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Mädchenclique: Freundinnen fürs Leben

Ich bin unter Jungs aufgewachsen. Mir wird oft gesagt, dass man das merkt. Wieso, das weiß ich selbst nicht so genau. Ich vermute mal, dass es daran liegt, dass mir einige Attribute, die man für typisch weiblich hält, einfach fehlen. Oder aber daran, dass ich gewisse Eigenschaften mitbringe, die a...
Mädchenclique: Freundinnen fürs Leben

Mädchenclique

Freundinnen
fürs Leben

Nadine Kroll

Ich bin unter Jungs aufgewachsen. Mir wird oft gesagt, dass man das merkt. Wieso, das weiß ich selbst nicht so genau. Ich vermute mal, dass es daran liegt, dass mir einige Attribute, die man für „typisch weiblich“ hält, einfach fehlen. Oder aber daran, dass ich gewisse Eigenschaften mitbringe, die als „nicht sonderlich mädchenhaft“ angesehen werden. Ich kann zum Beispiel lauter rülpsen als jeder Typ, dem ich bisher begegnet bin, massenhaft Bier trinken, ohne umzufallen sowie laut und rüpelhaft sexistische Witze erzählen und Prügeleien mit den Männern anfangen, die darüber lachen. 

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Als ich jünger war, war ich verdammt stolz darauf, sagen zu können, dass ich mich mit Mädchen nicht verstehe und lieber mit Jungs abhänge. In meinen Augen machte mich das ziemlich einzigartig und die Jungs, mit denen ich mich umgab, waren begeistert, dass ich kein „typisches Mädchen“ war, das sich gerne die Nägel lackierte, shoppen ging und mit ihren Freundinnen über Jungs sprach.

Ich verbrachte meine ganze Jugend fast ausschließlich mit Jungs, hing mit ihnen nachmittags im Skatepark meiner kleinen Heimatstadt rum, stand am Wochenende total besoffen und grölend mit ihnen im Fußballstadion, lernte, wie man Joints baut, schaute meinen ersten richtigen Porno mit ihnen und war Schiedsrichterin beim obligatorischen Kekswichsen, weil ich damals noch nicht wusste, wie man als Frau abspritzt. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, „eine von denen“ zu sein, also hielt ich mich an meiner Jungsclique fest – bis ich Sophia traf.

Mit Sophia änderte sich schlagartig alles. Ich lernte sie im Physikunterricht kennen. Wir schrieben uns zuerst Nachrichten auf den Tischen. Nachdem eine fleißige Putzkolonne unsere Gespräche mit viel Scheuermittel von den alten Holzbänken entfernt hatte, wichen wir später auf immer größer und länger werdende Zettel um, die wir für die jeweils andere an einer geheimen Stelle im Physiksaal versteckten.

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Ich hatte absolut keine Ahnung, dass es auch Mädchen wie sie gibt. Auch für sie war es ein Schock, dass ich keinen Penis, dafür aber zwei recht ausgeprägte Brüste hatte, als wir uns nach wochenlangem schriftlichem Austausche zum ersten Mal an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof trafen, um mal richtig miteinander zu reden.

Sophia war genau wie ich. Eher burschikos, doch sich ihrer Wirkung als Frau bewusst. Nachdem wir den ersten Schockmoment überwunden hatten, war klar, dass wir Freundinnen sein würden. Von dem Tag an der Tischtennisplatte auf dem Schulhof an waren wir unzertrennlich.

Wir gingen gemeinsam mit den Jungs zum Skatepark, zündeten uns gegenseitig die Joints an und rissen einen sexistischen Witz nach dem anderen. Wenn einer der Jungs darüber lachte, drohten wir ihm Prügel an. Am Wochenende gingen wir gemeinsam in der schäbigen Dorfdisko auf Männerjagd und wenn die eine ein gutes Ziel erblickt hatte, ließ sie die andere an den Freigetränken, die das mit sich brachte, teilhaben. Ich hatte eine Verbündete gefunden, ohne nach ihr gesucht zu haben.

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Durch Sophia eröffnete sich mir allerdings zusätzlich eine ganz andere Welt, nämlich eine, in der Frauen voll okay waren und in der es normal war, auch „weibliche Themen“ zu behandeln. Bis sie in mein Leben kam, war mir überhaupt nicht klar gewesen, dass mir bisher eine Frau gefehlt hatte. Eine Frau, mit der ich übers Menstruieren sprechen konnte, über Intimrasur und über BHs – Dinge eben, von denen Jungs im pubertierenden Alter nichts wissen wollen.

Nach und nach stießen immer weitere Mädchen zu unserer Clique. Sie waren alle etwas anders, eben einfach mehr so wie wir, und wir alle hatten gemeinsam, dass wir nicht gut mit anderen Mädchen konnten. Aber zusammen entwickelten wir uns zu einem unschlagbaren Team, das auf dem Schulhof gleichermaßen geehrt und gefürchtet und von Jungs allen Alters begehrt wurde.

Nur, dass Jungs uns plötzlich gar nicht mehr so interessierten wie zuvor, denn wir hatten ja uns. Und wir haben endlich erkannt, dass nicht alle Mädchen gleich doof sind, sondern richtig cool sein können, wenn man sich nur von den eigenen Vorurteilen freimacht und sich auf sie einlässt. Wir waren eine Girlgang, wie sie im Buche steht.

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Unsere Mädchenclique von damals trifft sich immer noch alle zwei Jahre, um an die gute alte Zeit zu denken und die neusten persönlichen Geschichten auszutauschen. Obwohl wir uns alle in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, sind wir einander immer noch wichtig. Jede von uns hat mittlerweile eine neue Girlgang gefunden, mit der sie ihre Freizeit verbringt und wir sind uns mittlerweile alle darin einig, dass Freundinnen wichtiger sind, als jeder Schwanz auf dieser Welt.

Uns wurde klar, dass unsere Antihaltung gegenüber anderen Frauen nicht cool, sondern lediglich sexistischer Quatsch war, der dem Frauenbild, wie es uns vermittelt wurde entsprach – und eben nicht dem, wie es wirklich ist. über die Jahre habe ich begriffen, dass meine frühere Verachtung für andere Frauen etwas war, das nicht aus mir selbst kam, sondern etwas, das aus der Gesellschaft auf mich einwirkte.

Die Rollen für Mann und Frau waren genauestens vorgegeben, und die Frau kam dabei immer schlechter weg. Ich wollte allerdings nicht schlecht sein und hab mich deswegen an die Jungs gehalten, weil ich in ihnen Vorbilder sah. Sie waren eben auch diejenigen, die von Lehrern, Eltern oder auch Wildfremden mehr Anerkennung bekamen als wir Mädchen – ohne was dafür zu tun. Und so hab ich mich, ohne es zu wissen schon ganz früh gegen mein eigenes Geschlecht gestellt, weil ich cool sein wollte.

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Heute weiß ich, dass meine „Ich bin anders als die anderen Frauen!“-Attitüde völlig uncool war. Der anerzogene Hass von Frauen auf Frauen ist wohl eine der schlimmsten Sachen, die dem weiblichen Geschlecht, das sich sowieso schon immer gegen Männer behaupten muss, passieren kann. Und spätestens seit Beyoncé in die Welt gebrüllt hat, dass Mädchen die Welt regieren, sollte allen klar sein, dass echte Girlgangs wirklich rocken.

Die Fotografie stammt von Priscilla Du Preez
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