Jung und hoffnungslos - Wir sind die Generation der Verlierer und Versager

Ich muss mit euch über unsere Generation reden. Ich weiß, das Wort Generation ist ausgelutscht und an dieser Stelle auch nicht so ganz richtig, so wie es eigentlich nie richtig…
Jung und hoffnungslos - Wir sind die Generation der Verlierer und Versager

Jung und hoffnungslos

Ich muss mit euch über unsere Generation reden. Ich weiß, das Wort Generation ist ausgelutscht und an dieser Stelle auch nicht so ganz richtig, so wie es eigentlich nie richtig benutzt wird, aber mir fällt kein besseres Wort dafür ein, also spreche ich jetzt von der Generation. Unserer Generation, um genau zu sein. Wir sind die Generation des Vergleichens und Verglichen werdens. Vermutlich sind das alle Generationen irgendwie, doch bei unserer ist es besonders krass.

Wir sind mit Vergleichen aufgewachsen. Oder besser: dem Verglichen werden. Schon in der Grundschule wurden wir an anderen gemessen. Wir haben das nicht selbst gemacht, zumindest nicht bewusst, glaube ich, aber unsere Eltern hatten immer ein Auge darauf, dass wir besser sind als alle anderen. Nicht einfach gut, nein, wir mussten besser sein.

Von frühester Kindheit an wurde uns eingetrichtert, dass nur die Besten zu etwas werden, auch wenn man uns nie gesagt hat, zu was genau man eigentlich werden kann, wenn man groß wird. Man hat uns nur gesagt, dass wir was werden müssen, und dass wir dafür eben die Besten sein müssen.

Sobald wir aus der Schule nach Hause kamen, ging das Vergleichen weiter. Wer hat das größte Haus in der Nachbarschaft? Wer den schönsten Garten? Wer verdient das meiste Geld? Wessen Kühe geben die meiste Milch? Wer fährt das dickste Auto? Und wer hat nichts davon und ist ein großer Loser?

Wir kamen um die Vergleiche nicht herum, und irgendwann fingen wir an, unsere Leistungen selbst mit denen anderer zu vergleichen. Das fing ganz harmlos an, mit der Frage, wer in der Mathematik-Klausur die wenigsten Fehler gemacht hat, ging weiter damit, wer die schönsten (und irgendwann auch die teuersten) Schuhe hat, und führte über den Kampf, als erstes die Person zu sein, die Sex hat, hin zu Wettbewerben, in denen es darum ging, mehr Alkohol zu konsumieren als alle anderen.

All das waren schwachsinnige Kämpfe, Vergleiche, die niemanden von uns so richtig weiter brachten und trotzdem angestellt werden mussten. Weil wir es so gelernt hatten. Denn: Wer damit aufwächst, sich ständig vergleichen lassen zu müssen oder andere beim Vergleichen beobachtet, fängt selbst irgendwann an, das zu tun. Und da wir zu jung waren, um unsere Häuser, Autos oder Gehälter miteinander zu vergleichen, taten wir das eben mit anderen Dingen.

Auch wenn vieles davon aus heutiger Sicht wirklich scheiße und keinesfalls erstrebenswert war: Der oder die Beste zu sein fühlte sich immer gut an. Egal, ob man in der Mathematik-Klausur die wenigsten Fehler gemacht oder alle anderen unter den Tisch gesoffen hatte. Wir hatten etwas, auf das wir stolz sein konnten, so wie unsere Eltern stolz auf die Dinge waren, die sie ihren Nachbarn, Freunden und Angehörigen voraus hatten.

Manchmal ging es darum, wer eine bestimmte Band zuerst kannte, also damals schon, als sie noch keiner kannte und sie Konzerte vor fünf Leuten gespielt haben, ohne Plattenvertrag, nur mit selbstgebrannten CDs im Koffer. Ein anderes Mal wurde verglichen, wer die dünnsten Beine hatte, die längsten Haare, den schönsten Mund. Alles musste höher, schneller, weiter sein. Alles wurde zum Wettkampf. Einem Wettkampf, der nie aufhörte, nicht einmal dann, als wir endlich groß waren. Groß und die Besten, zumindest in irgendetwas die Besten.

Mittlerweile sind wir erwachsen geworden oder sollten es zumindest sein. In irgendetwas waren wir die Besten, und wenn unsere Eltern Recht hatten damals, so sollten wir alle jetzt irgendwas geworden sein. Ich meine, etwas außer erwachsen.

Doch wie stellt man eigentlich fest, ob man etwas geworden ist? Richtig: Man vergleicht sich mit den anderen. Vergleicht Studienabschlüsse und Jobs, Gehälter und Wohnungen, Facebook-Likes und Follower auf Twitter, man vergleicht Beziehungen, die Anzahl der Kinder, die aus diesen hervorgegangen ist oder wie pompös eine Hochzeit war und schaut, wo im Leben man besser abschneidet als andere. Und dann kommt man eigentlich immer zu dem Schluss, dass man geiler ist als alle anderen. Dass man besser abgeschnitten hat. Und das aber auch nur, weil man sich in den Dingen mit anderen misst, von denen man weiß, dass man gut ist.

Ich weiß, dass ich in meinem Job erfolgreicher bin als viele meiner Freunde, und das löst in mir ein gutes Gefühl aus. Ein Gefühl von „ich hab den anderen etwas voraus“. Dass das lediglich daran liegt, dass die meisten meiner Freunde noch studieren, blende ich dabei ganz geschickt aus. Wenn ich mich vergleiche, will ich mich schließlich gut dabei fühlen und nicht etwa daran denken, dass ich mein Studium abgebrochen habe und nur deshalb im Gegensatz zu ihnen jetzt schon einen Job habe, in dem ich überhaupt so etwas wie erfolgreich sein kann.

Es war doch schon immer so, dass die Sachen, in denen man schlecht war, unter den Teppich gekehrt wurden. Meine Eltern sprachen mit den Eltern meiner Klassenkameraden nie darüber, dass ich der totale Oberloser in Chemie war, sondern nur darüber, dass ich unschlagbar gut in Deutsch war. Sie erwähnten auch nie den morschen Zaun unseres Gartens, der das ganze Grundstück total heruntergekommen aussehen ließ, sondern nur die prachtvollen Tomaten, die darin wuchsen. Und so, wie ich das Vergleichen von ihnen übernommen habe, habe ich eben auch übernommen, mich nur in den Sachen zu vergleichen, in denen ich wirklich gut bin. Also messbar gut und nicht nur „Ich persönlich empfinde das als gut“-gut.

Müsste ich mich mit den Sachen auseinandersetzen, die ich nicht kann, würde ich vermutlich irgendwann verzweifeln. Dann fiele mir nämlich auf, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in meinem Alter nicht in der Lage bin, eine Beziehung zu führen, die länger als sechs Monate geht. Dass ich zwar genug Geld habe, um ein Kind zu versorgen, es aber trotzdem niemals schaffen würde, weil dazu so viel mehr gehört als nur finanzielle Sicherheit.

Mir fiel auf, dass ich in so vielen Bereichen ein absoluter Loser bin, schon immer ein Loser war und vermutlich immer ein Loser sein werde, dass ich daran zu Grunde gehen würde. Einfach, weil von mir erwartet wird, in allen Vergleichen als Beste abzuschneiden, dabei hab ich da überhaupt keinen Bock drauf. Man kann nicht in allen Dingen gut sein und schon gar nicht besser als alle anderen, und je länger ich über all diese Dinge nachdenke, desto mehr fällt mir auf, dass es gar nicht darauf ankommt, der oder die Beste zu sein, sondern darum, mit dem glücklich zu sein, was man ist. Auch wenn das bedeutet, dass wir alle irgendwo Versager sind.

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Illustration von Murat Kalkavan und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Arbeit, Geld, Jugend, Karriere und Studium
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