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Ein Leben ohne iPhone: Wie ich lernte, nach dem Weg zu fragen

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Das mag erst mal nicht so recht zur Vorstellung eines Verlustes passen. Magische Enden beziehen ihren magischen Charakter nämlich in der Regel daraus, dass sie selbst gewählt sind. Ein Verlust dagegen impliziert etwas Ungewolltes: Ein geschätztes, wenn nicht gar geliebtes Objekt, wird gegen den Willen seines Besitzers von diesem getrennt. Dann ist da aber noch die Sache mit dem Anfang. Und das war so. Seit nicht allzu langer Zeit war ich stolze Besitzerin eines…
Ein Leben ohne iPhone: Wie ich lernte, nach dem Weg zu fragen
Ein Leben ohne iPhone: Wie ich lernte, nach dem Weg zu fragen
Ein Leben ohne iPhone
Wie ich lernte, nach dem Weg zu fragen
Text: Eva Biringer  Illustration: Pablo Toledo

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Das mag erst mal nicht so recht zur Vorstellung eines Verlustes passen. Magische Enden beziehen ihren magischen Charakter nämlich in der Regel daraus, dass sie selbst gewählt sind. Ein Verlust dagegen impliziert etwas Ungewolltes: Ein geschätztes, wenn nicht gar geliebtes Objekt, wird gegen den Willen seines Besitzers von diesem getrennt. Dann ist da aber noch die Sache mit dem Anfang. Und das war so.

Seit nicht allzu langer Zeit war ich stolze Besitzerin eines iPhones. Auch wenn man sich die kühl kalkulierte Konsumhysterie klarmacht, die mit diesem kleinen Spielzeug verbunden ist – und das glaube ich von mir behaupten zu können. Schon weil sich bereits ein hübsches kleines iSortiment angesammelt hatte und ich genug apfelabstinente Freunde habe, deren Handys kaum mehr können, als eine Nachricht verschicken – läuft doch jeder Apple-Nutzer früher oder später Gefahr, zum Apple-Jünger zu werden.

So weit hergeholt ist dieser Neologismus gar nicht, wenn ich an einen klugen Artikel denke, den mir kürzlich in die Hände fiel. In diesem war Rede von der Kirche des Apfels (oder so ähnlich) und dass Google, Facebook und, nun ja, Apple so etwas wie das Opium fürs Volk der Jetztzeit seien. Aber weg mit dem Kulturpessimismus. Wer die Vorzüge des iPhones kennen lernen darf, wird höchst unwahrscheinlich die Augenbrauen in die Höhe ziehen, wenn wieder mal vom Apple-Hype die Rede ist.

Obwohl ich bis heute keinen funktionsfähigen Apple-Account mein Eigen nenne, der mich dazu berechtigt, im iTunes Store einkaufen zu können, hatte ich große Freude daran, eine kleine aber feine Auswahl von kostenlosen Apps zusamenzustellen. Vieles davon war zugegeben nicht nur nicht essentiell, sondern schlichtweg virtuelle Spielerei, mit der man sich aber doch ganz prima die Wartezeit bei Kaiser’s an der Kasse vertreiben konnte.

Chic Feed zum Beispiel. Ein Programm, das täglich das Best Of der Modeblogs für mich zusammenstellte. Wenn auch in Form grafisch unzulänglicher Fotos mit Werbebanner darüber. Oder die Dr. Oetker App, bei der man Zeitaufwand, Schwierigkeitsgrad und Anlass der Mahlzeit festlegte, auf dass einem eine Auswahl passender Rezepte zusammengestellt würde. Der Umstand, dass ich nie eines davon ausprobiert habe, ist damit zu entschuldigen, dass sich in der heimischen Küche die Kochbücher stapeln und ich – nicht nur in dieser Hinsicht – das reale Buch dem Touchscreen vorziehe. Schon weil sich Fettflecken auf Letzterem nicht so gut machen.

Ferner finden sich Apps in meiner Bibliothek, an deren Zweck ich mich jetzt nicht mal mehr erinnern kann. Irgendwas mit Kunst vielleicht? Und andere, deren Inhalt vage bekannt, aber völlig verzichtbar war. Shazam – muss man jedes Kind beim Namen nennen? Barcoo – fand sowieso nie den richtigen Strichcode. kaufDA Navigation – ich kann auch einfach die Werbezettel in meinem Briefkasten sammeln.

Tägliche Freude bereitete mir dagegen die FM4 App, die Eilmeldungen von ZEIT online – und skypen via iPhone ist, zumindest für den reisenden Teil der Weltbevölkerung, ein großes Geschenk des Applegottes. Und schließlich: Die Krux mit Facebook. Früher, das heißt in der Zeit vor dem iPhone (die mir in stillen Momenten wie eine einzige große Durststrecke vorkommt), hielt ich mich mit strengster Selbstdisziplin daran, ein, höchstens zwei Mal am Tag meinen Facebook-Account zu nutzen.

Mit dem Eintritt in das Flatrate-Zeitalter ging der Umstand einher, dass ich von nun an über jede neue Nachricht per Email informiert wurde und dies im 15-Minuten-Takt. Als latent zwanghafter Mensch beantwortete ich dann auch jede dieser Nachrichten umgehend. Mindestens aber am selben Tag. Was schön für den Empfänger sein kann. Weil das auf besondere Aufmerksamkeit ihm gegenüber schließen lässt, auf Dauer aber zum textlichen Overkill führt, dessen Kontrolle sich einem entzieht.

Die große Gefahr in der ständigen Erreichbarkeit liegt vermutlich an der Klassifizierung von Zeit. Je weniger Zeit zur Verfügung steht, desto sinnvoller möchte die Verbleibende genutzt werden. Und ich behaupte, dass jeder, für den "Digitale Revolution" kein Fremdwort ist, weiß, wovon ich spreche. Das war vermutlich vor 100 Jahren nicht anders als heute. Nur eben, dass damals bewusst oder unbewusst gewählte Zeitfenster für Nichtstun reserviert waren. Das nennt man dann Freizeit. Wenn ich aber in jeder Sekunde das Gefühl habe, jetzt auch produktiv sein zu können, produktiv im Sinn von Informationsaufnahme, wird die Zeit, in der diese Produktion nicht stattfindet, schnell als sinnlos empfunden.

Soll heißen: Warum soll ich die ein, zwei Minuten, die ich in der Schlange warten muss, nicht nutzen, um mal "schnell was nachzuschauen"? Das iPhone als Helfer in der Not hilft mir, meine Zeit optimal zu nutzen. Oder? Dass ich dabei den netten Jungen hinter mir nicht bemerke, der sein Sterni so zutraulich neben meine laktosefreie Milch legt, weil ich nämlich gerade die Profilbilder des unbekannten Jungen aus dem Seminar anschaue, hatte ich ganz vergessen.

Welche bedauerlichen Umstände zum Verlust meines iPhones führten, das gleichzeitig Spielzeug, ständiger Begleiter und manchmal sogar Freundesersatz geworden war, sollen nicht Gegenstand dieses Textes sein. Und wer das verwerflich finden sollte, achte bitte beim nächsten Cliquentreffen darauf, wie viele Leute wie oft ihre Mails checken, während sie mit anderen Menschen am Tisch sitzen oder – noch schlimmer – der Person, die neben ihnen sitzt, eine Nachricht bei Facebook schicken, anstatt mit ihr zu reden. Nur soviel sei gesagt: Sie zogen noch eine Reihe weiterer unangenehmer, da mit hohem bürokratischen Aufwand verbundenen, Umstände nach sich, deren Folgen ich bis dato nicht verkraftet habe.

Einer dieser bürokratischen Umstände führte mich in einen mir unbekannten Stadtteil. Obwohl ich mir zu Hause die passende Verbindung herausgesucht und einen Blick auf die Karte geworfen hatte, hatte ich schon beim Aussteigen aus dem Bus jegliche Orientierung verloren. Ziellos lief ich eine Richtung los und während ich mir nichts sehnlicher wünschte, als den kleinen blauen Punkt auf dem Display vor mir, der sich zuverlässig auf den roten zu bewegt, fragte ich mich, wie ich all die Zeit über jemals von Punkt A nach B gekommen war.

Das iPhone als Helfer in der Not? Jetzt erst wurde mir die Lächerlichkeit dieser Annahme bewusst. Jetzt erst wurde mir auch bewusst, dass ich lange nicht so aufrecht durch die Straßen gegangen war. Bestenfalls hatte ich sonst nur Musik gehört, schlimmstenfalls wurden im Laufen liegen gebliebene Nachrichten beantwortet oder lange vor sich her geschobene Anrufe getätigt. Plötzlich diese Übersicht! Der Lärm der Stadt. Die Gesichter der Menschen. Auf eines dieser Gesichter ging ich dann zu, um nach dem Weg zu fragen. Es folgte eine recht ausführlich Beschreibung und bis zum Schluss zweifelte ich an der Kompetenz dieser Auskunft, aber siehe da: Ich kam an. Am Ziel. Und irgendwie auch ein bisschen mehr bei mir selbst.

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