Endstation Uni - Arbeitslos sein oder Kinder kriegen?

„Vielleicht sollte ich einfach schwanger werden“, sage ich. Kurze Pause. „Hm ja“, antwortet sie. „Alt genug wärst du, und du bist immerhin in einer festen Beziehung.“ Es ist das erste…
Endstation Uni - Arbeitslos sein oder Kinder kriegen?

Endstation Uni

„Vielleicht sollte ich einfach schwanger werden“, sage ich. Kurze Pause. „Hm ja“, antwortet sie. „Alt genug wärst du, und du bist immerhin in einer festen Beziehung.“ Es ist das erste Mal, dass ich den Gedanken ausspreche, der mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf gewandert ist. Schwanger werden.

Nicht, weil ich ein Kind will. Nicht jetzt jedenfalls. Auch nicht, weil ich meinen Freund so sehr liebe, dass ich eine Familie mit ihm gründen will. Nicht jetzt jedenfalls. Und auch nicht, weil ich ihn an mich binden will oder so gerne „Vater, Mutter, Kind“ spiele. Nein. Aber weil es leichter ist. Leichter als einen Job zu finden.

Generation Praktikum. Die durchschnittliche Akademikerin ist nach ihrem Studium neun Monate arbeitslos. Also alles noch im Rahmen. Im ersten Semester gab es sogar an der Uni eine Infoveranstaltung, in der man uns mitteilte, dass wir nach dem Studium nur schlecht bezahlte Jobs bekommen werden, auf die wir auch noch lange warten müssen. Das hat man davon, wenn man Kulturwissenschaften studiert.

Besser werden die Chancen auf dem Arbeitsmarkt auch nicht durch das Hauptfach Kreatives Schreiben. Alles also vorher klar gewesen, alles vorher schon gehört. Das Ganze kommt nicht plötzlich für mich, ich wusste, was mich erwartet. Eine Kommilitonin hat nach ihrem Abschluss drei Jahre lang bei Starbucks gearbeitet und „Moccafrapucchinoicedlatte“ auf Pappbecher geschrieben, statt Texte zu schreiben.

Jeden Tag standen ihr kleine Mädchen gegenüber und blickten sie mit mitleidigen Augen an. „Auch ihr werdet mal arbeitslos sein, wartet’s nur ab, ihr kleinen Möchtegern-Modeblogger! Eure Euphorie wird verschwinden, sobald ihr in der wahren Welt da draußen überleben müsst“, wollte sie ihnen entgegen schreien.

Jeden Tag standen ihr erfolgreiche Geschäftsleute gegenüber und blickten sie gar nicht an, sondern nur auf ihre Uhr. „Ihr werdet vielleicht nie arbeitslos sein, aber irgendwann was von mir wollen, wenn ich erfolgreich bin, eines Tages, wartet’s nur ab“, wollte sie ihnen entgegen rufen und in ihren Espresso Macchiato spucken.

Eine andere Kommilitonin putzte, nachdem sie ihr Studium mit 1,0 abgeschlossen hat, mehrere Jahre die Wohnungen von fremden Leuten, die wahrscheinlich mit einem Realschulabschluss und einer Ausbildung mit 19 schon an ihre unbefristete Vollzeitstelle kamen. Sie staubsaugte ihren Fußboden, wischte ihre Scheiße aus dem Klo, fingerte ihre Essensreste aus dem Abfluss, machte ihr Bett, räumte benutze Kondome weg, wischte Staub, goss die Pflanzen und wusch ihre dreckige Wäsche.

Und immer wieder sage ich mir: „Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Geisteswissenschaftliches Studium. Es dauert halt, aber dann kommt der Job schon. Die nächste Bewerbung musst du nur ein bisschen besser schreiben!“ Und alle sagen: „Ja ja, das dauert, du wusstest das doch!“

Doch keiner sagte einem vorher, wie kacke das ganze wirklich ist. Nicht zu wissen, wo man in den nächsten Monaten leben wird. Flexibilität ftw. Das Jobcenter fragen zu müssen, ob man am Wochenende weg darf. Alle Kämpfe, die man in der Pubertät mit den Eltern führte, scheinen sinnlos gewesen zu sein. Jetzt ist jemand Neues da, der einem sagt: „Hamburg über’s Wochenende? Ne ne, das geht nicht!“

Wie scheiße es ist, Bewerbungen zu schreiben, für Jobs, die man nicht will, in Städten, die man nicht mag, weil man von Tag zu Tag verzweifelter wird. Weil man die Deadline im Nacken sitzen hat. Wer den Anschluss verpasst, findet gar keinen Job mehr. Für ein Jahr raus, für immer raus. Also fängt man an, sich für Ehrenämter zu bewerben. „Hallo, darf ich bitte umsonst für sie arbeiten?“

„Vielleicht sollte ich einfach schwanger werden“, sage ich. Kurze Pause. „Das ist aber ein bisschen armselig“, antwortet sie. Es ist das zweite Mal, dass ich den Gedanken ausspreche, der mir in den letzten Monaten immer wieder durch den Kopf gewandert ist. Schwanger werden, weil ich keinen Job finde. Ja, armselig ist das, wie so vieles im Leben. Aber leichter, wie so vieles Armselige.

Endlich kein Herumgedruckse mehr auf die Frage „Und was machst du jetzt so? Dein Studium ist doch schon ’ne Weile fertig…“ Nein. Ab jetzt immer eine Antwort parat. Und immer was zu tun. Eine dicke Kugel als Bauch – und keiner fragt mehr nach. Alle gucken nur. Und ich kann Pläne machen, Bio-Essen kochen, eine Wickelkommode kaufen, die beste auf dem Markt. Endlich mal wieder gut sein.

Kinder kriegen ist angesehener als Hartz IV kriegen. Kinder kriegen erfüllt, sagt man. Hartz IV kriegen nicht. Und später dann kann ich sagen: „Ach du, ich konnte ja nicht arbeiten, ich wollte ja, aber dann kamst du!“ Und ich kann mein Kind ein bisschen hassen und mir ein bisschen sagen, dass es meine Karriere versaut hat und ich sonst schon etwas gefunden hätte.

Dass ich sonst schon erfolgreich gewesen wäre. Aber dass ich dann nun mal gefickt habe und schwanger und anschließend Mutter wurde und dann eben keine Bewerbungen mehr schrieb, sondern nach dem perfekten Kinderwagen googelte. Und ganz leise kann ich auch mich ein bisschen hassen.

Ich wusste, was mich erwartet. Der Arbeitsmarkt ist hart. Der Arbeitsmarkt im kreativen Bereich ist härter. Noch härter ist aber der Arbeitsmarkt im kreativen Bereich für eine Mutter mit Kind. Dann also einfach wieder ficken. Wieder ein Kind kriegen, statt Bewerbungen zu schreiben. Wieder armselig, aber leichter?

Lieber Arbeitsmarkt, liebe Welt da draußen, liebe Mädchen bei Starbucks, liebe Geschäftsleute, ich möchte kein Kind, nicht jetzt jedenfalls. Ich möchte nicht schwanger werden. Ich möchte vielleicht ficken, aber nur mit Kondom. Safer Sex ftw. Aber ich möchte einen Job und ich möchte vielleicht sogar für meine Arbeit bezahlt werden.

Ich möchte vor allem noch wissen, um was es mir einmal ging, bevor ich Bewerbungen nach Buxtehude schickte, nur um auf die gewünschte Anzahl für’s Jobcenter zu kommen. Ich möchte eine Arbeit für die ich studiert habe, die mir Spaß macht. Und dann irgendwann möchte ich vielleicht auch schwanger werden. Danke.

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Illustration von Murat Kalkavan und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Arbeit, Karriere, Kinder, Schwangerschaft und Studium
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