Kleine Welten hinter Glas - Eins von Dreitausend

Ich komme einfach nicht weiter. 3.000 Teile. Beim Puzzle, so sagt man, ist der Himmel das Schwierigste. Wo anfangen, also erstmal aufhören, raus, an die frische Luft. Ich rieche das…
Kleine Welten hinter Glas - Eins von Dreitausend

Kleine Welten hinter Glas

Eins von
Dreitausend

Ich komme einfach nicht weiter. 3.000 Teile. Beim Puzzle, so sagt man, ist der Himmel das Schwierigste. Wo anfangen, also erstmal aufhören, raus, an die frische Luft. Ich rieche das Korn von vorgestern und den Schweiß der letzten Woche, auch dann noch, als ich im Flur stehe und die Tür ins Schloss fallen lasse.

Heute hat er noch nicht das Sofa verlassen, denke ich, als mir der Mann hinter der Tür gegenüber, die immerzu immer zu ist, durch den Kopf geht, und mir fällt auf, dass das einzige Lebenszeichen neben der wie ein Damoklesschwert der Tristesse über dem Treppenhaus schwebenden Dunstglocke seiner Duftnote die pervers liebevoll handgefertigten Buddelschiffe sind, in jedem Stockwerk auf jedem Fenstersims, eine Ahnung von Normalität, kleine Welten hinter Glas, kleine Fluchten aus einem Alltag voller Aufstehen, Anziehen, Nummer ziehen und Herrengedeck.

Versuch es mal, schreit sein Blick, wenn wir uns mal im Treppenhaus begegnen, versuch es mal, nicht zu trinken, wenn du schwer vermittelbar bist, und es fällt seiner Frau so schwer ihm zu vermitteln, wie viel Unterschied ein kleines bisschen Deodorant, ein kleines bisschen Mühe macht.

Es sind die kleinen Dinge, aber er steht nicht auf, und wozu auch, bei einer Frau und einem Sohn, denen er völlig egal geworden ist, und ich schließe die Augen, und sehe ihn, seit Jahren auf dem gleichen Platz auf seinem Sofa, der Abdruck seines Hinterteils wie die mitleidserregende Mimikry eines Stammtischschilds. Es sind die kleinen Dinge, aber auch die hat er aufgegeben, als seine Finger es nicht mehr mitmachten, die Masten mithilfe der kleinen Fäden in der Flasche hochzuziehen. Es hat doch keinen Zweck, denkt er, schwer atmend auf seinem Sofa, die Delle seines Hinterteils in den Polstern nunmehr ein Strudel ohne jede Fluchtmöglichkeit.

Ich verlasse mein Stockwerk, und steige die Treppen hinab. Ich begegne dieser Frau im Treppenhaus, ich begegne ihr jeden Tag, sie hat diesen traurigen Blick eines Menschen, der schon alles gesehen hat und gern drauf verzichtet hätte, dieser Blick, der „Zu spät!“ sagt und „Vielleicht doch noch?“ meint.

Ich begegne ihr jeden Tag, und sie senkt ihren Blick, wenn sie mein „Hallo“ erwidert, fast widerwillig, fast unfreiwillig grüßend, als sei es ihr lieber gewesen, ich hätte sie ignoriert oder nicht bemerkt und das Spiel der ganzen Straße mitgemacht, mich an die Regeln gehalten, und ihr nicht stattdessen ins Bewusstsein gerufen hätte, dass ich sie so gesehen habe, hier, wie sie steht, den Hausmüll heraustragend, mit ihren asphaltgraumelierten Haaren, ihrer vom Alltag gegerbten Haut, den Hausmüll heraustragend mit ihren in Trümmern liegenden Fingernägeln, und es würde es nicht besser machen, wenn sie wüsste, dass sie meine tägliche selektive Serotoninwiederaufnahmehemmerin ist, meine Steighilfe mit in Trümmern liegenden Fingernägeln.

Es fängt immer mit den Fingernägeln an, geht es mir durch Kopf, und endet nicht erst bei den unrasierten Achseln, anatomisierte Resignation, und wer kann’s ihr verübeln, sind doch die einzigen Männer, die einen wenn auch alkoholisierten Hauch von Interesse an ihr zeigen jene aus der Trinkhalle von diesem ungewollten Stammtisch der Zurückgelassenen, Männer, die sie früher in einer besseren noch optimistischeren Zeit nicht eines Blickes gewürdigt hätte, denen sie jetzt infolge dieser gesellschaftlichen Schicksalsgemeinschaft mehr Aufmerksamkeit einräumt, als es ihre durch Zeit und Frust erstickte Würde ertragen könnte.

Es fängt mit den Fingernägeln an. Aber egal wie unpolitisch unrasiert die Achseln sein mögen, geschminkt wird weiter, Make Up bleibt, ein letztes Aufbegehren des fast in seiner Existenz vergessenen Selbstwertgefühls, aber natürlich zu viel, viel zu viel, viel zu dick aufgetragen, so dass jeglicher Protest der Haut im Keim erstickt wird, aber wenn sie jetzt noch und überhaupt reden könnte, würde sie seufzend fragen, was das denn jetzt noch bringen soll. Ich möchte ihr sagen, dass ich ihr Make-up mag. Ich sage es ihr nicht.

Ich begegne ihr jeden Tag, sie putzt für alle Nachbarn das Treppenhaus, übernimmt für jeden dieser Hausgemeinschaft die Flurwoche, die sie bestenfalls ignoriert und schlimmstenfalls mitleidig gönnerhaft für den Bruchteil zwischen Wochenendamüsements wahrnimmt, und verdient sich so noch die eine oder andere Mark dazu, um die Miete zu stemmen für eine Wohnung in einem Haus, dass sie sich nicht leisten kann, ein Haus, in dem sie doch nur geduldet wird, und ich habe mich schon oft gefragt, warum sie, die sie sich diese unwirklich unwirtlichen vier Wände nicht leisten kann, nicht in eine finanziell und menschlich angemessenere Umgebung zieht, aber dann kapiere ich, dass sie sich mit dieser Wohnung ein kleines bisschen Normalität bewahrt in ihrer Welt, einer Welt zwischen einem Sohn, der sie verachtet und einem Mann, der nie da ist, obwohl er da ist.

Nur ein kleines bisschen Normalität, eintauchen zwischen die Anderen, einfach mal eine von vielen sein. Eine von uns. Home is, wo es hart ist. Ich verlasse das Treppenhaus, lasse sie zurück, wie jede Woche, wie jeden Tag, ich lasse sie zurück beim vergeblichen Versuch, die Hoffnungslosigkeit von den Stufen zu wischen.

Draußen der Junge, er schleicht durch die Straße, den Blick gesenkt auf den Fußball, den er mehr im Vorbeigehen mit den Füßen vor sich hertreibt, den Blick gesenkt, und er denkt an seinen Vater, der jetzt grad mit ihm spielen sollte, aber nicht vom Sofa hochkommt, er denkt an seinen Vater, den Superhelden, mit den Superkräften, sein Superheldenvater mit den Superheldenvaterkräften, sein Vater, der ihn nicht in den Arm nehmen kann, weil er ihn sonst erdrücken würde, zermalmen würde er ihn mit seinen Superheldenvaterkräften, denkt der Junge, und es ist gut so, dass er nur von einer Umarmung träumen kann, denn jedes Mal, wenn der Superheldenvater die Mama streicheln möchte, schlägt er sie, aus Versehen, weil er seine Superheldenvaterkräfte nicht unter Kontrolle hat.

Vielleicht gut, dass ihn sein Vater nicht umarmt, er ist doch noch so klein, denkt der Junge, wie die Buddelschiffe, die ungeachtet im Treppenhaus verstauben. Mama hält das aus, denkt der Junge. Sie weint ein bisschen, wenn sie dem Jungen nach der eskalierten Zärtlichkeit des Superheldenvaters über die Haare streichelt, sie weint ein bisschen und lacht zwischendurch, dass er sich keine Sorgen machen muss, sagt sie, sie halte das aus, und dann zuckt sie zusammen, als sie sich die Tränen aus dem geschwollenen Gesicht tupfen möchte.

Es ist nicht einfach, einen Superhelden zum Vater zu haben, denkt der Junge. Manchmal, denkt er, während er seinen Ball weiter die Straße hinunter schiebt, manchmal wünschte er sich einen normalen wie alle anderen, einen von vielen, und ich schaue ihm nach, ich schaue zum Treppenhaus und zu meiner Wohnung hoch, ich schaue zum Fenster der Wohnung gegenüber, spiegelverkehrt, denke ich, und ich schließe die Augen, atme tief durch, ich nehme den Jungen zwischen meine Finger, hebe ihn vorsichtig auf, während ich mit der anderen Hand die Frau aus dem Treppenhaus an mich nehme und mit dem Jungen zusammen puzzle, ich nehme den schlafenden Mann von seinem Sofa und puzzle ihn dazu, ich puzzle sie alle zusammen, zu einem einzigen riesengroßen Puzzleteil und lege es zu den auf meinem Tisch verstreut liegenden dazu, eins von vielen, eins von dreitausend. Irgendwo wird noch Platz sein in der Karibik. Der Himmel, so sagt man, sei bei einem Puzzle eh das Schwierigste.

Bücher über das Leben auf Amazon kaufen

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil
Die Fotografie stammt von Ryoji Iwata
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Emotionen, Frauen, Gedanken, Geschichten, Jungs, Mädchen, Männer, Nachbarn, Puzzles und Wohngemeinschaften
Wenn dieser Artikel euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Weitere Artikel lesen
AMY&PINK

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Männer  Fotografie  Beziehungen  One-Night-Stands  Internet  Japan  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gedanken  Gesundheit  Studium  Jugend  Emotionen  Pornografie  Anime  Partys  Manga  Liebeskummer  Karriere  Drogen  USA  Geld  Instagram  Onanie  Masturbation  Blogs  Feminismus  Facebook  Alkohol  YouTube  Twitter  Freundschaft  Cartoons  Kinder  Comics  Selbstbefriedigung  Pop  Depressionen  Tinder  Ängste  Penisse  Interviews  Krankheiten  Bücher  Geschichten  Kreuzberg  Fantasy  Finanzen  Gefühle  Beziehung  Vibratoren  Hip Hop  Muschis  Shibuya  Sexismus  Werbung  Arbeit  Los Angeles  Fetische  Zukunft  WhatsApp  Harajuku  Serien  Friedrichshain  Politik  Prostitution  Schule  Vaginen  Hass  Kyoto  New York  Europa  Gewalt  Nintendo  Dildos  Kindheit  Brüste  Schwänze  Wohngemeinschaften  Familie  Akihabara  Australien  Teenager  Shimokitazawa  Reddit  Netflix  Südkorea  Orgasmen  PlayStation  Berghain  Dating  England  Psychologie  Science-Fiction  Handys  

Kanäle
Facebook  Twitter  Instagram  Tumblr  Pinterest  Feedly

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite wird durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil

Weitere Informationen findet ihr in unserem Impressum und in unserer Datenschutzerklärung.