Einzigartig uneinzigartig - Mein Traumleben in Berlin

Im Kampf gegen die Competition, achtzehn bis zweiundzwanzig Jahre alt, gutaussehend, jegginstragend, große Musiksammlung, ist es in Berlin geradezu unmöglich, sich hervorzuheben. Jeder hat etwas Einzigartiges in den Contest mitgebracht:…
Einzigartig uneinzigartig - Mein Traumleben in Berlin

Einzigartig uneinzigartig

Mein Traumleben
in Berlin

Im Kampf gegen die Competition, achtzehn bis zweiundzwanzig Jahre alt, gutaussehend, jegginstragend, große Musiksammlung, ist es in Berlin geradezu unmöglich, sich hervorzuheben. Jeder hat etwas Einzigartiges in den Contest mitgebracht: Webseiten bauen. Check. Fotografieren. Check. Medizin studieren. Check. Kunst erschaffen. Check. Pfandflaschen sammeln. Check. Es gibt nichts, was in dieser Stadt nicht schon mal gemacht wurde, und nichts, was für mich in Frage kommt.

Weil mich die Ironiedusche ein bisschen kalt lässt, that‘s sooo 2017, Baby, habe ich beschlossen, in Berlin als Uneinzigartige einzigartig zu sein. Zu allererst muss ich etwas studieren und nebenbei in einem Biergarten kellnern. Studienfach darf alles sein, was keinen Spaß macht. Also Physik, Meteorologie, Theologie oder Englisch und Kunst auf Lehramt.

Dann muss ich mich endlich mal auf einen Mann festlegen. Einem, dem die Haare langsam weglaufen, der unwahrscheinlich viel schwitzt, wenn er fremde Menschen kennen lernt, seine Klamotten bei Kik kauft und noch einem bodenständigen Beruf nachgeht. So etwas wie Metzger oder Schreiner, das macht die Mutter doch glücklich.

Auf Facebook müssen wir uns gegenseitig auf die Wall schreiben, was wir füreinander empfinden. Ganz viel Romantik, natürlich. „Hase“ und „Schatz“ müssen wir uns nennen, und auch außerhalb von Feiertagen Dinge wie „Ich liebe dich so sehr, ich bin so glücklich dich gefunden zu haben!“ auch genau so meinen. Wir ziehen zusammen und pflegen Pflanzen und Bücherregale. Wir holen uns einen Hund und eine Katze und einen Hamster, bis es unweigerlich zur Sprache kommt: Wir müssen aufhören mit dem Kuscheln und stattdessen Geschlechtsverkehr zur Fortpflanzung praktizieren.

In der Zwischenzeit ist meine Karriere fortgeschritten. Ich bin abgeschlossene Theologin oder Archäologin und entscheide mich für einen akademischen Aufstieg. Ich brauche eine dicke Hornbrille, die den Trends von vor zwanzig Jahren entspricht und fühle mich hip. Einen Hosenanzug in Kord trage ich auch. Ich werde schwanger und wir suchen uns ein schönes Reihenhaus außerhalb der Stadt, mit Garten und Carport für den VW Passat, den wir uns jetzt leisten können. Der Passat hat Velours-Lederbezüge, und man findet ein CD-Case im Fach, in dem Rosenstolz und Ronan Keating drin liegen.

Wir heiraten in dem Biergarten, wo ich immer noch aushelfe, haben uns gegen Ringe entschieden, unsere Freunde und die Familien klatschen Beifall. Kinder werfen Reis in unsere Augen. Wir haben in dieser Nacht keinen Geschlechtsverkehr, weil wir müde sind und außerdem stinkt er nach Schinken aus dem Mund.

Unsere Zwillinge kommen zur Welt und werden ganz unironisch Silke und Mattis genannt. Ungetauft. Wir kaufen bei Aldi und Rewe ein und ich war schon seit Jahren nicht mehr in Kreuzberg. Ich lebe ein glückliches, normales Leben und bringe meine Plagegeister in den Kindergarten, wo ich andere Mütter kennen lerne.

Alle meine Freunde aus der Vergangenheit im actionreichen Berliner Leben werden mich toll finden für diesen Act. Sie werden sagen: „Krass, diese Frau, die hat etwas Einzigartiges erreicht!“ und plötzlich wird normal sein wieder trendy.

Die Skinny Jeans werden zurück in den Schrank geworfen, die Männer rasieren sich die Schnurrbärte ab und tragen ihre Haare dafür… ausfallend. Mein Leben wird in einem hochqualitativen nicht-vintage Video aufgezeichnet und bei der Berlinale aufgeführt. Meine Rolle wird von einer sehr normalen Frau gespielt.

Die Truman Show ist ein Witz gegen mich, verliert gegen mein mondänes Leben als Einzigartige, als Langweilige in einer Stadt voller Großartigkeit. Ich werde internationale Anerkennung als berühmte Künstlerin, Soziologin, Psychologin erhalten, denn keiner wird bei meinem Statement an das herankommen, was Berlin heutzutage darstellt.

Ich werde das Original von etwas sein, was millionenfach schon vorgespielt wurde, aber niemals so gut und überinszeniert und in ausgesprochener Perfektion vorgeführt. Ich werde mit, in, um, für Berlin diesen Schritt wagen, und ihr werdet mich lieben.

Adieu, meine coolen Freunde, ich bin für etwas Größeres vorgesehen… aber vermisst mich nicht! Auch ihr werdet bald folgen, in der Hoffnung, an meine Einzigartigkeit heranzureichen! Auf bald! Auf Wiedersehen! Bis irgendwann…

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Die Fotografie stammt von KP Ivanov
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Emotionen und Gedanken
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