Flucht nach Berlin - In meiner Heimat herrscht der Hass

Vor ein paar Tagen saß ich mit ein paar Freunden in einer Bar und sprach mit ihnen über die Großstadt. Wir alle kommen ursprünglich vom Dorf. Und mit Dorf meine…
Flucht nach Berlin - In meiner Heimat herrscht der Hass

Flucht nach Berlin

In meiner Heimat
herrscht der Hass

Vor ein paar Tagen saß ich mit ein paar Freunden in einer Bar und sprach mit ihnen über die Großstadt. Wir alle kommen ursprünglich vom Dorf. Und mit Dorf meine ich in meinem Fall ein kleines Kaff von gerade mal 300 Einwohnern. Wir sind aus den gleichen Gründen in Berlin gelandet, nämlich weil uns das Herz gebrochen wurde und wir einfach nur weg wollten.

Wir hatten keine Ahnung, was uns in der großen, fremden Stadt erwartet. Aber wir waren uns allesamt sicher, dass es hier besser wäre als daheim. Wo wir jeden Tag Gefahr liefen, dem Menschen, der uns das Herz so schlimm gebrochen hatte, wieder über den Weg zu laufen. In Wirklichkeit war unser Liebeskummer jedoch nur der letzte Tropfen auf dem heißen Stein. Also das, was uns wirklich zur Flucht bewegte. Obwohl wie schon viel länger darüber nachgedacht hatten, aus unseren Heimatdörfern abzuhauen.

Wir hatten alle ähnliche Erfahrungen gemacht, diese typischen Erfahrungen halt, die ziemlich jedes Dorfkind macht. Und insgesamt war das nicht schlecht. Doch wir sind uns alle einig: Dort hin zurück wollen wir nicht. Schon gar nicht mit Familie und Kindern. Ich war schon immer ein wenig anders als die anderen Kinder aus meinem Dorf. Was übrigens eine Aussage ist, die ich bisher nie so von mir behauptet habe, sondern ein Satz, den die anderen immer zu mir gesagt haben. Heute weiß ich, dass sie Recht hatten.

Zu den meisten Menschen aus meiner Heimat habe ich nur über Facebook Kontakt. Was heißt „Kontakt“: Ich bin dort mit ihnen „befreundet“, wie man eben mit Menschen „befreundet“ ist, mit denen man gemeinsam die Schulbank gedrückt hat, aber eigentlich nichts gemeinsam hat. Ob nicht mehr oder noch nie ist eine Frage, die ich gar nicht wirklich beantworten kann.

Wir alle sind unter den gleichen Umständen aufgewachsen. Typische Mittelschichtkinder auf dem Land eben. Uns hat es an nichts gemangelt, aber wir hatten auch nie zu viel von etwas. Wir haben sechs bis acht Stunden am Tag gemeinsam in der Schule in der nächstgelegenen Stadt gehockt, hinter den Büschen heimlich geraucht und sind am Nachmittag mit dem Bus nach Hause in unsere Käffer gefahren, um im Stall zu helfen und Counterstrike zu zocken. Einer hat dann noch die Hausaufgaben gemacht, die anderen haben sie abgeschrieben.

Am Wochenende haben wir in selbstgebauten Hütten am Waldrand Jackie-Cola getrunken und irgendwann liefen immer die Onkelz, je später der Abend, desto lauter. Wir hatten nie mit der Polizei Kontakt, nicht einmal dann, wenn wieder jemand besoffen Auto fuhr und Obdachlose oder Ausländer kannten wir nur aus Erzählungen von Leuten aus der großen Stadt.

Mit 18 gab es die ersten Tattoos, darunter mehr als einmal die 88, also das sogenannte Geburtsjahr, und den Spruch „Made in Germany“ auf den Rücken, der natürlich ironisch zu verstehen ist, weil das ja auch auf T-Shirts steht. Ich war noch immer jung und naiv genug, das zu glauben. Mittlerweile weiß ich, dass ich mir nur nicht eingestehen wollte, dass ich zusammen mit einer Horde Neonazis, oder „besorgter Bürger“, wie sie sich gerne nennen, groß geworden bin.

Trauriger als den Fakt, dass ich das früher, als ich selbst noch auf dem Land gelebt habe, nicht gesehen habe, was um mich herum passiert ist, finde ich allerdings die Tatsache, dass sich in den Köpfen der meisten dieser Menschen bis heute nichts geändert hat. Und dabei sollten sie es doch besser wissen! Die Frage, die sich mir heute, knapp zehn Jahre später stellt, ist: Warum bin ich, obwohl ich unter den gleichen Umständen aufgewachsen bin, nicht auch so geworden?

An das Intelligenzargument glaube ich nicht, denn diese Leute sind nicht dumm und waren es auch nie. Bin ich toleranter, weltoffener erzogen worden? Wohl kaum, denn auch in Teilen meiner Familie fand man Nationalsozialismus doof, Ausländer aber auch. Die sind ja schließlich alle kriminell. Und unter Hitler war ja nicht alles schlecht. Da gab es nämlich wenigstens Arbeit. Vermutlich kennt ihr die Argumente, mit denen das rechte Gedankengut verteidigt wurde, auch. Gerne mit dem Zusatz „Ich bin ja kein Nazi, aber…“

Diese Menschen, von denen ich rede, haben zum größten Teil studiert, in der nächst größeren Stadt Karriere gemacht und eine Familie gegründet. Sehr viele von ihnen sind Lehrer geworden, die ihr Wissen jetzt an die Generation, die nach ihnen kommt, weiter gibt. Sie sind keine Außenseiter, sind nicht arm, aber auch nicht reich. Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen, manche sogar ein bisschen mehr als das, und doch gönnen sie niemandem, der nicht aus Deutschland kommt oder generell nicht ihrem Weltbild entspricht, nur das kleinste bisschen, das zum überleben nötig ist.

Während sie zu unserer Schulzeit die Obdachlosen, die vor und in der Sparkasse genächtigt haben, entweder keines Blickes gewürdigt oder bespuckt haben und vor einem Jahr noch Petitionen unterzeichneten, mit denen man aktiv gegen Menschen, die auf der Straße leben und „das Stadtklima verschandeln“ vorgehen wollte, teilen sie heute auf Facebook fleißig kleine Bildchen und Statusmitteilungen, mit denen sie ihren neuen politischen Standpunkt klarmachen wollen.

Der lautet in etwa: Solange Deutsche auf der Straße leben müssen, können wir doch keine Flüchtlinge hier aufnehmen! Nur, dass der Tonfall sehr viel weniger nett ist und die Texte mit vermeintlichen Zahlen und Fakten gespickt sind, sie sich bei näherer Prüfung als falsch herausstellen. Würden sie sich auch so viele Gedanken um obdachlose Menschen machen, wenn keine Flüchtlinge nach Deutschland kommen würden? Wohl kaum.

Doch warum genau unterzeichne ich jetzt eigentlich keine Petitionen, mit denen Obdachlose aus der Stadt gejagt werden sollen? Warum bin ich dafür, dass wir Flüchtlinge aufnehmen, und zwar so viele es geht, und nicht dagegen? Ist es die Großstadt, die mich offener und toleranter gemacht hat? Mein jetziger Freundeskreis? Das Internet? Oder bin ich vielleicht nur „linksradikal“ geworden, weil ich unbedingt gegen den Strom schwimmen musste, der auf dem Dorf nun mal eher rechts orientiert war?

So sehr ich auch grüble, ich finde keine Antwort auf die Frage, warum ich in diesen, und vielen anderen Punkten, so anders bin als sie und es gefühlt schon immer war. Warum ich mir soziale Gerechtigkeit für alle wünsche, ganz egal, ob das Obdachlose, Flüchtlinge oder Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, sind. Und zwar immer und nicht erst, wenn eine, vermeintliche, Krise bevor steht.

Ob ich mich besser finde als die? Ja. Denn auch wenn ich selbst nicht perfekt bin, kann ich von mir immerhin behaupten, dass ich kein Rassist bin. Es mag sein, dass es nicht überall so ist und natürlich gibt es auch in meiner Heimat Menschen, die überhaupt nicht so sind wie die, die ich ein paar Zeilen weiter oben beschrieben habe.

Die Geschichten meiner Freunde waren denen, die ich an diesem Abend zu erzählen hatte, jedoch erschreckend ähnlich und dieser Rassismus sowie die Homophobie, die Transfeindlichkeit und die den Männern untergeordneten Positionen, die Frauen auf dem Dorf einzunehmen haben, alles Dinge, die eigentlich einen eigenen, wütenden Artikel verdient hätten, sowie etliche weitere „Kleinigkeiten“, sind genau der Grund, weshalb wir alle nicht in die Orte zurück wollen, in denen wir aufgewachsen sind. Obwohl es dort an sich ganz schön ist. Wenn nur diese Menschen nicht wären. In der Großstadt kann man diesen Arschlöchern wenigstens aus dem Weg gehen. Und ich, ich werde ab sofort versuchen, auch meinen Facebookfeed arschlochfrei zu halten.

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Die Fotografie stammt von Adam Vradenburg
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Deutschland, Dörfer, Dorfleben, Flüchtlinge, Hass, Heimat, Landleben, Nazis und Rassismus
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