Ein Liebesbrief - Berlin, Berlin, Berlin

Es ist zehn Grad kälter als woanders, der Wind spuckt mir in die Fresse, ich trete in Hundescheisse und schreie aus ganzem Herzen, laut und ungefiltert: „Fuck dis Shit, Alter!“…
Ein Liebesbrief - Berlin, Berlin, Berlin

Ein Liebesbrief

Berlin, Berlin,
Berlin

Es ist zehn Grad kälter als woanders, der Wind spuckt mir in die Fresse, ich trete in Hundescheisse und schreie aus ganzem Herzen, laut und ungefiltert: „Fuck dis Shit, Alter!“ Mein Taxifahrer kann‘s Maul nicht halten, mein Lieblingsgraffiti an der Torstraße wurde gebufft, ich bin obdachlos, fällt mir da ein, der Henkel meiner Tasche ist mir gerissen, diese Bastardkälte macht mich fertig.

Nach fünf Monaten in tropischer Sonne bei vierzig Grad bin ich zurück im schlimmsten Winter Europas, nämlich der in Berlin, voll rein, Blues und Frust und hey, hab‘ ich schon erwähnt, dass ich arbeitslos bin? Ich zerkaue meine Fingernägel, remple einen Typen vor der Haustür versehentlich an und darf mir die nächsten fünf Minuten irgendein wahlloses Geschlotter anhören, bis ich ausraste und zurück schreie: „Kommste aus Stuttgart oder was, du Opfer?!“, aber ich warte nicht auf seine Reaktion, sondern verschwinde mit meinen Koffern im Haus, bevor ich abgestochen werde.

Ich stehe vor einer Wohnung in Neukölln, Neukölln, mit fünfzig anderen Menschen, die sich darum prügeln, außerhalb des Rings wohnen zu können. Der Makler mustert mich und sagt daraufhin: „Tut mir leid. Wir nehmen nur Mieter, die sich das auch leisten können.“ Ich strecke ihm den Fickfinger entgegen und kaufe mir drei Sterni, um mich in den Tod zu saufen.

Nach dem Wiedersehen mit der Crew kommen wir nicht in den Club rein. „Heute nicht, ist schon zu voll.“ Aber Hauptsache die drei Druffis vor uns werden mit Handkuss begrüßt und die kleinen Ghettomuschis hinter uns haben alle schon mal mit dem Türsteher gefickt. Geil, heute wieder jeder außer du, sag ich mir, und dann will mir auch noch einer der Pfandflaschenassis meine noch volle Spezi-Flasche aus der Hand reissen. „Ich raste aus“, brülle ich, und der Fernsehturm wackelt.

Ich gehe zum Dönermann und sage: „Keine Zwiebeln!“ „Mit Zwiebel, ja?“ „Nein Mann, keine Zwiebeln!“ „Okay, ja, mit Zwiebel, ja?“ Er gibt mir den Döner, mit Zwiebeln, der mir dank seiner amateurhaften Architektur durch die Finger rutscht und alles an Inhalt, auch die Zwiebeln, auf meine Hose und den Boden klatscht. Ich schmeisse ihm den Döner zurück über die Theke und renne aus dem Laden.

Ich nehme meinen Krink aus der Tasche und beschmiere irgendwelche Klingelschilder und Hauswände und bin frustriert weil ich Hunger habe. Am Alex schießt sich einer vor versammelter Mannschaft die Spritze in den Arm, ich kotze in die Ecke. In der U-Bahn fickt mich um drei Uhr morgens der Kontrolleur und ich breche zusammen: Fuck it, Alter. Ich hasse Berlin.

Die Sonne scheint, ich lese gerade ein Buch im frisch blühenden Gras unter noch frierenden Ästen. Zwei Vollbekloppte versuchen auf Gitarren zu musizieren, und auch wenn‘s schief klingt, passt es zur jungfräulichen Sonne und der friedlichen Atmosphäre. Der Pfandflaschentyp kommt vorbei und nimmt meinen Müll mit, ein Joint geht in der Nähe rum.

Als ich zu der Gruppe aus studentischen Hilfskiffer gucke, lächeln sie mir zu und reichen die Tüte herüber. Mein Herz geht auf. Ein Polizist kommt vorbei, ich checke es zu spät, er steht vor mir, starrt auf den Joint. „Normalerweise würde ich dazu nichts sagen, aber hier spielen auch Kinder. Könntet ihr euch damit bitte da hinten auseinandersetzen?“ Mein Herz explodiert. Vor Freude. Irgendwo ein paar Meter weiter baut ein DJ auf und lässt den Park in elektronischen Klängen baden.

Ich finde einen Zwanni auf der Straße. Ein Ladenbesitzer auf dem Weg lädt mich in sein neues Geschäft ein, wo ich umsonst Muffins und Cupcakes probieren darf. Sein gut aussehender Sohn flirtet mit mir und ich mache mich weiter auf den Weg zum Friseurtermin, wo ich eine Nummer ziehe und mich beim Warten mit einer Hochschwangeren über die harten Raves im Berghain unterhalte.

„Da geh ick nächste Woche wieda hin, schwanga oda nüsch, man darf ja och nüsch alt werden wa!“ Der Friseur versaut mir die Matte und schenkt mir den Besuch, während ich mich immer noch über seine Entschuldigungsversuche totlache. „Ey, oaaah, krassssss, ich bin so hiiigh, es tut mir soooo leid, aber so ein halb abrasierter Kopf, das passt ja auch irgendwie zu dir…“

Wir versuchen‘s im Club und kommen diesmal ohne Zweifel rein, für den Bouncer gibt‘s nen Fistbump, für mich gibt‘s ne Nasendusche auf dem Klo mit irgendwelchen Typen, die mich freundlich lächelnd eingeladen haben – was für nette Menschen. Ich fülle meine leere Club-Mate-Flasche mit Leitungswasser und übergieße mir den Kopf nach sechs Stunden der Tanzerei.

Ich stolpere hinaus in den kühlen Morgen und beobachte den Sonnenuntergang hinter den hässlichen Platten, sehe ein paar Toys Häuserwände bemalen, lache mit meinen Freunden über die spießigen Taxispasten, schwinge mich auf mein Fahrrad und brauche mindestens tausend Stunden, bis ich endlich in meinem Bett liege.

Tausend Stunden, in denen ich Menschen kennen lernen, die Morgensonne genieße, einen Kaffee auf dem Weg trinke, dem Penner auf der Straße ‘ne Kippe schenke, Freunde treffe und genau das mache, was ich will. Fuck it, Alter. Ich liebe Berlin.

Die Leute unterhalten sich in der U-Bahn miteinander, sie haben Bierflaschen in der Hand, sie schieben Stress, sie helfen einander aus. Der Junkie an der Ecke freut sich über ‘ne Kippe, weil er auch ein Mensch ist, der Penner auf der Straße friert, und zwei Mädels decken ihn zu.

Genauso wie der Baum, der von irgendwelchen Street Art Künstlern eingestrickt wurde. Ich lache darüber, dass es bei mir um die Ecke einen Metzger gibt, der ausschließlich Hundegaumen bedient. Die Ausstellungen und Vernissages der Stadt stehen alle auf einer Tagesliste, aber am Ende sitzen wir doch wieder in den gleichen Bars und Clubs, parken auf meiner Couch ab und spliffen oder genießen die neueste Musik. und ärgern uns darüber, dass die Tickets für‘s Jamie-xx-Konzert alle schon ausverkauft sind.

Wir schmeissen Konfetti aus dem Fenster und die Menschen in dieser Stadt wundern sich nicht mal. Es ist kalt und wir frieren, aber das macht überhaupt nichts, weil der Sommer uns alles dreifach an Wärme zurückgeben wird. Das wissen wir ganz sicher.

Die Raves im Görli, das Freiluftkino, an den See fahren, vor dem Späti lungern, auf der Modersohnbrücke chillen, durch den Mauerpark schlendern, am türkischen Markt einkaufen, in den Thaipark gehen, Lesungen besuchen, neue Bars abchecken, davon träumen, was Eigenes aufzumachen, an die Ostsee fahren.

Den Vögeln zuhören, durch die Stadt wandern und die Freiheit spüren, die Geschichte spüren, die Unendlichkeit spüren, das Jungsein spüren. Von Rentnern angepöbelt werden und darüber lachen, weil es nunmal nicht ernst genommen werden kann, von Jesuslovern auf der Straße angelabert werden und sich absolut nicht dafür interessieren.

In Hundescheisse treten und „Oh Mann, das ist so typisch Berlin!“ sagen, mit kleinen Kreuzberg-Opfern und Rütlischülern um das Telefon fighten und verlieren, in Jogginghose rumlaufen und nicht mal auffallen, sich wundern, ob es einen besseren Falafel als bei Maroush gibt und ob Schöneberg eigentlich auch einen Kiez hat?

Darüber diskutieren, ob man nun als Zugezogener Berlin kaputt macht oder tatsächlich zur Stadt beiträgt, sich auch mal nach Marzahn trauen, auf Antifa-Demos gehen und Steine an den Kopf kriegen, sich gegen Nazisprüche in der Stammkneipe wehren und Rache schwören, arbeitslos sein und von niemandem einen Vorwurf hören, Fahrräder klauen und wieder zurückgeben, für ein bisschen Kohle hustlen und heimlich auf Dächer klettern um die Arme auszubreiten und für alle hörbar rauszuschreien: „Berlin, du Arschloch, ich liebe dich!“ Und es auch genau so meinen.

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Die Fotografie stammt von Alana Harris
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