Münzrolle in der Faust bewaffnet auf dem Bürgersteig unerwartet die Nase zu brechen.

Vielleicht ist das diese Illusion der Natur, die schon in Fight Club durchschimmerte. Das Loslösen von unserer steifen und starren Gesellschaft. Der Traum, frei zu sein. Also auch der Traum, Dinge und sich selbst zu zerstören. Mit Sicherheit würde meine Faust keine zwei Schläge aushalten, bevor sie bricht und ich selbst in Pein und zerfleischendem Schmerz zusammenbreche.

Ein Kontrast zum Wunsch nach Weltfrieden, das Drama, ein endloser Kampf, zurück zur Natürlichkeit. Zurück zu dem Augenblick, wo wir unser Essen noch jagen, wo wir unser Rudel beschützen mussten. Das alles wurde uns genommen, und als Konsequenz schlagen wir, wenn auch nur mental, wild um uns herum. Gebt mir Hustle, gebt mir einen Grund, mich zu wehren, zu rebellieren.

Ist das eine dunkle Seite, die jeder in sich trägt und niemals offen bespricht? Sind die entsetzten Blicke meiner Freunde echtes Entsetzen? Oder nur eine Ablenkung von den eigenen bösartigen Gelüsten nach Stärke? Ist es das Fernsehen, die Horrorfilme, die Musik, unsere Gesellschaft, mein Weltschmerz, unverarbeitete Pubertät, die verdammten Videospiele? Bin ich alleine in meiner kleinen Klapse der höheren Gewalt?

Die Fotografie stammt von Christopher Ott
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Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es...
Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall

Cowboy Bebop

Kopfgeldjäger
im Weltall

Marcel Winatschek

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es geht los, alles ist gut. Du legst dich hin und tauchst ein in eine ferne Welt.

Auf meinem Trip zwischen Husten, Kopfschmerzen und Müdigkeitsanfällen begleitet mich gerade ein alter Freund. Cowboy Bebop. Natürlich auf Japanisch mit deutschen Untertiteln, damit ich auch etwas dabei lerne. Jedenfalls so viel wie möglich. Es erinnert mich an damals, als Anime noch auf MTV und VIVA liefen. Als wir noch MTV und VIVA geguckt haben. Als diese Sender noch eine Rolle in der Jugendkultur spielten.

Wir schreiben das Jahr 2071. Die Zukunft ist jetzt. Aus ihrem irdischen Garten Eden vertrieben, wählte die Menschheit den Rand des Universums als endgültige Grenze. Mit dem abschnittsweisen Zusammenbruch der früheren Nationen betrat ein gemischtes Durcheinander von Rassen und Völkern die Bühnen dieser Welten.

Sie breiteten sich zu den Sternen aus und nahmen die von der Menschheitsgeschichte über Jahrtausende gesponnenen Konzepte von Freiheit, Gewalt, Illegalität und Liebe mit, wo neue Regeln und eine neue Generation von Gesetzlosen entstanden. Die Menschen nannten sie Cowboys.

Die Geschichte muss ich niemandem mehr erzählen. Lernt Spike und Jet kennen, einen Herumtreiber und einen Cyborg-Cop im Ruhestand, die sich gemeinsam zu einer Kopfgeldjagd zusammen geschlossen haben. In dem umgebauten Schiff The Bebop durchsuchen Spike und Jet die Galaxie nach Kriminellen, auf die, warum auch immer, ein Kopfgeld ausgesetzt ist.

Dabei treffen sie auf viele interessante Charaktere, darunter den ungewöhnlich intelligenten Hund Ein, die verkorkste Hackerin Ed und die sowohl sinnliche als auch nervtötende Faye Valentine, eine vollkommene Femme fatale mit Reizen und Fehlern. Der Mond ist durch einen Unfall zerbrochen und hat weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht, alles ist kalt, dreckig, depressiv.

Jetzt, mit viel weniger Skrupeln als der Rest ihrer in alle Winde verteilten Spezies, findet sich die bunt zusammengewürfelte Bande oft ohne Geld und folglich ohne Essen auf ihren Tellern wieder – einen Status, den sie tunlichst und schnellstens wieder ändern wollen. Also geht es auf ins nächste Abenteuer. Und wenn sie in das Kreuzfeuer eines Mafia-Großkampfes geraten, überdenken sie vielleicht alle die Entscheidungen, die sie bisher in ihrem Leben getroffen haben.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es nur selten. Und wenn, dann verblasst er irgendwo hinter den durch den Raum schwebenden Metalltrümmern, den Geschichten vom Krieg, der unerfüllten Liebe, der Habgier der anderen. Die Wirkung der diversen Medikamente trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man die Erlebnisse der episodenhaften Abenteuer so kühl erlebt, wie sie womöglich eigentlich gedacht sind.

Cowboy Bebop ist ein fast schon vergessener Schatz. Ein Relikt, das durch die wahnsinnig gute Musik von Yoko Kanno, deren gesammelte Werke ich für immer und ewig hören könnte, und einer direkt ins Herz gehenden Truppe an unterschiedlichsten Charakteren zur Legende wird. Ich möchte mit Ed eine Partie Schach spielen, ich möchte mit Ein auf einer grünen Wiese herum tollen, ich möchte Faye unter den Tisch trinken.

Immer wenn “The Real Folk Blues” von den Seatbelts einsetzt und ich durch Apothekenutensilien schon fast in andere Sphären versetzt bin, dann bin ich glücklich und mir läuft eine Träne über die Wange. Weil ich dabei war, als Spike und Vicious die Kirche in Schutt und Asche legten, als Roco auf der Venus starb, als das Innenleben des Bebop-Kühlschranks Jagd auf Jet und seine Freunde machte.

Dass Cowboy Bebop, erstmals im Jahr 1998 ausgestrahlt, ein absoluter Fanliebling ist, versteht sich von selbst. Der Anime ist ein Meisterwerk des Geschichtenerzählens, der Ideen, des Designs, der von Yoko Kanno komponierten Musik und der Produktion auf allen erdenklichen Ebenen.

Cowboy Bebop ist einzigartig. Er taucht regelmäßig in den Top-Ten-Listen der Anime-Juwelen auf und steht manchmal sogar an der Spitze eben dieser – und zwar vollkommen zurecht. Es ist leicht zu verstehen, warum: Er hat alles und noch viel mehr. Wenn ihr euch in diesem Jahr auch nur einen einzigen Anime sehen wollt, dann ist Cowboy Bebop zweifellos derjenige, in den ihr noch heute eintauchen solltet.

Das Tolle daran, wenn man krank ist, ist die Tatsache, dass man alte Serien am Stück gucken kann, ohne ein schlechtes Gewissen dabei haben zu müssen. Du bist nicht produktiv, sondern pfeifst dir ein Grippostad C nach dem anderen rein, steckst den Pizzaboten mit deinen Viren an, drückst auf Play, es geht los, alles ist gut. Du legst dich hin und tauchst ein in eine ferne Welt.

Cowboy Bebop: Kopfgeldjäger im Weltall
Die Illustration stammt von Sunrise
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I Like Big Butts: Dicke Hintern sind pure Weiblichkeit

Da ich zum Team X-Chromosom gehöre, sehe ich die Sache relativ pragmatisch. Für uns Frauen sind Brüste selten mehr als Fettgewebe, umschlossen von Haut und nur dazu dienend, männliche Primaten außer Gefecht zu setzen. Auch wenn wir uns, noch grün hinter den Ohren, bereits mit allen Formen von Pus...
I Like Big Butts: Dicke Hintern sind pure Weiblichkeit

I Like Big Butts

Dicke Hintern sind
pure Weiblichkeit

Leni Garibov

Da ich zum Team X-Chromosom gehöre, sehe ich die Sache relativ pragmatisch. Für uns Frauen sind Brüste selten mehr als Fettgewebe, umschlossen von Haut und nur dazu dienend, männliche Primaten außer Gefecht zu setzen.

Auch wenn wir uns, noch grün hinter den Ohren, bereits mit allen Formen von Push-Ups und Wonderbras beschäftigten, unsere Brüste heimlich mit denen der anderen Mädchen in der Umkleidekabine verglichen, bis heute daran herumdrücken, sie in Szene setzen und pflegen, sind sie im Grunde nur etwas, das wir nun einmal haben – und was seltsamerweise immer im Weg steht, wenn Männer uns wirklich, ehrlich und aufrichtig in die Augen schauen wollen.

Ich persönlich lege wesentlich mehr Wert auf die Hinteransicht. Die Empirie spricht für sich und bringt all die wunderbaren Frauen auf einen Booty-Nenner: Beyoncé, Nicki Minaj, selbst Michelle Obama oder meinetwegen auch Iggy Azalea – Talent und Hintern. Wollt ihr mir jetzt etwas von Zufällen erzählen? Und fangt ja nicht mit Kim Kardashian an, die hat von allem zu viel – und ist eh ein Alien.

Brüste sind zwar schön, keine Frage, aber sollten sie wirklich als Synonym für intelligente Stärke gelten? Wohl kaum. Ich meine, was können sie schon, als vor sich hinzuhängen und beim Sport zu stören? Schon mal versucht, damit zu twerken? Sie lasziv zu bewegen? Oder wenigstens darauf zu sitzen?

Klar, die ein oder andere Dame kann mit ihrem Vorbau sogar Melonen zerschlagen oder zu guter Letzt ein Kind füttern, was mich zu der Theorie führt, die stereotypische männliche Vorlieben zumindest im Ansatz erklären würden: das Kind im Manne sehnt sich nach Boobies, damals in der Schule konnten die Jungs schließlich, zumindest theoretisch, auch nicht genug von davon bekommen – vielleicht auch deshalb, weil in der Bravo niemand von hinten abgelichtet wurde.

Echte Männer dagegen wissen den Wert schöner Hintern zu schätzen, und das nicht erst, seitdem J.Lo ihr Prachtstück salonfähig machte. Könnte auch daran liegen, dass man erst zum Mann wird, nachdem man etwas mehr Lebenserfahrung vorzuweisen hat, als auf der Gamescom gewesen zu sein.

Aber da sich reife Männer, abgesehen von Til Schweiger, vorwiegend mit Frauen und nicht jungen Mädchen paaren, erledigt sich die Tittenfrage oft von allein: das Bindegewebe macht ab Ende 20 nur noch selten mit und wer in der Pubertät euren persönlichen Kate-Upton-Traum vor sich hintrug, weint spätestens jetzt den Zeiten hinterher, als man den Begriff „Straff“ noch ungeniert mit dem Begriff „Brüste“ in einem Satz aussprechen konnte.

Es tut mir wirklich leid, eure Doppel-D-Träume zu zerstören, aber diejenigen von uns, die nicht gerade mit Riesenhupen gesegnet wurden, sind auf lange Sicht einfach besser dran – wo nicht viel ist, kann auch nicht viel hängen! Einen straffen Hintern dagegen kann man sich auch noch mit über 50 erarbeiten. Also, wenn die Sache mit der Käsepizza nicht gerade im Weg stehen würde.

Doch wo wir gerade bei Illusionen wären: um euch nicht zu brutal von eurem Euphorietrip zu holen, rede ich ganz sanft und beruhigend auf euch ein, gebe zu, dass Brüste selbstverständlich wunderschön sind und sowohl große als auch kleine ihren Charme haben und jede Frau einzigartig machen.

Aber reißt euch verdammt nochmal zusammen und seht ein, dass selbst die Kate Uptons, Palina Rojinskis und Emily Ratajkowskis dieser Welt früher oder später zum Stütz-BH greifen müssen – während wir von der Bootylicious-Fraktion noch auf Squats vertrauen können. Und auf enge Pencilskirts, die verstrahlte Hupenprediger wie euch der natürlichen Selektion überlassen und echte Männer anerkennend nicken lassen.

Doch bevor das Ganze wieder der politischen Korrektheit entgleist, jeder noch schnell anmerken muss, dass Frauen ja gar nicht dazu da sind, um es euch Männern recht zu machen, und Alice Schwarzer bereits an ihrem Schreibtisch zusammenbricht, muss ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass das Heißeste an einer Frau sowieso ihr Köpfchen ist – und damit meine ich nicht die Frisur. Aber das würdet ihr in eurem Titties-Paradies je eh nicht verstehen…

Die Fotografie stammt von Monika Kozub
Der Text erschien in der Kategorie Sex mit den Themen
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Die Musiker im Gespräch: Tokio Hotel, wart ihr schon mal im Berghain?

Einmal im Leben Tokio Hotel zu treffen, das stand nicht auf meiner To-do-Liste. Sollte es aber. Wenn man überlegt, was aus den ganzen Weltstars geworden ist, die in jungen Jahren erfolgreich und relativ schnell abgehoben sind, wirken diese Jungs wie harmlose Studenten aus der Nachbarschaft. Gut, bra...
Die Musiker im Gespräch: Tokio Hotel, wart ihr schon mal im Berghain?

Die Musiker im Gespräch

Tokio Hotel, wart ihr
schon mal im Berghain?

Ines Aniol

Einmal im Leben Tokio Hotel zu treffen, das stand nicht auf meiner To-do-Liste. Sollte es aber. Wenn man überlegt, was aus den ganzen Weltstars geworden ist, die in jungen Jahren erfolgreich und relativ schnell abgehoben sind, wirken diese Jungs wie harmlose Studenten aus der Nachbarschaft. Gut, brav sind sie jetzt nicht unbedingt, aber ziemlich lustig und auf dem Boden geblieben. Oder: Das perfekte Tindermatch für einen kuriosen Saufabend.

In welchem Club könnte eure Musik gespielt werden?

Bill: Ich kenne mich mit der deutschen Clubszene nicht so gut aus, weil wir hier so selten feiern gegangen sind. Ich glaube in L.A. gibt es einige Clubs, wo die Platte laufen könnte. Zum Beispiel das Warwick. Oder XS in Las Vegas.

Jetzt kennen die meisten Leute, mich eingeschlossen, diese Läden nicht. Was läuft da so?

Tom: In diesen Clubs wird viel Elektro gespielt. Dort legen auch mal die Swedish House Mafia oder Skrillex auf. Wir haben von unseren Songs, die eh schon sehr elektronisch sind, noch mal Mixe machen lassen, die in echt viele Clubs passen würden.

Gibt es einen bestimmten Club, wo euch einer abgehen würde, wenn der eure Lieder spielt?

Bill: Also ich würde es ja feiern, wenn im Berghain ein Song von uns laufen würde (lacht laut).

Tom: Coachella wäre auch geil.

Welcher Party-Typ seid ihr?

Tom: Wir sind immer die Prollos, die besoffen in der Ecke hängen.

Ihr tanzt nicht?

Tom: Nur, wenn wir richtig betrunken sind. Auf Gustavs Hochzeit haben wir alle zu 90er-Jahre-Musik getanzt. Das war ganz witzig. Ansonsten sind wir nicht so die Tänzer.

Welcher Drink verleitet euch zum Tanzen?

Tom: Das war so ein Mix aus Tequila-Shots, Whiskey Cola, Rum Cola, Bier und Wein.

Das ist eine ordentliche Mische. Was ist geiler: Eine Party auf dem Roof in Los Angeles mit heißen Bitches und Freisuff oder eine Underground-Party in Berlin in einem miefigen Keller?

Tom: Also ich würde in den Keller gehen. Diese Partys in Los Angeles mit schönen Frauen hatte man jetzt schon ganz oft. In Berlin waren wir noch nicht so oft unterwegs. Außerdem mag ich es, wenn sich die Leute freier bewegen können und sich keine Gedanken darüber machen, wie sie gerade aussehen und ob sie den teuersten Drink in der Hand halten.

Bill: Ich finde es auch gut, wenn sich die Leute beim Feiern völlig fallen lassen und den Alltag vergessen.

Tom: Es gibt zwei Arten von Partys. Auf der einen bestellen die Typen teuren Champagner und reservieren extra Tische, um Frauen kennenzulernen…

Das seid ihr?!

Tom: Nee, das sind wir nicht. Das waren wir aber früher mal (alle lachen). Das waren wir mit 15. Und dann gibt es noch die Party, wo man einfach rausgeht und einen entspannten Abend mit Freunden haben will.

Wisst ihr noch wann ihr das erste Mal im Club wart?

Tom: (zu den Jungs) War das in Magdeburg, ein Club? Also wenn man diesen Club dazu zählt, dann mit 13.

War das, bevor ihr berühmt wurdet?

Tom: Ja.

Krass, das ist aber sehr früh. Ich dachte, dass ich mit 15 schon früh feiern gegangen bin.

Tom: Wir hatten gefakte Ausweise.

Bill: Der Laden hieß glaub ich Factory. Und dann waren wir ganz schnell in so Prollschuppen in München, mit 15.

Schnaps oder Bier?

Alle: Bier.

Eure beste Hollywood-Party?

Bill: Da in L.A. alles um zwei dicht macht, sind die Haus-Partys immer die besten. Ich kann mich an eine Kostüm-Party von so einem superreichen Typen erinnern. Das Motto war Moulin Rouge, alle waren schick und der hatte sogar den Cirque du Soleil gemietet, die im Pool aufgetreten sind. Das Haus war unendlich groß und irgendwann haben wir eine völlig neue Welt entdeckt mit Spa-Bereich in so einer Wellness-Oase.

Ich war irgendwann total dicht und saß in der Sauna mit meinem weißen Anzug. Alle Cirque-du-Soleil-Darsteller waren nackt und hatten Sex, während ich komplett angezogen dazwischen war und denen zugeschaut habe. Bis dann irgendwer kam und mich raus geholt hat. Das war eine extrem gute Party. Ach, und neulich waren wir noch auf einer guten Halloween-Party, wo wir am Ende besoffen gegenseitig diesen Taser von der Polizei an uns ausprobiert haben, um zu gucken, ob das wirklich funktioniert.

Und?

Bill: Ja, das tat total weh (lacht laut). Aber das war eine gute Party.

Wie sieht euer Kater-Tag nach einer heftigen Party aus?

Bill: Wir pennen superlang. Bis drei Uhr nachmittags oder so und dann wollen die Hunde auch mal raus. Meistens nehme ich dann eine Aspirin Complex, trinke einen starken Kaffee und dusche lang. Trotzdem bin ich dann den ganzen Tag verschwommen. Ich komm‘ damit allerdings ganz gut klar. Bei Tom ist das schon heftiger. Wenn der mal zu viel gesoffen oder einen Absturz hatte, trägt der das die ganze Woche noch mit sich rum.

Tom: Der Tag danach ist das Schlimmste. Danach brauche ich mindestens drei Tage, bis ich mich komplett davon erholt habe.

Gustav: Bist halt auch nicht mehr der Jüngste

Tom: Früher ging das alles noch schneller. Da waren wir abends trinken und haben am nächsten Morgen noch einen Bravo Starschnitt gemacht (lacht).

Seid ihr schon mal nicht in einen Club rein gekommen, weil euch keiner erkannt hat?

Bill: Neee, wir gehen eigentlich immer sicher, dass das vorher geklärt ist. In Los Angeles sind die Schlangen auch immer sehr lang und da passiert es sehr oft, dass auch berühmte Leute dazwischen stehen und nicht rein kommen, weil sie nicht gesehen werden. Darum gehen wir immer sicher, dass wir uns vorab ankündigen.

Der beste Ort im Club, um sexuell aktiv zu werden?

Bill: Das Klo wahrscheinlich. Ich würde auf’s Klo gehen. Das finde ich auch ganz gut.

Tom: Sexuell aktiv im Club? Das macht man eigentlich nicht. In den Angestellten-Bereich verschwinden, finde ich glaub ich am besten.

Georg: Man kann doch auch kurz raus ins Auto gehen. Also entschuldige mal bitte.

Wenn ihr noch mal 16 sein könntet, für einen Tag, was würdet ihr machen?

Georg (zu Tom): Ich glaube, es wäre für dich wie jeder andere Tag gewesen: Onanieren, onanieren, onanieren. (Alle lachen)

Worüber könnt ihr herzlich lachen?

Bill: Über Georg. Ich kann nicht wirklich über Witze oder Comedians lachen. Was ich total lustig finde, sind so spontane vercheckte Situationen.

Was an euch ist typisch deutsch und was typisch amerikanisch?

Bill: Unsere Genauigkeit und Pünktlichkeit ist typisch deutsch. Ich bin nie zu spät und schreibe mir immer alles auf. Typisch amerikanisch ist unser Englisch, weil wir so viel Zeit in Los Angeles verbracht haben und auch dort erst richtig Englisch gelernt haben. Wir benutzen schon oft die Worte Amazing und Like. Das finde ich furchtbar, aber ich kann es nicht mehr abstellen.

Habt ihr Angst vor einer bestimmten Droge?

Bill: Nö! (lacht). Wir haben mal ein Video gedreht zu Feel It All, was das Thema aufgreift. Mich interessieren diese Themen wie Drogen und Prostitution total. Diese ganzen Abgründe der Menschheit. Wie man dahin kommt und welche Geschichte sich dahinter verbirgt.

Tom: Ich hab eher Angst vor Sachen, die ich nicht kontrollieren kann. Wenn ich jetzt im Meer schwimme und dann ein Hai kommt und mich auffrisst. Bei einer Droge kannst du entscheiden, ob du sie nimmst oder nicht.

Habt ihr schon mal jemanden tätowiert?

Bill: Nein, würde ich aber ganz gerne.

Tom: Ich auch.

Bill: Das ist aber bestimmt gar nicht so einfach. Ich finde, da Georg noch keins hat, dürfen wir alle mal bei ihm ausprobieren.

Tom: Das stimmt. Ich würde das ganz witzig finden, wenn wir das machen würden.

Bill: Kann man einfach so eine Maschine kaufen?

Gustav: Die kann man bestimmt auch selber basteln. Ich würde mich auf jeden Fall von Tom tätowieren lassen.

Tom: Ich kann halt am besten zeichnen von uns.

Das heißt aber nicht, dass man deswegen auch gut tätowieren kann.

Tom: Das stimmt, aber die Jungs kennen mich gut genug und wissen, dass ich alles ein bisschen kann.

Georg: Aber nichts richtig.

Eure Lieblings-App?

Bill: Instagram.

Tom: Ich benutze mein Handy eigentlich nur, um zu telefonieren und SMS zu schreiben. Auch wenn ich immer das neueste iPhone habe. Ach, und ich hab noch eine n-tv-App. Da guck ich ab und zu mal rein (lacht).

Georg: Ich hab auch nur Instagram.

Gustav: Ja, Angry Birds halt.

Neben welcher Persönlichkeit würdet ihr gerne mal beim Pinkeln stehen?

Bill: Kevin Spacey.

Würde man da auch mal rüber gucken?

Bill: Ich weiß nicht, ob ich runter gucken würde, aber ich würde rüber gucken. Ja (lacht). Bei Tom wäre es auf jeden Fall Denzel Washington.

Tom: Ja stimmt, Denzel Washington.

Georg: Also beim Pissen gucke ich nach unten und versuche zu zielen. Mehr mache ich da nicht.

Bill: Glaub ich dir nicht. Du würdest doch hundertprozentig gerne mal jemanden auf dem Klo treffen wollen.

Tom (zu Georg): Du würdest doch hundertprozentig David Hasselhoff treffen wollen.

Georg: Dann aber nicht am Pissoire, sondern richtig auf der Schüssel (alle lachen).

Bill: Da würde ich mich auch unterhalten.

Georg: Da unterhalte ich mich immer ganz gerne.

Die Fotografie stammt von Sony Music
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Mädchen in Mailand: Zuhause mit Diana Kingston

Mir ist letztens aufgefallen, dass ich viel zu selten in Italien unterwegs bin, obwohl das Land erstens gar nicht so weit weg ist, wie man vielleicht denken mag, dort zweitens häufig schönes Wetter herrscht, wenn nicht gerade sintflutartige überschwemmungen vorherrschen, und ich drittens nur tolle U...
Mädchen in Mailand: Zuhause mit Diana Kingston

Mädchen in Mailand

Zuhause mit
Diana Kingston

Daniela Dietz

Mir ist letztens aufgefallen, dass ich viel zu selten in Italien unterwegs bin, obwohl das Land erstens gar nicht so weit weg ist, wie man vielleicht denken mag, dort zweitens häufig schönes Wetter herrscht, wenn nicht gerade sintflutartige überschwemmungen vorherrschen, und ich drittens nur tolle Urlaube erlebt habe, wenn ich denn mal einen Fuß nach Italien setze. Ich erinnere mich an wahnsinnig großartige Trips nach Venedig mit meinen Eltern, Rom mit zwei guten Freundinnen und Sizilien mit einem Typen, von dem ich hätte schwören können, dass wir irgendwann mal eine Großfamilie unter’m Olivenbaum gründen.

Der Künstler und Fotograf Adolfo Valente lebt im gar bezaubernden Mailand – und allein deswegen bin ich bereits ein wenig neidisch auf ihn. Noch neidischer bin ich nur geworden, als er uns seine neuen Fotos zeigte, die er fürs Apple Pie Magazine gemacht hat. In der Hauptrolle: Die umwerfende Diana Kingston, die nicht nur als Model arbeitet und bereits eines dieser sagenumwobenen Playmates war, sondern auch noch auf Comics steht. Hübsche, nerdige Mädels, die sich für unsere Augen die Klamotten vom Leib reißen? Was gibt es denn bitte Besseres? Eben, ich weiß es auch nicht.

Die Kulisse ist eine zum Sterben schöne, moderne Wohnung mitten in Mailand, das bekanntlich die Hauptstadt der Lombardei ist. Einst eine Gründung keltischer Siedler, erlebte die Stadt im Römischen Reich einen raschen Aufschwung. Mailand unterstand in seiner Geschichte dem Einfluss deutscher, französischer und österreichischer Kaiser und wuchs nach der Einigung Italiens zur größten Industriestadt des Landes. Wer bei so viel Geschichte nicht schwach wird, der wird es hoffentlich zumindest beim Anblick von Diana Kingston – und ihrem Comicbuch.

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Die Fotografie stammt von Adolfo Valente
Als Model ist Diana Kingston zu sehen
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Deutschlands Nachsehen: Die Oberfläche und die Tiefe

Als ich mich vor ein paar Jahren hier auf AMY&PINK als schizophrenes Modemädchen vorstellte, ja, da hatte ich das Gefühl, nicht so ganz verstanden worden zu sein. Ich gebrauche das Wort Schizophrenie, wie es im Alltag gebraucht wird. In mir wohnen zwei Menschen, die ein gepflegtes Verhältnis zur Amb...
Deutschlands Nachsehen: Die Oberfläche und die Tiefe

Deutschlands Nachsehen

Die Oberfläche
und die Tiefe

Meltem Toprak

Als ich mich vor ein paar Jahren hier auf AMY&PINK als schizophrenes Modemädchen vorstellte, ja, da hatte ich das Gefühl, nicht so ganz verstanden worden zu sein. Ich gebrauche das Wort Schizophrenie, wie es im Alltag gebraucht wird. In mir wohnen zwei Menschen, die ein gepflegtes Verhältnis zur Ambivalenz führen, was sich schon in der deutschen Romantik herauskristallisierte.

Ich finde die Oberfläche genauso faszinierend wie die Tiefe. Die deutsche Gesellschaft hingegen findet das nicht so ganz vereinbar. Nach der Prämisse, dass der Mensch genauso krank ist wie die Gesellschaft, in der er lebt, findet meine Schizophrenie den Ursprung in ihrer Umgebung. Aber warum scheint die Gesellschaft im Gesamtbild schizophren?

In Deutschland ist ganz deutlich zu beobachten, dass die Tiefe die Oberfläche ablehnt. Vice versa. Während ein tiefgründiger Mensch in seiner grauen, willkürlich ausgewählten Kleidung der Geisteswissenschaften die Oberfläche ablehnt, weil er sie als wertlos empfindet, zählt für den stereotypischen Modemenschen nichts als das Äußere, das sich als einzige Definition seiner Selbst darstellt.

Beide belächeln sich gegenseitig, erkennen jedoch aber nicht, dass die Mitte das Leben selbst ist. Wer kann schon bestreiten, dass er das Schöne nicht mag und wer möchte bestreiten, dass es auf das Innere nicht ankommt? Eine Verfeinerung unseres Geistes, um das Leben zu meistern, ist genauso erstrebenswert wie eine leichte Verfeinerung unseres Körpers, um das Leben auf angenehme Art zu meistern.

Bin ich also in der Welt der Mode unterwegs, treffe ich auf ein Prozent der Menschen, die sowohl intellektuell als auch an der Mode interessiert sind. Die restlichen 99 kann man also nur angucken oder belächeln, und leider alles andere als geistreiche Unterhaltungen führen.

Wenn ich in Frankreich oder der Türkei den Umgang mit der Mode betrachte, sehe ich, dass großes Interesse an der Schönheit besteht, man dies aber nicht verleugnet. Ganz im Gegenteil. Man möchte überhaupt nicht darauf verzichten.

Egal aus welchem Bildungsstand, die Mode ist für den Franzosen und den Türken, der sich in der Geschichte gerne an dem edlen Europäer orientierte, so majestätisch wichtig wie die Kunst. Doch hat Frankreich nicht nur guten Stil zu bieten, sondern auch Dichter und Denker. Gerade aus unserem Nachbarland stammt nicht nur eine der stilvollsten Damen der Zeitgeschichte, Coco Chanel, sondern auch der Satz „Ich denke, also bin ich“ des großen Philosophen Descartes.

Die Deutschen hingegen haben ein großes Problem damit, zuzugeben, dass sie schön aussehen wollen und es eben doch nicht nur auf die Funktion ankommt. Allem voran bestätigt der Berliner Großstadt-Look, dass man so aussehen möchte, als hätte man sich keine Mühe gegeben.

Warum? Weil es peinlich ist, sich zurecht zu machen? Ganz richtig. Klaus Wowereit wird kritisiert, weil er die Fashion Week besucht, statt ihn zu loben, dass er offener ist, als manch seiner Kollegen, und durch den Besuch einer Show einfach zeigt, dass gutes Design, welches funktional formästhetisch ist, die Welt schöner macht und natürlich die Wirtschaft ankurbelt.

Der ehemalige Berliner Bürgermeister zählt höchstwahrscheinlich zu den ein Prozent, mit denen man sich über Politik unterhalten kann. Mit dem Rest, der größtenteils aus Modejournalisten, Einkäufern, Stylisten, Makeup-Artisten, Models, Influencern, Seriendarsteller, Gattinnen, Stylebloggern, die hauptsächlich für den schlechten Ruf eines modeinteressierten Menschen verantwortlich sind, besteht, wird dann ganz gezwungen natürlich nur über die Optik in einem neumodischen Sinne diskutiert. Vielleicht noch mal kurz einen Diskurs zur Kunst? Wäre ja auch ganz nett, wenn man irgendwie kunstinteressiert und intellektuell wirkt. Es möchte sicher keiner schön aussehen, aber als blöd abgestempelt werden.

Doch kann sich so ein eigener Stil entwickeln? Ein Modebewusstsein, das ehrlich ist? Eine Modelandschaft, die frei von purer Oberflächlichkeit ist? Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich in der ersten Reihe vor meiner Deutschlehrerin im Leistungskurs saß und die mich bemusterte und verabscheute, weil ich eben wie ein typisches Mädchen gekleidet war. Sie wusste ganz genau, dass ich einen türkischen Migrationshintergrund habe. In der Türkei ist man eben gerne schön.

Meiner Deutschnote hat das trotz der Zeit und Mühe, die ich in mein Äußeres steckte, nicht geschadet. Höchstens die Brille, durch die meine verbitterte Öko-Lehrerin mich wahrnehmen wollte, um mich zu verurteilen. Ein Verbrechen? Und so passiert es, dass die Menschen dich auf das Äußere reduzieren. Weil sie glauben, wer sich schön macht, kann nichts.

So geht es vielen Frauen in Deutschland. Aber die Vorurteile bestehen eben dank der Stereotypen, die wirklich nichts anderes können als „gut auszusehen“. Und von ihnen gibt es in Deutschland genug. Man braucht sich dazu nur die Menschen anschauen, die prominent sind.

Viel mehr als die Reduzierung nervt mich aber, dass man in der Welt der Mode dadurch größtenteils auf einseitige Menschen trifft, die sich absolut nur für die Mode und das Äußere interessieren, gleichzeitig in der Welt der Tiefe, somit der Philosophie, große Ablehnung für gute Kleidung findet. Sich in der Mode und der Schönheit verlieren, ist gefährlich, genauso sehr wie sich das Verlieren in der Tiefgründigkeit als tiefe Depression erweisen kann. Die Kunst des Lebens? Die Zahl zwei. Zwei für zwei Seiten.

Das Schöne und das Hässliche, das Lustige und das Ernste. Die Oberflächlichkeit und die Tiefe. Ob Alfons Kaiser oder Klaus Wowereit, die uns als Vorbilder dienen können, sie beherrschen es. Mach dich locker, Deutschland. Es ist nicht peinlich, sich für Mode zu interessieren und sich schön zu machen.

Es ist peinlich, seine Interessen zu bestreiten und nicht aufrecht dazu zu stehen für das, was man ist. So lange muss man sich in einer Welt durchboxen, in der man auf Menschen ohne Sinn für Ästhetik und zugleich Sinn für die Tiefe trifft, bis Deutschland endlich zugibt, dass nicht nur eine geistreiche Seele schön ist, sondern auch ein ansehnlicher Körper.

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Wie lebt man mit Krebs? Der Feind in meiner Brust

Das heißt im Klartext, Sie haben zwar diesen kleinen Knoten in der Brust, aber keinen Krebs. Die Ärztin lächelt mich an. Ich weiß nicht, wie ich jetzt reagieren soll. Ich lächle zurück. Vor Kurzem fand sie besagten Knoten bei einer Vorsorgeuntersuchung. In meiner linken Brust. Die ist statistisch...
Wie lebt man mit Krebs? Der Feind in meiner Brust

Wie lebt man mit Krebs?

Der Feind in
meiner Brust

Lena Freud

„Das heißt im Klartext, Sie haben zwar diesen kleinen Knoten in der Brust, aber keinen Krebs.“ Die Ärztin lächelt mich an. Ich weiß nicht, wie ich jetzt reagieren soll. Ich lächle zurück. Vor Kurzem fand sie besagten Knoten bei einer Vorsorgeuntersuchung. In meiner linken Brust. Die ist statistisch gesehen häufiger betroffen, wie ich später nachlese.

Sie erwähnte zum ersten Mal das Wort “Brustkrebs”. Und ich bekam ein komisches Gefühl. Jetzt scheint es sich in Luft aufzulösen. Das denke ich zumindest. Denn noch Tage später ertappe ich mich bei diesem kleinen, aufdringlichen “Was wäre wenn?”-Gedanken. Ich möchte mit jemandem darüber sprechen.

In einem Forum lerne ich Sabrina kennen. Sie ist 34 Jahre alt und wohnt in Saarbrücken. Wir verabreden uns für den Abend zu einem spontanen Skype-Interview. Sabrinas Gespräch nach der Mammographie verlief anders als meines.

Sabrina hat Brustkrebs. Als ich die Webcam einschalte, lächelt mir eine hübsche Frau entgegen. Ich bin überrascht. Sie sieht nicht krank aus, trägt dezentes Make Up und Schmuck. Nur der bunte Schal, den sie sich um den Kopf geschlungen hat, lässt vermuten, dass die Chemotherapie, die Sabrina vor Kurzem über sich ergehen lassen musste, Spuren auf ihrem Körper hinterlassen hat.

Hallo Sabrina. Ich freue darauf, ein wenig mit dir über deine Krankheit zu sprechen.

Danke, ich finde das Thema sehr wichtig und erzähle meine Geschichte nicht zum ersten Mal. Brustkrebs ist ein Thema, das uns alle an geht, das jeden treffen kann. Selbst Männer können erkranken. Die richtige Vorsorge ist wichtig, Früherkennung kann, natürlich nicht nur bei dieser Krebsart, in so vielen Fällen Leben retten.

Ich finde es bewundernswert, dass dir Aufklärung und Prävention so wichtig sind. Schließlich steckst du ja noch mitten in dieser Geschichte drin. Ist das nicht anstrengend?

Nein. Ich will über dieses Thema sprechen. Seit der Diagnose habe ich viel darüber gelesen, ich bin ein richtiger Experte auf dem Gebiet geworden. Manchmal sind die Ärzte beeindruckt von meinem Wissen. Das klingt jetzt blöd, aber ich will meinen Feind so gut wie möglich kennen. Und andere sollten das auch tun.

Nein, das klingt ganz und gar nicht blöd. Ich habe mich ja bis zur Diagnose auch recht umfassend informiert. Wie hast du erfahren, dass du Krebs hast?

Bei einer Routineuntersuchung beim Frauenarzt. Und da war er dann. Ein relativ großer, überraschend harter Knoten. Die Ärztin ließ mich selbst daran fühlen. Ich erschrak, weil ich ihn nicht schon vorher entdeckt hatte. Da wuchert etwas still und leise in deinem Körper vor sich hin und dann merkst du es nicht einmal. Es folgten einige Untersuchungen. Dann der Befund. Brustkrebs. Vermutlich hätte ich in Panik verfallen sollen, über den Tod nachdenken oder sonstwas. Aber ich saß nur da und fühlte mich taub.

Ich wusste nichts über Krebs, hatte keine Ahnung, was da vor sich ging und wie ich behandelt werden würde. Und ich hatte auch kaum Zeit dazu. Die folgenden Ereignisse rissen mich einfach fort. Der Tumor musste entfernt werden, dabei musste man mir die linke Brust abnehmen. Ich empfand das als enormen Eingriff in meine Weiblichkeit, auch wenn es eine lebensrettende Notwendigkeit war.

Es folgten Chemotherapie und Bestrahlung, wohl die Schlimmste Zeit meines Lebens. Alles zehrte mich aus, ich wartete nur noch auf den Tag, an dem die Behandlung endlich zu Ende sein würde. Ich wusste nicht, wie viel ich noch ertragen sollte.

Nach der Therapie schloss ich mich einer Selbsthilfegruppe für betroffene Frauen an und machte eine Psychotherapie sowie eine Reha. Ich erholte mich und setzte mich mit dem Thema auseinander. Begann mich langsam wieder aufzubauen und mich über Brustkrebs zu informieren.

Aber damit war deine Geschichte noch nicht zu Ende.

Richtig. Vor Kurzem entdeckte ich selbst etwas Beunruhigendes in meiner aufgebauten Brust und ging zum Arzt. Der Tumor von damals war nicht komplett heraus operiert worden und auch nicht durch die Chemotherapie besiegt. Also wieder Krebs.

Hast du dich anders gefühlt, jetzt, wo du wusstest, wie die Behandlung verlaufen wird?

Ja. Weißt du, nach der ersten Therapie, insbesondere der schrecklichen Bestrahlung, habe ich immer gesagt: „So etwas mache ich nie wieder. Lieber sterbe ich, als nochmals durch diese Hölle zu gehen!“ Aber es kam natürlich anders.

Ich hatte einen überraschend großen Überlebenswillen entwickelt, war gestärkt aus der ersten Krise hervorgegangen, und wollte jetzt, beim zweiten Mal, dem Krebs ganz bewusst den Kampf ansagen. Ich setzte mich bei den Ärzten durch, bestand auf eine Chemotherapie, wollte keine Bestrahlung mehr. Ich stellte meinen Lebensstil um, ernähre mich jetzt gesünder, komme zu Ruhe und achte sehr genau auf mich.

Wie siehst du deine Zukunft?

Realistisch.

Das heißt?

Ich habe den Krebs nicht besiegt. Und wenn es soweit ist, kann er immer wieder kommen. Aber ich habe gelernt zu kämpfen. Ich liebe mein Leben, habe einen tollen Ehemann, der mich unterstützt, wo es nur geht. Aber ich lebe nicht in einer Traumwelt. Der Krebs hat mir viel genommen. Ich möchte, dass die Menschen Bescheid wissen, über das, was mit ihnen passieren kann. Darüber, dass es hart ist.

Aber niemand sollte, so wie ich bei meiner ersten Behandlung, so ohnmächtig und hilflos mit ansehen, wie das alles passiert, ohne zu wissen, was geschieht. Mit dem Wissen über meine Erkrankung habe ich ihr den Schrecken genommen. Ich weiß, dass ich Chancen auf Heilung habe. Und die werde ich ergreifen. Ich werde garantiert nicht aufgeben.

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Sein Name war Peter: Erinnerungen an die erste kleine Liebe

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn man sie auseinander rollte, erkennen ließen, dass er sie aus den Seiten seines Mathematikheftes gebastelt hatte. Das erk...
Sein Name war Peter: Erinnerungen an die erste kleine Liebe

Sein Name war Peter

Erinnerungen an die
erste kleine Liebe

Jana Seelig

Das erste Mal verliebt war ich in der dritten Klasse. Sein Name war Peter. Er hatte dunkle Locken, war Fußballer und bewarf mich im Unterricht gerne mit Papierkügelchen, die, wenn man sie auseinander rollte, erkennen ließen, dass er sie aus den Seiten seines Mathematikheftes gebastelt hatte. Das erklärte wohl auch seine schlechten Noten in diesem Fach.

Peter war ein Rebell. Und genau das mochte ich an ihm. Dass er mich auch ganz gerne hatte, hatte ich natürlich längst durchschaut. Zumindest in der Grundschule kann man noch darauf vertrauen, dass an dem Satz „Was sich liebt, das neckt sich!“ wirklich etwas dran ist.

Ich war ein ziemlich schüchternes Kind. Und abgesehen davon fand ich Jungs – zumindest, wenn meine Freundinnen und Eltern mich zu dem Thema befragten – entsprechend meines Alters auch noch ziemlich doof. Es war damals so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass man als bis zu einem gewissen Alter Jungs blöd zu finden hatte – und umgekehrt. In der Realität waren die meisten von uns jedoch bereits im Kindergarten zum ersten Mal so ein ganz wenig verknallt.

Jedenfalls hätte ich niemals den ersten Schritt gemacht und Peter meine Liebe gestanden. Obwohl es natürlich ganz offensichtlich war, dass ich ihn mochte und er mich. Und so flogen fast ein ganzes Schuljahr lang lediglich Papierkügelchen zwischen uns hin und her, oder wir klauten uns gegenseitig das Lineal, was man halt als Kind so macht, wenn man die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen möchte. Im Nachhinein betrachtet was das Ganze natürlich ziemlich affig, und ich glaube, sowohl Peter als auch ich können heute froh sein, dass uns diese Aktionen keinen Eintrag im Klassenbuch beschert haben.

Gegen Ende des dritten Schuljahres jedoch änderten sich ein paar Dinge. Peter wurde plötzlich ruhig, sah mich kaum noch an. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass meine erste Liebe kein Interesse mehr an mir hatte, als kurz vor den Sommerferien etwas Erstaunliches geschah: Nach einer Stunde Gemeinschaftskunde kam Peter zu mir und legte mir wortlos und ohne mich eines Blickes zu würdigen einen Briefumschlag auf den Tisch.

Meinen Freundinnen war das natürlich nicht entgangen, und so musste ich den Umschlag in der großen Pause vor ihren Augen öffnen und den Inhalt des Briefes laut vorlesen. Es war eine Einladung zu Peters Geburtstagsfeier, die in der letzten Woche der Sommerferien stattfand. Mein Herz klopfte bis zum Hals.

Meinen Freundinnen allerdings gefiel die Sache nicht so gut wie mir. Sie betrachteten es als eine Art Hochverrat, wenn ich zu dieser Feier gehen würde – schließlich kam die Einladung von einem Jungen, und Jungs waren zu dieser Zeit unser allergrößter Feind. Neben Hausaufgaben und unangekündigten Klassenarbeiten, versteht sich.

Das Datum fiel allerdings genau in den Zeitraum, den ich im Familienurlaub in Spanien verbringen würde, wie ich erfuhr, als ich meiner Mutter am Nachmittag Peters Einladung vorlegte. Mein Traum, mit dem aus meiner Sicht tollsten Jungen, den die Welt je gesehen hatte, anzubandeln, war damit wieder einmal geplatzt.

Ich war mir sicher, dass Peter mich nie wieder eines Blickes würdigen würde, wenn ich nicht zu seiner Feier käme – zumal ich wusste, dass er noch ein paar Mädchen aus der Parallelklasse eingeladen hatte, die ihn auch alle toll fanden und sich die Chance, einen ganzen Nachmittag mit ihm zu verbringen, sicher nicht entgehen lassen würden.

Zu Beginn des vierten Schuljahres hatte ich mit dem Thema Peter eigentlich schon abgeschlossen. Ich war sowieso noch viel zu jung für einen Freund, und außerdem hatte ich inzwischen andere Dinge im Kopf, die mich beschäftigten, wie auf welche weiterführende Schule ich wohl gehen würde und wie ich meine Eltern dazu überreden könnte, mir ein Tamagotchi zu kaufen. Außerdem hatte ich gerade mit dem Klavier spielen begonnen und opferte meine gesamte Freizeit dafür auf, Stücke zu lernen, die meiner Klavierlehrerin niemals auf den Notenständer gekommen wären.

Dann kam allerdings meine allererste Klassenfahrt. Und die änderte dann noch mal alles. Wir waren in irgendeinem Landschulheim, gar nicht weit von zuhause entfernt, und wurden von unseren Lehrern jeden Tag regelrecht zum Wandern gezwungen. Es war die Hölle, denn irgendwie hatten wir alle uns unsere erste große Klassenfahrt anders vorgestellt – eben mehr so, wie in den Spielfilmen, die wir aus dem Fernsehen kannten.

Ein Tag jedoch ist mir bis heute in wunderbarer Erinnerung geblieben. Peter und ich hatten seit Wochen kein Wort mehr miteinander gesprochen, doch an diesem einen Tag, lief er bei einer unserer Ausflüge neben mir – und nahm einfach meine Hand. Einfach so, ohne etwas zu sagen. Und ich ließ ihn. Ab diesem Moment kam mir die Wanderung, auf der wir uns befanden, nämlich gar nicht mehr so schlimm vor wie zuvor.

Wir haben zwar nie wirklich darüber gesprochen, aber seit diesem Zeitpunkt waren Peter und ich irgendwie zusammen. Ein Paar, so wie Erwachsene eben auch Paare waren, zumindest in unseren kindlichen Vorstellungen von Paarbeziehungen. Wir schrieben uns im Unterricht gegenseitig Zettel, wie gerne wir uns hatten und in den Pausen hielten wir Händchen. Über diese Art der Zuneigung ging unsere Beziehung nie hinaus – aber wir waren ja auch noch Kinder, und irgendwie war das, was wir hatten, wirklich schön.

Nach den darauffolgenden Sommerferien trennten sich jedoch unsere Wege, weil wir auf unterschiedliche Schulen in verschiedenen Städten kamen. Ein Versprechen, dass wir den Kontakt halten würden, hat es nie gegeben. Es endete so sanft und wortlos, wie es begonnen hatte. Aber irgendwie war das nicht schlimm, sondern auf seine eigene Art und Weise genau richtig. Und ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, die von ihrer ersten Beziehung sagen können, dass sie durch und durch schön war, vom Anfang bis zum Schluss. Die von Peter und mir war es.

Vor einigen Tagen habe ich seinen Namen bei Google eingetippt. Und tatsächlich seine Telefonnummer gefunden. Ich hätte ihn gerne angerufen und gefragt, was er heute macht. Wie sein Leben und seine Lieben so verlaufen sind, seit wir uns aus den Augen verloren haben. Ich hab mich aber entschieden, es nicht zu tun, denn ich mag zwar die Erinnerung an ihn – meine allererste Liebe – aber manchmal muss man es genau dabei belassen.

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Yami Kawaii: Supersüßer Selbstmord

Der Freitod hat in Japan eine lange Tradition, die über die Grenzen des Landes hinaus bekannt sind. Geschichten von Gruppenselbstmorden unter Schülern sind keine Seltenheit. Manchmal schließen sich Freunde oder Leidensgenossen zusammen und springen gemeinsam vom Dach einer Bildungseinrichtung oder d...
Yami Kawaii: Supersüßer Selbstmord

Yami Kawaii

Supersüßer
Selbstmord

Marcel Winatschek

Der Freitod hat in Japan eine lange Tradition, die über die Grenzen des Landes hinaus bekannt sind. Geschichten von Gruppenselbstmorden unter Schülern sind keine Seltenheit. Manchmal schließen sich Freunde oder Leidensgenossen zusammen und springen gemeinsam vom Dach einer Bildungseinrichtung oder direkt vor einen Zug. Gerade am Tag vor dem Schulanfang ist es am schlimmsten. Junge Menschen, die in der strikt getakteten Gesellschaft keinen Platz finden, sich verloren fühlen, keinen anderen Ausweg sehen, als das eigene Dasein hier und jetzt zu beenden.

Doch sich selbst zu verletzen oder gar das eigene Leben zu nehmen, diese Vorstellung erfüllt so manchen nicht nur mit Grauen. Der Freitod wird in Japan geradezu romantisiert, besonders unter Jugendlichen in den Stadtbezirken großer Metropolen und dank des Internets.

Hier ist der eigene Tod nicht schwarz, sondern bunt. Rosa, mit Glitzer und Lichtern. Wer in die Tiefen des Yami Kawaii eintaucht, der findet sich in einer bittersüßen Parallelwelt wieder, deren Einwohner den eigenen ewigen Schmerz in etwas verwandelt haben, dem Außenstehende mit Unverständnis entgegenstehen: Etwas Wunderbares.

Yami Kawaii, das ist der neueste Trend in den Kinderzimmern und Apartments der japanischen Großstädte. Zutiefst deprimierte Menschen finden dank Blogs, YouTube und Line zusammen und verwandeln ihre Krankheit in einen Modetrend.

Hier bekommen Animecharaktere Superkräfte, wenn sie sich die Pulsadern aufschlitzen. Hier ist schön, wer die frisch aufgeritzten Arme und Beine mit süßen Hello-Kitty-Pflastern bedeckt. Hier regieren Lolitas, die den Tod bereits kennengelernt haben und sich mit ihm geeinigt haben. Arte Tracks hat sich in der makaberen Welt von Yami Kawaii einmal genauer umgesehen und mit Anhängern dieser Aufsehen erregenden Modeerscheinung gesprochen.

Yami Kawaii: Supersüßer Selbstmord
Die Fotografie stammt von June Crees
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Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen

Nehmen wir das Fazit an dieser Stelle doch gleich mal vorweg: Ich habe in den letzten Folgen von Barakamon durchgeheult, ich, der ausgewachsene Typ mit dem Bart und der Wampe und der spitzen Zunge. Nicht etwa, weil am Ende der zwölf Episoden etwas unglaublich Legendäres oder Bombastisches oder Aufre...
Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen

Barakamon

Der Kalligraph
und das Mädchen

Marcel Winatschek

Nehmen wir das Fazit an dieser Stelle doch gleich mal vorweg: Ich habe in den letzten Folgen von Barakamon durchgeheult, ich, der ausgewachsene Typ mit dem Bart und der Wampe und der spitzen Zunge. Nicht etwa, weil am Ende der zwölf Episoden etwas unglaublich Legendäres oder Bombastisches oder Aufregendes passiert wäre, sondern weil mir die Charaktere so ans Herz gewachsen waren, und das in einer Zeit, wofür andere Serien Jahre brauchen.

Die Geschichte ist so ordinär wie dröge: Der gescheiterte Kalligrafiekünstler Seishu wird von Tokio auf eine Insel am Arsch der Welt geschickt, um dort seinen Zeichenstil zu verbessern – und darauf hat er mal so gar keinen Bock. Die Bewohner sind Hinterwäldler, die Unterkunft ist eine Bruchbude und dann rennt da auch noch ständig dieses kleine Mädchen namens Naru durch die Gegend, das ihm den allerletzten Nerv raubt.

Jeder Mensch, der auch nur mehr als einen Film gesehen hat, weiß ganz genau, wie sich die Sache entwickelt. Seishu freundet sich nach und nach mit den Einheimischen an, und das, obwohl er ein ziemlicher Idiot ist, er erkennt, dass ihm das Leben auf dieser überhitzten Insel genau die Inspiration bietet, die er zum Arbeiten braucht, und Naru, die sechsjährige Nervensäge, erobert sein kaltes, depressives, fast schon totes Herz.

Natürlich passiert gegen Ende hin noch etwas unglaublich Dramatisches, aber das ist vollkommen egal, denn bis dahin habt ihr euch längst in jeden einzelnen Hinterwäldler verliebt. Miwa, die draufgängerische Tochter eines zwielichtigen Alkoholhändlers, Ikko, der ständig qualmende und fischverliebte Schuldirektor, oder Hina, Narus knuffige, beste Freundin, die so schüchtern ist, dass sie bei jedem Windhauch wie dämlich anfängt zu flennen.

Manchmal fühle ich mich wie ein Prediger, der Leuten ständig erklären muss, dass viele Anime so großartig sind, weil sie es schaffen, Emotionen so dermaßen zu konzentrieren, dass sie wie eine prall gefüllte Bombe sind. Innerhalb dieser knappen, halben Stunde, die jede Episode dauert, furzt ihr Gefühle nur so aus euch heraus, weil ihr sie nicht in euch halten könnt.

Ihr kotzt vor Lachen, weil Tamako, die verrückte Mangatante, hinter jeder Situation ein homosexuell angehauchtes Drama vermutet, ihr fiebert mit, wenn Nachwuchs-Kalligraf Kosuke seinem Idol Seishu vorwirft, er würde auf der Insel seinen Stil verlieren, ihr habt Pipi in den Augen, wenn Naru nach Hause kommt und… nein… das kann ich euch nicht sagen, es ist zu traurig…

Sowieso: Kurz zu Naru, wer sich nicht sofort in die Kleine verknallt und sie auf der Stelle adoptieren will, der hat kein Herz. Sie ist die freche, kleine, fröhliche Tochter, die jeder haben sollte, null nervig, null anstrengend, null künstlich. Ihr Lachen und ihre Weltansichten sind so ansteckend, dass sich jeder erwachsene Mensch, der nicht so ist wie sie, fragen sollte, wann und wo sein Leben schief gelaufen ist.

Wer Barakamon keine Chance gibt, der nimmt sich selbst eine wunderschöne und überraschend nachdenkliche Erfahrung. Und am Ende wollt ihr nur noch eure sieben Sachen packen und auf genau diese Insel fliegen, um dort ein idyllisches und richtiges Leben zu führen. Weit entfernt von all dem unnötigen Stress und dem Erfolgsdruck und der Missgunst. Mit Naru. Und Miwa. Und Ikko. Und all den anderen scheinbaren Hinterwäldlern…

Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen Barakamon: Der Kalligraph und das Mädchen
Die Illustration stammt von Satsuki Yoshino und Square Enix
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Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen

Golden Boy war der erste Anime, bei dem mir bewusst wurde, dass japanische Zeichentrickfilme nicht nur etwas für kleine Jungs und Mädchen war, sondern auch in eine etwas erwachsenere Richtung gehen konnten. Und das, obwohl die Serie bei uns im Fernsehen ziemlich geschnitten lief. Und zwar auf MTV2 P...
Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen

Golden Boy

Ein Mann,
viele Frauen

Marcel Winatschek

Golden Boy war der erste Anime, bei dem mir bewusst wurde, dass japanische Zeichentrickfilme nicht nur etwas für kleine Jungs und Mädchen war, sondern auch in eine etwas erwachsenere Richtung gehen konnten. Und das, obwohl die Serie bei uns im Fernsehen ziemlich geschnitten lief. Und zwar auf MTV2 Pop. Ja, Kinder, früher gab es bei uns noch ein zweites MTV: MTV2! Wenn ihr überhaupt noch wisst, was zum Teufel MTV ist.

Worum geht’s in Golden Boy? Kintaro Oe war Jahrgangsbester an der juristischen Fakultät der Universität Tokio, einer der renommiertesten der ganzen Welt. Da er den gesamten Lehrplan problemlos meistert, verschwindet er kurz vor seinem Abschluss. Jetzt fährt er mit dem Fahrrad durch Japan, auf der Suche nach dem Wichtigsten im Leben: Die Lektionen, die man nicht in einem Klassenzimmer lernen kann.

So kann man es auch ausdrücken. Tatsächlich geht es in jeder Folge darum, dass Kintaro in irgendeiner Stadt, an irgendeinem Haus oder in irgendeinem Restaurant vorbei kommt, dort eine heiße Frau sieht und er ihr sogleich den Hof machen möchte. Im wörtlichen wie bildhaften Sinn.

Denn während die besagte Frau überhaupt keinen Bock auf Kintaro hat, tut er alles, um ihr zu imponieren. Und wenn ich sage alles, dann meine ich alles. Kintaro putzt die Klos in einer Softwarefirma, Kintaro gibt einer reichen Tochter Nachhilfe in Mathematik, Kintaro kocht Nudeln in einer Gaststätte. Nur um dann wieder in der Ferne zu verschwinden, bevor er sich den Gewinn eines weiblichen Körpers abholen konnte.

Golden Boy besteht zwar nur aus sechs Folgen, die allesamt so gut wie immer gleich ablaufen, aber der Anime hat auch heute noch einen festen Platz in meinem Herzen. Kintaro Oe hat mich mitsamt seines Fahrrads quasi entjungfert und eine ganze Generation notgeiler Teenager dazu gebracht, Anime als erwachsenes Medium eine Chance zu geben.

Wer Anime bislang nur mit Sailor Moon, Dragon Ball und Chihiros Reise ins Zauberland in Verbindung gebracht hat, dem wird Golden Boy sowohl die Augen als auch das Tor zu einer Welt öffnen, die längst verschollene Seelen einst als Hentai bezeichneten. Golden Boy wird auch euch die Jungfräulichkeit nehmen.

Und ehe ihr euch verseht, steht ihr plötzlich in einem aus pulsierenden Tentakelpenissen bestehenden Wald und müsst mit einer Hand in der Hose dabei zusehen, wie japanische Schulmädchen kreuz und quer durchs Spermauniversum penetriert werden, bis sie platzen. Eine nach der anderen. Aber das, liebe Kinder, ist eine andere Geschichte…

Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen Golden Boy: Ein Mann, viele Frauen
Die Illustration stammt von Tatsuya Egawa, Shueisha und Discotek
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