Digitale Freiheit - Facebook, geh sterben!

Seitdem
Digitale Freiheit - Facebook, geh sterben!

Digitale Freiheit

Seitdem Facebook sich für die breitere Öffentlichkeit geöffnet und nicht mehr nur für amerikanische Studenten da war, bin ich Mitglied. Damals gab es die Seite nur auf Englisch. Es ist mittlerweile das größte sozialen Netzwerk der Welt. Ich habe viele Änderungen miterlebt. Manchmal positive. Meistens aber eher negative. Und hatte ich damals noch das Gefühl, dass mir die blauweiße Seite dabei behilflich ist, neue Kontakte zu knüpfen und bestehende zu vertiefen, fühlt sich eine Mitgliedschaft dort heute eher an wie ein gesellschaftlicher Massenzwang, der durch digitale Einbindung verstärkt wird.

Facebook und ich, das ist wie eine anfangs neue, aufregende Beziehung voller Möglichkeiten, die die letzten Jahre nur noch Bestand hatte, weil man sich nicht ganz sicher war, ob man sie womöglich doch noch retten könne. Und ich kann hier und heute sagen: Nein, kann man nicht. Facebook ist nicht mehr Liebe. Sondern Stillstand.

Es gibt mehrere Gründe, warum ich diesem Trauerspiel nun ein Ende bereite. Und jeder von ihnen ist für mich auf einer anderen Ebene sehr wichtig. Sie gehen von objektiver Logik bis hin zu einer nicht unbedingt nachvollziehbaren Ideologie. Aber sie laufen alle auf eine entscheidende Erkenntnis hinaus: Dass Facebook mich mehr braucht als ich Facebook.

Ich bin auf Facebook mit drei Arten von Menschen verbunden. Die kleinste Gruppe von ihnen sind meine Freunde. Mit ihnen tausche ich lustige Smileys in Chats aus, verabrede mich zu Partys und zum Brunch oder schicke kleine Liebesbeweise inklusive Fotos diverser Genitalien. Das macht Spaß. Aber ich kann das auch woanders machen. Persönlicher.

Zur größeren Gruppe zählen Menschen, die ich irgendwann einmal getroffen habe oder mit denen ich in der Schule befreundet war. Es ist zwar manchmal interessant zu wissen, was sie so treiben, aber meistens wird mir mit jedem ihrer minderbemittelten Statusberichte klarer, warum ich heute nichts mehr mit ihnen zu tun habe.

Die Masse sind allerdings Personen, von denen ich keine Ahnung habe, wer sie sind. Ich habe sie über die Jahre hinweg als “Freunde” angesammelt, weil ich sie entweder für interessant, sexy oder nett hielt, aber heute müllen mich diese Leute mit FarmVille-Highscores, Eventeinladungen in Buxtehude und Fotos ihrer hässlichen Babys zu und bei jedem von ihnen denke ich mir aufs Neue: „Wer zum Teufel bist du und warum nervst du mich?!“

Wenn wir es einmal herunter brechen und die internationalen Büros und aufgepumpten Börsengänge und digitalen Milliarden von Dollar mal beiseite lassen, dann haben wir uns alle auf einer Webseite angemeldet, die nur ein Hauptziel hatte: Dass sich Mark Zuckerberg an den Fotos seiner Kommilitoninnen einen runterholen konnte. Ganz einfach.

Ich halte ihn für einen unsympathischen, unfähigen und irgendwie trotteligen Jungen im Körper eines Mannes, der weder so viel Macht in seinen Händen besitzen sollte noch mit dieser besonders gut umgehen kann. Er nennt seine Nutzer „dumme Trottel“, die selbst schuld sind, wenn sie ihm ihre privaten Daten anvertrauen.

Er verkauft die Daten seiner Mitglieder im großen Stil, er bringt den Laden dank etlicher sich wiederholender Sicherheitsmängel nicht unter Kontrolle und er besitzt keine Ideologie, kein Charisma und keine besonders herausragenden Lösungen zur Problembekämpfung in der Zukunft. Oder anders ausgedrückt: Mark Zuckerberg ist ein Idiot.

In Facebook selbst herrscht eine Hausordnung, die nicht nur unlogisch, sondern größtenteils auch diskriminierend, unverständlich und beliebig ist und in einem sehr amerikanischen Satz zusammen gefasst werden kann: Gewalt ja, Sex nein. Und mit Sex meint Facebook auch stillende Mütter, halbnackte Menschen und weibliche Nippel.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mein Konto schon gesperrt wurde, weil ich Inhalte geteilt habe, die irgendwo gegen diese Regeln verstoßen haben. Und das Schlimme daran ist, dass man diese gewinnorientierte Disney-Hausordnung irgendwann für universell hält und anfängt, sich wie ein geschlagener Hund daran zu halten.

Aber Angebote wie Tumblr, Reddit und Twitter zeigen, dass man erwachsene und unzensierte Inhalte auch erlauben kann, ohne sich gleich in das neue 4chan des Internets zu verwandeln. Facebooks Kindergartendiktatur geht gegen alles, wofür das Internet steht, und sollte von niemandem toleriert werden. The Internet is for porn!

Auf der anderen Seite ist Facebook eigentlich nur ein nett gestaltetes Formular, in das du regelmäßig deine Daten einträgst, damit es Geheimdienstorganisationen wie der NSA, dem GCHQ oder der sicherlich noch irgendwo agierenden Stasi leichter fällt, dich im Auge zu behalten und dir dein Leben schwer zu machen, wenn sie es für richtig halten.

Und natürlich ist der Einwand berechtigt, mich zu fragen, was die denn bitteschön gerade mit MEINEN Daten wollen. Aber darum geht es nicht. Ich war schon immer der Meinung, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Wenn sie meine Daten wollen, dann hau ich sie ihnen so lange um die Ohren, bis sie kein J-Pop-Lied mehr hören, Scarlett-Johansson-Gif mehr sehen und Herzschmerz-Geschreibe mehr lesen können. Nehmt meine Daten und erstickt doch alle daran!

Mir geht’s hier ums Prinzip. Da sitzen Leute, die denken, sie können mich verarschen, indem sie mein vermeintliches Leben in irgendwelche geheimen Listen am Ende der Welt eintragen und glauben, ich bekäme davon eh nichts mit. Ich werde als ständig aktualisierte Nummer herumgereicht und es wird nur darauf gewartet, bis ich etwas anstelle (oder vielleicht auch nicht), damit sie diese Sammlung an Bits und Bytes gegen mich verwenden können.

Wie kann ich jemandem vertrauen, der mich in jeder erdenklichen Situation anlügt? Ob Facebook seine Nutzer auch dann trackt, wenn sie ausgeloggt sind? Nein, sagt Facebook. Ja, sagt die Wahrheit! Ob Facebook Schattenprofile von Menschen anlegt, die gar kein Konto besitzen? Nein, sagt Facebook! Ja, sagt die Wahrheit! Ob Facebook deine privaten Telefonnummern, Daten und eMail-Adressen allem und jedem zugänglich macht? Nein, sagt Facebook. Ja, sagt die Wahrheit.

Es entzieht sich jeder erdenklichen Logik, warum sich alle darüber aufregen, aber trotzdem niemand Konsequenzen daraus zieht. Stattdessen ist es schon fast soweit, dass Nutzer diese Praxis von Facebook verstehen und gut heißen. „Naja, die wollen ja auch nur Geld verdienen.“ Oder noch besser: „Ist doch mir egal, wenn die ganze Welt meine Telefonnummer sieht.“

Tatsächlich ist es so, dass einige Firmen immer so weit gehen, wie sie eben gehen können, ohne an Gewinn zu verlieren. „Wenn diese Idioten sich das alles gefallen lassen, umso besser für uns!“ Und es nützt nichts, eine Aufreg-Facebook-Gruppe zu gründen. Schließlich verdienen sie dadurch immer noch Geld. Wenn man will, dass einen soziale Netzwerke mit Respekt behandeln,und nicht als Schlachtvieh, dann sollte man auch knallhart sagen: Nö, dann geh ich eben woanders hin!

Ich habe es satt, dass das heutige Internet von ein paar großen Playern unter sich aufgeteilt wird. Tummelten wir uns früher noch in den unmöglichsten Ecken des Internets herum, wechseln wir heute nur noch zwischen Facebook und Twitter hin und her und fragen uns ständig, warum wir so eine Leere in uns spüren.

„Facebook, Twitter, Google, Tumblr, Apple, Instagram, Pinterest und wie sie alle heißen … sie machen das Web kaputt“, wusste bereits schon Johnny Haeusler. „Das Web sammelt Wissen und dokumentiert Menschheitskultur. Es ist für jeden zugänglich, der einen Internet-Anschluss hat. Wenn dieses Wissen und diese Dokumentation jedoch immer mehr hinter verschlossenen Türen in Räumen stattfindet, die von wenigen kontrolliert werden, die nur diejenigen eintreten lassen, die zunächst ihre Daten hinterlassen und ihre Rechte abgeben, dann wird das Web verkümmern, zu einem obskuren Nerd-Spielplatz werden oder ganz sterben.“

Wer heute ankündigt, sich von einem sozialen Netzwerk abzumelden, der wird oft nicht mehr ernst genommen. Besonders in der Medienbranche. Denn für viele ist Facebook gleich Internet. Doch das ist falsch. Das Internet ist eine gigantische Fundgrube aus Angeboten, die dein Leben verbessern, deine Individualität stärken und dich mit Leuten zusammen bringen kann, die nicht Minute für Minute Candy-Crush-Invites verschicken, kluge Sprüche auf verwaschenen Sonnenuntergängen teilen oder sich darüber aufregen, dass irgendwelche Timelines plötzlich anders aussehen.

Wir denken immer, dass man sich alle Möglichkeiten offen halten sollte. Also haben wir uns bei einer Tonne von Diensten angemeldet, die allesamt irgendwie mal nützlich sein könnten. Flickr, Xing, LinkedIn, Tumblr, Facebook, Pinterest, Google, Dropbox, Vine, Instagram, Apple, Skype, SoundCloud, EyeEm, Evernote, Droplr, ja, irgendwo liegen sogar noch unsere StudiVZ-, MySpace- und MSN-Accounts herum.

Die Wahrheit ist: Jeder dieser Dienste ist eine geistige und körperliche Belastung. Und sie fressen Zeit, obwohl man sie gar nicht nutzt. Der eine verschickt Tag für Tag eMails und beschwert sich dann, dass die Mails nicht mehr ankommen, wenn man sie als Spam markiert. Und wie? Genau: Per Mail. Der andere verkauft deine Adressen an dich mit Newslettern und Penisverlängerungen bombardierende Listenfirmen.

Und es ist kein Geheimnis, dass man glücklicher ist, wenn man sich mit weniger Müll herumschlagen muss. Also melde ich mich gerade nicht nur bei Facebook ab, sondern bei vielen Diensten, die ich in letzter Zeit gar nicht oder nur selten verwendet habe. Ich miste aus. Um ein wenig freier zu werden und die Kontrolle über mein Leben zurück zu gewinnen.

Wenn ich Lust habe, euch über meine Abenteuer auf dem Laufenden zu halten, dann kann ich das ganz entspannt über AMY&PINK machen. Das muss doch reichen, oder? Die hinzu gewonnene Zeit kann ich entweder für neue digitale Entdeckungen nutzen – oder für mein Privatleben. Am besten beides! Sowieso sollte jeder seinen eigenen Blog haben und sich nicht auf temporäre Netzwerke mit eigenen Regeln verlassen.

Facebook hatte viele Chancen, mich als Nutzer zu behalten und hat diese allesamt über die Jahre hinweg verspielt. Sie haben mich angelogen, verkauft und verraten. Und ihr Chef ist ein Bumskopf. Es gibt keinen Grund mehr, warum ich ihr Ziel, das Netz in einen blauweißen, zensierten und ständig kontrollierten Disneykindergarten zu verwandeln, unterstützen sollte.

Ich möchte nicht als numerische Ware behandelt werden, die man verkaufen, melken und wiederholt an irgendwelche Datensammler verkaufen und machthungrige Geheimdienstagenten verschicken kann. Ich möchte ein freies Internet und ich möchte Mitglied von Angeboten sein, die mich mit Respekt behandeln und dessen Abstinenz nicht durch lustige und kostenlose Funktionen kaschieren. Ich möchte Kunde und König sein. Und kein Opfer.

Ich habe soeben meinen Facebook-Account gelöscht. Und allein die Tatsache, dass ich einen ellenlangen Artikel darüber verfassen musste, um mich dafür zu rechtfertigen, warum mich zu diesem Schritt entschieden habe, zeigt, dass in diesem Netz momentan so einiges schief läuft. Mal gucken, Zuckerberg, wie lange du die anderen noch verarschen kannst. Aber ich bin raus. Mach’s gut Facebook! Oder, ne, noch besser: Geh sterben!

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Illustration von Natasha Remarchuk und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Facebook, Freiheit, Internet, Mark Zuckerberg und Privatsphäre
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