Helena, du dumme Hure! - Die Berliner Werbebranche bringt dich noch ins Grab

Mein halber Freundeskreis in Berlin bestand zeitweise aus Menschen, die in irgendwelchen PR- und Werbeagenturen gearbeitet haben. Große und kleine. Bekannte und unbekannte. Wichtige und unwichtige. Häberlein & Maurer. Bold.…
Helena, du dumme Hure! - Die Berliner Werbebranche bringt dich noch ins Grab

Helena, du dumme Hure!

Die Berliner Werbebranche
bringt dich noch ins Grab

Mein halber Freundeskreis in Berlin bestand zeitweise aus Menschen, die in irgendwelchen PR- und Werbeagenturen gearbeitet haben. Große und kleine. Bekannte und unbekannte. Wichtige und unwichtige. Häberlein & Maurer. Bold. FischerAppelt. Kruger. Schröder+Schombs. Bam. M&C Saatchi. Jung von Matt. Von den 100 Leuten aus der Branche, die ich auf offener Straße erkannte, ohne dass sie sich zehn Mal neu vorstellen mussten, waren 10 bis 20 Stück enge Freunde und der Rest gute Bekannte.

Als sie in ihrem Beruf anfingen, waren sie voller Hoffnung. Sie schrieben fleißig Pressetexte für Musiker, Marken und Menschen, die sich für besonders wichtig erachteten, flogen ständig auf Messeevents von Handyfirmen, Automobilkonzernen und Klamottenherstellern nach Amerika, Japan und Großbritannien, um damit vor ihren Familien und Freunden angeben zu können, und besoffen sich mit von Sponsoren zur Verfügung gestellten alkoholischen Getränken zuerst auf Blogger- und später auf Influencerhappenings in Berlin, Hamburg und München.

Die meisten von ihnen sind oder waren ganz tolle Menschen. Wirklich. Gespräche mit ihnen waren interessant. Wenn man nach einer Party noch mit ihnen weiter zog, war da keine Langeweile in ihren Augen, nein, sie waren das pure Leben. Schließlich hingen sie gerade mit den coolsten Leuten von Berlin, und mir, ab, hatten zwei theoretisch arschteure, aber für uns natürlich kostenlose Cocktails in den Händen und schwangen ihre Businesskarten vor den exklusivsten Clubs von Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain hin und her, so dass auch jeder Türsteher verstand, dass wir alle very important persons waren und gefälligst mitten auf die Tanzfläche kotzen wollten – und nicht irgendwo in die Büsche, wie so Komplettassis.

Von diesen 100 Leuten aus der Branche, die ich auf offener Straße erkannte, ohne dass sie sich zehn Mal neu vorstellen mussten, sind alle, und wenn ich sage alle, dann meine ich auch alle, in ihrem Beruf verbrannt. Ausnahmslos. Manche sind sogar schon tot. Aus vielerlei Gründen. Maximal zehn Jahre hielten sie es in den PR- und Werbefirmen von Berlin, Hamburg und München aus, bevor sie vollkommen austickten.

Eine von ihnen schmiss an einem Dienstag Vormittag ihren Job bei einer der größten PR-Agenturen Berlins mit den Worten „Ihr könnt mich alle mal am Arsch lecken!“ hin und zog zwei Tage später mit ihrem Freund nach Stockholm. Eine wurde Gärtnerin in Frankreich. Und wieder eine andere hatte so einen harten Burnout, dass man sie früh morgens halbnackt vor dem KitKat auffand. „Helena, du dumme Hure!“, waren ihre letzten vernommenen und überlieferten Worte, bevor man sie für drei Wochen in die Charité einwies. Helena, das war ihre Chefin. Doch die ist auch nicht mehr da. Wegen Depressionen.

Auf die Frage hin, was man einmal werden möchte, hat eine ganze Generation reflexartig „Irgendwas mit Medien!“ gerufen und sich dann zehn Jahre lang vor ein MacBook in irgendeinem Berliner Altbau gesetzt, um jeden Tag tausende Pressemitteilungen über neue Schuhe, neue Handys und neue Musikalben an irgendwelche dauerbetäubten Wichtigtuer aus der Medien- und Marketingwelt rauszuschicken, mit potentiellen Kunden so zu plaudern, dass man zwar persönlich, aber nicht bescheuert erscheint, und Capital Bra, oder zumindest seinem Manager, einen zu blasen, nachdem er gerade seine neue Single auf irgendeiner Releaseparty vorgestellt hat.

Wenn du Mark Forsters neues Album mit blumigen Worten beschreiben, diese Sätze in eine schön dekorierte Pressemitteilung quetschen und sie anschließend, für immer und ewig mit deinem Namen versehen, an hunderte Musikredakteure in ganz Deutschland schicken musst, ohne dass du dich fragst, was da wohl gerade mit deinem Leben falsch läuft, dann garantiere ich dir, dass du kurz vor deinem allerersten Burnout stehst. Und wenn du dir denkst: „Och, 194 Länder ist doch gar nicht so schlecht!“, dann steckst du quasi schon mittendrin.

Public Relations entzieht dir mit jeder verschickten Email, mit jedem pseudokumpelhaften Kundentelefonat, mit jedem Versuch, die Musik von Rita Ora, Demi Lovato oder Jason Derulo, die nichts weiter ist als je vierminütige, in GarageBand aus Beat Nummer 14 und Danceloop Nummer 56 mit menschlichem Geschrei drüber gelegte gequirlte Scheiße, ein kleines Stück deiner Seele.

Irgendwann schreckst du mitten in der Nacht hoch, rufst ganz laut „Die lange Wartezeit ist vorbei!“, „Das Album des Jahres ist da!“ oder einfach nur „Helena, du dumme Hure!“ und kündigst noch bei Morgengrauen deinen Job, bevor du mit deinen zwei Katzen und deinem Freund Joachim aufs Land ziehst, um dort Äpfel zu züchten und nie wieder auch nur irgendeine Art von Konsum zu pflegen.

Wer in den heiligen und hellen Hallen von Berlin etwas schaffen durfte, der gehörte zu den Kreativen, zu den Medienmachern, zu der Branche, die mit Glanz und Gloria lockte. Viel Spaß mit deiner Fleischfachverkäuferlehre zu Hause bei Rewe in Buxtehude, Steffen, ich bin in der Werbung. Kennst du den neuen Sneaker von Nike? Ich mach die PR dafür! Geil, oder? Aber ich muss jetzt auch los, das Business wartet nicht. Zwinker, zwinker. Vorher nur noch kurz zu Starbucks. Ohne Kaffee hält man diesen krassen Lifestyle ja kaum aus.

Keiner von ihnen ist mehr übrig. Jeder einzelne ist an der kompletten Irrelevanz seines Schaffens gescheitert. Das neue Handy von Samsung ist nun nicht mehr nur in blau, sondern jetzt auch in blaugrau und im Herbst sogar in hellblaugrau erhältlich! Wie oft kann man sich einreden, dass man das, was man da macht, selbst gut findet? Hatte man zu Beginn noch Spaß? Ist es eben nur ein Beruf? Bin ich nichts weiter als eine Wortmelkmaschine, deren einziges Ziel es ist, vorgegebene Quartalszahlen zu erreichen?

Was anfangs noch nach dem großen Gewinn für dich aussah, endlich raus aus deinem kleinen bayerischen Kaff, toller Job in Berlin, Ohs von der Familie, Ahs von den Freunden, Wows von der blöden Erika aus der Uni, nette Kollegen, Kaffee umsonst, Capital Bra, oder zumindest seinem Manager, einen blasen, verwandelt sich Jahr für Jahr immer mehr in eine Hölle aus falschen Erwartungen und abgeschalteten Träumen. Irgendwann redest du dir dann ein, dass du die Sachen, die du da Tag für Tag anpreist, selbst gut findest. Und dann ist es vorbei, dann willst du nur noch weg. Äpfel auf dem Land. Helena, du dumme Hure.

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Die Fotografie stammt von Magnet.me
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Beruf, Geld, Hamburg, Journalismus, Karriere, Marketing, Medien, München, PR, Presse, Public Relations und Studium
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