Einsam durch Technik - Das Internet ist schuld an meiner Depression

Das Blöde an einer Depression ist ja, dass sie schleichend kommt. Und dass man sie nicht wahrhaben will, bevor es zu spät ist. Schließlich ist heute quasi jeder über 14…
Einsam durch Technik - Das Internet ist schuld an meiner Depression

Einsam durch Technik

Das Blöde an einer Depression ist ja, dass sie schleichend kommt. Und dass man sie nicht wahrhaben will, bevor es zu spät ist. Schließlich ist heute quasi jeder über 14 depressiv. Früher war man traurig oder hatte Liebeskummer oder war einfach nur in der Pubertät – heute ist man depressiv. Depressionen sind zu einer wahren Volkskrankheit verkommen, die viele Leute nicht ernst nehmen – und am wenigsten man selbst.

Ich wollte nie depressiv sein. Und selbst, wenn man gespürt hat, dass man nicht nur unausgeglichen oder betrübt oder über einen längeren Zeitraum hinweg seltsam drauf war, sondern dass das mehr als nur eine emotional niedrige Phase sein muss, dann wollte ich alles, nur nicht depressiv sein. Weil es heute quasi fast schon in Mode ist, an Burnout oder dunklen Gedanken zu leiden.

Wer mit nichts anderem mehr auf sich aufmerksam machen kann, der wird eben lauthals depressiv. Am besten erfindet man gleich einen ganzen Hashtag, mit dem man der Welt da draußen zeigen kann, dass man jetzt offiziell mental nicht mehr auf der Höhe ist. „Du bist gut drauf? Schön für dich, also ich bin depressiv!“

Wie fette Leute stolz darauf sind, sich zum Abendessen zwei Familienpizzen reinzuschieben und sie für ihren individuellen Lebensstil gefälligst auch noch respektiert werden wollen, so sind Depressive fast schon stolz darauf, einen an der Klatsche zu haben. „Ich kann nicht arbeiten, ich habe Burnout!“, rufen sie dann jedem zu, der es hören will – oder eben nicht. Und ich wollte nicht zu diesen Menschen gehören. Niemals! Vielleicht bin ich ja depressiv, dachte ich mir, aber sicherlich möchte ich eines nicht sein: Stolz darauf.

Anstatt wie es sich gehört, zu einer Therapie zu gehen und sich seinen gleichgültig dahin dümpelten Gedanken, ohne jede Höhen und Tiefen, zu stellen, wollte ich mich selbst aus der Umarmung dieses emotionalen Tiefs befreien. Das ging natürlich komplett nach hinten los. Immer und immer wieder. über Jahre hinweg versuchte ich herauszufinden, wie ich mein Leben um meine Depression herum bauen kann, so dass dieses große, schwarze Loch in der Mitte einfach brav vor sich hin löchern kann, während ich versuche, mich selbst drumherum zu jonglieren.

Ich löschte Social Media, weil ich irgendwo im Internet las, dass es einen glücklicher und befreiter machte, wenn man nicht mehr ständig abwechselnd auf Instagram, Twitter und Tinder guckte. Und Facebook ist eh böse, also weg damit. Ich löschte WhatsApp, Telegram und Messenger weil ich nicht vier Chats gleichzeitig nutzen wollte und die meisten Bekannten auf WhatsApp eh nur blöde Gifs und uralte Memes teilten und darüber auch noch lachten, während ich mein Handy nur gegen die Wand hauen wollte. Und ich löschte all meine Computerspiele vom Laptop, weil ich dachte, ich wäre jetzt zu alt für diesen Scheiß und müsste mich endlich meinem Alter gerecht verhalten.

Also saß ich ab jetzt vor meinem leeren Laptop und meinem noch leereren Handy und war mir sicher, dass sich mein Leben jetzt wieder zum Guten wenden würde, nein, müsste. Schließlich hatte ich alle Tipps und Tricks, die das Internet für jemanden, der quasi im Internet lebt, bereit hielt, befolgt. Außer natürlich diejenigen, dass man zu seiner Depression stehen und endlich zum Therapeuten gehen muss. So ein Quatsch, dachte ich mir, die Technik hat mich schließlich depressiv gemacht, also kann sie mich auch wieder glücklich machen.

Ohne Facebook, WhatsApp & Co. vereinsamte ich zwar zusehendst, aber ich wusste ja, dass das nicht leicht werden würde. „Mark Zuckerberg hat keine Macht über mein Sozialleben!“ war mein neues Mantra. Und während alle anderen draußen am Fenster vorbei liefen, Sprachnachrichten in WhatsApp brüllten, gephotoshoppte Urlaubsbilder auf Instagram likten und Fake News auf Facebook teilten, fühlte ich mich zwar allein, aber trotzdem klüger als alle anderen.

Ihr Idioten, dachte ich mir dann, nutzt immer noch Technik, die euch verrät, verarscht und für dumm verkauft – wie unterbelichtet muss man sein? „Ha, ha, ha!“ lachte ich mich einsam in den Schlaf und war mir sicher, dass es alles besser werden würde, dass ich meine Depression besiegt hatte, indem ich Apps von meinem Telefon löschte.

Ich würde euch jetzt gerne erzählen, dass ich natürlich ein kluger Mann bin und längst gemerkt habe, dass das nicht der richtige Weg ist, dass ich mich bereits vor Monaten, nein, Jahren beim Therapeuten angemeldet habe und mir dort meine Probleme von der Seele plaudere. Aber dem ist nicht so.

Anstatt das Logische zu tun, war ich lieber damit beschäftigt, Facebook alle paar Tage zu löschen und mich wieder dort anzumelden, meine Musiksammlung zu Tode zu ordnen und mich im Privatsphären-Subreddit mit Ängsten zu versorgen. Irgendwo in den Tiefen des Internets, dachte ich mir, muss schließlich die Lösung liegen. In irgendeinem Blog, in irgendeinem Forum, in irgendeinem Meme, in irgendeinem YouTube-Video.

Doch da war nichts. Außer noch mehr Verunsicherungen und Menschen, die einsam, allein und depressiv waren. Und je mehr ich im Internet lese, schaue und höre, desto mehr dämmert mir eine Wahrheit, die ich nicht wahrhaben möchte, weil sie mich aus meinem jahrzehntelange gesponnenen Kokon reißen würde: Dass Technik zwar ein, wenn nicht gar der Grund für meine Depression, aber niemals ein Heilmittel sein kann.

Doch wenn ich eines gar nicht leiden mag, dann sind es Logik und Realität. Das Blöde an einer Depression ist ja, dass sie schleichend kommt. Und dass man sie nicht wahrhaben will, bevor es zu spät ist. Noch blöder ist es allerdings, wenn man sie zwar endlich einsieht, aber nichts macht, um sie wirkungsvoll zu bekämpfen und stattdessen weiter eine nicht vorhandene Lösung im Internet sucht…

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Fotografie von Stefan Spassov
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Depressionen, Emotionen, Gedanken, Gesundheit, Internet und Kummer
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