Digitale Identität - Die Lüge unserer Virtualität

Als wir anfingen, uns im virtuellen Raum frei zu bewegen, waren wir unbeschwerte Engelskinder, die sich hinter Pseudonymen versteckten. Nicht etwa, weil wir Angst davor hatten, von unserem brutalen Regime…
Digitale Identität - Die Lüge unserer Virtualität

Digitale Identität

Die Lüge unserer Virtualität

Als wir anfingen, uns im virtuellen Raum frei zu bewegen, waren wir unbeschwerte Engelskinder, die sich hinter Pseudonymen versteckten. Nicht etwa, weil wir Angst davor hatten, von unserem brutalen Regime entführt und getötet zu werden, in Anbetracht unserer höchstpolitischen, rebellischen Aussagen. Und auch nicht, weil wir befürchteten, dass man uns mit Vor- und Nachnamen inmitten der elitären Hackgermeinschaft nicht ernst nehmen würden.

Wir wollten doch nur nicht, dass unsere Eltern unsere Blogs lesen. Und unsere uncoolen Freunde aus der achten Klasse, über die wir lästerten, sollten auch lieber nicht wissen, dass sie uns belasteten. Unser Freund durfte nicht herausfinden, dass wir mal fremdgeknutscht hatten. Und unsere Lehrer? Wenn die wüssten, wie wir sie hassten und wie oft wir tatsächlich schwänzten.

Träume, Wünsche, Illusionen und die Dramatik der Jugend, all das wurde in unserem neugeborenen Internetklon gebündelt und die perfekte Selbstdarstellung inszeniert. Wenn wir uns, wie so oft auch im richtigen Leben, danach sehnten, neu erfunden zu werden – eine neue Chance auf ein neues Leben – löschten wir alle Beweise in der künstlichen Realität, legten eine neue E-Mail-Adresse an und waren in unseren eigenen Augen wieder Menschen, denen man mit Respekt begegnen konnte.

Aber dann passiert etwas, was Anfang der Zweitausender nur Pädophilen, Aknhackern und einsamen Hausfrauen zugemutet werden konnte: das Internet, die Virtualität, die erfundene Parallelwelt, sie vermischte sich. Wir flüchteten nicht mehr in ein elektronisches Universum der anonymen Kommunikation. Wir flüchteten in eine eigens erbaute Zwischenwelt, die sich unserer Physik, unserer Echtheit bediente. Kurzum: wir hatten Geschlechtsverkehr mit Menschen, die uns bis vorgestern noch „GeileBiene69“ nannten.

Wir haben uns das natürlich selber eingebrockt, denn durch unsere vielfältigen Internetprojekte, Blogs, Twitter- und Tumblr-Accounts, die alle irgendwann den selben Namen hatten, haben wir die Anonymität aufgegeben. All das bekam eine ganz eigene Dynamik. Wenn man erst einmmal genug Follower hat, genug Blogleser, dann wird es immer schwieriger, schnell mal den Namen zu ändern und neu anzufangen.

Der Internetfame unterscheidet nicht zwischen den Schönen und den Hässlichen, also nutzen wir diese einmalige Gelegenheit und machen weiter. Unsere besten Freunde aus der siebten Klasse interessieren sich zwar immer noch nicht wirklich für das, was wir nachts um vier Uhr vor dem Computer so machen, aber zu unserem engen Kreis an wichtigen Menschen gehören nun auch die Typen, die uns täglich verfolgen. Vielleicht, weil wir in der selben Stadt wohnen. Vielleicht lesen wir auch ihren Blog.

Jetzt sind wir nicht mehr unbekannt, danke, liebe Fans, sondern nur noch ein Körper mit einem Künstlernamen. Wir sind Lady Gaga und Madonna und Cher. Hauptsächlich sind wir aber völlig unfähig, mit dieser Situation umzugehen. Seit Jahren schleppe ich mir neue Namen, neue Domains, neue Blogs an, aber spätestens, wenn man Geld verdienen möchte, muss der Perso gezückt werden, und spätestens, wenn es sich lohnt, Merchandise für den Blog zu drucken, ist das Versteckspiel vorbei. Die Leute sprechen dich auf deine Texte an, sie fragen dich über Facebook, wie das gemeint sein soll und dein Chef folgt deinem Twitteraccount, weil du ihn über Twitter kennen gelernt hast.

Das Internet ist nicht mehr der Wilde Westen, den wir so geliebt haben, sondern ein Spiegelbild unserer erwachsenen Hirngespinste. Alle Vorzüge, die wir aus unserer Bildschirm-Interpretation ziehen, hauptsächlich Koks, Nutten, Geld und Kontakte, nehmen uns den schwarzen Schleier, den wir brauchen, um ehrlich zu sein. Ein lyrischer Blog funktioniert nicht ohne realitätsnahe Einflüsse, aber wir wollen doch niemandem auf die Füße treten. Ein Twitteraccount ist nicht lustig, wenn man nicht hin und wieder auch mal „Fotze“ schreien darf, und von Facebook und Arbeitgebern will ich gar nicht erst anfangen.

Wo bleiben wir jetzt, die Jungsuperstars des Internets, wenn wir Ansprüche erfüllen müssen, die das kaputt machen, was wir uns mit so viel Passion aufgebaut haben? Wie kann ich den Teufelskreis durchbrechen? Lege ich mir jetzt wieder einen neuen Charakter zu, der parallel zu meinem jetzigen Alter Ego läuft? Jemand sagte vor kurzem zu mir: Schreib doch einfach Tagebuch!

Aber damit wurde das Thema verfehlt, denn das hier ist keine Berichterstattung, keine Faktensammlung. Es lebt vom Feedback, von den Ein- und Ausdrücken aller Leser, es pulsiert in Erfahrungen und Diskurs und dem Gefühl, „auch schon mal sowas gedacht zu haben“. Es sind Kolumnen, so gut oder schlecht sie sein mögen, die man mit Menschen teilen will, die zur eigenen Peer Group gehören. Deshalb ist es ja auch so einfach, sich mit ihnen anzufreunden. Was man aber auch nicht sollte. Glaubt mir. Das führt nur zu Stress.

Bücher über das Internet auf Amazon kaufen

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil
Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Blogs, Chats, Computer, Facebook, Internet, Jugend, Tumblr und Twitter
Wenn dieser Artikel euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
Weitere Artikel lesen
AMY&PINK

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Männer  Fotografie  Beziehungen  One-Night-Stands  Internet  Japan  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gedanken  Gesundheit  Studium  Jugend  Emotionen  Pornografie  Anime  Partys  Manga  Liebeskummer  Karriere  Drogen  USA  Geld  Instagram  Onanie  Masturbation  Blogs  Feminismus  Facebook  Alkohol  YouTube  Twitter  Freundschaft  Cartoons  Kinder  Comics  Selbstbefriedigung  Pop  Depressionen  Tinder  Ängste  Penisse  Interviews  Krankheiten  Bücher  Geschichten  Kreuzberg  Fantasy  Finanzen  Gefühle  Beziehung  Vibratoren  Hip Hop  Muschis  Shibuya  Sexismus  Werbung  Arbeit  Los Angeles  Fetische  Zukunft  WhatsApp  Harajuku  Serien  Friedrichshain  Politik  Prostitution  Schule  Vaginen  Hass  Kyoto  New York  Europa  Gewalt  Nintendo  Dildos  Kindheit  Brüste  Schwänze  Wohngemeinschaften  Familie  Akihabara  Australien  Teenager  Shimokitazawa  Reddit  Netflix  Südkorea  Orgasmen  PlayStation  Berghain  Dating  England  Psychologie  Science-Fiction  Handys  

Kanäle
Facebook  Twitter  Instagram  Tumblr  Pinterest  Feedly

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite wird durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil

Weitere Informationen findet ihr in unserem Impressum und in unserer Datenschutzerklärung.