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Kranke Hauptstadt: Berlin macht depressiv

„Es liegt nicht an dir, es liegt an Berlin“, war die Reaktion meiner Familie, als ich zum ersten Mal von meinen Depression erzählte. Von den depressiven Episoden, um genau zu sein. Eine echte Depression ist schon was anderes, als das, was ich habe. Glaube ich. Hoffe ich. Aber manchmal habe ich eb...
Kranke Hauptstadt: Berlin macht depressiv

Kranke Hauptstadt

Berlin macht
depressiv

Nadine Kroll

„Es liegt nicht an dir, es liegt an Berlin“, war die Reaktion meiner Familie, als ich zum ersten Mal von meinen Depression erzählte. Von den depressiven Episoden, um genau zu sein. Eine echte Depression ist schon was anderes, als das, was ich habe. Glaube ich. Hoffe ich.

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Aber manchmal habe ich eben solche Momente, in denen ich wochenlang nicht das Haus verlasse, nein, noch nicht einmal so richtig das Bett. Ich liege nur so da und starre die Decke an, wie man das halt so macht, wenn man depressive Episoden hat, das hat auch nichts mit Traurigkeit zu tun. Ich bin einfach nur leer. Die Stadt hat mich aufs Derbste ausgelaugt, sagt zumindest meine Familie.

Ich war ein glückliches Kind. Das klingt nach Floskel, aber war nun mal echt so. Als Kind bin ich auf Bäume geklettert und habe dort aus alten Brettern, die ich in der Nachbarschaft gefunden habe, ein Haus gebaut, in dem ich mich mit meinen Lieblingsbüchern verkriechen konnte, wenn ich keine Lust auf die anderen Kinder hatte. Oder auf meine Eltern und deren Eltern. Ich habe viel gelesen.

Ich hab den Nachbarn Kirschen geklaut und die Kerne auf vorbeifahrende Autos gespuckt. Und zwar so, dass sie auf jeden Fall ein paar hübsche Kratzer im Lack hinterließen. Später dann bin ich mit den coolen Jungs aus der Nachbarschaft losgezogen, habe von ihnen skaten gelernt und wie man den perfekten Joint dreht. Essentials eben.

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Bereits mit dreizehn Jahren war ich auf den angesagtesten Partys in der Gegend unterwegs, kannte die wichtigsten Leute der Kleinstadt und trug die schönsten Klamotten von New Yorker und Pimkie, die ich mit aller Coolness, die ich aufbringen konnte, mitgehen ließ. Ich bin oft von zu Hause abgehauen, habe bei Freunden geschlafen oder auf irgendeiner Parkbank.

Bacardi-Cola war mein bester Freund, das Lied „Rebell“ von den Ärzten meine heimliche Hymne. Also alles ganz normal. Ja, ich war ein glückliches Kind und ein glücklicher Teenager, der trotz einiger Fehlstunden mit Bestnote sein Abitur bestand. Alles war gut. Dann wurde ich neunzehn und zog in die Großstadt.

Dass ich depressiv wurde, oder depressive Episoden durchlebt habe, um genau zu sein, lag nicht an mir, es lag an Berlin. Sagte meine Familie, als ich am Telefon zum ersten Mal ganz bewusst über meine psychische Situation sprach. Berlin macht einsam. Einsamkeit macht krank. In Berlin ist ja irgendwie jeder allein.

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Ihr wisst das doch alle aus dem Radio und aus den Clubs von Mitte bis Friedrichshain. Peter Fox hat das vor ein paar Jahren besungen, und selbst eure Großeltern kennen den Song, in dem Berlin von schwarz zu blau wird, aber sind wir mal ehrlich, schaut euch diese Betonnutte doch mal an: Grau ist ihre Farbe und in einer Stadt, die selten so bunt ist, wie sie vorgibt zu sein, kann es doch nicht verwundern, dass es einen erwischt und man zuerst aufhört das Haus zu verlassen und irgendwann nur noch im Bett lebt und die Decke anstarrt, die halt auch davon nicht schöner wird, dass man in einem Altbau lebt, mit Stuck und, yeah: Dielenboden!

Ich war eine glückliche Neu-Berlinerin. Ja, ja, das ist wieder eine Standardfloskel aus meinem in Berlin notwendigen Floskelrepertoire. Aber es war tatsächlich so: Ich war neu in der Stadt und ich war glücklich. Ich bin nahezu täglich zur Uni gegangen und hab meine Kommilitonen mit der Perfektion meiner Joints beeindruckt, eben so, wie es die coolen Jungs aus der Nachbarschaft mir früher beigebracht haben.

Ich landete schnell auf den angesagtesten Partys in der Gegend, kannte die wichtigsten Leute der Stadt und trug Klamotten von Cheap Monday und Weekday mit der Coolness, mit der ich früher bei New Yorker und Pimkie meine Glitzerfummel mitgehen ließ. Ich war selten zu Hause, schlief bei Leuten, die sich Freunde nannten oder bei echt beschissenen One-Night-Stands.

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Sternburg-Bier und mit Milchpulver gestrecktes Speed waren meine besten Freunde. Die Tracks von Kalkbrenner, egal ob Fritz oder Paul, waren meine heimlichen Hymnen. Ich ging auf Konzerte und ließ mir oft weh tun, aber immer nur am Körper, nie im Kopf oder im Herzen. Berlin war immer Love Parade und jeden Tag liebte ich etwas anderes.

Bis nichts mehr da war, das ich lieben konnte. Außer dem Speed, dem Koks, dem MDMA und dem Alkohol, den ich jeden Tag in mich reinschüttete. Und den beschissenen One-Night-Stands, die mich an manchen einsam-kalten Nächten warm hielten. Ich war eine glückliche Neu-Berlinerin, bis die Stadt mich in sich auf sog und anfing, mich leise zu verdauen und dann ausscheißen zu wollen.

Naja, eigentlich war ich nie unglücklich. Oder traurig, denn wenn man depressive Episoden hat, hat das echt nichts mit Traurigkeit zu tun, es fühlt sich einfach leer an und die Stadt, die ist zu voll, irgendwie. Mit den depressiven Episoden kommt die Angst. Die Angst vor dem Versagen und Kontrollverlust, dem Kontrollverlust, den man sich durch die Partys und die Drogen und die ständig wechselnden Geschlechtspartner immer ganz bewusst herauf beschworen hat. Das Einzige, das einen aufrecht hält, ist das Starren auf die Altbaudecke und ein schwaches Klopfen in der Brust, das einen daran erinnert, dass man noch lebt. Und der Stuck. Und der Dielenboden.

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Ich habe meiner Familie nie erzählt, was ich so trieb. Weder in meiner Kindheit, noch zu meiner Zeit als frisch in Berlin angekommene Studentin. Und doch war ihnen klar: Dass ich so bin, wie ich bin, liegt nicht an mir, es liegt an Berlin. Weil hier jeder kifft und säuft, nachts oft auf Parkbänken schläft, die Uni schwänzt und außer skaten und feiern keine Hobbys hat.

Und so nahmen sie an, dass auch ich das tue. Die Schuld, die liegt alleine bei Berlin und an den Menschen, die hier leben. In der Kleinstadt wäre mir das nicht passiert. In der Kleinstadt stirbt man ganz klassisch, in dem man sich am Wochenende im Golf GTI mit hundertachtzig Sachen nach dem Discobesuch um einen Baum wickelt. Oder aus Langeweile.

Ich habe meiner Familie lange geglaubt. Also, was Berlin und mich betrifft. Irgendwann habe ich meine Sachen gepackt und bin nach Hause gefahren, also dort hin, wo man mein Zuhause stets vermutet hat. Ich bin also zurück in die Heimat, genau dort hin, wo man meine Heimat stets vermutet hat, weil ich als Kind so glücklich war. Genau dort hin, wo ich noch nie alleine war und auch dort hin, wo ich so fleißig für die Schule war. Familien neigen ja schnell zu ‘früher war alles besser’.

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Meine Familie hat gesagt, wenn ich zurück komme, dann wird es so wie früher. Nur: früher war es auch schon schlecht. Ich war kein glückliches Kind und auch kein glücklicher Teenager. Ich habe schon früh meine Sorgen, den dunklen Teil meiner Seele, erstickt und in Berlin fing ich dann endlich an zu atmen, weil ich zum ersten Mal für mich war. Nach zwei Wochen bin ich zurück nach Berlin. Mir ist nämlich daheim eins klar geworden: Es liegt nicht an Berlin. Es liegt an euch.

Die Fotografie stammt von Flo Karr
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