Konzentrationsbitch - Das Internet lenkt mich ab

In einer Welt des unbestreitbaren Informationsoverflows können nur die wenigsten von sich selbst behaupten, sie hätten den Überblick im Griff. Wir, die als Internetkinder aufgewachsen sind, die die Schule der…
Konzentrationsbitch - Das Internet lenkt mich ab

Konzentrationsbitch

Das Internet
lenkt mich ab

In einer Welt des unbestreitbaren Informationsoverflows können nur die wenigsten von sich selbst behaupten, sie hätten den Überblick im Griff. Wir, die als Internetkinder aufgewachsen sind, die die Schule der Vernetzung mitgestaltet und -erlebt haben, wir sind einerseits die größten Opfer einer noch unerforschten neuen Ergänzung der Realität.

Wir werden neuen Kommunikationswegen und Marketingstrategien ausgesetzt, wir rekonstituieren den Wert sozialer Verknüpfungen, wir erschaffen für Außenseiter unverständliche Sprachwelten und Dimensionen, und vor allem sind wir abhängig geworden. Ohne die tägliche Dosis Informationen spüren wir eine gewisse Leere in uns, einen Hunger, den es für Vorgängergenerationen vielleicht noch gar nicht gab, der jedoch in uns eingestampft ist.

Wer, so wie ich, sein Geld vor allem mit dem Internet verdient, der erkennt den Wert eines ständigen “Up-To-Date”-Zustands. Man dient persönlich als Verteiler und empfiehlt die besten Artikel, die neueste Musik, die innovativsten Texte anderen Menschen, die weniger Zeit haben. Meist, weil sie Berufen oder Alltagen nachgehen, die nicht im Zusammenhang mit einem Computer stehen.

So findet man schnell seinen Platz in der Community. Angebot und Nachfrage besteht aus zwei Seiten, nun geht es darum, wer das Angebot am besten, schnellsten, effektivsten platziert und inwiefern sich die Nachfrage zu einem positioniert. Man kann selbstverständlich nicht alles abdecken, was im Internet fresh ist, aber man kann wenigstens versuchen, den eigenen Interessen dabei entgegen zu kommen.

Und damit man den Überblick nicht doch verliert, baut man sich sein Netzwerk auf. Facebook ist eine Selbstverständlichkeit, soweit sind wir in der Realität auch schon. Wir verknüpfen Schritt für Schritt die Virtualität mit unseren Leben. Wieso auch nicht? Zum Thema Internetabhängigkeit kann man immer wieder nur betonen, dass die Abhängigkeit auch ganz recht ist. Es geht um Convenience, um die Erleichterung aller Dinge, so auch sozialer Kontakte.

Es gibt keine Trennung zwischen “echt” und “unecht”, zwischen “online” und “offline”. Selbst wenn man sich das Internetzölibat selbst auferlegen möchte, dreht sich die Welt draußen (und in den Leitungen) weiter. Vergeblich also der Ausstieg. Internet, so gerne es ältere oder uninformierte Generationen gerne hätten, ist keine Zigarettensucht, sondern Auto fahren. Gelegentlich besser und praktischer, als die Öffentlichen zu nutzen.

Zu diesem Netzwerk gehören aber noch viel mehr Informationssammelstellen. Da gibt es Twitter, gleichzeitig Verteiler als auch Kanal. Da gibt es Instagram mit seiner riesigen visuellen Community. Da gibt es Tumblr, eine Art Anlaufstelle für Sperrmüll, den man zwar teilen möchte, zu dem man allerdings nichts mehr sagen will. Es gibt Medium, die intellektuelle Variante, die einem hochqualitative Texte auf Empfehlungen basiert näher bringt. Pinterest für die Konsumwut, die die Konfrontation mit all den schönen Dingen im Netz in uns hervorholt. Es gibt unendlich viele kleine Haufen, die wir für uns anlegen, damit wir nachher alles teilen und unterbringen und archivieren können. Wofür? Diese Frage stellt sich fast nicht. Das ist erstmal egal.

Und so stiftete ich bisher mein Leben nach der Schule in einer Art Messi-Dasein des Internets. Die Informationsflut, die ich so ordentlich bewältige, läuft in etwa so ab: Browser auf, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, interessant, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, langweilig, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, langweilig, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich, das muss ich tumblrn, kenn’ ich, kenn’ ich, kenn’ ich.

Das funktionierte die letzten Jahre auch ganz gut so. Man kann sich nicht um alles kümmern und man will es meistens ja auch gar nicht. Leider übertragen sich virtuelle Eigenschaften, ehe man sich versieht, auch ins Leben außerhalb der Bildschirme. Auch das nimmt man gerne in Kauf. Wenn man im Supermarkt überfordert ist und grundsätzlich für Butter und Klopapier sechs Stunden braucht, weil man ständig vergisst, was man wollte, weil man vor dem Regal erstmal E-Mails checken muss, weil man bei jedem glitzernden, pinken Pony, was da rumsteht, auf einmal Pipi in die Augen kriegt und schon wieder in einer ganz anderen Ecke des Marktes gelandet ist und plötzlich von Angst- und Schweißzuständen überwältigt wird.

Die Kontrolle, die wir mit einem Tastendruck online haben, die wird leider nicht übertragen. Die Suchfunktion für Socken, Haustürschlüssel und Kopfhörer gibt es nicht. Und wenn ich mal bloggen, oder generell etwas schreiben möchte, dann kann es passieren, dass ich mich erst mal drei Stunden in den Weiten des Netzes verliere, alle zwei Minuten hochschrecke und “Oh shit, ich wollte doch was schreiben!” ausrufe und dann doch wieder das Pony verfolge. Und doch: Egal. Das alles ist es mir wert. Die autodidaktische Bildung, die Kommunikationsmöglichkeiten, das lohnt sich schon für ein bisschen Pseudo-ADHD. Besser als drogenabhängig oder sehr, sehr langsam zu sein.

Nur – auch das war eher mal wieder persönliche Schönredung als die ganze Wahrheit. Denn jetzt, wo ich tatsächlich die meiste Zeit damit verbringen muss, effizient zu sein – für die Arbeit, für die Uni, für einen sehr knappen Zeitrahmen, in dem Dinge fertig und E-Mails beantwortet und Texte geschrieben sein müssen, merke ich, wie schwierig es ist. Nicht nur schwierig: Quasi unmöglich. Einen Text für die Uni lesen, für den Kommilitonen eine halbe Stunde brauchen? Ich brauche mindestens zwei, und dann habe ich auch nur die Hälfte verstanden.

Die Geduld, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die einen auch langweilen, tendiert bei mir gegen Nulltausend. Die Kunst, für mehr als fünf Minuten zuzuhören, selbst wenn es kein TED-Talk ist, hat sich so stark reduziert dass ich tatsächlich schon frustriert mit mir selbst kämpfen muss. In der Uni macht es mich verrückt, nicht nebenbei noch schreiben oder Musik hören oder twittern zu können, Online denke ich die ganze Zeit nur daran, dass ich so viel noch für die Uni machen muss – gleich, gleich, erst noch kurz Facebook und Tumblr abchecken, dann geht’s weiter.

Letztendlich weiß ich, dass mein Lebensstil in den letzten Jahren was meine Konzentration angeht, ein bisschen verwahrlost ist. Das kommt davon, wenn man von zu Hause auszieht und die elterliche Erziehung damit zu Ende ist, hah. Jetzt geht es darum, sich wieder einzufügen, auch mal eine Pause zu machen, den Moment zu genießen, Intelligenz zu schätzen und sich nicht mehr auf Verteilung und Informationskonsum zu stützen, auf Schnelligkeit und auf Hypes, sondern seinen Geist zu sammeln und zu entscheiden: Was finde ich gut? Wieso interessiert mich das, wieso interessiert mich das andere nicht?

Vielleicht auch mal wieder ein Buch anfangen und tatsächlich zu Ende lesen, vielleicht zwei Mal die Woche ein Sudoku Spiel spielen und nicht aufhören, bis es fertig ist, vielleicht die Musik mal ausmachen und nur auf’s Kochen konzentrieren. Vielleicht ist für all das auch später im Leben mal Zeit, aber eins ist klar: Wenn ich jemals eine Hausarbeit pünktlich abgeben will, sollte ich jetzt wohl mit den Resozialisierungsmaßnahmen beginnen. Und wie viele Absätze habt ihr so übersprungen?

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Die Illustration stammt von Natasha Remarchuk und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Facebook, Instagram, Internet, Pinterest und Twitter
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