Kreativität war gestern - Berlin ist die Hauptstadt der kulturellen Bedeutungslosigkeit

Nein, das hier bezieht sich nicht auf zur Schau getragenen Hedonismus, nicht auf exzessive Partys, nicht auf freie Liebe, nicht auf eure Fahrräder oder euren Haarschnitt oder eure politische Einstellung…
Kreativität war gestern - Berlin ist die Hauptstadt der kulturellen Bedeutungslosigkeit

Kreativität war gestern

Nein, das hier bezieht sich nicht auf zur Schau getragenen Hedonismus, nicht auf exzessive Partys, nicht auf freie Liebe, nicht auf eure Fahrräder oder euren Haarschnitt oder eure politische Einstellung und nein, um eure Outfits geht es auch nicht. Mich beschäftigt das System Berlin an sich, der molten boredom pot Berlin, dieser Diskurs der Dilettanten, euer kollektiver Exhibitionismus, dessen Nacktheit längst Schablone ist. 
Naja, gut. Dann geht es wohl auch um alles im ersten Absatz erwähnte, auf eine Art. 
Schamlosigkeit, aber erst einmal in Hinblick auf Kunst, oder das, was als solche durchgeht.

Berlin, es gab da einmal eine gewisse Hürde, eine ganz persönliche Hürde oder eine institutionelle oder beide kombiniert, die es zu überwinden galt, bevor man sich mit einem Werk an die Öffentlichkeit wagte. Was auch immer die Öffentlichkeit sei – in Berlin ist sie zumindest hinreichend definiert. Die weit geöffneten Augen und Münder und Gesichter.

Sicher, besagte Hürden haben so manchem großen Kopf und kleinen Rädchen zugesetzt. Haben vielen Menschen zu Unrecht Leben und Werk erschwert, mal mehr, mal weniger, sie scheitern lassen. Aber das war wichtig. Für sie. Und für euch. Und für uns. 
Von daher: schön und gut, die ganze Geschichte mit der Demokratisierung der Kunst. Schön und gut.

Heute braucht man kein teures Studio mehr, um Musik zu produzieren, keinen Verlag, um ein e-Book zu publizieren, und nur eine iPhone-Kamera, um Preise zu gewinnen. Jeder art-dirigiert an Blogs und Instagram herum, schön und gut. Ein wenig Kreativbalsam, eine kleine Sternstunde für das reizüberflutete Ego, wenn einem gefolgt wird, wenn man gefällt.

Dass die Kuchenstücke immer kleiner werden, je mehr Mädels sich mit Creepers an den Füßen an den Tisch aus Lemonaid-Kisten gesellen – das wirst du auch schon bemerkt haben, Berlin, meine liebe. Das bemerkt jeder. Deswegen hat ja auch keiner Kohle. Warum einen Kreativen bezahlen, wenn es 150 Alternativen im selben Café gibt, die es umsonst tun.

Das verdirbt nicht nur die Preise, Berlin, das führt vor allem zu einem Phänomen: dass ein Großteil dessen, was aus dir hervorkommt, scheiße ist. Einfach scheiße. Das bleibt so, auch wenn dir deine nahen und fernen Freunde ständig das Gegenteil erzählen, weil sie befürchten, du könntest ihnen im Gegenzug die Arschkriecherei verwehren.

Du bist ein ganz gut funktionierendes System, Berlin, so schnell bringt man dich nicht ins Straucheln. Du stehst stabil, während du deine müden Eier im Mund hast und an deinem eigenen, einzigen Strang ziehst. 
Begeistert reiht sich jedes Teilchen ein, Berlin, du bist eine dämlich vor sich hin strahlende rousseausche Amöbe. Schön und gut!

Und all das lässt sich ja auch leicht positiv formulieren: entweder ist es eben der Vibe der Stadt, die kreative Energie, die überschäumende Freiheit etc etc – oder das Berlin, das ich hier besinge, ist das Berlin der Anderen, das man beschmunzelt, von dem es sich abzugrenzen gilt, weil man sonst nicht mehr akzeptiert wird. Auf der einen oder anderen Seite.

Ja, so ist es, unser Berlin, und man legt eine verträumt nostalgische Nuance unter die Hornbrille und in die Mundwinkel, Problem gelöst. 
Man muss dich ja mögen, Berlin. Du bist betongewordene Networking-Utopie, du bist Mutterschoß der dörflichen Seele, die sich ihre Verlorenheit in die dünnen Haare koloriert und in dir endlich Verständnis und Einheit wiederfindet.

Du tust dem Menschen im selben Maße gut wie die freie Marktwirtschaft. Gibst ihm die produktive Illusion der unbegrenzten Entfaltungsmöglichkeiten, der freien Wahl, und weist ihm höflich seinen Platz zu. Und frisst ihn langsam auf, oh! Berlin frisst mich auf, oh Lord sie frisst mich auf, und doch will ich nichts andres als ihr Fraß zu sein, so stöhnen masochistisch die kleinen Schwäbinnen, während sie in irgendeinem Park ganz leicht in den bleichen Knien wippen, auf schlechtem MDMA, die Gardine ihrer Oma um den Kopf gewickelt, und fühlen sich Madame del Rey so nah wie nie.

Schön und gut bist du, Berlin, ich komme dich gern besuchen. Mich stört nur deine Ironielosigkeit. Wenn wieder einer deiner Söhne so einen genialen Moment hatte, zum Beispiel. Er irgendeinen hippen Slogan auf ein T-Shirt schreibt, darauf basierend einen Shop, ein Mixtape, eine Snapback- und Beutelkollektion aus dem Boden stampft, dann ist das zwar Demokratie par excellence américaine, was mir nur fehlt ist das gequälte Schmunzeln. Nimm deine Scheiße nicht so ernst, Berlin!

Denn wenn wir ehrlich sind: außerhalb deiner eingeebneten Stadtmauern hört deine Öffentlichkeit auf. Naja, Stuttgart ausgenommen. Und die Ecken Madrids und Barcelonas, wo es keine Arbeitsplätze gibt. Dort munkelt man: in dir, Berlin, geht Arbeitslosigkeit und –verweigerung, Unterbezahlung und –gewicht, Reizhusten und –überflutung als Lifestyle durch.

In den schickeren Ecken – dort, wo es vor zwanzig, dreißig, vierzig Jahren besonders dreckig war – werden Bürgerinitiativen gegründet, Cafés platziert, Spielplätze gebaut, Biomärkte eröffnet, Bäume umhäkelt und Schilder in die Fenster des ersten Stocks gehängt, die unerbittlich auf die Nachtruhe ab zweiundzwanzig Uhr hinweisen. Die Kinder müssen schließlich schlafen, damit sie im globalen Vergleich nicht wegen unterdurchschnittlicher Munterkeit schlecht abschneiden.

Gemeinsam für unseren Kiez. Gemeinsam gegen Sauerkirschbaumäste, die vom benachbarten Grundstück aus in meinen Schrebergarten ragen. Gemeinsam gegen Diskriminierung, gemeinsam für Jungmigrantenstipendien, um eine gesunde Mischung in der KiTa zu gewährleisten. Gemeinsam wohlwollend lächeln und auf Schultern klopfen.

Gemeinsam das Logo der Initiative auf Jutebeutel drucken. Gemeinsam. Gemeinsam tweeten, gemeinsam gut gekühlten Vinho Verde trinken im Park, während die Sonne scheint. Reclaim your City, reklamiere deinen fehlerhaften Wollschal, nutze Reclam-Hefte als Dekorationsobjekte. Rieche am Klo, dein Stuhl ist der schadstofffreie Zement der neuen Welt.

So, Berlin, du Zuckermaus, ich habe mich ein wenig in dir verlaufen. War nett gemeint, jedenfalls. Wie du braunäugig unter deiner Mütze hervor lugst, entzückend ist das. Betrachten wir dich einfach mal als ausgedehnte liminale Phase. Tu mir nur einen Gefallen und sei konsequent: wer Kunst für Zahnarztpraxen macht, der steht dem Zahnarztdasein vielleicht näher als der Kunst. So ist er eben, der Diskurs der Dilettanten, euer kollektiver Exhibitionismus, dessen Nacktheit längst Schablone ist.

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Fotografie von Jonas Tebbe
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Deutschland, Kreativität, Kultur und Langeweile
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