Coming of Age - Also fuhr ich nach New York

Eigentlich war ich nur wegen dieses einen Typen nach New York City gekommen. Ich hatte kaum Geld dabei, aber einer meiner Exfreunde erzählte mir von einem überaus günstigen Hotel, von…
Coming of Age - Also fuhr ich nach New York

Coming of Age

Also fuhr ich
nach New York

Eigentlich war ich nur wegen dieses einen Typen nach New York City gekommen. Ich hatte kaum Geld dabei, aber einer meiner Exfreunde erzählte mir von einem überaus günstigen Hotel, von dem er in der Anzeige eines Stadtmagazins gelesen hatte. 200 Dollar für eine ganze Woche klangen fast zu gut, um wahr zu sein. Aber ich war ja auch ein wenig naiv und bescheuert.

Als ich ankam, war das Hotel nicht mehr als ein verkacktes Drecksloch. Ein Ort, an dem Nutten ihr Pep zogen. Ich stieg in den Fahrstuhl. Es roch nach einer üblen Mischung aus Marihuana, indischem Essen und Tod. Ein schwarzer Typ, der kein Gefühl für persönlichen Freiraum zu haben schien, stieg ebenfalls ein. Ich konnte seinen warmen Atem und den stierenden Blick auf meinem Nacken spüren. Er geiferte regelrecht nach mir. Wirklich. Ich meine, ich bin jetzt nicht das schönste Mädchen der Welt oder so etwas, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er geil auf jede war, die er gleich ermorden wollen würde. Heute war das halt ich. Ich!

Nach einer scheinbaren Ewigkeit kamen wir in meinem Stockwerk an. Ich rannte zu meinem Zimmer und er folgte mir. Ich hoffte, dass er mich nicht für eine Rassistin hielt, weil ich das überhaupt nicht bin, aber das Blut auf seinem Gesicht und sein schielender Blick machten mich einfach total nervös. Nicht einmal von der Tatsache zu sprechen, dass er den Knopf für ein ganz anderes Stockwerk gedrückt hatte.

Endlich war ich in meinem Zimmer. Sicher. Es war so eng wie in einer American-American-Umkleidekabine. Aber nicht annähernd so modern oder hell. Der Türspion war mit Toilettenpapier ausgefüllt. Anstatt mit Glas. Plötzlich klopfte jemand an der Tür. Aus dem Klopfen wurde ein Hämmern. „Hey Miss, lassen Sie mich rein! Sie lassen mich besser rein!“ Ich hatte keinen Handyempfang und in dem Raum gab es kein Telefon. Ich konnte jetzt einfach keine Muschi sein, das war für all die anderen Tage in meinem Leben reserviert. Sollte ich also gerade heute zu Tode vergewaltigt werden? Keine Chance! Ich riss das Fenster auf und stolperte die Feuerleiter hinunter.

Der Typ, für den ich nach New York gekommen war, ging ans Telefon, ich war total außer Atem. Wir hatten früher einmal so richtig episch miteinander rumgemacht. Und ich wollte das, was auch immer wir damals hatten, unbedingt wiederholen. Als ich ihn dann endlich traf, war von dem Zauber allerdings nichts mehr übrig. Und mein Besuch zerstörte auch das letzte Bisschen Geilheit. Der Druck war zu groß.

Irgendwie war ich nicht gut drauf. Und das lag nicht nur daran, weil ich vorhin fast ermordet wurde. Ich war fetter geworden, fühlte mich bedürftig und ziellos. Und es war bestimmt nicht sein Job, mir das Gefühl von Sicherheit und Liebe zu vermitteln. Er war eher ein Fremder. Und kam mir das nur so vor oder war der Typ plötzlich zwei Köpfe kleiner als ich? Ich hatte ihn ganz anders in Erinnerung.

Ich fühlte mich aufgedunsen, ich war depressiv. Und dann setzte zu allem Überfluss auch noch meine Periode ein. Anstatt schnell zum nahegelegenen Supermarkt zu laufen, um mir ein paar Tampons und ’nen Starbucks-Kaffee zu holen, saß ich einfach stumm da und tat nichts. Er bot mir an, Pot zu rauchen. Ich hatte wirklich keine Lust darauf, also sagte ich einfach: „Okay.“

Das Zeug war ziemlich mies und machte mich paranoid bis zum Abwinken. Er wurde irgendwann einfach ohnmächtig. Ich betete nur zu Gott, dass ich sein Bettlaken nicht vollbluten würde. Was ich natürlich tat. Im frühen Morgengrauen schlich ich mich raus, ohne auf Wiedersehen zu sagen, holte mir nebenan meine verdienten Tampons. Wir haben uns nie wieder getroffen.

Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, also rief ich meinen Exfreund an, der schließlich für das beschissene Hotel verantwortlich war, in das er mich gesteckt hatte. Er sagte, dass ich zu ihm kommen könnte. Das war gut, aber ich wollte wirklich nicht mit ihm schlafen, fühlte mich aber irgendwie dazu verpflichtet. Ihr wisst schon: Ich bin ein Mädchen, er ist ein Junge, wir hatten schon früher Sex, blablabla…

Als ich bei ihm ankam, waren zwei ältere, coolere Mädchen bei ihm. Und sie waren gemein. Ich hatte nicht einmal Zeit zu entscheiden, ob ich sie mögen sollte oder nicht, da hatten sie bereits klar gemacht, dass sie mich ausschließen möchten. Sie waren so etwas wie ein exklusiver Club, der keine Mitglieder mehr zuließ. Also trank ich Bier und Wein, um nicht vollkommen in meinen ängsten zu zerfließen. Aber das wiederum machte mich nur noch aufgedunsener. Wofür ich mich noch mehr hasste.

Irgendwann gingen die beiden Schlampen endlich nach Hause, um uns beide allein zu lassen. Vor diesem Augenblick hatte ich mich die ganze Zeit gefürchtet. Wir lagen zusammen auf dem Wohnzimmerboden herum, er fing an mich zu küssen. Damit konnte ich nun wirklich nicht umgehen. Vielleicht konnten wir ja so lange ein bisschen rummachen, bis wir einschliefen, ja? Bitte?

Er zog meine Hose runter, ich murmelte irgendwas von „Nein, bitte, nicht, ich habe da ein Frauenproblem!“ Ein Frauenproblem? Wenn ich mich in diesem Augenblick selbst ins Gesicht hätte schlagen können, dann hätte ich das gemacht, nur um mich aus meiner passiven Scheiße heraus zu prügeln. Aber ich war so tief in meiner Haut gefangen, dass ich nicht Herr über mich selbst war. Ich konnte nicht damit aufhören, mich bei mir selbst zu entschuldigen. Es war fast so, als wäre jeder andere Mensch perfekt und hätte eine Daseinsberechtigung. Und ich war nur so da.

Es würde mich noch Jahre meines Lebens kosten, bis ich endlich die Kraft dazu finde, „Nein!“ zu sagen. Und ich meine nicht nur Nein zu Sex. Ich meine generell Nein. Zu allem. Es würde mich noch Jahre meines Lebens kosten, bis ich endlich damit aufhöre, so eine Muschi zu sein. Derselbe Menschen in jeder Situation zu sein, ruhig zu bleiben, auf mich selbst zählen zu können. Plötzlich fühlte ich mich stark.

Der Typ war immer noch damit beschäftigt, mir die Hose auszuziehen. Es ist seltsam, vielleicht hatte er nicht gehört, was ich gesagt habe. Also rief ich lauter: „Alter, ich habe meine Tage! Das willst du echt nicht machen, ich bin voll widerlich!“ Er schob seinen Kopf zwischen meine Beine und lächelte nur. Was danach geschah, kann ich kaum mehr in Worte fassen. Total lässig zog er meinen Tampon mit seinen Zähnen aus meiner Scheide, warf ihn durch den ganzen Raum und begann damit mich zu lecken. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gekommen bin.

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Die Fotografie stammt von Oliver Niblett
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Beziehungen, Frauen, Jungs, Mädchen, Männer, New York und One-Night-Stands
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