Entschuldigung des Privilegs - Wir haben alles, was wir wollen

Und so holte mich das betäubende Gefühl der Freiheit einmal mehr ein. Freilich unter anderen Umständen, aber mindestens genauso schwerwiegend und emotional wie auch damals, als ich mit 19 Jahren…
Entschuldigung des Privilegs - Wir haben alles, was wir wollen

Entschuldigung des Privilegs

Wir haben alles,
was wir wollen

Und so holte mich das betäubende Gefühl der Freiheit einmal mehr ein. Freilich unter anderen Umständen, aber mindestens genauso schwerwiegend und emotional wie auch damals, als ich mit 19 Jahren mein Elternhaus verließ und in ein Auto stieg, um mein eigenes Leben zu beginnen.

Eines, das mir nicht systematisch diktiert wurde. Eines, in dem ich meine eigenen Entscheidungen traf und für jeden Fehler verantwortlich gemacht wurde. Vor allem von mir selbst. Es gab keine Entschuldigungen mehr, aber es gab so viele Möglichkeiten. Und heute wie damals stehe ich in einem fiktiven Supermarkt mit so viel Auswahl, dass mir schwindelig wird. Ich kann alles haben, aber darum geht es nicht. Es geht darum genau die Dinge auszuwählen, die mich glücklich machen.

Doch dieses Mal ist eine Sache anders. Mit der Glückseligkeit der Situation kommt auch das dämmernde Bewusstsein, dass meine Freiheit fast einzigartig ist auf dieser Welt. Wie viele Menschen verschwenden ihr Leben darauf, sich einzukerkern? Wie viele Menschen werden niemals dieses kleine, subtile Gefühl des Alleinseins und das Spüren der weiten Welt überhaupt als etwas Wichtiges ansehen, wenn sie erst mal etwas zu essen finden müssen?

Ich sitze also auf meiner Fensterbank und fühle mich frei, als mich gleichzeitig ein ganz anderes Gefühl erobert und meinen Herzschlag lähmt. Ich bade in einer Emotion, die künstlich ist, die auf Kosten anderer existiert. Also freue ich mich darüber, dass ich eine eigene Bude habe. Dass ich machen kann, was ich will, während zwei Drittel der Menschheit an Hunger, Krankheiten und im Krieg sterben, und sich Eltern jeden Tag und jede Sekunde fragen müssen, ob ihre Kinder den morgigen Sonnenaufgang noch miterleben werden?

Das ist die bittere Realität für mich. Ich genieße die privilegierte Geburt in eine Gesellschaft, die augenscheinlich alles bereits mühevoll erarbeitet hat, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Denn eigentlich bin ich in einer Gesellschaft aufgewachsen, die die Augen vor der Realität verschließt und hinter den Lidern lieber das Leben romantisiert und zu einem kitschigen Drama formt. Ich freue mich über die kleinen Dinge. über einen plötzlichen Platzregen, der mich nach Hause rennen lässt. Ich freue mich über so etwas wie gutes Essen, dass nicht meine Geldbörse sprengt. Freue mich über einen guten Song. Freue mich über neue Schuhe.

Aber ich kämpfe nicht. Ich setze im Stillstand ein. Noch vor einigen Jahren sind Leute auch hier noch auf die Straße gegangen, mit gereckten Fäusten. Heute recken wir die Fäuste nur noch, weil das ein guter Tanzmove ist. Unsere Münder formen Schreie, aber kein Ton kommt heraus. Jeder bringt dieses Empfinden mit. Dass sich etwas bewegen muss. Aber auch das ist Romantik, wie eine verwaschene Erinnerung an ein Leben vor unserer Zeit. Das Beobachten der Revolutionen von Menschen in Afrika und im Mittleren Osten. Auch das ist Romantik. Ich wünsche mir das für uns, hier. Dass wir wieder kämpfen, dass wir wieder einstehen, dass wir das System durchbrechen.

Doch wofür? Wir haben alles, was wir wollen. Freiheit und Illusion. Wir sind frei zu kämpfen, für einen neuen Fußgängerüberweg, für günstigere Spritpreise, für die Abschaffung von AKWs. Die Selbstverständlichkeit dieser skandierten Aussagen macht mich traurig, weil wir immer mehr fordern, anstatt mit immer weniger klarzukommen und uns mit anderen, denen es viel schlechter geht, in der Mitte zu treffen. Da, wo ein Gleichgewicht entsteht.

Der Regen hört schlagartig auf, meine Zigarette ist schon längst abgebrannt. Der Wind verteilt die letzten Krümel Asche durch die Luft. Ich stehe auf, schließe das Fenster, atme ein, fühle mich schwer und schlecht. Freiheit ist ein Trugschluss, solange wir sie nicht nutzen. Freiheit ist kein Begriff aus einem preisgekrönten Kinofilm. Freiheit ist das, wofür andere Menschen gestorben sind und sterben. Freiheit ist unendlich da. Aber wir nehmen sie uns gegenseitig und ignorieren dabei die Opfer und Leichen, die sich auf anderen Kontinenten häufen. Wir müssen uns daran erinnern, dass Freiheit nicht geschenkt ist. Dass sie nicht selbstverständlich ist. Wir müssen alle daran arbeiten. Wir müssen etwas tun.

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Die Fotografie stammt von Joshua Rawson-Harris
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Deutschland, Frauen, Freiheit, Geld, Jugend, Jungs, Mädchen, Männer und Politik
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