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Digitale Doppelmoral: Das Internet ist voller Heuchler

Wenn man erst einmal sein halbes Leben im Netz verbracht hat und den Browser tagtäglich öfter sieht als die Familie, die Freunde und den Spiegel zusammen, dann offenbart sich einem ziemlich schnell eine einzige Wahrheit: Das Internet ist voller Heuchler. Eine ewige, immer wieder kehrende Wiederholung einer von Heuchlern inszenierte Show. Von allem. Die Technik mag zwar ständig voran schreiten, die Schleifen, die bestimmte Ereignisse nach sich ziehen, scheinen jedoch für alle Zeit unverändert zu bleiben.
Digitale Doppelmoral: Das Internet ist voller Heuchler
Digitale Doppelmoral: Das Internet ist voller Heuchler

Digitale Doppelmoral

Das Internet ist
voller Heuchler

Marcel Winatschek
Marcel Winatschek

Wenn man erst einmal sein halbes Leben im Netz verbracht hat und den Browser tagtäglich öfter sieht als die Familie, die Freunde und den Spiegel zusammen, dann offenbart sich einem ziemlich schnell eine einzige Wahrheit: Das Internet ist voller Heuchler. Eine ewige, immer wieder kehrende Wiederholung einer von Heuchlern inszenierte Show. Von allem. Die Technik mag zwar ständig voran schreiten, die Schleifen, die bestimmte Ereignisse nach sich ziehen, scheinen jedoch für alle Zeit unverändert zu bleiben.

Beispiel 1: Katastrophen. Wenn ein paar Irre auf die Idee kommen, unschuldige Menschenleben auszulöschen, oder die Natur mal wieder verheerend um sich schlägt, bilden sich innerhalb von zehn Sekunden zwei verfeindete Lager. Die großen Medien, die mit Skandalschlagzeilen und aufdringlichen "Artikeln" um die Gunst der Leser und Zuschauer buhlen und keine Panikmache auslassen, und die Blogger und Twitterer, die auf eben dieses Unding aufmerksam machen. Natürlich mit nicht weitaus weniger reißerischen Texten. Um auch ja genügend Likes zu bekommen und auf Rivva zu landen. Wer meckert, bleibt bekannt. Heuchlerisches Pack.

Beispiel 2: Social Networks. Weil viele Schnarchnasen zwei Jahre zu spät bemerkt haben, wie umwerfend Facebook, Twitter und Tumblr sein können, verplempern sie nun jede freie Minute damit, das nächste große Ding zu finden und bei jedem kleinen Lichtstrahl wie blöde darauf aufmerksam zu machen. Egal ob Meerkat, Vine und Google Plus – sobald sich eine neue digitale Bleibe am Horizont abzeichnet, setzt bei vielen Netzbewohnern das Gehirn aus. Im Affekt werden Invites verschossen, so schnell wie möglich rein da, alles, was es bisher gab, ist alter Scheiß von vorgestern und Facebook konnten wir eh noch nie leiden. Bis sie nach drei Wochen merken, dass sich in ihr neues Zuhause nur Fat Nerdo aus Hannover und Billy, der pickelige Mitläufer, verirrt haben und dann so tun, als hätten sie nie etwas gesagt. Heuchlerisches Pack.

Beispiel 3: Verstorbene Berühmtheiten. Alle Jahre wieder beißt ein meist englischsprachiger Celebrity ins Gras. Michael Jackson, David Bowie, Amy Winehouse. Was passiert? Na klar. In den sozialen Netzwerken avanciert "RIP" zum Wort des Moments. Fotos, Songs und Videos werden geteilt, betrauert, kommentiert. Bis dem gelangweilten Schornsteinfeger-Azubi Fabian P. aus L. einfällt: "Hey… in Afrika sterben auch Menschen!" Schnell jedem rein drücken. Und natürlich hat er recht. Wenn auch sonst nicht oft im Leben. Aber wir trauern um Michael und Amy, weil sie uns tief bewegt haben, zum lachen, weinen und nachdenken gebracht. Und egal wie schockierend wir andere Tode finden, emotional lassen wir eben nur Menschen in unser Herz, für die wir etwas empfinden. Alles andere wäre dumm. Und nicht ehrlich. Heuchlerisches Pack.

Leider sind das nur drei prägnante Punkte, die man als aufmerksamer Beobachter der deutschen Netzkultur wiederholt zu Gesicht bekommt. Von Politikbashing, Shitstorms und Trolllagern möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen. Denn egal wie neu und revolutionär und weise sich das Internet und ihre Bewohner oft präsentieren, im Grunde geht es nur um eines: Die Aufmerksamkeit des Einzelnen.

Das große Problem an dieser Sache ist: Um diese zu erhaschen, neigen viele Kleingeister dazu, sich wider das Gefühl der Masse zu stellen und eine Gegenmeinung zu vertreten – obwohl sie diese Position womöglich gar nicht verkörpern. Doch die Chance auf kurzfristigen Ruhm wird in diesem Augenblick höher gestellt, als die freie Entfaltung des eigentlichen Standpunkts. Wie ein kleiner Schreihals, der lautstark um die Gruppe rennt, und dann doch nur Müll zu sagen hat, wenn man ihn dann ansieht. Und der eigentlich nur dazu gehören möchte.

Seid also nicht allzu überrascht, wenn sich im Internet immer und immer wieder die gleiche Schose abspielt. Blogs, Webseiten und Charaktere mögen sich vielleicht mit der Zeit austauschen, aber der Geist der Akteure bleibt derselbe. Und nach ein paar Runden Celebrity-Terror-Network sitzt ihr nur noch sabbernd und resignierend da, stoßt ein "Kenn’ ich schon" aus euren verkrusteten Mündern und möchtet am liebsten umschalten. Doch das ist schlicht nicht möglich und ihr müsst einsehen: Das Internet ist eine Wiederholung. Und voller Heuchler.

Der Text wurde von Marcel Winatschek geschrieben. Das Bild stammt von Icons8. Der Artikel erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Facebook, Gedanken, Google, Internet, Politik, Tumblr, Twitter und Social Media. Wenn er euch gefällt, könnt ihr ihn auf Facebook, Twitter, WhatsApp, Pinterest und Tumblr oder per Email teilen. Ihr habt etwas zu sagen? Schickt uns einen Leserbrief!
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