Digitale Revolution - Blogger sind die neuen Journalisten

Ich wollte mal „was mit Medien machen“. Frauenzeitschriften, so was in der Art. Bisschen reisen, bisschen schminken, seine eigenen nutzlosen, oberflächlichen Gedanken als tiefschürfende Philosophie verkaufen – klingt doch gut,…
Digitale Revolution - Blogger sind die neuen Journalisten

Digitale Revolution

Ich wollte mal „was mit Medien machen“. Frauenzeitschriften, so was in der Art. Bisschen reisen, bisschen schminken, seine eigenen nutzlosen, oberflächlichen Gedanken als tiefschürfende Philosophie verkaufen – klingt doch gut, oder? Ja, tut es. Zumindest wenn man bei sich zuhause zahlungswillige Eltern sitzen hat, die einem mit Freude das monatliche Gehalt mit Taschengeld ersetzen. Und das nicht nur während der fünf Jahre Studium, sondern auch noch danach, während der zwei bis fünf unbezahlten Praktika bei Print und Digital, Fernseh- und Radiosendern.

Dem Journalismus geht’s schlecht? Wen wundert’s? Am Ende kriegen nur die Vollidioten den Job, deren Eltern im Hintergrund am längsten zahlen. Der Rest, der einigermaßen was in der Birne hat, sitzt schon lange nicht mehr in tristen Großraum-Redaktionen, in denen es ähnlich kreativ zugeht wie in der städtischen Sparkasse, sondern ist in den Blogs zu finden. So bleiben dem klassischen Journalismus nur noch die Leute, die sich kriecherisch-duckend für das Praktikum oder den 450-Euro-Aushilfsjob bedanken. Ist ja auch geil, 20.000 Euro für’s Studium verprasst und gleich so ein krasser Karrierestart, gratuliere euch.

Wobei das Wort „Studium“ vielleicht auch nicht gerade das richtige Wort ist, für den Bildungsweg der 2.0-Journalisten. Wer später mal beim typischen Unterhaltungs-, Mode- und People-Journalismus landen will, studiert längst nicht mehr einfach Medien- und Kommunikationswissenschaften, Journalismus oder Publizistik. Wer schafft denn bitte auch schon den N.C. von 1,0, der dafür verlangt wird? Da müsste man ja voll schlau sein und so.

Ist ja aber auch gar nicht nötig, gibt ja genügend private Akademien, an denen man für so Lifestyle-mäßig-klingende Studiengänge wie „Modejournalismus“, „Communication“ oder „Trend-und Markenmanagement“ gezielt und schon bestens spezialisiert auf das spätere Medium vorbereitet wird.

Schade nur, dass von den gefühlten 100.000 privaten Akademien, die sich wohl mal eben dachten: „Ey, lass mal ‘ne Schule gründen und neue Studiengänge ausdenken, mal schauen wer’s glaubt…“, nur wenige Absolventen gebraucht werden. Und ärgerlich, dass die Abschlüsse nicht immer staatlich anerkannt sind. Der Preis ist dafür ganz real: satte 450 bis 600 Euro muss man im Monat mindestens hinblättern – so viel, wie man an staatlichen Universitäten gerade mal im Semester bezahlt.

Das ist aber egal, denn Mama und Papa machen das schon – und wenn’s hilft… Tut es aber nicht, zumindest nicht der Karriere. Man könnte ja eigentlich denken, dass Magazine, Fernsehen und Co. sich dankbar dafür zeigen, dass ihre zukünftigen Mitarbeiter für ihre Ausbildung so viel auszugeben wie andere für einen Kleinwagen

Ist ja eigentlich ganz nett, wenn man bedenkt, dass andere Arbeitgeber so schön blöd sind, ihre Azubis sogar zu bezahlen. Aber nein: Das Studium an einer Privatakademie ist noch lange nicht das Ende der Ausbildung. Warum sollte man auch den 28-jährigen Studienabsolventen, deren Eltern es ganz offensichtlich geschafft haben, die letzten 10 Jahre den Lebensunterhalt der lieben Kinder zu stemmen, so etwas Essenzielles wie ein Volontariat oder gleich eine Anstellung als Redakteur anbieten? Wäre jetzt ja viel zu plötzlich, so karrieremäßig durchzustarten. Da geht noch mehr.

Mehr Praktikum, darauf haben sich alle großen Medienkonzerne geeinigt: Ohne genügend Erfahrung darf man hier kein Praktikum machen. Und nein, „Erfahrung“ heißt nicht, dass man voller Herzblut für die Studentenzeitung geschrieben hat. „Erfahrung“ heißt, dass man Praktika bei mindestens einer Tageszeitung und bei einem Onlinemedium gemacht haben muss.

Je mehr desto besser, kostet dem Verlag dann ja auch viel weniger, seine Praktikanten einzuarbeiten. Davon gibt es nämlich regelmäßig neue, denn das Perverse ist, dass ein Praktikum schon lange nicht mehr den Einstieg ins richtige Berufsleben bedeutet. Ein Praktikum öffnet allemal die Tür zum nächsten Praktikum.

Irgendwie spricht es nicht gerade für Journalisten, Leute, die uns Wissen und Erfahrungen vermitteln wollen, dass sie dankbar nickend zustimmen, wenn sie nach beendeten Studium und bereits zwei absolvierten Praktika ihre neue, alte bekannte Position antreten: Praktikant, was sonst. Es spricht auch nicht für Journalisten, die per se selbstbewusst ihre eigene Meinung vertreten sollen, dass sie sich freiwillig dermaßen von ihren Eltern oder anderen Geldgebern abhängig machen.

Überhaupt sollten sich Medienhäuser fragen, wen sie am Ende anziehen. Mag nämlich sein, dass Journalisten, die mit viel Herzblut dabei sind, eine lange Ausdauer beweisen – aber selbst für solche Menschen spricht es nicht, sich bereitwillig unter Wert zu verkaufen.

Ich will damit nicht sagen, dass alle Leute, die heutzutage noch in den klassischen Medien arbeiten wollen, zwangsweise dumm sind. Trotzdem haftet Menschen, die ihre eigene Bildung und Arbeit nicht wertschätzen, aus Angst, das unterbezahlte Praktikum an einen der anderen zwanzig Anwärter zu verlieren, etwas von einem Schaf an. Die Herde – der Großteil der willigen “Journalisten“ und „Redakteure“ 2.0 würde es mit sich machen lassen. Also lässt man es selbst auch mit sich machen.

Besonders freundliche Medienhäuser ködern die willigen Schafe mit der Aussicht auf ein Volontariat. Bescheid kriegt man – wie sollte es auch anders sein – natürlich erst nach dem mindestens dreimonatigen absolvierten Praktikum. Ah ja. Dass man Praktikanten bevorzugt, die bereit sind, sich ganze sechs Monate für das Gehalt eines Minijobbers krumm zu machen, um am Ende davon nicht mal das eigene Essen zahlen zu können, versteht sich von selbst, oder?

Manche Verlage sind sogar noch schlauer: Ganz nach dem Vorbild der Medienakademien gründen sie hausinterne Journalistenschulen. Praktikanten, die mit 28 Jahren immer noch nicht ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten können, müssen ja nicht den ganz großen Sprung ins Volontariat machen. Die geben sich bestimmt auch mit einem Platz an der hausinternen Journalistenschule zufrieden. Da darf man dann zwei Jahre lang als Schüler ganz legal ausgebeutet werden. Knapp 1.000 Euro monatliches Gehalt für die 40-Stunden-Woche, ist das nicht toll?

Die Absolventen bringen die richtige Einstellung dann auch gleich gratis mit: Für die eigene Meinung einstehen? Viel zu anstrengend. Neues ausprobieren? Warum denn, wenn man doch Altes so schön neu aufbereiten kann? Jetzt mit der lang ersehnten Anstellung als Junior-Redakteur und dem ersten Gehaltscheck muss man ja auch irgendwie flüssig bleiben.

Und so gibt es wohl nicht einen Mac, in keiner einzigen Redaktion, bei dem die Blogs Ohhhmhhh, Lilies Diary oder Journelles nicht in der Favoriten-Liste eingespeichert sind. Ist doch super, wie die Blogger-Mädels dort Dinge testen, die man dann, ein bis zwei Wochen verspätet, schön zitieren kann, das Ganze gespickt mit fremden Gedanken, die den Redakteuren, leidenschaftslos und mittelintelligent, so nie in den Sinn kommen würden.

Lieber Journalismus, du sparst dadurch natürlich gewaltig. Statt deine Angestellten tariflich zu bezahlen, setzt du halt einfach ein paar Praktikanten und Daddy’s Girls hin, die machen das schon. Dabei übersiehst du regelmäßig euren treusten Mitarbeiter: Das Echo, das in jedem eurer Artikel mitschwingt und schon vom nächsten Ruf der Blogger übertönt wird. Gratuliere, lieber Journalismus, so schaufelst du dir wirklich selbst ein Grab.

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Illustration von Lime und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Blogs, Internet, Journalismus, Karriere und Zeitungen
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