Digitale Hysterie - Shitstorms sind scheiße

Ich liebe das Internet. Ernsthaft. Ich könnte Stunden damit zubringen, mir Katzengifs und Bildern von Cheeseburgern auf Tumblr reinzuziehen oder das Hitler-Spiel auf Wikipedia zu spielen. Ihr wisst schon, das,…
Digitale Hysterie - Shitstorms sind scheiße

Digitale Hysterie

Ich liebe das Internet. Ernsthaft. Ich könnte Stunden damit zubringen, mir Katzengifs und Bildern von Cheeseburgern auf Tumblr reinzuziehen oder das Hitler-Spiel auf Wikipedia zu spielen. Ihr wisst schon, das, bei dem man auf einen zufälligen Artikel klickt und dann versucht, so schnell wie möglich auf dem Eintrag von Hitler zu landen.

Ich liebe, dass man alles, was man nicht weiß googeln kann und einem die wichtigsten Artikel zum aktuellen Weltgeschehen ganz automatisch in die Timeline gespült werden. Ich lese mit dem allergrößten Vergnügen Rage-Comics, überprüfe meine Persönlichkeit anhand der verschiedensten Psychotests und habe Netflix und YouPorn abwechselnd im Dauerbetrieb.

Das Internet ist eine feine Sache. Bis auf dass es neben lauter tollen Dingen auch haufenweise Shitstorms produziert. Bei allem. Und jedem. Zwar sind ausgewachsene Shitstorms eher selten, doch die allgemeine Shitstorm-Mentalität kotzt mich an. Vor allem auf Twitter, das ich selbst zwar eher selten zum Schreiben, aber eben zum Mitlesen nutze. Man will ja schließlich informiert sein. 

Informationen sind in diesen Tagen allerdings eher spärlich gesät. Vielleicht geht das nur mir so, aber ich empfange kaum noch gute und relevante Artikel, sondern lediglich die, die irgendwie scheiße sind, wie in dem dazugehörigen Tweet immer betont wird. Das sind dann Artikel von Ronja von Rönne, Tilo Jung oder dieser homophoben Kolumnistin, die vor Kurzem, zurecht, entlassen wurde. Und die will ich halt alle nicht lesen.

Davon abgesehen, dass mir meine Zeit zu schade ist, um Artikel, die meine Filterblase für scheiße befindet, zu lesen, verstehe ich in erster Linie nicht, warum sie überhaupt geteilt werden. Ich meine, das bringt denen doch Aufmerksamkeit und Klicks? Und ist das nicht das, wonach wir Autoren irgendwie alle streben, ganz egal, ob ein Artikel jetzt ge- oder total misslungen ist?

Mein Erklärungsversuche dafür sehen wie folgt aus. Die Person, die sich auf Twitter oder einem anderen sozialen Netzwerk über den Artikel echauffiert, tut das, weil sie andere Personen davor warnen will, den Content zu lesen. Damit erreicht sie leider grundsätzlich das Gegenteil, denn die Neugier siegt und generiert Klicks.

Die Person, die den Link teilt, möchte ganz öffentlich zeigen, dass sie ein guter Mensch ist und, in ihren Augen, schlechte, oder ganz und gar teilweise gefährliche, Meinungen verurteilt. Dadurch macht sie sich selbst zu einer Art Märtyrer, die für das Gute kämpft. Die besagte Person fühlt sich persönlich von einem Artikel angegriffen und möchte ihren Unmut darüber äußern, weil meckern, egal an welcher Stelle, einfach gut tut.

Die Person, die so ganz klar Stellung gegen einen Artikel bezieht, will, dass der oder die AutorIn eines Artikels nicht länger veröffentlichen darf und nutzt dafür die sofort darauf anspringende Meute, die mit ihr am gleichen Strang zieht.

Ganz grundsätzlich finde ich alle Taktiken gar nicht so doof – bis auf, dass sie letzten Endes alle genau eine Person, also in dem Fall den Autoren eines Textes, diffamieren, und das oftmals in einem Ausmaß, gegen das keine normale Person, und sei sie noch so selbstreflektiert und gefestigt in ihrem Tun – ankommt. 

Versteht mich nicht falsch, auch ich habe an den oben zitierten Journalisten einiges auszusetzen, doch die Art und Weise, wie im Netz mit ihnen umgegangen wird, finde ich genauso verwerflich wie das, was sie teilweise in ihren Artikeln propagieren. Deshalb kommen hier ein paar Vorschläge zu den oben genannten Szenarien.

Nicht darauf aufmerksam machen. Im besten Fall liest es keiner aus der eigenen Filterbubble, weil der Artikel gar nicht erst thematisiert wird. Etwas machen, das wirklich etwas bewegt. Etwas, das es rechtfertigt, sich im Anschluss wie ein Märtyrer zu fühlen. Tierbabys retten zum Beispiel, Spenden für Erdbebenopfer sammeln oder eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die in ihrem Leben zu wenig positive Aufmerksamkeit erfahren haben, gründen.

Gute Freunde anrufen, dort meckern und dann in aller Ruhe eine Mail an den/die AutorIn schreiben, um mit ihm oder ihr in einen Dialog zu treten. Am besten ohne zu drohen, zu schimpfen oder beleidigend zu werden. Direkt an den Verlag oder die veröffentliche Zeitschrift wenden. Ist die Kritik sachlich formuliert und berechtigt, wird man sich ihr auch annehmen.

Ansonsten: Sagt einfach nichts. Bitte. Diese Shitstormkultur ist einfach… Shit. Sie bringt weder euch, noch die angegriffene Person irgendwie weiter. Im Gegenteil: Shitstorms kosten wahnsinnig viel Kraft. Und zwar alle Beteiligten. Kraft, die man in wesentlich sinnvollere (und schönere Dinge) investieren könnte.

Die bösen Absichten, die ihr den Leuten anhand eines Artikels schnell mal unterstellt, entpuppen sich schneller als ihr denkt als Fehlinterpretationen von euch. Und auch wenn ihr unter euren Klarnamen schreibt: Unterschiede zu den anonymen Hatern, die ihr gerne als Trolle bezeichnet, gibt es zumindest nach außen hin eigentlich keine mehr.

Also tut euch doch selbst den Gefallen und hört auf damit, bewusst Shitstorms gegen einzelne Personen heraufzubeschwören. Ein beschissener Artikel mit einer beschissenen Meinung ist ein beschissener Artikel mit beschissener Meinung. Ein Shitstorm gegen eine Einzelperson zerstört langfristig nicht nur Karrieren, sondern auch Menschen. Hate Speech ist Hate Speech, auch wenn sie von euch, die Hate Speech mit Sicherheit häufiger ausgesetzt sind als die Durchschnittsperson, kommt.

Shitstorms sind immer scheiße, ganz egal, ob sie jetzt die Richtigen oder die Falschen treffen. Und genau deshalb pisst mich eure Bereitschaft, so im Netz zu agieren, auch so sehr an. Sie verderben mir persönlich den Spaß am Netz und auch die Option, gewisse Dinge selbst zu reflektieren, geschweige denn eine Meinung dazu zu vertreten.

Denn wer sich selbst äußert, egal zu welcher Seite, gerät selbst in den Strudel des Hasses, den beide Parteien gegenseitig auf sich feuern. Und das halte ich wirklich für gefährlich. Zumindest, wenn ich mir so ansehe, zu welchen Äußerungen es in den ganzen Shitstorms des letzten halben Jahres gekommen ist. Damit will ich einfach nichts zu tun haben.

Doch leider ist es ja mittlerweile auch so, dass man selbst dann angegriffen wird, wenn man einfach nichts sagt und sich raushält. Das hab ich zumindest gut beobachten können, aus der Distanz, die ich zu solchen Dingen einfach wahre. Und zu welchen Problemen das für einzelne Personen führen kann, davon will ich lieber gar nicht erst reden.

Also: Hört doch bitte einfach auf damit und zeigt mir wieder Dinge, die es sich zu lesen und zu verfolgen lohnt. Sonst muss ich am Ende einen Shitstorm gegen das komplette Internet starten, und da hab ich echt wenig Bock drauf.

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Illustration von Bogdan Magenta und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Facebook, Internet, Shitstorms, Twitter und YouTube
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