Der Dealer und ich - Eine Begegnung in Berlin

Vor einem Jahr treffe ich Jamaal zum ersten Mal. Mit Kapuze auf dem Kopf und Wein in der Hand sitzt er allein vor dem Spätshop meines Vertrauens und konsumiert im…
Der Dealer und ich - Eine Begegnung in Berlin

Der Dealer und ich

Vor einem Jahr treffe ich Jamaal zum ersten Mal. Mit Kapuze auf dem Kopf und Wein in der Hand sitzt er allein vor dem Spätshop meines Vertrauens und konsumiert im Sekundentakt. Völlig verpeilt stürme ich schon fast an ihm vorbei, als sein ehrliches Lächeln mich unerwartet stolpern lässt.

In diesem Moment weiß ich, dass Weitergehen keine Option ist. Gründe dafür gibt es genug. Jamaal reicht mir mit aufgerissenen Augen eine Zigarette und lächelt. Einander fremd genießen wir diesen einen kurzen Moment der Stille. Dann fangen wir an zu sprechen.

Jaamal, wo kommst du her? Ich hab Dich hier noch nie gesehen.

Ich komme aus Senegal, doch die letzten drei Jahre habe ich in Mailand gewohnt. Ich bin erst seit einem Monat in Berlin und empfinde es als eine Art Befreiung.

Warum Befreiung?

Ich lebte dort mit meiner Frau und meiner kleinen Tochter. Doch zu meinem richtigen Zuhause wurde es nie. Italien macht es Farbigen nicht wirklich einfach, sich akzeptiert und als Teil des Landes zu fühlen. Jeden Tag empfand ich wie ein Ausgestoßener, ein Fremder.

Mit gesenkten Blick nimmt Jamaal einen heftigen Schluck von dem Wein und bietet mir erneut eine Zigarette an. Obwohl wir uns erst seit einigen Minuten kennen, spüre ich eine Art emotionale Verbundenheit.

Berlin steht für dich also für einen Neuanfang?

Ja. Erstmal wollte ich weg von der Diskriminierung. Weg von dem Hass. Jetzt merke ich, dass es nicht überall so sein muss. Hier sind die Menschen viel offener und toleranter.

Und deine Familie? Was ist mit deiner Frau und deiner kleinen Tochter?

Sie ist nicht mehr meine Frau. Wir lassen uns scheiden, weil wir am Ende zu oft gestritten haben und unterschiedliche Lebensauffassungen haben. Meine Tochter liebe ich natürlich über alles. Doch ich musste einfach weg, weil dieser Zustand nicht mehr auszuhalten war.

Ist deine Frau Italienerin?

Ja, aber ich lernte sie in Senegal kennen. Wir verliebten uns unsterblich ineinander und mir war sofort klar, dass ich mit ihr nach Mailand gehen würde, weil es ihre Heimatstadt ist.

Eine schöne Geschichte, mit einer traurigen Wendung. Wie fühlt es sich für dich an, jetzt wieder so völlig allein zu sein und bei Null anfangen zu müssen?

Es ist schwer und noch so frisch, doch ich bereue es nicht. Berlin zeigt mir neue Möglichkeiten, neue Freiheiten. Hier fühle ich mich als Mensch, nicht primär als Farbiger.

Plötzlich springt Jaamal auf und fragt mich, ob wir den Wein nicht mitnehmen wollen. Klar, entgegne ich ihm leicht überrascht. Wir verschwinden in die Nacht und setzen uns auf eine ruhig gelegene Bank an der Spree.

Was genau machst du jetzt?

Ich verdiene Geld, indem ich Drogen verticke. Am Abend rennen hier ein Haufen Touristen rum, die ständig nur das Ziel haben drauf zu sein um die ganze Nacht feiern zu können. Gras, Speed, Kokain. Sie kaufen alles, egal wie teuer es ist. Damit lässt sich gut und schnell Geld verdienen.

Ja. Hier laufen meistens mehr Touristen als Anwohner durch den Kiez. Ist mir auch schon aufgefallen, dass die entweder drauf sind oder drauf sein wollen. Doch was ist mit dir? Das Drogen verticken alleine macht dich doch nicht glücklich, oder?

Nein, aber so schnell verdiene ich woanders erstmal kein Geld. Ich spreche sechs Sprachen und habe kein Problem damit, Menschen offen anzusprechen. Das ist mein Schlüssel. Seitdem ich in Berlin bin, habe ich keine Nacht geschlafen. Auch wenn ich will, es geht einfach nicht. Meistens lege ich mich am Vormittag in meinem Hostelzimmer für ein paar Stunden hin, um später wieder in den Park oder abends in die Clubs zu gehen.

Ich bin auch ein Nachtmensch, aber dein Pensum würde ich wahrscheinlich nicht durchhalten. Wie machst du das?

Ab und zu nehme ich Speed. Es hält wach und du frierst nicht. Ich bin diese Kälte nicht gewohnt. Aber mit Wodka und ein paar Lines spüre ich kaum noch was.

Speed und Kokain ähneln sich äußerlich ja sehr. Doch im Preis unterscheiden sie sich immens. Nutzt du das ab und auch aus?

Naja. Manchmal verkaufe ich Speed, obwohl die Leute nach Kokain fragen. Damit bekomme ich ungefähr das Sechsfache im Preis. In einer guten Nacht verdiene ich im Club und auf den Straßen schon mal tausend Euro.

Okay. Das ist ein ziemlich deftiger Tagessatz. Und dein Gewissen spielt damit?

Ja, wie gesagt die Leute wollen Party machen um jeden Preis. Sie übernachten im Hostel, aber sind nie da, weil sie Berlin in der ganzen Bandbreite wahrnehmen wollen. Beide Seiten sind in dem Fall ziemlich hungrig.

Du dealst, um zu hier zu leben, aber dein Herz ist doch bestimmt in Senegal und bei deiner Tochter?

Ja, natürlich. Wenn es mir möglich ist meine Tochter zu besuchen, werde ich es tun. Doch mein Herz wird immer in Afrika sein. Dort wohnt auch meine Mutter. Für mich ist und bleibt sie der wichtigste Mensch in meinem Leben.

Jaamal, hast du einen Traum?

Irgendwann will ich zurück nach Senegal gehen, um eine kleine Bar aufzumachen. Dort wartet meine Familie, die Sonne und das Land, was ich meine Heimat nenne. Das ist mein Traum.

Der Wunsch, Jaamal einmal fest zu drücken überkommt mich. Ich tue es. Wir atmen beide tief durch und genießen die Stille, während uns ein paar verlorene Sterne ins Gesicht strahlen. Jetzt sind wir keine Fremden mehr.

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Fotografie von Hidde Schalm
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Deutschland, Drogen, Flüchtlinge, Kokain, Kreuzberg, MDMA, Speed und Tourismus
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