Fake It Till You Make It - Das unechte Leben

Wunderkinder wie wir haben es nicht gerade einfach, auf dieser Welt zurecht zu kommen. Unsere Eltern erzählen uns achtzehn Jahre lang, was wir für Helden sind – und wir glauben…
Fake It Till You Make It - Das unechte Leben

Fake It Till You Make It

Das unechte
Leben

Wunderkinder wie wir haben es nicht gerade einfach, auf dieser Welt zurecht zu kommen. Unsere Eltern erzählen uns achtzehn Jahre lang, was wir für Helden sind – und wir glauben es uneingeschränkt. Aber trotz der übermenschlichen Superkräfte werden uns Herzen gebrochen, müssen wir für die Schule lernen und kriegen das mit dem Taschengeld nicht so richtig hin.

Und weil die Zweifel uns übermannen, brechen wir inmitten der Pubertät zusammen: Arme aufritzen, im seelischen Sterbebett liegen, zusammen mit anderen wilden Halbstarken in Ecken kotzen, weinen, Menschenhass bündeln, randalieren und protestieren und laut um Aufmerksamkeit betteln. Das dauert dann nicht lange, und weil wir diese grausame Phase in eigener Kraft überstanden haben, kommen wir, Abitur in der Tasche, Jungfräulichkeit verloren, endlich Studium und Ausziehen und Party und was auch immer, wieder an den Punkt, wo wir uns endgeil finden. Endgeil, sage ich euch.

Wer ist nicht schon hoch erhobenen Hauptes in ein Flugzeug gestiegen, um den Traum vom Auslandsjahr zu verwirklichen? Wer ist nicht am ersten Tag des Studiums mit dem Gefühl von „Ich ficke sie alle weg“ in den Hörsaal getreten? Oder am ersten Arbeitstag mit neuer Garderobe aufgefahren, mit dem besten Lächeln im Gesicht, mit einstudiertem Charisma und bis zum Rand gefüllt mit Selbstsicherheit? Denn endlich ist die Teenage-Angst-Phase vorbei, abgeschlossen, vergessene Sache, hier gehören wir hin, ins echte Leben.

Hier spielen sich die Geschichten der Soaps und Primetimefilme des privaten Deutschlandfernsehens schließlich ab, hier ist das, was man als fertig entwickelter Charakter eine „Lebensgeschichte“ nennt. Hier treffen sich Partner mit einem „Für immer“-Stempel, hier finden sich Freunde, die Patentante und Trauzeuge werden, hier finden sich die ersten eigenen Wohnungen und die besten Partys und teure Autos und ein geregeltes Karrierepensum, Tendenz zum Erfolg.

Nur ist es leider so, dass wir Wunderkinder im Ausland ankommen und feststellen, dass wir keine Freunde haben, die Sprache nicht sprechen und von niemandem beachtet werden. Im Hörsaal kennt jeder jeden. Nur man selbst niemanden. Und man kommt von Anfang an im Stoff nicht mit. Ups, da war wohl ein Vorbereitungsdings, was versäumt wurde. Und die Arbeitskollegen hassen uns. Das ist aber nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste ist, dass wir keine Ahnung haben, was wir eigentlich tun müssen. Wir sitzen jeden Tag im Büro und arbeiten Dinge ab in der Hoffnung, dass man uns klare Anweisungen gibt. Und ansonsten versuchen wir hauptsächlich Arbeitskollegen, Praktikanten und Vorgesetzte davon abzulenken, dass wir den ganzen Tag auf Facebook rum surfen und lustige Bilder sammeln.

Und so ist das nun einmal bei vielen Dingen. Steuererklärung? Hausratsversicherung? Autounfall? Haushalt schmeissen, Wäsche waschen, Party machen, Nine to Five, Ummelden, Haustier halten, Stress mit der Freundin… Scheisse, wie haben die Eltern das damals eigentlich alles gemacht? Und wie machen das die Freunde? Und Kollegen?

Hey, schaut mich nicht so an. Ich stecke mittendrin. Alles, was ich machen kann, ist mehr „Scrubs“ zu gucken und mich von JDs ungebrochenem Optimismus anstecken zu lassen. Zu hoffen, dass keine Rechnung kommt, und wenn doch, fuck it, ich mach die Post einfach nicht auf! Und wenn ich keine Unterwäsche mehr habe, dann kaufe ich mir einfach neue, weil Waschen – dafür ist keine Zeit, ich muss die Karriereleiter hochsteigen und noch viel Geschlechtsverkehr ausüben.

Nur manchmal, wenn ich so die Welt um mich herum beobachte, dann holt mich die Tatsache ein, dass ich vielleicht mit meinem Schaden und meiner Unfähigkeit zu Leben nicht alleine bin. Es ist viel mehr ein Trial-&-Error-Experiment, und man lernt gerade von Anfang an, wie man läuft, bis man irgendwann rennen kann. Geben wir es zu: Wir haben keine Ahnung.

Wir sind nicht nur befallen vom Impostor-Syndrom, wir haben ehrlich und wahrlich einfach keine Ahnung, wie das alles funktionieren soll. Und wie unsere Eltern befolgen wir nur eine einzige Lebensphilosophie, die uns eines Tages die Gewissheit und Sicherheit des Seins in die Hand legt und jegliche menschlich getroffene Entscheidung abnimmt: Fake it til you make it. Und zeigt mir einen, der es nicht so gemacht hat.

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Die Fotografie stammt von Austin Distel
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