Lernende Leichen - Studieren ist Mord

Sonntagabend, Tatort-Zeit. Auch in Erfurt. Eine Leiche wird gefunden. So beginnen in der Regel die meisten Tatort-Folgen. Doch was anfangs noch nach einem Sexualverbrechen aussieht, entpuppt sich schließlich als Krimi…
Lernende Leichen - Studieren ist Mord

Lernende Leichen

Studieren
ist Mord

Sonntagabend, Tatort-Zeit. Auch in Erfurt. Eine Leiche wird gefunden. So beginnen in der Regel die meisten Tatort-Folgen. Doch was anfangs noch nach einem Sexualverbrechen aussieht, entpuppt sich schließlich als Krimi innerhalb des Universitätsmilieus. Es geht also um Studenten. Studenten, die zwischen Bachelor, Master und Karrieredruck zu Aufputschmitteln greifen, um mit der Geschwindigkeit des Getriebes, in dem sie täglich rotieren, mithalten zu können. Leistungssteigernde Drogen oder rauschhafte Disziplinierung, wenn man es so nennen will.

Was dieser Tatort vielleicht eher oberflächlich veranschaulicht haben mag, trifft in der Realität auf einen ziemlich wunden Punkt unserer Gesellschaft. Leistung steht schon lange vor Entfaltung, schlichtes Funktionieren vor Wissen. Das betrifft längst nicht mehr nur noch die Berufswelt, sondern hat sich inzwischen auch im akademischen System eingenistet. Klingt polemisch? Soll es auch!

Ich selbst würde mich absolut nicht als Person beschreiben, die grundsätzlich davor zurückschreckt, sich wirklich einmal auf den Hosenboden zu setzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Von nichts kommt nun einmal nichts. Ein Sprichwort, in dem doch so viel Wahrheit steckt. Ich gammele nicht seit unendlichen Semestern in meinem Studium herum, sondern habe, ganz im Gegenteil, brav zu Ende studiert, innerhalb der Regelstudienzeit, und die Uni definitiv nicht nur als Pflichtprogramm angesehen. Warum sonst, sollte ich inzwischen promovieren. Doch das nur am Rande.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Glücklicherweise habe ich einer der letzten Studentengenerationen angehört, die sich noch über ein Magisterstudium freuen durften. Lernen im Sinne der alten Schule sozusagen. Du belegst Kurse, die dich wirklich interessieren, schreibst Hausarbeiten statt Klausuren und bist bei allem, was du tust, irgendwie immer selbst für dich und dein Vorankommen verantwortlich. Das mag manchmal anstrengend sein, manchmal Überwindung kosten und sicherlich auch mal in eine Sackgasse führen, aber es stärkt und formt dich am Ende irgendwie charakterlich.

Davon bleibt allerdings nichts mehr viel übrig, wenn du dich auf einmal in einem Bildungssystem wieder findest, das zunehmend an amerikanische Ideale angepasst ist. Modulzettel, Referate, Klausuren, Credit Points. Das ganze Studium fokussiert in einer so kurzen Zeitspanne wie möglich abhaken und am besten noch drei bis vier Praktika dazwischen schieben.

So sieht die Realität inzwischen aus. Willkommen Bachelor-Master-System. Du sollst Erfolg haben, bevor du überhaupt deinen Abschluss in der Tasche hast. Und wenn du wirklich gut bist, kannst du für deine Abschlussarbeit direkt mit einem Unternehmen zusammenarbeiten. Versteht mich nicht falsch, es ist nicht unbedingt verkehrt, in der großen, chaotischen Jobwelt schon früh irgendwo einen Fuß in der Tür zu haben.

Das Problem ist aber Folgendes: Der Begriff des Studierens entspricht längst nicht mehr seinem ursprünglichen Sinn, nämlich einem Forschen, um sich geistig, und ja, auch menschlich, weiterzubilden. Studenten fehlt es heute schlichtweg an Zeit, um sich inhaltlich mit den Dingen im Detail zu befassen. Lernen erfolgt nicht mehr um des Selbstwillens, sondern eher, um gute Prüfungsergebnisse zu enthalten.

Wissen wird zur toten Masse, in die Köpfe geprügelt, für die nächste Klausur, wobei es von vornherein dazu verdammt ist, kurz darauf ins Nichts zu verpuffen. So etwas mag in den vollgestopften Hörsälen einer Jura-, BWL- und meinetwegen auch Medizinvorlesung unumgänglich sein.

Doch scheitert es spätestens an einer Geistes- oder Kulturwissenschaft. Adornos kritische Theorie ist ein komplexes Gedankenkonstrukt, dass nicht einmal eben schnell mit einem Multiple-Choice Test abgehakt werden kann. Filmwissenschaft lebt davon, dass man die zahlreichen Filme, über die man spricht, in der Regel auch gesehen hat, statt sich den Inhalt nur durch die Zusammenfassung auf Wikipedia zu Gemüte geführt zu haben.

Gleiches gilt übrigens für die Philosophie nach Heidegger, Schopenhauer und Co. Es kommt in all diesen Themen auf die Auseinandersetzung mit dem Stoff an und nicht nur die bloße, grobe, Kenntnis. Wo 1968 noch mit Überzeugung demonstriert wurde, herrscht heute nur noch bloße Anpassung.

Und überhaupt, was bedeutet diese permanente Forderung nach Leistung überhaupt menschlich für all die inzwischen ja doch ziemlich jungen, angehenden Akademiker? Dank G8 sind manche von ihnen noch nicht einmal volljährig, wenn sie mit dem Studium beginnen. Gerade einmal bereit für betreutes Autofahren heißt es auch schon: „Tschüss, Mami und Papi, ich zieh’ dann mal aus in die Welt.“

Und da sitzen sie dann, in fremden Städten, weder Freunde noch Familie greifbar, mit einem Studium, das ihre gesamte Zeit verschlingt. Doch wer permanent lernt, Praktika absolviert und dabei gleichzeitig immer darum kämpft, sich nicht von den anderen die Butter vom Brot nehmen zu lassen, der studiert am Ende wahrscheinlich ziemlich einsam vor sich hin.

Doch es ist keine Utopie, dass man auch als freier Mensch studieren kann, der neben Lernen und Co. die nötige Zeit findet, um seine Freunde zu treffen oder Hobbys nachzugehen. Fragt einmal eure Eltern. Wenn sie studiert haben, werden sie euch bestimmt erzählen, dass ihre Studentenzeit mit die schönste in ihrem Leben war.

Und wahrscheinlich werden sie über die gegenwärtigen Unistrukturen nur den Kopf schütteln können. So, wie es jedenfalls jetzt an den deutschen Hochschulen aussieht, kann es nicht weitergehen! Bildung ist kein Wettbewerb, in dem sich nach dem Start alles nur noch um das Ziel dreht. Es zählt der Weg, das also, was dazwischen liegt.

Wenn wir uns selbst eine Institution basteln, die statt individuell denkender, selbstständiger Menschen nur charakterlich halbfertige Workaholics ausspuckt, frisst sich das akademische System am Ende selbst. Vielleicht täte unser Bildungsministerium gut daran, sich darüber noch einmal ihre Gedanken zu machen. Schließlich jonglieren sie damit mit ihrer eigenen Zukunft.

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Die Fotografie stammt von Andrey Zvyagintsev
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