Halt's Maul, Berlin! - Ich bin dann mal im Off-Modus

Es ist kurz vor 3 Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie…
Halt's Maul, Berlin! - Ich bin dann mal im Off-Modus

Halt's Maul, Berlin!

Es ist kurz vor 3 Uhr. Ich sitze in meiner Wohnung in Kreuzberg, angelehnt an die kalte Zimmerwand. Jegliche Störgeräusche, künstliche Einflüsse und auch die Musik finden keine Aufmerksamkeit. Sie sind im Off-Modus. Ich bin im Off-Modus. Endlich. Mein Fenster vorsichtig angekippt – frische Luft muss immer rein. Ich will echten Sauersttoff atmen. Keinen Smog, keinen Rauch. Keine Sinnesillusionen mehr. Mit der Reinheit der Luft klärt sich auch mein Gedankennebel peu à peu. So langsam verstehe ich mal wieder. Solche Breaks braucht es ab und zu.

Natürlich ist es nachts. Nachts kann ich klarer denken. Die unruhigen Geister der Großstadt schlafen zum Glück. Endlich habe ich den nötigen Raum, um meine Gedanken auf den Spielplatz der Möglichkeiten zu entführen. Jetzt und hier können sie sich austoben. Ungeniert weit und lange im Unbekannten weilen. Wann, wenn nicht jetzt und hier? Keine Uhr, die tickt. Kein Wecker, der klingeln muss. Die kleine Freiheit. Die, die man sich täglich nehmen sollte aber nur viel zu selten nehmen will. Aus Angst vor dem Nichts, aber manchmal ist das genau das Richtige.

Berlin, du hast mich hart gemacht. Ich wollte dich so laut hören, wie ich nur konnte. Das habe ich. Angeschrien hast du mich. Du hast mir die verschiedensten Sekrete der Glückseligkeit aus allen möglichen Löchern gepustet. Mich im Anlitz des Vorzeige-Sonntags-Sonnenuntergangs tröpfchenweise weinen lassen. In großen Momenten warst du mein Pinky und ich dein Brain. Ich suhlte mich in deiner Coolness und übergoss mich unaufhörlich mit deinem individualistischen Charme des puren Purismus. But now, shut the fuck up. Please.

Berlin, ich will Stille. Bitte halt jetzt einfach deinen Mund und lass mich hier mit meiner Ruhe in Ruhe. Mach den Schmutz, die Autos und die widerliche Ignoranz jedes Einzelnen aus. Fahr auf Kur, leg dir ein Haustier zu oder kaufe dir einfach nur eine Pflanze. Mach Urlaub von dir selbst. Jetzt ehrlich mal – wie lange kann sich eine Hauptstadt eigentlich selbst ertragen, ohne kulturell zu implodieren? Menschen rasten grundlos aus, weil die Fassade bröckelt. Schöne, talentierte Individualisten transformieren zu geistlosen Seelenhyänen. Wäre es nicht tragisch? Der Aufstand der Hipster gegen das Hipstertum. Ach kommt, das wird nie passieren. Das ist Gedankenromantik.

Schürt diese Stadt also eine Art Selbsthass? Nein. Sie zwingt dich nur zur maßlosen Selbstreflexion. Eigentlich ist sie nichts anderes, als die ursprüngliche Idee der Seifenblase. Von weitem wirkt sie groß, stark, so voller Träume. Eine verschwommene Mischung aus der bunten Neugier nach unzählig vielen Dingen und der kindlichen Sehnsucht nach einem eigenen Platz in der Welt. Wer zu nah an die Blase kommt, läuft Gefahr sie zu zerstören.

Wenn sie dann wirklich mal durch Eigenverschulden zerplatzt, wird man ruhig und geht für eine Weile sicherheitshalber in den plötzlichen Off-Modus. Es ist noch nicht einmal 4 Uhr. Die Wand, an der ich lehne, ist inzwischen auf Körpertemperatur gepimpt. Ich atme schon so lange diese Stille, dass ich sie nähre. Nur ein alter, zufriedener Buddha ist jetzt gechillter als ich. Berlin, ich liebe dich am meisten, wenn du ab und zu mal deinen Mund hältst und zuhörst.

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Fotografie von Stefan Widua
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Deutschland, Konzentration, Meditation und Ruhe
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