Ey, Lockenkopf! - Eine kleine Begegnung in Berlin

„Schönen juten Tach, wie man in Berlin sagt. Mein Name ist Benno, und ich heiße euch herzlich willkommen zur Streetart-Foto-Rallye durch Friedrichshain und Kreuzberg.“ Unsere kleine Gruppe von neun Teilnehmern…
Ey, Lockenkopf! - Eine kleine Begegnung in Berlin

Ey, Lockenkopf!

„Schönen juten Tach, wie man in Berlin sagt. Mein Name ist Benno, und ich heiße euch herzlich willkommen zur Streetart-Foto-Rallye durch Friedrichshain und Kreuzberg.“ Unsere kleine Gruppe von neun Teilnehmern hat sich um den Rallye-Leiter versammelt, der mit seinen kreisrunden Brillengläsern genau so aussieht, wie man sich einen Künstler oder einen etwas sonderbaren Fotografen vorstellt.
Ich schaue mir die anderen Teilnehmer an.

Ein händchenhaltendes Paar, das Tom und ich hätten sein können, ein Mann mittleren Alters, der bis zum Haaransatz mit Foto-Equipment beladen ist, zwei aufgebrezelte Spanierinnen, zwei Teenagermädels in bedruckten Banksy-Shirts und – ein großer, breiter, kahlrasierter Typ. Er mustert mich aus stahlblauen Augen. Sein Grinsen erinnert mich an das eines Trophäensammlers auf Wildtiersafari.

Schnell wende ich mich wieder Benno zu, der uns gerade erzählt, wie lange er diese Touren schon veranstaltet und was wir vom heutigen Tag erwarten können. So richtig bei der Sache bin ich allerdings nicht, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass mich der kahlrasierte Typ immer noch beobachtet.

Ich warte ein paar Sekunden, bis ich vorsichtig zum Jäger und Sammler rüberschiele. Seine Arme sind fast vollständig schwarz, mit Tattoos zugehackt vom Handgelenk bis wer weiß wohin. Ein weißes, enganliegendes Shirt spannt nicht nur über seinen muskulösen Oberarmen. Auch die Brust ist gut trainiert und zeichnet sich unter dem dünnen Stoff ab. Der Typ könnte Kickboxer sein.

Auf jeden Fall sieht er nicht wie jemand aus, der scharf darauf ist, seinen freien Samstag mit einer handvoll Touris auf einer Foto-Rallye zu verbringen. Oder Hipstern. So wie ich in seinen Augen wahrscheinlich einer bin. Nagelneue, blauweiße Nikes, dazu eine dunkelblaue, enge Jeans und ein weißes Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln. On-top gibt’s einen Jutebeutel und eine Kette aus teurem H&M-Gold.

„Wir sind hier auf dem RAW-Gelände“, erzählt Benno. „Weiß jemand, wofür die drei Buchstaben stehen?“ Alle schütteln den Kopf. Zumindest die, die ich sehen kann. Zu dem Kickboxer traue ich mich nicht schon wieder zu gucken. „Früher befand sich auf dem Gelände das Reichsbahnausbesserungswerk, hier wurden also Züge repariert.“

Wir laufen ein Stück weiter und bleiben neben dem Eingang eines flachen, länglichen, mit Graffitis übersäten Gebäudes stehen. Dort bilden wir einen Kreis um Benno und lauschen seinen Ausführungen. Der Kickboxer hat sich genau mir gegenüber positioniert. Wie er da steht: Beine leicht gespreizt, Arme vor der Brust verschränkt, durchgestreckter Rücken. Poserstyle. Türsteherattitüde. Der Typ ist wie ein Unfall. Man weiß, dass es schlimm ist, kann aber trotzdem nicht weggucken.

Er hat meinen Blick bemerkt und schenkt mir wieder ein gefährliches Grinsen. Schnell blicke ich weg, denn was ich noch mehr hasse als Typen, die wissen, dass sie geil sind, sind Typen, die wissen, dass sie geil sind und das von meinen Blicken dann auch noch bestätigt bekommen. „In der Halle hier links war also die Werkstatt, gleich daneben, in dem kleineren Gebäude das Planungsbüro für alle Einsätze und Transporte. Wie ihr seht, befindet sich in einem der Gebäude heute eine Skatehalle, in dem anderen ein Café.“

Nachdem wir nun bestens über den historischen Hintergrund des Geländes informiert sind, kommen wir endlich zum eigentlichen Thema: der Streetart. Benno erzählt uns, welche Künstler sich hier in den letzten Jahren verewigt haben. Wobei verewigen natürlich nicht das richtige Wort ist. Schließlich ist Streetart vor allem eins: unbeständig. Er zeigt uns Wände, die so oft übermalt wurden, dass der Putz zentimeterdick von ihnen abbröckelt. „In Friedrichshain besonders stark vertreten sind Stencils. Habt ihr schon mal gehört, oder?“

Eins der Teenagermädels meldet sich. „Das mit den Schablonen?“ Unser Rallye-Führer nickt zufrieden. „Richtig, bei Stencils entstehen die Motive, indem Farben durch Schablonen auf Papier gesprayt werden. Jede Farbe bekommt einen eigenen Schablonenschnitt, das Bild besteht also später aus mehreren Schichten und wird dann als eine Art übergroßer Papiersticker irgendwo ins Stadtbild geklebt. Natürlich könnten die Künstler die Farbe durch die Schablonen auch direkt an die Wand bringen, bräuchten dafür aber Zeit und Ruhe. Da Streetart in unserer Gesellschaft aber leider noch nicht als akzeptierte Kunstform angekommen, sondern offiziell verboten ist, müssen sie sich oft beeilen.“

Benno holt seine Kamera aus dem Rucksack und erklärt uns unsere erste Aufgabe. „Wir starten mit etwas Leichtem: Begebt euch auf Stencil-Suche und fotografiert, was ihr findet. Die Auswertung dazu erfolgt dann in der Gruppe.“ Gesagt, getan. Wir strömen in unterschiedliche Richtungen aus. Das Gelände entpuppt sich als unglaublich weitläufig. Hinter jeder Ecke offenbaren sich weitere unerforschte Gänge, Gebäude, besprühte Wände. Ich bin zwar nicht zum ersten Mal auf dem RAW-Gelände, war aber vorher nie abseits des Hauptwegs unterwegs, der zwischen den Clubs, Bars und Sporteinrichtungen hindurch führt.

Das Gebiet hier ist leider auch für seine Drogendealer, Junkies und Obdachlosen bekannt. Ich weiß also nicht, wessen „Zuhause“ oder Revier ich hinter der nächsten Ecke betrete. Oder wer mich kreischend von hinten anspringt, mir ins Ohr beißt oder mir mit einem fuchtelnden Messer die Kamera klauen will. Aber gut, an einem sonnigen Tag wie heute wird mir hier sicher nichts passieren.

Ich biege ab, einmal rechts, dann wieder links, und habe Glück. An der Rückseite der Skatehalle entdecke ich ein fast unbeschädigtes Stencil von Alias. Jackpot, Baby! Ich gehe noch einen Schritt näher, schaue es mir ganz genau an. „Das bekommste garantiert nicht runter. Brauchste gar nicht drüber nachdenken, Lockenkopf.“

Erschrocken drehe ich mich um. Na toll, der Kickboxer hat mich gefunden. „Als ob ich an dem Ding hier rum pulen würde.“ Nun kommt auch er näher und tastet den Rand des Stencils ab. „Na, man weiß ja nie, ne? Gibt ja genug Kaputte, die versuchen, die Bilder abzulösen, um sie sich zu Hause wieder aufzuhängen.“

„Mir reicht es, ein Foto davon zu machen“, sage ich etwas schnodderiger als gewollt. Der Kickboxer hebt beschwichtigend die Hände. „Okay, okay.“ Dann deutet er auf die Kamera um meinen Hals. „Schönes Teil hast du da. Das ist ’ne Nikon D5300, oder?“ Ich nicke. Damn right, und die ist hart erarbeitet und lange zusammengespart worden.

„Naja, jedenfalls gut, dass ich dich gefunden habe. Dachte, du brauchst vielleicht Begleitschutz.“ Ha, als ob! Ich will gerade etwas sagen, da zieht er seine Kamera nach vorne. „Dein Ernst?“ Er grinst und drückt den On-Button auf seiner Cam. „Gefällt dir mein Baby?“ „Du hast eine RED Scarlet mitgebracht? Nimmt man die nicht eher als Videokamera?“

„Uhh, Lockenkopf kennt sich aus, sehr schön. Aber hast recht, das Teil ist eigentlich zu wertvoll für den Einsatz hier. Kostet in der Zusammenstellung knapp dreißig Scheine.“ „Dreißig Hunderter?“, frage ich und ernte höhnendes Gelächter. „Häng mal noch ’ne Null dran.“

30.000?! Was für ein Proll! „Jetzt hast du mich aber wirklich schwer beeindruckt“, sage ich betont tonlos und lasse ihn stehen. Was will der überhaupt? Warum geht er nicht zu den aufgepimpten Spanierinnen? Die würden sich über eine knackige Berlinbekanntschaft, die sie heute Abend ins Berghain begleitet, sicher freuen.

„Hast du schon was Gutes geknipst?“, fragt er, während er aufholt. „Ich knipse nicht, ich fotografiere.“ Er schüttelt grinsend den Kopf. „Ach, so eine bist du, alles klar.“ Wie, so eine? „Ich heiße übrigens Mark.“ Er hält mir die Hand hin und schaut mir dabei so tief in die Augen, dass sich in mir eine einzelne Fledermaus durch die Gitterstäbe quetscht.

Ich blicke auf seine Hand hinunter, schüttle sie, verrate ihm aber nicht meinen Namen. „Und, wie bist du zu der Tour gekommen?“ Er lässt den Blick über die besprayten Wände schweifen. „Eigentlich bin ich nur hier, weil es mein bester Freund gestern in der Muckibude leicht übertrieben hat. Übler Hexenschuss, kann sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Also habe ich angeboten, heute ein paar Fotos für ihn zu machen. Bring sie ihm später auf ’nem USB-Stick vorbei, dann hat er wenigstens digital an der Tour teilgenommen.“

Jetzt muss ich wirklich lachen. Was für ein Typ! „Was ist so lustig?“ „Du!“, platzt es aus mir heraus. Daraufhin schaut er mich so verunsichert an, dass es mir fast schon wieder leid tut. „Entschuldige, aber einem wie dir, hätte ich so viel Nächstenliebe gar nicht zugetraut„, schiebe ich deswegen schnell hinterher. “Allein die Vorstellung, wie du später an dem Krankenbett deines Kumpels sitzt und ihm deine Aufnahmen zeigst. Irgendwie romantisch.“ „Einem wie mir, ja? Dann lass dir mal gesagt sein, dass ich ein Meister der Tarnung bin, Lockenkopf“, sagt er, hält die Kamera in meine Richtung und drückt ab.

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Fotografie von Robby McCullough
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Frühwarnsystem" von Sophie Krause, das ihr auf Instagram auch in interaktiver Form bewundern könnt.
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