Digitale Dystopie - Das Internet wurde uns entrissen

Im Jahr 2008 waren Blogs noch das Größte. Millionen von Menschen tippten Millionen von Meinungen in ihre kleinen, digitalen Tagebücher. Klar, vieles davon war Unsinn. Private Belanglosigkeiten, Kochrezepte, Fotos von…
Digitale Dystopie - Das Internet wurde uns entrissen

Digitale Dystopie

Im Jahr 2008 waren Blogs noch das Größte. Millionen von Menschen tippten Millionen von Meinungen in ihre kleinen, digitalen Tagebücher. Klar, vieles davon war Unsinn. Private Belanglosigkeiten, Kochrezepte, Fotos von neuen Klamotten, von der süßen Katze, von Topfpflanzen. Aber einige von ihnen nutzten ihre Blogs als Waffe, um eingestaubte politische Strukturen aufzubrechen und den Funken der Revolution in den Köpfen der Leser zu entfachen. Einer dieser Menschen ist der kanadisch-iranische Blogger Hossein Derakhshan – und er sollte teuer für seine eigene Meinung bezahlen.

Noch bevor die leisen und lauten Stimmen der Bevölkerung massenhaft in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Snapchat gebündelt und als Machtmotor missbraucht wurden, wurde Hossein verhaftet und zwei Jahre später von der 15. Abteilung des Islamischen Revolutionsgerichts zu 19 Jahren und 6 Monaten Gefängnis sowie einer Geldstrafe von 30.000 Euro verurteilt, weil sein Blog langsam, aber sicher, zu gefährlich für die iranische Regierung wurde.

Am 19. November 2014 wurde Hossein nach einer Begnadigung durch Ajatollah Ali Khamenei aus der Haft entlassen. Er setzte sich vor seinen Laptop, öffnete ihn – und was er vorfand, war ein Internet, das nicht mehr sein Internet war, das ihm Kummer bereitete, das ihn verraten hatte. Was er vorfand, war das Hier und Heute.

„Blogs waren die Verkörperung der Dezentralisierung“, schreibt Hossein in seinem Artikel „The Web We Have to Save“. „Sie waren Fenster in die Leben von Menschen, von denen man nur wenig wusste, Brücken, die verschiedene Leben miteinander verbanden und dadurch veränderten. Blogs waren Cafés, in denen sich Menschen austauschen konnten, in denen sie Ideen teilten und sich für alle möglichen Themen interessierten.“

Doch in den letzten Jahren haben sich soziale Netzwerke aggressiv zur Basis von Informationen entwickelt. „Heute entscheidet der Stream, welche Informationen Menschen im Internet sehen. Nur noch wenige Benutzer rufen direkt Webseiten auf, stattdessen werden sie von einem niemals endenden Strom an Informationen gefüttert, die von komplexen – und geheimen – Algorithmen ausgewählt werden.“

Wir sind abhängig geworden. Von wenigen Firmen, die wiederum ihre eigenen Ziele verfolgen. Sie entscheiden, was wir sehen. Und noch schlimmer: Sie entscheiden auch, was wir nicht zu sehen bekommen. Kritische Stimmen verstummen unter einem Berg von vermeintlich lustigen Videos, sich wiederholenden Top-10-Listen und Bildern von Disney-Prinzessinen mit Kurzhaarfrisuren.

„Der Stream nimmt dir Arbeit ab, du musst keine Webseiten mehr öffnen, du brauchst keine Tabs mehr, nicht einmal ein Webbrowser ist mehr nötig. Du öffnest einfach Twitter oder Facebook auf deinem Smartphone und schon kannst du eintauchen. Der Berg ist zu dir gekommen. Algorithmen wählen alles für dich aus. Es fühlt sich großartig an, keine Zeit mehr auf so vielen Webseiten zu verschwenden.“

Doch was genau tauschen wir für diese Bequemlichkeit ein? „Es steht außer Frage, dass die Vielfalt der Themen und Meinungen in den letzten Jahren zurück gegangen ist.“ Da ist sich Hossein sicher. „Neue, andere, herausfordernde Ideen werden von den sozialen Netzwerken unterdrückt, weil sie sich gegen die Rangordnungsstrategie stellt, die beliebte Aussagen bevorzugt.“

Doch nicht nur die Anzahl der eigenen Ideen geht zurück. „Klar, die Einträge auf Twitter und Facebook sind privaten Blogs ziemlich ähnlich, sie stehen in einer bestimmten Reihenfolge und sie besitzen eigene Webadressen. Aber man hat keine Kontrolle über sie, ich kann sie nicht personalisieren, ich kann ihre Erscheinung nicht ändern. Das soziale Netzwerk gibt vor, wie sie auszusehen haben.“

Oder wie lange die Meinung zu sein hat. Wer auf Twitter etwas loswerden möchte, das mehr als eine Zeile lang ist, hat es schwer. Also begnügt man sich irgendwann mit prägnanten Aussagen, die am besten auch noch favorisiert und retweetet werden. Man biegt sich zurecht, solange man dafür ein gelbes Sternchen kassiert. Oder am besten gleich mehrere.

„Wenn ich mich bei Facebook einlogge, dann beginnt mein persönliches Fernsehen. Ich muss nur anfangen zu scrollen: Neue Profilbilder meiner Freunde, kleine Meinungen zu aktuellen Ereignissen, Links zu neuen Geschichten mit kurzen Informationen und natürlich selbstabspielenden Videos. Egal, was ich mache, ich bleibe innerhalb von Facebook. Und es zeigt mir nur das an, was ich womöglich mag. Das ist nicht das Internet, für das ich ins Gefängnis gegangen bin. Das ist nicht die Zukunft des Internets. Diese Zukunft ist Fernsehen.“

Das neue, verweichlichte Internet wird nicht einmal mehr von Diktaturen besonders ernst genommen. Hatte der Iran vor einigen Jahren noch gefährliche Blogger hinter Gittern gesperrt, blockt es heute nicht einmal mehr Instagram. Was können Menschen, die gefilterte Fotos von ihrem Frühstück machen, schon ausrichten? Eben.

„Ich vermisste die Zeit, als Leute noch verschiedenen Meinungen ausgesetzt waren und mehr als 140 Zeichen lasen“, seufzt Hossein. „Ich vermisse die Tage, als ich etwas auf meinem eigenen Blog veröffentlichen konnte, mit meiner eigenen Domain, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie ich meine Meinung auf unzähligen sozialen Netzen bewerben muss, damit sie jemand liest. Als sich niemand um Likes und Reshares kümmerte. Das ist das Internet, an das ich mich vor dem Gefängnis erinnere. Das ist das Internet, das wir retten müssen.“

Bücher über das Internet auf Amazon kaufen

Illustration von Abstract und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Blogs, Facebook, Instagram, Internet und Twitter
Wenn euch dieser Artikel gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen
Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
EMPFEHLUNGEN
Weitere Artikel lesen
Impressum
AMY&PINK

Herausgeber

Marcel Winatschek

AMY&PINK ist euer digitales Popkulturmagazin und gibt euch alles, was ihr über Mode, Kunst, Musik, Filme, Spiele, Essen, Reisen, Liebe, Sex und das Leben im Allgemeinen wissen müsst. Jeden Tag aufs Neue.

Sendet uns eure CDs, Filme, Serien, Bücher, Magazine, Comics, Getränke, Videospiele, Schuhe, Kleidungsstücke, technischen Spielereien und weitere schöne Dinge an die folgende Adresse und vielleicht stellen wir sie auf AMY&PINK vor.

Wenn ihr auf AMY&PINK werben oder veröffentlicht werden wollt, eine rechtliche oder inhaltliche Anfrage habt oder weitere generelle Informationen benötigt, dann schickt uns eine Email!

Adresse

AMY&PINK
Bgm.-Strauß-Straße 8
86807 Buchloe
Deutschland

Kontakt

Email: kontakt@amypink.com
Telefon: +49 157 34335280

Kategorien
Leben  Mode  Kunst  Musik  Filme  Spiele  Essen  Reisen  Liebe  Sex

Themen
Mädchen  Frauen  Jungs  Beziehungen  Männer  Fotografie  One-Night-Stands  Japan  Internet  Berlin  Asien  Tokio  Deutschland  Gesundheit  Instagram  Feminismus  Gedanken  Partys  Liebeskummer  Emotionen  Anime  Drogen  Manga  Facebook  Blogs  Beziehung  Freundschaft  Pornografie  Studium  Twitter  Gefühle  Karriere  YouTube  Depressionen  Tinder  Sexismus  Alkohol  Krankheiten  Jugend  USA  Geld  Hass  Onanie  Penisse  Harajuku  Kyoto  Bücher  Interviews  Shibuya  Masturbation  Kreuzberg  Hip Hop  Brüste  Arbeit  Ängste  Kinder  Australien  Nintendo  Pop  Prostitution  WhatsApp  Comics  Reddit  Teenager  Cartoons  Trennung  Fantasy  Wohngemeinschaften  PlayStation  Osaka  Friedrichshain  Homosexualität  Los Angeles  Rassismus  Analsex  Berghain  Urlaub  Menschen  Europa  Sailor Moon  Nacktfotos  Schule  Muschis  Xbox  Selbstbefriedigung  Shimokitazawa  Handys  Psychologie  England  Finanzen  Vibratoren  Sexting  Fitness  Speed  Gewalt  Haruki Murakami  Geschichten  HIV  MDMA  Familie  

© 2020  •  Alle Rechte vorbehalten

Wir übernehmen keine Verantwortung oder Haftung für unverlangte Einsendungen.

Mit dem Erhalt von Fotografien, Texten und ähnlichen analogen wie digitalen Materialien erklärt sich der Einsender dazu bereit, dass er die vollen Rechte daran besitzt und diese kostenfrei, lizenzfrei und für unbestimmte Zeit auf AMY&PINK veröffentlicht werden dürfen.

Diese Webseite verwendet Cookies und wird finanziell sowie inhaltlich durch Werbung, Produktplatzierungen und Affiliate-Links unterstützt.

Bei jedem vermittelten Kauf über Amazon erhalten wir einen kleinen Anteil.

Weitere Informationen findet ihr in unserer Datenschutzerklärung.