Anstrengender Aktionismus - Warum denn gleich so feministisch?

Erst letztens hatte ich ein Gespräch mit einer sehr guten Freundin, die sich fragte, ab wann man sich eigentlich als Feministin bezeichnen dürfe. Ich wollte schon die Stirn runzeln, aber…
Anstrengender Aktionismus - Warum denn gleich so feministisch?

Anstrengender Aktionismus

Warum denn gleich
so feministisch?

Erst letztens hatte ich ein Gespräch mit einer sehr guten Freundin, die sich fragte, ab wann man sich eigentlich als Feministin bezeichnen dürfe. Ich wollte schon die Stirn runzeln, aber merkte plötzlich: Ich verstehe sie! Manchmal kommt es mir vor, als wäre Feminismus heute ein Privileg, mit dem man sich nur schmücken darf, wenn man jeden einzelnen #Aufschrei-Tweet und sämtliche Werke von Simone de Beauvoir gelesen hat und Pornos in jeglicher Form scheiße und sicher nicht anturnend findet – weil sie frauenverachtend sind.

Sicher, es ist gut, dass wir mit Kampagnen wie Aaufschrei auf Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Und es ist sicher nicht gut, dass es Männer gibt, die Frauen als Objekte ansehen und sie auch so behandeln. Und ja, ich find’s auch blöd, dass McDonald’s offensichtlich glaubt, Frauen essen nur Salat und ja, ich find’s auch scheiße, wenn Werbung übertrieben sexistisch ist, wie der Tumblr Ich kauf’ das nicht beispielhaft aufzeigt. Aber wir haben es übertrieben. 


Wenn ich auf Blogs wie dem der Mädchenmannschaft, der sich ganz klar als feministisch positioniert, die Artikel zur Hälfte nicht verstehe, weil ich dafür vorher ein Seminar in Gender Studies belegen müsste, finde ich es sehr schade, wie unzugänglich einer der führenden Blogs auf diesem Gebiet Feminismus für seine Leser mittlerweile gestaltet.

Ich finde es anstrengend, alle paar Zeilen ein Wort googeln zu müssen. Zum Beispiel wusste ich bis gerade eben wirklich nicht, was Cis-Frauen sind. Außerdem fühle ich mich mittlerweile als weiße heterosexuelle Frau aus der Mittelschicht fast schon schuldig für eben diese Umstände. Falsch, liebe Mädchenmannschaft, ganz falsch!

Feminismus soll doch zugänglich sein! Es soll etwas sein, womit sich, wenn möglich, alle Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten beschäftigen und sich darüber austauschen können. Weil, ähm ja, das ist doch eigentlich einer der Grundpfeiler dieser Bewegung?

Und Feminismus sollte kein Kampf gegen Männer sein, was uns eine Frau Schwarzer seit geraumer Zeit versucht weiß zu machen. Sondern mit ihnen, ein Kampf für Gleichberechtigung und Gleichberechtigung verlangt nun einmal zwei gleiche Parts, die zu berechtigen sind. Wir ziehen am gleichen Strang, idealerweise.

Was braucht es also, um sich wirklich Feministin schimpfen zu dürfen? Autorin Caitlin Moran hat diese Frage in ihrem Buch “How to be a Woman” ganz gut beschrieben: „Fassen Sie sich mit der Hand zwischen die Beine. Fühlen sie dort eine Vagina? Wollen Sie selber darüber bestimmen können? Haben Sie beide Fragen mit ‘Ja’ beantwortet? Glückwunsch, Sie sind eine Feministin!“ Simple as that. Und dass Frau Moran mit “darüber bestimmen” sicher nicht nur den sexuellen Kontext meint, dürfte hier jedem klar sein.

Mit vielen Diskussionen zum Thema Feminismus schaden wir Frauen uns momentan mehr als dass wir uns weiterbringen. Warum machen wir uns wieder zu Opfern? Warum wird plötzlich eine Frauenquote gefordert, um die ominöse gläserne Decke zu durchbrechen, anstatt selber mal die Ellenbogen auszufahren? So oft erlebe ich es, in meinem alltäglichen Umfeld, dass Frauen sich klein machen und einfach zu viel Schwäche zeigen. Sich anders formulieren, anders gestikulieren und anders handeln als Männer mit den gleichen Anliegen. Und das auch in ganz alltäglichen Belangen und nicht nur im Job.

Beispiel gefällig? Eine Freundin von mir wird im Club von einem Bekannten angebaggert, das gefällt ihr nicht, er reißt noch einen dummen Spruch und haut ab. Später, als sie schon wieder zuhause ist, erzählt sie ihrem Freund von dem Vorfall und bittet ihn, besagten Bekannten doch anzurufen und „etwas zu sagen“ – sie habe sich nicht getraut als es passiert ist.

Mädchen, du kannst dich doch selber wehren, dachte ich mir. Eine andere Freundin ging aus einem Bewerbungsgespräch mit einem Lohnvorschlag heraus, der viel niedriger war als das von ihr gewünschte Gehalt. Warum? „Die anderen Bewerber waren nur Männer und ich war schon so froh überhaupt zum Gespräch eingeladen worden zu sein!“

Genau solche Aktionen stehen hier als allgemeines Beispiel dafür, wie viele Frauen denken und handeln. Sie machen uns schwächer als wir sind, machen uns zu Opfern, die wir nicht sind, und zeigen, dass wir verdammt noch mal endlich uns selbst ändern müssen, um etwas zu bewegen. Ich rede hier von Sexismus und Feminismus im kleinen Rahmen – mir passt nicht, wie der Typ gerade mit mir geredet hat oder dass mein Chef die Redaktionskollegen vorzieht, obwohl meine Ideen genauso gut sind – und nicht von extremen frauenfeindlichen Bildern in diversen Köpfen oder schwerem Missbrauch.

Kampagnen wie #Aufschrei sind wichtig und zeigen, was um uns herum passiert und wo wir ansetzen können. Aber sie werden Sexismus in seinen Grundmanifesten nicht stoppen. Das Bild der Frau ist auch heute, in unseren Breitengraden, in gewissen Köpfen noch immer nicht das beste, und es wird noch einige Zeit dauern, bis wir wirklich alle gleich respektiert werden. Und stellt euch vor, es wird sogar so sein, dass es immer Vollidioten gibt, die Frauen hassen, die Schwarze und Juden hassen – und Schwule am allermeisten.

Wir werden aber zusammen Generation für Generation ein bisschen etwas ändern können. Das müssen wir selbst machen, wenn wir schon immer überall von Girlpower hören, dann seid doch endlich selber mal ein bisschen Rrriot und wehrt euch, riskiert dafür auch etwas und sei es eine Stelle in einem Betrieb, eine Beziehung, die euch nicht glücklich macht, oder einen schönen Abend mit Freunden. Und hört auf, die Lösung in der Zensur von Musikvideos oder im Anprangern von Waschmittelwerbung zu suchen!

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Die Fotografie stammt von Natalie Hua
Der Text erschien in der Kategorie Leben mit den Themen Blogs, Caitlin Moran, Feminismus, Frauen, Mädchen, Mädchenmannschaft, Pornografie, Sexismus und Simone de Beauvoir
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