Freunde, News und Pornos - Ich liebe das Internet

Meinen Erstkontakt mit dem Internet hatte ich ziemlich früh. Eigentlich kann ich mich gar nicht mehr richtig daran erinnern. Es war einfach auf einmal da. Einfach nur ein weiteres Stück…
Freunde, News und Pornos - Ich liebe das Internet

Freunde, News und Pornos

Ich liebe
das Internet

Meinen Erstkontakt mit dem Internet hatte ich ziemlich früh. Eigentlich kann ich mich gar nicht mehr richtig daran erinnern. Es war einfach auf einmal da. Einfach nur ein weiteres Stück Wahnsinn in meiner digitalen Kindheit. Damals, zu Grundschulzeiten, hingen wir immer in dem unfassbar coolen Computershop des Vaters meiner besten Freundin herum, wo wir zu den gottverdammten Nerds heranwuchsen, die wir heute sind, während wir uns den ganzen Tag in einem kranken Brei aus trashigen Websites, lachenden Katzen und dem ganzen Wahnsinn suhlten, der schon damals anfing, sich unwiderruflich in unsere Gehirne zu fressen, um dort die wirklich wichtigen Dinge zu verdrängen. Zu nahezu jedem Thema bekamen wir die passende Sinnlosigkeit serviert. Die enorme Informationsfülle des Webs beeindruckte mich schon damals, obwohl ich sie noch gar nicht richtig begreifen konnte.

Meine anderen Freunde und Klassenkameraden beeindruckte das herzlich wenig. Kaum einer von ihnen hatte damals einen Computer. Und ich mit meinem Käsegesicht, der schiefen Brille und den dünnen mausgrauen Haaren war, das muss ich zugeben, nicht unbedingt das beste Argument für die Coolness des Internets. Während die hübschen Kids langsam in die Pubertät kamen und dazu übergingen Drüsensekrete auszutauschen, blieb uns bleichen Spätentwicklern nichts anderes übrig, als uns von Bravo-Online und den alten, kranken Säcken diverser Chatrooms aufklären zu lassen.

Wir waren unendlich erleichtert, als wir YouPorn entdeckten – mussten wir doch jetzt nicht mehr zehn lange Wochen auf die eine Porno-CD warten, die im gesamten Freundeskreis herumgereicht wurde. Internetpornos waren ein absoluter Glücksfall, denn im Sexualkundeunterricht hätte niemand mich auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass es nun einmal Menschen gibt, die es mögen, wenn du ihnen eine Salatgurke in den Hintern steckst. Danke, Internet!

Mit 15 meldete ich mich zum ersten Mal bei einer Onlinecommunity an. Und verliebte mich. Sein Name war Christopher und ich betete ihn an. Wir trafen uns, kamen zusammen. Wenn uns die Leute fragten, wie wir uns kennen gelernt hatten, nuschelte ich irgendwas von „über Freunde“ – auf keinen Fall wollte ich mit den asozialen Teens in eine Schublade gesteckt werden, die sich nach einem halben Jahr Chat-Beziehung und großen Gefühlen mit einem Strauß Tankstellenrosen bei Oliver Geissen auf der Couch treffen und dann bitter enttäuscht werden, weil Chantal aus Chatworld zwar wirklich 170 groß, blond und vollbusig, dafür aber auch 164 kg schwer, ist. Wir blieben drei Jahre zusammen.

So zogen die Jahre voller glücklicher Internetstunden ins Land, ich legte mir eine ernsthafte Online-Shopping-Sucht zu, feierte Chatroulette-Partys mit Freunden, schwänzte die Schule, um in die unendlichen Welten diverser MMORPGs einzutauchen, lernte dank einer Masse an amerikanischen YouTube-Tutorials mir den Nerd aus dem Gesicht zu schminken, bekam null Punkte in meinem besten Deutschaufsatz, weil mein Lehrer, ein verkappter Dudennazi, Wikipedia nicht als Quellenangabe akzeptieren wollte und konsumierte wie eine Bekloppte.

Heute erzähle ich meinen zwölf Twitter-Followern von jedem Popel, den ich mir aus der Nase ziehe, besuche in meinem Urlaub Blogger, die ich noch nie im Leben sah, um für eine Woche bei ihnen zu wohnen, und werde von alten Klassenkameraden auf Facebook geaddet, weil sie tierisch scharf auf das sind, was aus dem kleinen Nerdmädchen wurde. Natürlich ist mir ist klar, dass sich das, was wirklich zählt, offline abspielt. Und trotzdem liebe ich das Internet. Denn egal wie verkommen, krank, gefährlich und brutal es auch sein mag – das Real Life ist es immer ein bisschen mehr.

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