Berliner Geschichten - Das Mädchen im Bild

Ich nippe gedankenverloren an meinem Milchkaffee, als mir mal wieder die Fotowand im Café Cinéma auffällt. Auf ihr hat ein Fotograf die Besucher des Café seit 1990 verewigt. Auf der…
Berliner Geschichten - Das Mädchen im Bild

Berliner Geschichten

Das Mädchen
im Bild

Ich nippe gedankenverloren an meinem Milchkaffee, als mir mal wieder die Fotowand im Café Cinéma auffällt. Auf ihr hat ein Fotograf die Besucher des Café seit 1990 verewigt. Auf der Wand vor mir müssen die Bilder tatsächlich aus den Anfängen der 90er stammen, so viel verraten mir die Mode beider Geschlechter und die Frisuren der Männer in Kombination mit den Brillen.

Ich saß schon so oft in diesem Café, aber nie an diesem Platz. Das Mädchen ganz rechts, zweite oder dritte Reihe von unten, sticht mir ins Auge. Sie ist hübsch, keine Frage, aber es ist vielmehr ihr Blick, der mich gefangen nimmt. Ich werde das Gefühl nicht los, sie – oder vielmehr das Bild – schon mal gesehen zu haben, nicht hier, in einem anderen Kontext. Kenne ich dieses Bild wirklich schon, oder narrt mich mein Hirn?

Sie lächelt nicht, aber sie ist auch nicht traurig. Es ist bloß eine Momentaufnahme, und genau so guckt sie auch – weder der Fotograf noch das Foto bedeuten etwas, so wirkt es auf mich, es ist ein flüchtiger Kratzer an der Oberfläche des Augenblicks. Der Fotograf saß ihr offenbar gegenüber, denn sie schaut nicht zur Seite, wie bei einem Schnappschuss im Vorbeigehen. Sie schaut ihn direkt an, aber nicht, wie man jemanden anschaut, dem man vertraut. Vielmehr wie jemand, der sich kurz hingesetzt hat, um einen zu fotografieren. Das Bild lässt mich nicht los. Ich bestelle mir noch einen Kaffee und lehne mich nachdenklich zurück.

War sie alleine da? Oder musste jemand kurz aufstehen, um dem Fotografen Platz zu machen? Mit wem saß sie im Kaffee? Hat sie noch Kontakt zu ihrer Begleiterin, ihrem Begleiter? Oder zerstritten sie sich? Oder war es ein Date? Sind sie zusammengeblieben? War sie jemals glücklich? Und hat sie Kinder? Worüber sprachen sie, als der Fotograf zu ihnen an den Tisch trat? Und setzten sie das Gespräch an der Stelle fort, danach? Oder hatten sie vergessen, worüber sie gerade gesprochen hatten, als sie unterbrochen wurden? Wo waren sie vorher? Und warum gingen sie in dieses Café? Was trank sie? Und wie viel kostete es? Wie lange blieben sie? Und wohin gingen sie danach?

Kam sie aus Ost- oder Westberlin? War sie da, als die Mauer fiel? Weinte sie, als sie über die plötzlich offene Grenze erstmals nach Westberlin rüberlief? Weinte sie, als sie über die plötzlich offene Grenze erstmals nach Ostberlin rüberlief? Hat sie genauso lang wie ich gebraucht, die neuen fünfstelligen Postleitzahlen auswendig zu lernen? Hatte sie auch einen Rolf-Schlüsselanhänger? Und hat sie ihre stonewashed Jeans wieder aus dem Schrank geholt, als sie letztens wieder modern wurden?

Wie alt war sie wohl auf dem Foto? 20, 21? Dann wäre sie jetzt um die 40. Wo ist sie jetzt? Wo lebt sie? Lebt sie überhaupt noch? Hat sie sich ihre Träume erfüllt? Was waren ihre Träume? Was wollte sie werden? War sie schon was? Ist sie das geworden, was sie werden wollte? Oder wurde sie doch das, was ihre Eltern von ihr erwarteten? Und als sie es wurde, hatte sie dann diesen traurigen Moment, wenn einem auffällt, was man alles nicht geworden ist, was man mal werden wollte?

Wie sieht sie jetzt aus? Ist sie „gut gealtert“, wie manche so sagen? Lebt sie noch in Berlin? Berlinerte sie? Hat sie den Schal noch? Raucht sie noch? Welche Marke rauchte sie? Und war es ihre Zigarette oder hat sie sie sich erschnorrt? Fand sie es gut, fotografiert zu werden? Und hat sie das Foto gesehen und mochte sie es? Kommt sie manchmal wieder hierher und wird ganz nostalgisch, wenn sie das Bild sieht? Und hat sich jemand damals, 1990, in dieses Foto verliebt und versucht sie zu finden?

Wer bist du, Mädchen im Bild? Und wo bist du jetzt? Ich mache ein Foto vom Foto des Mädchens. Ich zahle meinen Kaffee und verlasse etwas melancholisch das Café. Ich bin kurz ein wenig wehmütig, bevor ich in die S-Bahn steige und mich die Berliner Nacht mit all meinen Gedanken, Wünschen und Nöten verschluckt und ich zu einem klitzekleinen Punkt auf der Karte all dieser rastlosen, in der Hauptstadt herumm wandernden Seelen werde. Ich werde nachdenklich, weil sich niemand je den Kopf dermaßen über mich zerbrechen wird. Niemand wird je diese Fragen stellen. Weil ja alles auf Facebook und Twitter nachzulesen ist. Schöne neue Welt.

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Die Fotografie stammt von Charisse Kenion
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Berlin, Emotionen, Frauen, Gedanken, Geschichten, Jungs, Mädchen und Männer
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