Fernsehen statt Feiern - Partys sind scheiße

Es ist Samstagabend und ich sitze zu Hause vor dem Fernseher. Netflix & Chill, wobei das in meinem Fall bedeutet, dass ich auf der Couch fläze und mir einen schlechten…
Fernsehen statt Feiern - Partys sind scheiße

Fernsehen statt Feiern

Es ist Samstagabend und ich sitze zu Hause vor dem Fernseher. Netflix & Chill, wobei das in meinem Fall bedeutet, dass ich auf der Couch fläze und mir einen schlechten Film nach dem anderen reinziehe. Ich habe heute bereits Magic Mike gesehen, Magic Mike XXL, und wenn es ihn gäbe, ich würde mir auch noch Magic Mike XXXXL ansehen.

Leuten im Kino oder TV beim Feiern (und sich ausziehen) zuzugucken, finde ich inzwischen wertvoller, als mir selbst vor Clubs die Beine in den Bauch zu stehen und 10 oder gar 15 Euro Eintritt dafür zu bezahlen, dass ich am nächsten Tag mit leerem Geldbeutel und immer schlimmer werdenden Katern aufwache. Obwohl ich wirklich nur drei Bier getrunken habe. Amazon Prime, Netflix und Sky Ticket sind für mich bessere Freunde, als es irgendwelche Partybekanntschaften jemals sein könnten und ich schäme mich auch nicht, das offen zuzugeben.

Hallo, mein Name ist Sophie und ich bin offiziell zu alt für wilde Partys. Zwar bin ich „erst“ 24 und stehe damit „in der Blüte meines Lebens“, zumindest wenn man nach meinen Eltern geht, die mir ständig erzählen, ich solle die Zeit, in der ich noch ungebunden bin und keine Kinder habe, genießen. Wie das gehen soll, wenn man wie ich zehn bis zwölf Stunden pro Tag im Büro hängt und in seiner „Freizeit“ bereits Pitches für die kommende Woche vorbereiten muss, haben sie mir allerdings nicht verraten.

Vielleicht geht das mit Kokain, aber wie ich auf der Weihnachtsfeier meiner Firma festgestellt habe, ist koksen leider nicht mein Ding. Ich wage auch zu bezweifeln, dass meine Eltern mit „ich solle die Zeit genießen“ meinten, dass ich drogensüchtig werden soll, um Job und Privatleben so unter einen Hut zu bekommen, dass ich meinen Enkelkindern später erzählen kann, was für ein irres Partyleben ich doch hatte, während ich ganz nebenbei Karriere machte, Sexismus bekämpfte und ihre Mutter großzog.

Es ist nicht so, dass Partys mir keinen Spaß machen oder ich Menschen so sehr hasse, dass ich am liebsten jeden Kontakt mit ihnen vermeide. Im Gegenteil, ich würde mich durchaus als geselligen Menschen bezeichnen, der gerne unterwegs ist, neue Leute kennenlernt und zu Musik jeglicher Genres die Hüften schwingt. Mir mangelt es nur irgendwie an der Energie, die andere Menschen zu haben scheinen, wenn sie nach einem anstrengenden Tag im Job oder in der Uni noch losziehen, um sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, statt es sich – wie ich – vor dem Fernseher bequem zu machen, um für einen Moment mal zu genießen, dass man absolut nichts tun muss, außer auf einen viereckigen Kasten zu starren und Channing Tatum dabei zuzusehen, wie er sich vor wild grölendem Publikum nackig macht.

Während es mir früher – und damit meine ich so das Alter zwischen 16 und 21 Jahren – absolut nichts ausgemacht hat, ein ganzes Wochenende lang wach zu bleiben und am nächsten Montag trotzdem wieder zumindest halbwegs fit in Schule oder Uni zu sitzen, reicht inzwischen ein Schlafdefizit von nur sechs Stunden aus, um mich in einen sozial unerträglichen Zombie zu verwandeln, dessen Augenringe schwärzer sind als der Kaffee, den ich mir reinballern muss, um meine Lider wenigstens halbwegs offen zu halten und nicht bei der Arbeit vor dem Rechner, morgens in der U-Bahn oder sogar auf dem Heimweg beim Laufen auf offener Straße einzuschlafen.

Vom dem Kater, der mich inzwischen heimsucht, wenn ich auch nur ein halbes Gläschen Wein zu viel getrunken habe, will ich lieber gar nicht erst anfangen. Wobei, will ich doch. Denn wenn ich früher nach langen Nächsten vielleicht mal mit einem etwas flauen Gefühl im Magen aufgewacht bin, das sich nach einer heißen Dusche und einem angemessenen Frühstück sofort wieder verflüchtigt hatte, fühlt sich der Tag nach etwas Alkoholkonsum für mich inzwischen an, als würde mich mein eigener Körper auf möglichst qualvolle Art vollenden lassen wollen.

Und das obwohl ich mich im Gegensatz zu früher mittlerweile eigentlich ganz gut ernähre und mir ein, zwei oder auch drei Drinks nun wirklich nichts anhaben sollten. Tun sie aber leider trotzdem. Mehr auf jeden Fall, als die komplette Tüte Chips, die ich so manchem Abend auf der Couch bereits verdrückt habe. Ich weiß, ich weiß. Aber abgesehen von den gelegentlichen Snacks vor dem Fernseher ernähre ich mich wirklich gut. Zumindest besser als noch vor wenigen Jahren.

Vielleicht ist das gerade auch nur „so eine Phase“, in der man eben mal so einen Durchhänger hat und weniger Zeit auf Partys und in Clubs verbringt als früher. Kann ja sein, dass ich in sechs Monaten bis einem Jahr wieder richtig Lust darauf bekomme, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen, weil es mir neue Energie schenkt, statt sie mir zu rauben. Momentan aber fühle ich mich zu alt für diesen Kram. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn eigentlich, muss ich sagen, gefällt mir mein Leben aktuell ganz gut.

Zwar muss ich mich manchmal vor anderen Menschen dafür rechtfertigen, dass ich die Zeit lieber alleine zuhause verbringe, als mit ihnen auszugehen, und mir wurde sogar schon ein paar Mal unterstellt, depressiv zu sein (ich kann euch garantieren, dass dem nicht so ist), aber ich fühle mich damit nun mal gerade wohl. Ich bin um ehrlich zu sein sogar ziemlich froh, dass ich nicht zu diesen Leuten gehöre, die eine Party nach der nächsten nachjagen und vom dem ständigen Gefühl umgetrieben zu werden, etwas zu verpassen, wenn sie sich hier und dort nicht blicken lassen und dies und jenes nicht auch noch mitnehmen.

Das Einzige, was ich verpasse, sind schlaflose Nächte, Alkohol- und Drogenexzesse, die mit fiesen Katern enden und One-Night-Stands, auf die man im Nachhinein betrachtet doch hätte verzichten können, weil sie mir nichts gebracht haben außer Angst, mich mit einem Tripper infiziert zu haben. Und das sind jetzt wirklich nicht die Dinge, auf die ich sonderlich viel Wert lege. Da nutze ich meine Freizeit dann doch lieber, um die Füße hochzulegen, mich von meinem anstrengenden Alltag zu erholen und all die Serien zu bingen, die ihr sehen würdet, für die euch aber vor lauter Feierei die Zeit fehlt.

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Illustration von Maria Shukshina und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Alkohol, Drogen, Jungs, Mädchen und Partys
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