Generation Selbstdarstellung - Hallo, hier bin ich!

Wir sind geil. Jetzt ist es raus. Und so ekelhaft ich dieses Wort auch finde, und das ist ausnahmsweise mal kein Scherz, beschreibt es unsere jetzige, fast schon erbärmliche, Situation…
Generation Selbstdarstellung - Hallo, hier bin ich!

Generation Selbstdarstellung

Wir sind geil. Jetzt ist es raus. Und so ekelhaft ich dieses Wort auch finde, und das ist ausnahmsweise mal kein Scherz, beschreibt es unsere jetzige, fast schon erbärmliche, Situation nur allzu gut. Was machen wir eigentlich die ganze Zeit bei Facebook, Instagram & Co.? Genau, es ist doch nur eine kleine Gedächtnisstütze und praktisch. Man vergisst keine Geburtstage mehr, Freunde, mit denen man zusammen in den Sandkasten gekackt hat, findet man schneller wieder und die liebsten und engsten Freunde können sofort schauen, in was für einer langweiligen Freizeitanlage man vor zwei Wochen Urlaub gemacht hat.

Ha! Ist euch etwas aufgefallen? Ihr habt euch sehr wahrscheinich selbst gerade dabei ertappt, wie ihr euch schon mal selbst beschissen habt, nicht wahr? Seien wir doch mal ehrlich. Wir sind bequem, langweilig und hängen deswegen doch die meiste Zeit in diesen Netzwerken ab.

Anstatt sich selbst mal aufzuhübschen, ein bisschen Sport zu machen und Gassi zu gehen, bearbeite ich lieber einmal in der Woche regelmäßig Fotos von mir, um immer megaaktuell mit meinem Profilfoto zu sein, schreibe pseudointellektuelle Meinungen über Themen, die mich eigentlich gar nicht interessieren, und kommentiere Standardsätze unter die Standardfotos von vermeintlichen Freunden. So sieht es doch aus. Dann brauche ich nicht mehr morgens duschen und die Rolladen hoch zu machen, ne, es reicht, mit meinem Laptop im Bett zu liegen und mein Profil zu pimpen.

Hast du kein aktuelles Fotoalbum mit Sommer, Sonne, Strand und Guter-Laune-Fotos? Am besten noch eines, in dem Mädels am Strandufer stehen und “Germany’s Next Topmodel”-like in die Luft jumpen, ihre Beine nach hinten ziehen, ihre dämlichen Arme hoch reißen und die beste Freundin, der Freund oder die Affäre aus dem Urlaub dann ein nettes Foto machen darf. Und wenn es nicht klappt, dann machst du bitte noch weitere hundert Bilder, weil der Satz “Woah, voll cool, lass‘ mal ein Foto machen und es uns bei Instagram posten!” längst gefallen ist und deine Opferbereitschaft entlarvt.

Dieser Schein von den fast perfekten Profilen, die man langsam schön sortiert in Schubladen ablegen kann, weil sie keinen mehr interessieren, ist doch eigentlich zum Kotzen. Die komplette Realität geht verloren, denn man möchte sich ja möglichst gut darstellen und erhofft sich noch immer mehr Daumen nach oben und Herzchen und Kommentare zu bekommen, wenn man schreibt, dass man sich selbst geil findet, betrunken ist, das Auto mitten in der Stadt stehen geblieben ist, Fotos von seiner Pizza postet und von anderen Nahrungsmitteln und Nichtnahrungsmitteln.

Das ganze verfickte, beschissene, abgefuckte Drecksrogramm eben. Passiert ein Hauch von Spannung in meinem Leben, muss ich es den anderen mitteilen, und das können manchmal auch ganz schön abstrakte Sachen sein, wie zum Beispiel die Beschreibung eines Hustenvorganges von einem Mann, der einem gegenüber in der U-Bahn sitzt, und so ein Zeug.

Wir versuchen uns langsam immer nur von der besten Seite zu zeigen, um Lob und Anerkennung zu erhaschen. Ein Urtrieb des Menschen also, was Facebook als Vorreiter und die anderen Netzwerke schamlos ausgenutzt haben – diese Teufelswerke. Wir stellen uns selbst dar, aber meistens nicht mit Ecken und Kanten, sondern glatt wie ein Babypopo, obwohl Ecken und Kanten doch das Schönste auf unserer Welt sind. Nur die wenigsten trauen es sich auch mal zu posten, dass sie scheisse drauf sind, gerade heulen oder sich selbst zum Kotzen finden. Man möchte ja vielleicht der oder dem Ex noch zeigen, wie geil man ist, was er oder sie denn alles so verpasst.

Man postet Bilder von sich, auf denen man das blühende Leben überhaupt ist, obwohl man in Selbstmitleid nur versinkt. Man möchte manchen Leuten eins reindrücken, eins draufsetzen und sich beweisen. Man möchte die Neue, den Ex und alles, was damit zu tun hat, ausfindig machen, sich vergleichen und das Profil durchforsten, um irgendetwas zu finden, obwohl wir selber noch nicht mal wissen, was wir da eigentlich suchen.

Schwachsinn und, ah, ah, ah, ah, jetzt behauptet bitte nicht, dass ihr so etwas noch nie gemacht habt, oder so ein Fallbeispiel aus eurer natürlich komplett internetlosen Welt nicht kennt. Und ich weiß auch nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll, und ich möchte mich da auch überhaupt nicht ausschließen, immerhin bin ich auf den Mist ja auch irgendwie gekommen und das kommt auch nicht von ungefähr. Langsam finde ich es nur überwiegend schade, nervig, traurig und beängstigend und es kommt bestimmt auch mal irgendwann einmal der Tag, an dem ich mich bei Facebook abmelde, um der Sucht und dem Internet mal wieder für eine Zeit zu entkommen.

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Fotografie von Mateus Campos Felipe
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Blogs, Facebook, Instagram, Internet und Mädchen
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