Höhere Gewalt - Ich möchte Menschen abschlachten

Ich habe des Öfteren das Verlangen danach, Menschen so richtig eine in die Fresse zu hauen. Ihnen die Visage zu vermöbeln. Baseballschläger in den Rücken rammen, Augen mit Silberlöffeln ausheben,…
Höhere Gewalt - Ich möchte Menschen abschlachten

Höhere Gewalt

Ich habe des Öfteren das Verlangen danach, Menschen so richtig eine in die Fresse zu hauen. Ihnen die Visage zu vermöbeln. Baseballschläger in den Rücken rammen, Augen mit Silberlöffeln ausheben, die Leiche mit Blutspritzern des herausgerissenen Herzen dekorieren, ankokeln, draufpinkeln, hämisch lachen, noch mal reintreten. Ihre toten Körper verstümmeln, mich mit meinen Zähnen an ihren Organen vergnügen, einzelne Gliedmaßen ihrer leblosen, stinkenden Kadaver abnagen und immer schön fest mit einem Ziegelstein draufhauen. Sie zermatschen. Sie sterben sehen und hören. Eine abartige Lust daran, Schmerz zu verteilen. In ihre Augen zu gucken und durch sie durch zu sehen. Aus Neugierde. Wer will nicht wissen, wie sich das anfühlt?

Manchmal frage ich meine Freunde, ob sie das kennen. Mit sanfteren Beispielen. Ob sie bei 200 km/h das Lenkrad herumreißen möchten, um gegen ein Auto auf die Nebenspur zu knallen. Ob sie manchmal ein süßes Baby halten und dann den inneren Drang verspüren, es einfach loszulassen. Auf den Beton aufklatschen lassen. Gehirnbrei zu löffeln. Ob in Eile vorbeifahrende Fahrradfahrer, die aus dem Nichts von ihren Mühlen heruntergetreten werden, nicht eine unterhaltsame Vorstellung wäre?

Meine Freunde gucken mich dann immer entsetzt an. Nein, sie kennen das Gefühl nicht. Ich lache und tue es als Spaß ab. Aber die Realität ist, dass mir diese Gedanken im Gehirn herumschwirren, als hätte ich ein fundamental psychisches Problem. Als wäre ich eine tickende Zeitbombe, die bald explodiert. Ich bin Christian Bale, das ist mein German Psycho.

Es ist kein Hass auf Individuen, so viel ist klar. Es hat auch nichts mit Wut zu tun. Ich habe schon einige Menschen verachtet und auch gehasst. War irrational wütend und bin ausgerastet. Aber niemals habe ich jemandem handgreiflich weh getan. Und wenn wir schon dabei sind: Meine Aggressionen in der Realität sind tendenziell eher passiv, selbst verbale Drücker spare ich meist aus. Der seelische Stress, der Diskussionsterror mit unterbelichteten Vollidioten, und Erzfreinde – das alles brauche ich nicht in meinem Leben.

Woher kommt dann also dieses Verlangen danach, auf brutalste Art und Weise destruktiv zu sein, Schmerz zu verbreiten, mich selbst in der Folter anderer auszupowern? Was ist das für eine Ader, die unter meiner Haut pocht? Ist es eine Fantasie, die niemals die Oberfläche erreicht? Bin ich alleine auf der Welt mit meinem Gore-Kopfkino? Habe ich ein Problem, das von einem Professionellen mal durchgesichtet werden müsste? Bin ich soziopathisch, eine Massenmörderin in der Mache, sind das erste Anzeichen?

Wir reden über Massenmörder und Serienkiller, aber auch über Amokläufer. Ungeplante Durchhänger bei den Outlaws unserer Generation, Menschen, die wahrscheinlich schon ähnliche, reflexartige Momente in ihren Emotionen verspürten und irgendwann einfach den rationalen, menschlichen Teil dicht machten, um diesem Instinkt nachzugehen. Aber das sind Menschen, die von vornerein labil waren, gedisst wurden, sich mit dem System kritisch auseinandersetzten oder schlicht und einfach schon krank geboren wurden.

Ich hingegen lebe ein stabiles Leben. Eines mit Strukturen. Ich will nicht gezielt jemandem aus Rache das Leben nehmen. Ich will niemandem das Leben nehmen. Es ist die reine Gewalt, das Gefühl, die Augen zuzumachen und draufschlagen zu wollen. Ich stelle mir nichts lieber vor, als in einem Boxring zu stehen und Schellen zu verteilen. Vielleicht, weil das niemals stattfinden wird. Vielleicht, weil das auch Stärke verkörpert, eine herablassende Art zu sagen: Fickt euch, ich kann euch weh tun.

Vielleicht ist das ja auch die allgemeinbekannte und hochgradig geschätzte „Dunkle Seite“, der man sich bedient, wenn man ein cooler Mensch ist und verschroben, distanziert und unnahbar wirken möchte. Vielleicht ist das dieses kleine, wohlbehütete Geheimnis, das jeder in sich wahrt. Die einen stehen darauf, angepinkelt zu werden, die anderen stellen sich im Alltag vor, irgendwelchen fremden Menschen mit meiner Münzrolle in der Faust bewaffnet auf dem Bürgersteig unerwartet die Nase zu brechen.

Vielleicht ist das diese Illusion der Natur, die schon in “Fight Club” durchschimmerte. Das Loslösen von unserer steifen und starren Gesellschaft. Der Traum, frei zu sein. Also auch der Traum, Dinge und sich selbst zu zerstören. Mit Sicherheit würde meine Faust keine zwei Schläge aushalten, bevor sie bricht und ich selbst in Pein und zerfleischendem Schmerz zusammenbreche.

Ein Kontrast zum Wunsch nach Weltfrieden, das Drama, ein endloser Kampf, zurück zur Natürlichkeit. Zurück zu dem Augenblick, wo wir unser Essen noch jagen, wo wir unser Rudel beschützen mussten. Das alles wurde uns genommen, und als Konsequenz schlagen wir (wenn auch nur mental) wild um uns herum. Gebt mir Hustle, gebt mir einen Grund, mich zu wehren, zu rebellieren.

Ist das eine dunkle Seite, die jeder in sich trägt und niemals offen bespricht? Sind die entsetzten Blicke meiner Freunde echtes Entsetzen? Oder nur eine Ablenkung von den eigenen bösartigen Gelüsten nach Stärke? Ist es das Fernsehen, die Horror-Filme, die Musik, unsere Gesellschaft, mein Weltschmerz, unverarbeitete Pubertät, die verdammten Videospiele? Bin ich alleine in meiner kleinen Klapse der höheren Gewalt?

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Illustration von Émile Bin
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Emotionen, Gefühle, Gewalt, Hass und Menschen
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