Ackerpartys, Parkplatzsaufen, Baggerweihersex - Dorfleben ist bestes Leben

Du hast den Schulabschluss in der Tasche und das Fernweh plagt dich. Natürlich würdest du am liebsten sofort die Taschen packen und verschwinden. Irgendwo raus in die große, weite Welt,…
Ackerpartys, Parkplatzsaufen, Baggerweihersex - Dorfleben ist bestes Leben

Ackerpartys, Parkplatzsaufen, Baggerweihersex

Dorfleben ist
bestes Leben

Du hast den Schulabschluss in der Tasche und das Fernweh plagt dich. Natürlich würdest du am liebsten sofort die Taschen packen und verschwinden. Irgendwo raus in die große, weite Welt, bloß weg von hier. In irgendeine Stadt, denn dort ist das Leben. Kommt dir das bekannt vor? Mir nicht. Ich bin auf dem Dorf groß geworden und nach der Schule auch noch dort geblieben. Hier nenne ich dir die besten Gründe, warum das Leben auf dem Dorf besser ist als das in der Stadt.

Ein zugegeben ziemlich pragmatischer Grund, aber auf dem Dorf ist einfach alles billiger. Für die 450 Euro Miete, die man sonst in manchen Unistädten für ein winziges Zimmer im Dachgeschoss ausgibt, bekommt man auf dem Dorf schon ein halbes Haus nachgeworfen. In den Clubs bekommt man einen Longdrink für fünf Euro und der Shot kostet meistens auch nicht mehr als 1 Euro. Während du am Ende des Monats über das leere Konto und die teure Miete jammerst, schmeiß ich die Fuffis durch meine Villa.

Ein Dorf ist winzig im Vergleich zu einer Stadt. Kann man als Nachteil empfinden, muss man aber nicht. Auf dem Dorf kennt man sich eben. Egal was man braucht, man kennt einen, der einen kennt, der einem weiterhelfen kann. Dein Auto ist kaputt? Kein Problem, der Vater des Freundes deiner besten Freundin ist Mechaniker.

Man lernt neue Leute kennen, egal ob man gerade auf einer Party ist oder nur mit einem Freund einen Döner essen geht. Die Leute mit denen du unterwegs bist, treffen immer irgendwen. Man kommt aus seiner Filterbubble raus. Während du in der Stadt nur mit den trap-hörenden Germanistikstudenten namens Sören abhängst, triffst du hier auch mal auf Johannes den Landschaftsgärtner. Was das bringen soll? Lebenserfahrung.

Wenn man in der Stadt feiern will, gibt’s quasi nur die Möglichkeit, in eine Kneipe oder einen Club zu gehen. Natürlich kannst du auch eine WG-Party machen, aber die Chance, dass jemand die Polizei ruft und die dann entdecken, dass bei euch ein größerer Haufen illegaler Drogen, als bei Tony Montana rumliegt, ist doch relativ hoch. Auf dem Dorf hingegen haben deine Eltern entweder direkt einen Partykeller, einen großen Garten hinterm Haus oder einen Schrebergarten, hin und wieder auch liebevoll »Acker« genannt.

Und wenn sie das nicht haben, dann kennst du jemanden, dessen Eltern das haben. Es gibt keinen bessern Ort auf dieser Welt, um bei sich Zuhause oder in einem Garten zu feiern, als das Dorf. Hier gibt es keinen Rentner in der Wohnung über dir, der ins Studentenviertel gezogen ist und dann wegen Lärmbelästigung die Bullen ruft. Man sitzt draußen am Lagerfeuer oder plündert zuhause die Hausbar, hört nur gute Musik und hat auch direkt einen Platz zum Übernachten und Ausnüchtern.

Falls man doch keine Haus- beziehungsweise Ackerparty macht, geht man halt in eine Dorfdisko. Langweilig? Nö, denn der Spaß beginnt bereits bevor man auf dem Weg in den Club ist: Nämlich dann, wenn sich alle zum Vortrinken treffen. Obwohl der Alkohol in den Dorfdiskos ja meistens spottbillig ist, sind alle zu geizig um Geld im Club auszugeben und trinken sich vorher schon einen guten Pegel an. Vorgetrunken wird aber nicht irgendwo, sondern auf dem Parkplatz vom nächsten Rewe oder Kaufland.

Der Alkohol wird kurz vor Ladenschluss gekauft. Um die späte Uhrzeit ist meistens kaum jemand im Laden, geschweige denn auf dem Parkplatz. In warmen Sommernächten gibt’s wenig Besseres als bei Sonnenuntergang direkt vor dem Laden zu sitzen, in dem man gerade Alkohol gekauft hat, und sich mit den besten Freunden und entfernten Bekannten zu betrinken. Niemand ist da, der einen stören könnte. Der Parkplatz wird zu dem einen Ort, an dem sich alle treffen bevor es richtig losgeht. Irgendwer kommt immer noch dazu und wenn man nicht weiß, was man am Wochenende tun soll, hängt dort immer jemand ab.

Das Wunderschönste an Dörfern sind eigentlich nicht die Dörfer selbst und auch nicht die Straßen, die rein oder raus führen, sondern die Feldwege um das Dorf herum. Ein eigener Mikrokosmos, in dem Wunder stattfinden: Sei es das erste Mal mit dem Roller oder mit dem Auto Probe fahren, bevor man überhaupt den Führerschein gemacht hat oder einfach das Spazierengehen.

Es soll ja Leute geben, die die Natur ganz okay finden. Besonders wird es aber erst dann, wenn der Feldweg einfach nur eine Strecke ist, die zurückgelegt werden muss: Es gibt kaum etwas Besseres als mit dem letzten Wegbier besoffen von einer Acker- oder Hausparty in der Dunkelheit nach Hause zu laufen, während am Horizont langsam schon die Sonne aufgeht. Feldwege sind die Orte, an denen auf dem Dorf ausgenüchtert wird. Meistens sind der Hin- und Rückweg über die Feldwege mindestens genauso gut wie die Partys selbst.

Ein Nachteil von Dörfern ist sicher der beschissene öffentliche Nahverkehr. Aber das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, denn so wird man mehr oder weniger dazu gezwungen, den Führerschein zu machen. Wenn alles gut läuft, schenken einem die (Groß-)Eltern dann zum 18. Geburtstag noch ein Auto und selbst wenn man das nicht hat, ist irgendeiner von deinen Freunden im Besitz eines eigenen Autos. Auf dem Dorf ist Auto fahren aber nicht nur Mittel zum Zweck, es wird zu einem Erlebnis.

Wo sonst hat man die Möglichkeit, nachts mit hundert Stundenkilometer, oder auch auch mehr, über die Landstraße zu heizen? In der Stadt jedenfalls nicht. Dort fährst du nachts höchstens mit einer Gruppe besoffener Minderjähriger Straßenbahn und wünschst dir in diesem Augenblick an jedem anderen Ort der Welt zu sein, außer dem, wo du gerade bist. Auf dem Dorf ist jede Strecke, selbst die zum nächsten Supermarkt, eine kleine Reise.

Nach dem Schulabschluss ziehen viele zum Studieren in die Stadt. Anschluss findet man meist schnell, wenn man sich zum Beispiel im AStA, der Fachschaft oder irgendeiner Hochschulgruppe engagiert. Aber so richtig tiefe Freundschaften kommen dabei selten herum. Alle in der Stadt denken, sie müssten »ihr Ding machen« und dass sie der Nabel der Welt auf ihrer Selbstfindungsreise seien.

Dass das Leben gar nicht so deep ist und man nicht immer »sein Ding machen muss«, kommt niemanden in den Sinn. Wenn diese Selbstfindungsphase bedeutet, herauszufinden, dass das Studium doch keinen Spaß macht, die Stadt doch scheiße ist oder das die Uni-Zeit vorbei ist und der geile Job am anderen Ende des Landes wartet, sind die Leute genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. Im Dorf läuft alles irgendwie ruhiger ab. Wer hier ist, bleibt meistens erstmal eine Weile, darauf kann man sich verlassen.

Sommer ist die geilste Jahreszeit, da sind wir uns hoffentlich alle einig. Nur halt nicht unbedingt, wenn man in der Stadt wohnt. Man fährt den ganzen Tag in überhitzten ÖPNV-Fahrzeugen, von oben knallt die Sonne und von unten der heiße Asphalt. Dann kommt man nach Hause und in der schlecht isolierten Altbauwohnung sind es mindestens 30 Grad. Alles was jetzt noch helfen würde, wäre ein geöffnetes Fenster. Allerdings steht man hier vor einem Dilemma: Schlafen oder Fenster auf? Mit einer städtischen Geräuschkulisse, die von lauten Autos, über Straßenmusiker bis hin zu Besoffenen vor dem eigenen Fenster reicht, lässt sich da kein Auge zumachen. Auf dem Dorf hingegen hört man nachts höchstens mal die Grillen zirpen.

Wem die eigenen vier Wände zu langweilig geworden sind und wer nicht gerade darauf steht beim Sex von anderen erwischt zu werden hat in der Stadt eindeutig den Kürzeren gezogen. Das Dorf hingegen bietet eine ungeahnte Bandbreite an Orten, an denen man es ungestört treiben kann: Im Wald, auf dem Feld, im Garten, auf abgelegenen Parkplätzen oder am Baggersee.

Sommernächte in Dörfern sind fast schon magisch. Wenn man nach der Ackerparty oder dem Parkplatzsaufen mit anschließendem Dorfdiskobesuch noch nicht nach Hause will und Bock auf ein bisschen Afterhour hat, ist immer noch das Schwimmbad da. Meist liegen diese nicht direkt im Wohngebiet und werden nicht von Kameras oder Sicherheitspersonal überwacht. Das einzige was zwischen euch und einem nächtlichen Besuch steht ist der Maschendrahtzaun. Während du zu dieser Zeit wahrscheinlich deine Wochenenden auf Drogen in irgendwelchen Clubs verbringst, in denen die einzige Erfrischung.

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Die Fotografie stammt von Antonino Visalli
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