Lara und die Stimmen - Gespräch mit einer Schizophrenen

Ich treffe Lara in einem kleinen Café direkt bei mir um die Ecke. Sie ist 21. Ein hübsches Mädchen mit wuscheligen Haaren, holprig stürmt sie mir entgegen. Sportlich sieht sie…
Lara und die Stimmen - Gespräch mit einer Schizophrenen

Lara und die Stimmen

Gespräch mit einer
Schizophrenen

Ich treffe Lara in einem kleinen Café direkt bei mir um die Ecke. Sie ist 21. Ein hübsches Mädchen mit wuscheligen Haaren, holprig stürmt sie mir entgegen. Sportlich sieht sie aus. Und dünn. Wir begrüßen uns lächelnd und setzen uns an einen ruhigen Tisch weit hinten. Sie wirkt schüchtern, etwas konfus. Ich lehne mich zurück und schaue ihr tief in die Augen. Lara, schön, dass wir uns endlich kennenlernen.

Wie geht es dir heute?

Mir geht’s gut. Seitdem ich die Medikamente abgesetzt habe, fühle ich mich von Tag zu Tag besser. Ab und zu schwankt es aber auch.

Warum musstest du denn Medikamente nehmen?

Ich hatte eine Psychose, habe sie teilweise immer noch. Deshalb musste ich ein Neuroleptikum mit einer ziemlich stark betäubenden Wirkung schlucken. Zum Glück sind die Symptome seitdem zurückgegangen.

Lara lehnt sich plötzlich auch zurück und kreuzt entspannt ihre Beine. Ihr Lächeln wirkt friedlich auf mich.

Kannst du Dich noch erinnern, wann die ersten Symptome aufgetreten sind?

Ja, das liegt schon länger zurück. Vielleicht so zwei bis drei Jahre. Die auslösenden Faktoren spielten da natürlich auch eine wichtige Rolle. Bei mir war es der Konsum von Cannabis. Ich habe eine Zeit lang wirklich viel gekifft. Viel zu viel.

Wie lautet die ärztliche Diagnose deiner Psychose?

Die Ärzte diagnostizierten meine Krankheit als paranoide Schizophrenie.

Wie würdest du diese Krankheit jemanden erklären, der zuvor noch nie etwas davon gehört hat?

Betroffene, bei denen paranoide Schizophrenie diagnostiziert wird, haben oft starke Wahnvorstellungen. Akustische und optische Halluzinationen treten beängstigend oft auf. Auch ich spürte diese Angst.

Wann hast du registriert, dass das, was du da siehst und hörst, nicht normal ist?

Mir wurde es bewusst, als ich meine Eltern fragte, ob sie nicht auch diese Stimme hörten. Mein Vater meinte darauf hin, dass ich mich behandeln lassen müsse.

War das auch der Moment, in dem du selbst gemerkt hast, dass du krank bist?

Nein, das kam erst später in der Klinik. Bei vielen Schizophrenen dauert es Jahre, bis sie anerkennen, dass sie krank sind.

Leicht hektisch greift Lara nach ihrem Tee. Kurz danach beschließen wir eine Zigarette rauchen zu gehen.

Bist du denn freiwillig in die Klinik gegangen?

Nein, nicht wirklich. Meine Eltern drängten mich dazu. Sie haben meinem Psychiater erzählt, dass ich unter Verfolgungswahn leide. Ich habe das immer verschwiegen beziehungsweise beschritten.

Was ist dann passiert?

Zuerst musste ich einen stationären Drogenentzug machen. Ganze vier Wochen ging das. Ich hatte feste Essenszeiten, regelmäßige Sitzungen mit Therapeuten. Doch komischerweise hat es sich wie Urlaub an gefühlt. Denn während meiner Psychose war ich ja die ganze Zeit arbeiten und mein Körper war am Ende des Tages immer völlig kraftlos und ausgelutscht.

Warst du nach diesen vier Wochen entgiftet?

Nein, nicht wirklich. Die Entgiftungssymptome von Cannabis setzen ja erst nach drei bis vier Wochen ein. Aber ich fühlte mich erholt. Doch richtig clean werden musste ich trotzdem. Deshalb empfahl man mir eine Psychotherapie dranzuhängen. Nach längerem Warten lud mich meine Psychaterin zu einem Vorgespräch ein. Ich wollte eine Behandlung auf pflanzlicher Basis. Doch man riet mir zu Neuroleptika. Nach einem Tag Überlegung entschied ich mich dann auch dafür.

Warum hast du Dich dann doch für so ein starkes Nervendämpfungsmittel entschieden?

Ich hatte einfach keine Lust mehr in dieser Welt zu leben. Nicht mit diesen Stimmen. Ich wollte doch nur zurück in die Realität. Als ich zum Beispiel Zeit mit meiner Familie verbringen wollte, hörte ich die ganze Zeit diese Stimmen. Ich konnte mich auf nichts einlassen. Es machte mich wahnsinnig. Am Anfang hatte ich die Stimmen noch nicht unter Kontrolle, doch später gelang es mir immer besser sie umzuprogrammieren. Auf einmal konnte ich sie beeinflussen. Im Nachhinein weiß ich, dass ich sie auch unter Ausschluss von Medikamenten behandeln lassen können. Doch dazu fiel mir einfach die nötige Geduld.

Laras Blick wirkt leer. Irgendwie hilflos. Wir bestellen uns noch einen Tee. Dann lächelt sie wieder.

Das heißt, die medikamentöse Behandlung hat dir geholfen?

Ja, es war die einfachste und schnellste Methode die Stimmen zu behandeln. Allerdings war ich mir damals noch nicht im Klaren, was so etwas mit sich zieht.

Was meinst du damit?

Tja, es verändert schlagartig dein Leben. Eigentlich hast du gar keins mehr. Du fühlst dich leer, hast keine Emotionen und bist vollkommen sediert. Nachdem meine Dosis verdoppelt wurde, war ich im wahrsten Sinne des Wortes ausgeknocked. Ich habe zwei Monate nur geschlafen und gegessen. Mir fehlte die Lust auf alles, auf meine Freunde und das Leben generell. Erst nach zwei Monaten medikamentöser Behandlung kam ich zu dem Entschluss nicht mehr länger unter dem Einfluss dieses starken Neuroleptikas leben zu wollen.

Und jetzt fühlst du dich endlich befreit von den Stimmen?

Ja. Jetzt fühle ich mich wieder von Tag zu Tag mehr wie ich. Gut, ganz verschwunden sind die Stimmen noch nicht. Aber sie hindern mich nicht mehr daran, mein Leben so zu leben wie ich es will. Endlich habe ich wieder die Kontrolle. Ich habe meine Freiheit zurück. Das ist das Größte für mich.

Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile miteinander. Unser Zeitgefühl schwindet. Ich wünsche Lara alles Gute und schlage vor, dass wir uns noch einmal treffen können, wenn sie Lust hat. Sie nickt bejahend und übernimmt großzügig die gefühlten acht Tees. Wir verabschieden uns. Lara kippt leicht diffus der untergehenden Sonne entgegen. Kurz vor der Kreuzung dreht sie sich plötzlich um und schenkt mir noch einmal ein sympathisches Lächeln. Ich winke ihr etwas peinlich zurück und schlürfe in Gedanken Richtung Heimat.

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Die Fotografie stammt von Nicholas Kusuma
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