Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki - Haruki Murakami und die Einsamkeit

Wenn Tsukuru Tazaki an seine Jugend in Nagoya zurück denkt, fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Dankbarkeit und dunkler Traurigkeit. Heute führt der 36-Jährige ein trostloses Dasein in
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki - Haruki Murakami und die Einsamkeit

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Wenn Tsukuru Tazaki an seine Jugend in Nagoya zurück denkt, fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen tiefer Dankbarkeit und dunkler Traurigkeit. Heute führt der 36-Jährige ein trostloses Dasein in Tokio, er baut Bahnhöfe, er ist einsam. Lange war Tsukuru Tazaki dem Tod nahe, aus eigenem Antrieb. Nur die wachsende Sehnsucht nach seiner neuen Bekanntschaft Sara lässt ihn weiterleben, die Gespräche, das Hoffen auf baldigen Geschlechtsverkehr, seine tragische Vergangenheit immer im Nacken.

Wer Haruki Murakamis ruhigen und detaillierten Worten lauscht, der muss das während des Genusses einer Tasse grünen Tees, bei Tageslicht, oder bei einem Glas teuren Whiskys, in der Nacht, machen. Anders geht es nicht. So war das bereits bei seinen früheren Werken „Naokos Lächeln“, bei „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“, bei „1Q84“.

Tsukuru hegte keinen Groll gegen seine vier besten Freunde, die ihn vor 16 Jahren grundlos verstoßen hatten. Er nahm sein Schicksal wortlos hin, ertränkte seine Sorgen, versuchte sich an der Liebe, aber scheiterte ohne großes Aufsehen. Wie es ihnen heute wohl geht? Der sanften Shiro, der lebhaften Kuro. Dem starken Ao und dem klugen Aka. An sein letztes Telefonat mit ihnen kann er sich noch genau erinnern. Er wurde darum gebeten, sich nicht mehr bei ihnen zu melden. Niemals wieder.

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ist die Erzählung eines Mannes, der alte Wunden aufreißen muss, um die letzte Chance auf ein glückliches Leben nicht zu verspielen. Sie ist durchwoben mit bunten Ereignissen, die nicht aus dieser Welt zu sein scheinen und doch so real sind wie nur irgendwie möglich. Sake, Schönheit und sechs Finger – die Angst vor der Wahrheit niemals allzu weit entfernt. Eine Reise, die nur jemand antreten kann, der nichts mehr zu verlieren hat. Oder eben alles.

Tsukurus Gedanken sind immer ein wenig melancholisch, sie kreisen um andere. „Die grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen eines Menschen weckt.“ Er muss mit einer Entscheidung voran schreiten, die andere vor langer Zeit für ihn gefällt haben. „Menschen, denen man die Freiheit nimmt, hassen immer jemanden dafür.“ Kann er sie etwa doch verstehen? „Die Herzen der Menschen waren wie Nachtvögel. Sie warteten still auf etwas, und wenn die Zeit dafür gekommen war, flogen sie geradewegs darauf zu.“ Tsukuru sucht nach Antworten. Aber was dort draußen auf ihn wartet, wird ihm nicht gefallen.

Haruki Murakami ist bekannt für seine makellosen Beschreibungen. Sehr japanisch stellt er den Leser vor vollendete Tatsachen und wischt diese in einem seiner gefürchteten Zeitsprünge mit einer Handbewegung hinweg. Plötzlich ist nichts mehr wie zuvor, obwohl sich weder die teilnehmenden Personen noch die sommerlichen Szenerien verändert haben. Wäre Michael Bay ein Autor, Haruki Murakami wäre sein Gegenpart. Keine Explosionen, kein Lärm, keine Sinneslücken. Aber mit jeder Menge Können.

Alles passt wie ein Puzzle ineinander, jede Erwähnung hat eine Bewandtnis. Wenn Herr Tazaki nichts zu tun hat, löst er einen Fahrschein. Er kauft sich einen Becher, gefüllt mit heißem Kaffee, und setzt sich auf den Bahnsteig in Shinjuku. Fasziniert beobachtet er die Menschen, wie sie hektisch aus- und einsteigen, wie sie erleichtert in ihre Sitze fallen, wie sie hinfort fahren und in der Dunkelheit verschwinden. Selbst einzusteigen, davor fürchtet er sich. Doch womöglich ist die Zeit nun reif.

Wer die bisherigen Geschichten des ostasiatischen Erfolgsautors kennt, der wird in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki keine Überraschungen erleben, zumindest keine bösen. Haruki Murakami bleibt sich treu und kreierte das perfekte Buch für den ausklingenden Sommer. Und in dem ein oder anderen Kapitel fühlen wir uns plötzlich ertappt, an uns selbst erinnert, versunken in der Vergangenheit. Also Tee aufsetzen, Whisky eingießen und endlich auf dem Sofa zur Ruhe kommen.

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Fotografie von DuMont
Der Text erschien in der Kategorie Kunst mit den Themen Asien, Bücher, Haruki Murakami, Japan und Tokio
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