Free Bleeding - Lasst mich bluten!

Schon mal was von „Free Bleeding“ gehört? So nennt man es, wenn menstruierende Menschen während ihrer Periode das Blut einfach so laufen lassen. Ja, richtig: Ohne Tampons, Menstruationstassen oder Binden…
Free Bleeding - Lasst mich bluten!

Free Bleeding

Schon mal was von „Free Bleeding“ gehört? So nennt man es, wenn menstruierende Menschen während ihrer Periode das Blut einfach so laufen lassen. Ja, richtig: Ohne Tampons, Menstruationstassen oder Binden zu benutzen. Streng genommen sind beim „Free Bleeding“ nicht mal diese neumodischen Menstruations-Panties, wie sie derzeit vermehrt auf den deutschen Markt kommen, erlaubt. Freie Bluter lassen die Flüssigkeit, die während ihrer Tage aus ihrem Unterleib austritt, einfach laufen, wie es gerade kommt.

Früher hatte man ja auch nichts, mit dem man das Blut irgendwie diskret auffangen könnte, sodass die Menschen um einen herum nichts davon mitkriegen. Und, stellt euch das mal kurz vor, in vielen Ländern dieser Welt haben Frauen und Menschen, die einen Uterus besitzen, noch immer keinen Zugriff auf sogenannte Hygieneprodukte. Selbst in Deutschland sind Tampons und Binden ein Luxusgut, auf das zum Beispiel Obdachlose sehr häufig verzichten müssen, weil sie ihr hart erbetteltes Geld für Unterkünfte und Essen ausgeben müssen.

Die „Free Bleeding“-Bewegung ist also etwas zutiefst Feministisches, ein Statement sozusagen, und nicht zuletzt ein Protest dagegen, dass beispielsweise auf Tampons sogar Luxussteuer erhoben wird – und das, obwohl 50 Prozent der Bevölkerung ihr halbes Leben lang einmal im Leben bluten. Ich konnte also gar nicht anders, als mich dem anzuschließen. Und naja, ich gebe es zu: Ein bisschen neugierig, wie das Ganze denn jetzt funktionieren soll, war ich schon.

Also ließ ich beim vorvorletzten Mal, als ich meine Tage bekam, einfach mal sämtliche Hygieneprodukte weg und schaute mir an, was so passierte. Wer jetzt denkt, ich habe den ganzen Tag in einer riesengroßen Blutlache sitzen müssen und wäre morgens in einem Bett aufgewacht, das aussieht, als hätte ich Besuch von Jack the Ripper bekommen, den muss ich an dieser Stelle leider bereits enttäuschen.

Tatsächlich passierte nämlich erst mal recht wenig, was allerdings auch damit zusammenhängen könnte, dass meine Regelblutung von Natur aus eher schwach ausfällt. Das Experiment „Free Bleeding“ könnte also durchaus anders ausgehen, wenn man während seiner Tage generell einen sehr starken Blutverlust zu verzeichnen hat oder an Erkrankungen wie beispielsweise Endometriose leidet.

Bei mir war es tatsächlich so, dass das meiste Blut dann mit herausfloss, wenn ich sowieso auf der Toilette saß, um mein großes oder kleines Geschäft zu erledigen. Trotzdem habe ich mich natürlich nicht getraut, während der Testphase meine hübschen Spitzentangas in hellblau zu tragen, sondern setzte auf die guten alten „Menstruationsunterhosen“, die glaube ich jede Person mit Uterus zuhause hat. Dabei handelt es sich einfach um alte und extrem sexy Unterhosen, bei denen es nichts mehr ausmacht, wenn man sie mit Blut oder auch anderen Körperflüssigkeiten bekleckert, die sich nicht so leicht auswaschen lassen.

Jede Frau, die mehr oder weniger regelmäßig ihre Periode bekommt, hat sich schon mal voll geblutet. Das Risiko, ausgerechnet die Lieblingsunterwäsche einzusauen, muss man auch beim „Free Bleeding“ meiner Meinung nach nicht unbedingt eingehen. Und so sehr ich auch für Body Positivity bin und dafür, dass man aufhört, Personen mit Uterus für etwas so Natürliches und vor allen Dingen für den Fortbestand der Menschheit essenzielles wie ihre Menstruation zu shamen, muss ich mich dann doch nicht mit einer weißen Hose bekleidet auf den Alexanderplatz stellen, um jedem zu zeigen, dass ich rein körperlich dazu in der Lage bin, aus meiner Vagina zu bluten.

Das Experiment fand also größtenteils in meinen eigenen vier Wänden statt, während ich frei hatte und außer mal bei Edeka neues Toastbrot und Kaffee zu kaufen keine weiteren Wege zurückzulegen oder ganz und gar mehrstündige Termine einzuhalten hatte. Was meiner Meinung nach auch echt okay ist für den Anfang, man muss beim „Free Bleeding“ jetzt auch nicht von vornherein aufs Ganze gehen, sondern darf sich ruhig die Zeit nehmen, den Körper und die Blutung überhaupt erst einmal kennenzulernen.

Die meisten von uns wissen dank so tollen Erfindungen wie Tampons nämlich überhaupt nicht so genau, wie viel Blut sie während ihrer Periode eigentlich verlieren. Ich zum Beispiel war auch echt erstaunt, wie wenig es am Ende war, weil ich vorher jahrelang das Gefühl hatte, ich würde an manchen Tagen, vor allem natürlich den ersten beiden, bluten wie eine abgestochene Sau, obwohl ich natürlich wusste, dass meine Periode im Vergleich zu der einiger Freundinnen wirklich eher schwach ausfiel.

Größere Unfälle gab es während dem ersten Mal, das ich „Free Bleeding“ ausprobierte, eigentlich keine. Lediglich einmal, als ich morgens absolut keine Lust hatte, aufzustehen, spürte ich eine kleine Menge Blut zwischen meinen Beinen entlanglaufen, was mit einem kurzen Besuch auf der Toilette und dem Wechsel der Bettwäsche allerdings auch ganz schnell wieder erledigt war.

Seitdem habe ich noch während zwei weiteren Zyklen auf Hygieneprodukte während meiner Tage verzichtet und muss sagen: Ich bin inzwischen überzeugte Anhängerin der „Free Bleeding“-Bewegung geworden und glaube, dass mich diese ganze Sache nicht nur zu einer besseren Feministin, sondern zu einem besseren Menschen generell gemacht hat.

Ich kenne nämlich nicht nur meinen eigenen Körper besser und habe der Tampon-Industrie ein kleines Schnippchen geschlagen, indem ich ihnen nicht mehr mein hart verdientes, oder von Mutti und Vati zur Verfügung gestelltes, Geld in den Rachen werde, sondern produziere durch meinen Verzicht auf Slipeinlagen und Binden auch wesentlich weniger Müll. Klar, letzteres tut man auch, indem man sich für eine Menstruationstasse statt Wegwerfartikeln entscheidet, aber deren Anwendung hat sich mir nie komplett erschlossen. Vielleicht ist mein Körper auch einfach nicht dafür gemacht, ich weiß es nicht.

Free Bleeding jedenfalls ist das absolut Beste, was mir in den letzten Jahren und auf meiner feministischen Reise zu mir selbst passiert ist. Und wer weiß, vielleicht lasse ich irgendwann in ferner Zukunft ja doch einfach Blut durch meine weißen Hosen sickern, weil ich eine ganz neue Art von Selbstbewusstsein entwickelt und ein Reinigungsmittel gefunden habe, das selbst Blutflecken aus meiner Lieblingskleidung entfernen kann. Bis dahin allerdings werde ich einfach so weitermachen wie bisher. Das heißt: Während meiner Periode einfach ein paar Mal öfter zur Toilette gehen und sonst alles erst einmal so laufen lassen, wie es eben kommt.

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Fotografie von Erol Ahmed
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Binden, Blut, Feminismus, Frauen, Free Bleeding, Hygiene, Mädchen, Menstruation, Periode, Regel, Tage und Tampons
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