Gegen das Posen - Du bist nicht cool!

Der Drang unserer Generation nach vermeintlicher Selbsterkennung und Selbstoptimierung geht noch weit mehr Menschen an, als die Vintage- und Vinyljünger der Hipsterbewegung, die nach eigenem Empfinden Weisheit, Coolness und Einzigartigkeit…
Gegen das Posen - Du bist nicht cool!

Gegen das Posen

Du bist
nicht cool!

Der Drang unserer Generation nach vermeintlicher Selbsterkennung und Selbstoptimierung geht noch weit mehr Menschen an, als die Vintage- und Vinyljünger der Hipsterbewegung, die nach eigenem Empfinden Weisheit, Coolness und Einzigartigkeit gepachtet haben. Die Rede ist von denjenigen unter uns, die sich selbst neu erschaffen haben und dauerhaft zur Schau stellen müssen, wie schön ihr Leben ist und dabei durch die Blume sagen, dass wir anderen uns doch Mal ein Beispiel an ihrem vorbildlichen, Sinn stiftenden Lebensstil nehmen sollten.

Die Rede ist hier von #MyGirls, #CheatDay, #LoveOfMyLife, #ILoveMyWork, #WokeUpLikeThis, #SoBlessed, #Yolo und #SelfieTime. Ich nehme es euch einfach nicht ab. Wenn euch eure Lebenszeit so kostbar wäre, würdet ihr euer Leben nicht nach den Regeln anderer leben, und vor allem nicht ständig fotografieren, sondern einfach mal den Moment genießen.

Und würdet ihr euer Dasein wirklich so lieben, würdet ihr euch nicht dauernd selber quälen und dann an einem Tag der Woche richtig die Sau rauslassen, bzw. in diesem Fall eurer wahren Persönlichkeit erlauben hervorzutreten und euch alles von Käsetoast bis Oreoeiscreme in den Rachen jagen.

Ein Job, der ein überdurchschnittlich ordentliches Nettogehalt abwirft, eine mehr als intakte Beziehung, die auf gutem Sex und tief gehenden, gemeinsamen Werten beruht, sowie enge, unzerstörbare Freundschaften, in denen Untugenden wie Neid und Unehrlichkeit nicht existent sind und natürlich eine ausgewogene, gesunde Ernährung, die die Psyche und Körperform fit hält und insgesamt euren wohltuenden, durchdachten Lifestyle unterstreicht!

Ach ja, bevor ich es vergesse: Ihr habt alle einen total alternativen Musikgeschmack und hört prinzipiell nur Bands, deren Namen man kaum aussprechen kann oder aber für deren Klangkunst erst ein neues Musikgenre erfunden werden muss. Radiomainstreammucke? Kommt euch noch nicht mal beim Autofahren an die Löffel. Genau.

Habt ihr wirklich so große Angst, ihr würdet plötzlich als einsamer Loser dastehen, wenn ihr endlich einmal mit all euren Fakefreundschaften und im Grunde verhassten Hobbys, die euer Leben so glanzvoll und exklusiv erscheinen lassen, abrechnet?

So what? Die Welt ist, leider, voll mit Menschen. Statt zwanzig „guten Freunden“, die im entscheidenden Moment auf meine Hand treten würden, würde ich am Abgrund hängen, habe ich „nur“ drei. Diese haben sich in haarsträubenden Situationen bewährt und ich schenke ihnen mein fast volles Vertrauen.

Gerade der weiblichen Fraktion unter euch habe ich bezüglich eurer ach so wertvollen Freundschaften etwas mitzuteilen: Nehmt euch mal ein Beispiel an den Kerlen. Deren Beziehungen beruhen auf weit weniger als der tief gehenden Verbindung und der brennenden Liebe, die ihr euch ständig gegenseitig zusichert. Ein Gag, ein Bier, ein Furz. Man kennt sich, man schätzt sich.

Ich verwette meinen blonden Arsch, dass vier von fünf eurer ach so dicken Freundinnen nur neidisch auf euch sind und lediglich aus folgendem Grund mit euch abhängen: Wenn du deine Feinde nicht besiegen kannst, umarme sie! Ihr könnt euch gerne weiter einreden, dass eure seelenverwandte Freundin nicht ihr Dekolleté zurecht zupft, wenn ihr für fünf Minuten den Raum verlasst und sie mit eurem Freund alleine am Küchentisch sitzt. Es sei denn, er ist hässlich. Dann fühlt sie sich aber eh überlegen und gut.

Hört auf, euch alles schönzureden, weil ihr Angst habt von den Trümmern eures Daseins erschlagen zu werden. „Selber fressen macht fett“, ist das Credo der Durchschnittsmenschen, der bloß nicht für den Durchschnitt gehalten werden will. Was eigentlich ein wenig widersprüchlich ist, denn ihr esst ja alle so unglaublich gerne Quinoa und vegane Speisen, trinkt grüne Froothies und liebt euren Job. Wem wollt ihr eigentlich etwas beweisen?

Wer Jura studiert und zugleich von einer brennenden Leidenschaft für die Sache redet, ist, wenn ihr mich fragt, in achtzig Prozent der Fälle entweder ein ängstlicher Spießer oder aber er lügt. Es gibt kaum ein zäheres, trockeneres Studium als das der Rechtswissenschaft. Trotzdem sind alle richtig heiß drauf ihr halbes Leben mit diesem Sülz zu verbringen. Ich weiß, dass ich mit dieser Textpassage ziemlich sicher einen Shitstorm seitens der Juristenfraktion auslöse, aber sei es drum.

Mich interessiert: Es geht euch mit Sicherheit nicht um den Porsche, den ihr am Ende in eurer Garage sehen wollt und der als Statussymbol euer armseliges Seelenheil sichert? Oder etwa doch? Dann gebt es wenigstens zu! Mädels? Esst ihr echt so gerne Quinoa und Mandelkleie oder habt ihr einfach nur Angst, ihr könntet als fette Säue gelten, wenn die anderen wüssten, dass ihr eure Gerichte nur für Instagram kocht und in Wahrheit incognito die Dreikäsepizza von Netto vernascht und euch dann Abführmittel einschmeißt?

Ihr würdet euch einen größeren Gefallen tun, die „Schmach“ einfach auf euch zu nehmen, und dazu zu stehen, wer ihr seid, was ihr wollt und was ihr nicht wollt. In ein paar Jahren seid ihr sonst operiert, habt Bulimie oder einen Burnout. Aber dazu müsstet ihr ja erstmal aufhören Angst zu haben…

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Das wusste schon der selbstreflexive Sokrates im antiken Griechenland. Für mich eine Äußerung, die Demut ausdrückt. Demut vor dem eigenen Wissen bzw. Nichtwissen. Und so ein Satz von solch einer klugen Person der Zeitgeschichte. Merkt ihr was? Ihr, die ihr euch im Laufe dieses Fließtexts mehr oder weniger angesprochen gefühlt habt, solltet euch folgendes vor Augen halten: Ich weiß, dass ich nichts bin!

Ihr seid einfach nicht so interessant, wie ihr denkt. Niemand möchte wissen, wie gut eure Beziehung läuft. Viel wichtiger ist, dass ihr eure eigenen Regeln macht und selbst damit glücklich werdet. Scheißt auf euren vermeintlichen Traumjob, der Kohle abwirft. Ihr könnt auch mit weit weniger Geld glücklich werden, glaubt mir. Nur ihr müsst euch trauen.

Mädels, hört auf euren Körper zu kasteien, um vom männlichen Geschlecht begehrt zu werden. Die Männer, die euch runter gehungert wirklich gut finden, sind entweder schwul, haben eine pädophile Neigung oder beides. Oder sie sind, wie auch ihr, ein Sklave der Industrie, die falsche Wertvorstellungen in eure Köpfe injiziert. Was Männer wirklich sexy finden: Ein Mädchen, mit dem sie mal einen trinken und einen Burger verdrücken können und dass sich nicht einkackt, wenn er mal zwanzig Minuten zu spät nachhause kommt…

Und zu guter Letzt: Wenn ihr den neuen Calvin-Harris-Song geil findet, dreht ihn auf, kurbelt die Fensterscheibe eures Fiat 500 runter und gröhlt laut mit. Das muss euch weder vor den anderen, noch vor euch selbst peinlich sein. Irgendwer muss ja mal den ersten Schritt machen, aus der Angst heraus. Also fangt damit an!

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Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Coolness, Frauen, Jungs, Mädchen, Männer und Posen
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