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Betty Ford: Die Frau, die neue Menschen machte

Die berühmt berüchtigte Witwe des ehemaligen US-Präsidenten Gerald Ford, die dem Drogen- und Alkoholkonsum regelmäßig den Mittelfinger entgegen streckte, ist längst in die Geschichtsbücher der Suchtmittel eingegangen. Trotz oder eher gerade wegen ihrer Tabletten- und Trinkersünden beschloss sie 1982 mit einigen anderen Anhängern die Betty-Ford-Klinik zu begründen und löste damit eine riesige Mainstream-Welle unter der Rich-People-Fraktion der "schönen neuen Welt" in den Staaten aus, um…
Betty Ford: Die Frau, die neue Menschen machte
Betty Ford: Die Frau, die neue Menschen machte
Betty Ford
Die Frau, die neue Menschen machte
Text: Katrin Olszewski  Fotografie: David Hume Kennerly und Library of Congress of the United States of America

Die berühmt berüchtigte Witwe des ehemaligen US-Präsidenten Gerald Ford, die dem Drogen- und Alkoholkonsum regelmäßig den Mittelfinger entgegen streckte, ist längst in die Geschichtsbücher der Suchtmittel eingegangen. Trotz oder eher gerade wegen ihrer Tabletten- und Trinkersünden beschloss sie 1982 mit einigen anderen Anhängern die Betty-Ford-Klinik zu begründen und löste damit eine riesige Mainstream-Welle unter der Rich-People-Fraktion der "schönen neuen Welt" in den Staaten aus, um diese mit einem gesellschaftsumgreifenden Karma in die Spirale der Besserungsanstalt aufzunehmen. Diese Frau hätte vielleicht auch mir helfen können. Ob ich mir einen Entzug jedoch als studentisch Versicherte hätte leisten können, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt.

Mehr als 90.000 Menschen haben Zuflucht bei Betty Ford gesucht und partiell sogar gefunden. Unter anderem Verwirrte wie Lindsay Lohan, Verwahrloste wie Ozzy Osbourne und Verfluchte wie Charlie Sheen, die ihr Leben kurzzeitig mit Sodawasser in die rechte Bahn gerenkt und dieses mit der Entlassung gleich wieder in Whiskey-Duschen und Koksbergen realitätsnah zelebriert haben. Zehn Tage clean zu sein entspricht im modern kulturell geprägten Begriff etwa einem: "Clean for life". Yeah!

Da fragt man sich, wohin kann Drogen- und Alkoholkonsum führen und wo ist die Grenze von jenem? Oder viel mehr noch: Was ist das Endprodukt dieses ganzen Tumults? Da gäbe es zum einen die schlichtweg simple Lösung des Black-Outs. Name ist Programm: Schwarz. Weg. Vorbei. Nicht geschehen. Jedoch ist dieser Black-Out ein kleiner Fuchs, der sich wie ein Detektiv in oder an deinem Körper auf die Suche nach Beweisen macht und ja, natürlich, welche finden wird. Ein Detektiv ist ja nicht umsonst für seine Klugscheißerei bekannt.

Ich habe hundert Leute befragt und die wohl meist gefundenen Beweise zeichnen sich durch blaue Flecken, Hämatome im Gesicht, gebrochene Arme, oder viel schlimmer noch, destruktive Narben aus. Das physische Endprodukt greift also durchaus, stattdessen erscheint das psychische als "Freifahrtschein ins andere Ich". Dabei ergibt meine Statistik, bei der die Befragung auf Ereignisse der letzten, vage in Erinnerung verbliebenen, Nacht zielte: Freund verlassen, wieder zusammengekommen, im Bett gelandet. Mit ihm oder auch irgendwem anders. Das sind Probleme eines Normalsterblichen. Wie mag es dann den armen Sternchen am Gossip-Himmel gehen, wo ein Woody Allen seine 19-jährige Freundin mit der eigenen Adoptivtochter betrügt?

Um solche Strapazen zu vermeiden oder vermeintlich in den Griff zu bekommen, sei nun die Betty-Ford-Klinik als sukzessive Wohnanstalt empfohlen. Das gestaltet sich in etwa so: Man greift zum Telefonhörer, wählt die Nummer des nächstbesten Klinikums (mittlerweile gibt’s Betty Ford in nahezu jeder Stadt in Deutschland) und weist sich oder einen Bekannten schnurstracks ein. Ohne großes Gejammer, sonst bringt das alles sowieso nichts.

Es werden Sachen für einen präventiven Zeitraum von vier Wochen in Form eines Carepakets zusammengeschnürt. Zahnbürste, Duschkram und Klamotten. Letzteres ist wahrscheinlich gar nicht nötig, da man an einem solchen Ort doch eher den smarten Casual Look präferiert – das schlichte Unschuldsweiß. Du reihst dich brav in die "Stay-Classy-Gesellschaft" ein, denn hier sind alle gleich, nur die Geschmäcker unter den herben Tropfen werden sich wohlmöglich voneinander unterscheiden. Wobei du nur hoffen kannst, dass das nicht zu Streit mit deinem Bettnachbarn führt, wenn dieser dann nur seinen ach so tollen Rum statt deines fabelhaften Wodkas im Flachmann vorweisen mag.

Die Therapie per se beginnt meist mit Gesprächen, wir sind ja schließlich nicht im "Boot Camp" und wollen eine Grundausbildung im "Harte-Stiefel-tragen", sondern eher im "Camp David" und wollen einen Ort der kommunikativen Läuterung schaffen. So sitzt man nun Tag ein Tag aus mit seinen neuen epileptischen Freunden in der Runde und unterhält sich lapidar über sein verschissenes Leben. Und es hilft! Reden hilft tatsächlich. Du gibst erstmalig dein Inneres frei, lässt Menschen in dich hineinkriechen und mit blauen Latexfingern in deinem Gehirn herumwühlen. "Blau ist eine schöne Farbe", denkst du dir dabei und fühlst dich geliebt und befreit von der Welt.

Weil das "Doctor Hollywood"-Kurgebiet aber seinem astronomischem Preis noch nicht ganz gerecht wird, darfst du dich desweiteren in einem exklusiven Beauty-Schlammbad verwöhnen lassen, eine neue Sprache oder erneut die eigene Muttersprache, die auf dem Weg ins Klinikum abhanden gekommen ist, erlernen als auch einen Yoga-Kurs aufnehmen, der dich meditativ bis nach Indien bringt. Womit dann auch das Urlaubsthema geklärt sei. Final und mit ganz viel Glück wird eine akutstationäre Entgiftung bei dir durchgeführt, die dich von A bis Z leer pumpt und dann kommt schon der Tag, an dem du gehen darfst.

Mit dem Verlassen der Besserungsanstalt wirst du auf grünen Wiesen neben deiner Aufsichtsperson herumtänzeln, wild Gänseblümchen pflücken und mit einem verliebten Blick immer nur diese drei Wörter vor dir her säuseln: "Ach, Betty Ford…” Du bist ein neuer Mensch. Keiner wird dich wieder erkennen. Du könntest dir eine neue Identität zulegen wie in etwa Love Nowar oder Noa Nuse und niemand würde es merken.

Ein antrainierter Hippie-Optimismus führt dich von nun an durch die Grauzonen einer gespaltenen Gesellschaft, die du mit einem Augenzwinkern in der S-Bahn belächelst. Deine Aufsichtsperson sieht wie erstaunlich gut es dir geht und überlässt dich deinem neuen Schicksal. Mutter Natur kann dich mal, denn du kannst einiges.

Du kommst in deiner Messie-Wohnung an, stolperst über Bierkästen und übel riechende Zurückgebliebene, greifst ein durstlöschendes Getränk aus dem Eisfach und kannst den kristallklaren Inhalt der Wodka-Flasche immer noch auf Ex vertilgen. Herzlichen Glückwunsch, du hast es geschafft. Betty Ford wird dich freudestrahlend im Himmel begrüßen. "You never know what you can do until you have to do it.”

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