Baby oder Leben - Warum hast du dein Kind abgetrieben?

Eine viertel Stunde zu früh treffe ich zu unserer Verabredung im Münchner Trachtenvogel ein, aber Maria ist schon da. Ich begrüße sie und nehme ihr gegenüber Platz. Maria ist 21,…
Baby oder Leben - Warum hast du dein Kind abgetrieben?

Baby oder Leben

Warum hast du dein
Kind abgetrieben?

Eine viertel Stunde zu früh treffe ich zu unserer Verabredung im Münchner Trachtenvogel ein, aber Maria ist schon da. Ich begrüße sie und nehme ihr gegenüber Platz. Maria ist 21, hat die blonden Haare zu einem ordentlichen Zopf geflochten, trägt einen blauen Pullover und nur einen Hauch Make Up. Sie ist ein wenig zu dünn, ihre Schultern hat sie hochgezogen, trotzdem verknalle ich mich auf Anhieb ein wenig in sie. Sie entspricht optisch genau dem Schülersprecherinnenklischee. Das nette Mädchen von nebenan. Abinote 1,3. Zwei Meerschweinchen. Erst Flöte, später Geige. Ich werde heute mit Maria über Abtreibung sprechen.

Maria, du hast abgetrieben.

Wow, du fällst gleich mit der Tür ins Haus. Ja ich habe abgetrieben, vor vier Monaten. Ich war zwanzig. Was würdest du in meiner Situation machen?

Ihre Frage ist nicht patzig, es interessiert sie wirklich. Ich bin verunsichert, damit habe ich nicht gerechnet, schließlich stelle ich hier die Fragen.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß es nicht. So ging es mir auch. Ich hatte und habe keine konkrete Meinung zum Thema Abtreibung. In meiner Situation war es einfach die einzige Lösung, die in Frage kam. Ich dachte nicht über die Ethik hinter dem Thema nach, ob ich in die Hölle komme oder was passiert, wenn wir tot sind. Mein Schwangerschaftstest was positiv und für mich stand fest: Ich will dieses Kind auf gar keinen Fall.

Wie kam es zu der ungewollten Schwangerschaft?

Also, es gibt da die Bienchen und die Blümchen. Nein Sorry, berechtigte Frage. Ich habe schlicht und ergreifend die Pille vergessen, das ist alles. Ich sagte dem Kerl nichts davon, wir hatten weiterhin Sex und ich habe mir überhaupt keine weiteren Gedanken gemacht. Ich bekam meine Tage – allerdings nur sehr schwach und unter ziemlichen Schmerzen. Da erinnerte ich mich an die vergessene Pille und habe einen Test gemacht. Der dann positiv war. Clever kombiniert, Frau Kommissar.

Wie ging es weiter?

Ich war total am Ende, bin im Badezimmer zusammengebrochen und habe erst einmal eine Stunde nur geheult. Dann bin ich aufgestanden und habe die ganze Sache für zwei Tage komplett verdrängt. Am Ende bin ich doch zum Frauenarzt gegangen, wo man mir das Ergebnis bestätigt hat. Ich habe mir diesen Wisch bei Pro Familia geholt, auf dem dir bestätigt wird, dass du ein Beratungsgespräch geführt hast, und bin in die nächste Klinik damit.

Wie verlief das Gespräch bei Pro Familia?

Gut. Wenn man das so sagen kann. Ich fühlte mich aufgehoben, die ganze Geschichte platzte aus mir heraus, ich erzählte einfach alles was mir durch den Kopf ging. Sie fragten mich, ob ich Schuldgefühle hätte. Ich hatte keine. Danach machte ich einen Termin in der Klinik aus. Ich wurde über alles aufgeklärt und entschied mich für die medikamentöse Abtreibung.

Medikamentöse Abtreibung? Wie läuft die ab?

Maria nimmt einen großen Schluck von ihrer heißen Schokolade und atmet tief durch. Sie schaut für einige Sekunden aus dem Fenster, fängt sich und erzählt kühl, fast emotionslos weiter.

Ich musste Tabletten schlucken und durfte danach nach Hause gehen. Am nächsten Tag musste ich noch eine Tablette nehmen. Das war alles. Dann war ich allein. Nach einigen Stunden fragte ich mich, ob es überhaupt funktioniert hatte. Dann bekam ich plötzlich die schlimmsten Schmerzen, die du dir vorstellen kannst.

Alles in mir zog sich irgendwie zusammen, ich fing an zu bluten und brach zusammen. Ich schluckte insgesamt sieben Schmerztabletten aber das half nicht. Eigentlich hätte ich ins Krankenhaus gehen müssen, aber ich wollte nicht, dass irgendwer davon erfährt. Also habe ich’s gelassen. Über den Rest möchte ich nicht so gerne sprechen. Es ging zumindest alles gut. Es kam heraus, sah nicht aus wie ein Baby, dann war alles vorbei.

Kannst du das Gefühl danach beschreiben? Trauer? Schuld?

Kein Gefühl. Nur Leere. Alle fragen mich nach den Schuldgefühlen. Aber ich habe nur Schuldgefühle, weil ich keine Schuldgefühle deswegen habe. Ich bereue es auch nicht. Ich war noch nicht bereit für ein Kind. Welches Leben hätte es denn bei mir gehabt? Ich hätte nicht studieren können, habe kein Geld, keinen Freund, gar nichts.

Weiß der Vater von dem Abbruch?

Nein, ich habe den Kontakt sofort beendet. Wir waren ja nie zusammen. Er hatte keine Schuld an der Sache. Ich habe mich selbst in die Scheiße geritten.

Und jetzt? Monate später? Würdest du sagen, du hast dich verändert?

Nein. Ich bin immer noch die gleiche wie vorher. Es hat mich weder stärker noch schwächer gemacht. Vielleicht sensibler für das Thema Verhütung. Aber ich habe immer noch Sex, gehe aus, fühle mich nicht viel anders als sonst. Manchmal ist da immer noch diese Leere. Aber traurig war ich nie so richtig.

Warum war es dir wichtig, mir deine Geschichte zu erzählen?

Ich weiß nicht genau. Vielleicht weil ich es niemandem in meinem näheren Umfeld sagen kann. Vielleicht auch einfach, damit andere Mädchen sich ein wenig verstanden fühlen. Es wollte einfach irgendwie raus.

Danke, Maria. Ja dir auch.

Wir bleiben noch eine Weile sitzen, bestellen noch etwas zu trinken und reden über dies und das. Ich bin durcheinander, weiß nicht, was ich von Marias Emotionslosigkeit halten soll. Sie ist so gefasst, irgendwie kalt. Ich bekomme Gänsehaut. Es macht mich wütend, dass es tatsächlich Mädchen gibt, die ihr Kind mit ein paar Tabletten ganz allein daheim abtreiben.

Es macht mich wütend, wie Maria versucht die ganze Sache herunterzuspielen. Und es macht mich wütend, wie verantwortungslos sie mit sich umgegangen ist. Hinter diesen hellen Augen gibt es eine ganze Reihe Gedanken und die Gefühle, die sie fein säuberlich unter Verschluss hält. Vielleicht auch vor sich selbst. Ich fühle mich hilflos.

Wir verabschieden uns an der U-Bahn-Station Frauenhoferstrasse und ich nehme die kleine blonde Gestalt fest in den Arm. Ich frage mich einen Moment, ob das überhaupt okay für sie ist, wir kennen uns ja kaum. Aber da drückt sie auch schon ihren Kopf an meine Schulter und erwidert die Umarmung. So bleiben wir eine ganze Weile stehen. Bis sie ihren Schutzwall aus hochgezogenen Schultern und unergründlichem Blick wieder aufgebaut hat. Alles Gute, Maria.

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Die Illustration stammt von Icons8
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Abtreibung, Antibabypille, Babys, Familie, Frauen, Gesundheit, Jungs, Kinder, Kondome, Mädchen, Männer, Medikamente, Pille und Pille danach
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