Befreiung im Kopf - Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du…
Befreiung im Kopf - Wenn es dir schlecht geht, brauchst du einen Neuanfang

Befreiung im Kopf

Manchmal brauchen wir einen Neuanfang. Sehr oft ist dieser bewusste Akt, verbunden mit symbolischen Änderungen im Leben, nicht nur freiwillig, sondern erwünscht. Wir hören sie ja immer sagen: Wenn du nicht zufrieden bist, dann ändere etwas an der Situation. Und weil sehr oft sehr viele Dinge unweigerlich miteinander zusammenhängen, gehen wir eben radikal mit dieser Situationsänderung um. Wieso grundlegend renovieren, wenn wir auch ausziehen können? Der Thrill des Neuen kann uns durchaus erst einmal von der Trägheit und der Last des Alten ablenken. Vielleicht finden wir in der neuen Wohnung die vielen Ecken der Ruhe und der Leichtigkgeit, die wir in der alten, mit dem Schmutz der Vergangenheit belegten Bude unter dem ganzen Dreck nicht mehr fanden.

So einen Neuanfang wünschen wir uns, wenn wir merken, dass wir die Zeit nicht zur letzten persönlichen Revolution zurück drehen können. Damals, als ich den Job schmiss und mein neues Leben in Mut und Fröhlichkeit begann. Damals, als ich von meiner Reise zurückkam und Berlin für mich neu entdecken konnte, unbelastet und frei von jeglicher Verpflichtung.

Und dann? Nach nicht ganz einem Jahr kam wieder ein Neuanfang auf mich zugedonnert. Nur dass ich ihn mir dieses Mal nicht ausgesucht habe. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht. Ich war glücklich und ich war zufrieden, so lange, bis der Winter kam und mit voller Gewalt mein Traumschloss in Eis hüllte und es in seiner natürlichen Gewalt zerspringen ließ.

Es lief ungefähr so ab: Wenn wir in aller Eile ein Traumschloss errichten, dann vergessen wir hier und da die Feinarbeit. Sobald die wesentlichen Pfeiler stehen, das Dach hält und die Möbel drin stehen, können wir bereits einziehen. Die kleinen Details – wie etwa das Wasser im Keller und die Ratten auf dem Dachboden – um die können wir uns ja im Laufe der Zeit kümmern. Bestimmt machen das auch viele so. Ich hingegen schmiss nur noch große Partys und heizte ziemlich stark auf.

Der Kostenvoranschlag für die Reperaturen zeigte dann jedoch: Asbest, Loch in der Decke, Schimmel in den Wänden, morscher Unterbau, und wetterbedingt gefährdet. Wahrscheinlich ist es günstiger, ein neues, kleines Haus zu kaufen mit dem Wert, den du noch deinen Besitz nennst, als hier überhaupt noch irgendetwas anzufassen. Tritt es ein, mach es kaputt, lass es uns demolieren. Stemple es ab als Teil deiner Vergangenheit und suche dir eine bescheidene Bleibe, die aber wenigstens stabil ist.

Das wollte ich so alles nicht. Meine Sachen sind bereits im Koffer. Zumindest die drei Habseligkeiten, die dieses Renovierungsintermezzo überlebt haben. Ich denke an die schönste Zeit meines Lebens zurück. Zu neunzig Prozent unbeschwert, mit Geld auf dem Konto und einem starken Netz an Zuversicht neben mir. Die Welt in Schönheit getaucht, weil ich es so wollte. Sonnenschein auf meinem Gesicht, obwohl die Sonne schon längst untergegangen war. Dieser erzwungene Neuanfang bricht über mich herein, obwohl der Nachgeschmack des letzten Males mir noch im Mund hängt.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich nicht auf die Zukunft freue, sondern mich in den verbitterten Erinnerungen der Vergangenheit suhlen möchte. Ich weiß, dass Selbstmitleid nicht die Antwort ist. Ich weiß, dass ich verantwortlich für meine Fehler bin. Ich weiß, dass ich das alles hätte vermeiden können. Bei meinem nächsten Haus werde ich nicht das günstigste, sondern das qualitativ hochwertigste Angebot nehmen. Das verspreche ich mir selbst.

Die dunklen Zeiten der Suche zurück zur Leichtigkeit sind angebrochen. Zurück in die Zukunft, zu einem Ich, dass sich mit den Tatsachen und den Konsequenzen aller Dinge, die passiert sind, arrangieren kann. Zu einem Ich, dass Kraft aus den Erfahrungen schöpft und den Mut wieder aufgenommen hat. Ich wünschte nur, dass das alles ohne Bewusstsein und ohne kognitive Anwesenheit passieren könnte. Denn bis dahin wird es richtig hart.

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Illustration von Thierry Fousse und Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Emotionen, Gedanken, Gesundheit, Karriere, Neuanfänge und Psychologie
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